E.T.A. Hoffmann: Meister Floh

9. November 2014

Diese Buchbesprechung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern erschienen.


Es war einmal vor vielen, vielen Jahren ein preussischer Kammergerichtsrat, der in der „Immediat-Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ Mitglied war, die derartige Gefahren für Preussen, – so sie denn bestanden – feststellen sollte. Ferner hatte sie zu untersuchen, ob inhaftierte Personen z.B. von Burschenschaften und Turnbünden (wie der „Turnvater“ Jahn, der auch festgesetzt war) zu Recht inhaftiert und die Haftgründe ausreichend waren. Meist, zu dem Ergebnis kam die Kommission, waren sie es nicht…. Doch nicht alle waren mit dem Ergebnis zufrieden, ein Ministerialdirektor im Polizeiministerium, Karl Albert von Kamptz, sah besonders in einem Fall es als erwiesen an, daß das Wort „mordfaul“ im Tagebuch eines Studenten sehr wohl ausreichend sei zur Festnahme. Mit dieser Meinung – und der diffizilen Begründung des Herrn Ministerialdirektors, mit der ich hier aber nicht weiter langweilen will – rief er wohl allgemeine Heiterkeit hervor und unser Kammergerichtsrat, der eine ausgeprägt künstlerische Ader hatte, nahm den Vorfall als Vorbild für eine Episode in seinem Märchen vom Meister Floh.

E.T.A. Hoffmann (1776-1822) Bildquelle [B]

E.T.A. Hoffmann (1776-1822)
Bildquelle [B]

Dort schuf er daselbst einen Geheimen Rat namens Knarrpanti, der im Verlauf der Handlung den Freund des Titelhelden, den Peregrinus Tyß festnehmen ließ, weil dieser eine Frau entführt habe. Des Geheimen Rats Ansicht war, habe man erst einmal einen Verbrecher gefangen, ließe sich das dazu gehörige Verbrechen schon noch finden [8].  So sollte es auch hier sein: denn zwar war Peregrinus der Entführung angeklagt, doch wurde keine Frau vermisst, man konnte also nicht sagen, wen er entführt habe…

Dies wurde dem Karl Albert von Kamptz wohl zugetragen und verärgert, wie er darob war, ließ er das Manuskript des Künstlers beschlagnahmen und die entsprechenden Stellen, in denen der Autor gar zu sehr Details aus dem realiter Vorgefallenem verwendete, streichen. Erst 1908 wurden diese Stellen freigegeben und publiziert.

floh cover

So rankt um das Märchen vom Meister Floh auch gleich ein kleiner (innen)politischer Skandal. Die von seinen Gegner angestrengten disziplinarischen Massregelungen allerdings griffen nicht mehr, die Lueserkrankung Hoffmanns ging in ihr Spätstadium über und der Dichter starb noch im gleichen Jahr 1822 an Atemlähmung [1 – 3, 5].


Kommen wir zum Märchen selbst. Den Inhalt will ich hier nur kurz wiedergeben, ist er doch in [3] in aller Ausführlichkeit nachzulesen, ja, selbst das Märchen ist online [4] zu finden, wenngleich ich unbedingt empfehlen möchte, eine so schöne Ausgabe wie die vorliegende zum Studium zu verwenden.

Die Hauptfigur des Märchens ist nicht der Titelheld, dieser tritt erst in Kapitel 3 in Erscheinung. Der schon erwähnte Peregrinus Tyß ist der Held, ein Sohn wohlhabender Eltern in Frankfurt am Main. Seinerzeit mussten die Eltern lange warten, bis ihnen ein Kind, dieser Knabe nämlich, geboren, welcher sich dann im Lauf der Jahre aber als recht sonderbar erwies. Insbesondere war er völlig unbegabt, sich in die Geschäfte des Vaters einzuarbeiten, ja, als junger Mann endlich floh (sic!) er das Elternhaus förmlich; für einige Jahre reiste er durch die Welt, wo er überall war, wird nur er wissen, wir wissen es nicht [7] … Endlich wieder daheim findet er das Elternhaus verwaist: Mutter und Vater beide tot, nur die alte Haushälterin Alina wohnt noch dort.

Peregrinus vergräbt sich im Haus, er wird noch recht sonderbarer und eigentümlicher, feiert Weihnachten und die anderen Familienfeste wie sie seinerzeit, als er Kind gewesen, gefeiert wurden. Läßt für alle den Tisch decken, auch wenn er als einziger daran sitzen wird… Weihnachten zum Beispiel beschert er sich mit den selbst gekauften Geschenken und freut sich daran wie weiland als kleiner Junge… nach der Bescherung jedoch nimmt er alles Spielzeug und schenkt es einer bedürftigen Familie. So auch dieses Jahr, nur daß dieses Jahr just bei dieser Familie, der des Buchbinders Lämmerhirt, eine wunderhübsche Frau auftaucht, die ganz wundersame Behauptungen aufstellt, er habe etwas, was ihr gehöre und dies müsse er unbedingt wieder herausgeben…  und sie begleitet ihn nach Hause, wo sie vor der Tür ohnmächtig zu werden vorgibt und Peregrinus sie ins Haus tragen muss.

Nun – im folgenden wird es turbulent. Die junge, schöne Dame, die Alina zu heißen vorgibt, ist in Wirklichkeit die Dörtje Elverdink, die vom Flohbändiger Leuwenhoek (der seinerseits der angeblich 1725 in Delft beigesetzte Mikroskopbauer Antoni van Leeuwenhoek zu sein vorgibt) als Sklavin gehalten wird. Doch auch Dörtje Elverdink ist nicht das, was sie vorgibt, nein, in einer dahinter geschalteten Wirklichkeit ist sie die Prinzessin Gamaheh, die Tochter des Königs Sekakis und der Blumenkönigin und Leuwenhoek selbst ist (er vertraut es Pepusch an, der unsterblich in Dörtje verliebt ist) ein Magier. Der Probleme hat, denn die Flöhe sind ihm entkommen und dem Volke deucht er ein Betrüger zu sein und so behandeln sie ihn.

Die Prinzessin Gamaheh hat ein gar ungewöhnliches Schicksal. Einst in Famagusta versteckt, um sich den Nachstellungen des Egelprinzen zu entziehen, entdeckt just dieser sie dort und saugt und saugt und saugt sie aus, bis die Prinzessin bleich und blutleer darnieder sinkt. Dem Genius Thetel jedoch gelingt es, den Egelprinzen zu töten und er fliegt mit der Prinzessin in den Armen von dannen, beobachtet von zwei Magiern, die die beiden am nächtlichen Himmel vorüber fliegend erblicken. Die Prinzessin wird fortan als Staubkorn in einer Tulpenblüte versteckt, dort will Leuwenhoek sie entdeckt und wieder zu voller Größe remagnisiert haben, seitdem betrachtet er sie als sein Eigentum. Dies vertraut der Magier dem schon erwähnten George Pepusch an, der seinerseits wiederum bekennt, die Distel Zeherit zu sein, auf der die Prinzessin nach der Saugerei des Egelprinzen darnieder sank und daß er darob in unsterblicher Liebe zur Prinzessin entflammte. Das Gehörte wallt in Pepusch mächtig auf und verzweifelt läuft er durch Frankfurts nächtliche Straßen bis – ja, bis er vermeint, seine Dörtje in einem Zimmer zu erblicken. Beim Versuch, ihr näher zu kommen, wird er allerdings von einem Nachtwächter festgenommen und in den Kerker gesperrt.

(Wird doch nicht so kurz, weil – macht so viel Spaß beim Schreiben.)

Itzo. Auftritt des Meisters. Peregrinus Tyß wird von einem seltsamen Wesen geweckt, das fein gekleidet ist und in wohl formulierter Sprache zu ihm redet. Es gibt sich als Meister aller Flöhe (wir erinnern uns, sie waren dem Flohbändiger Leuwenhoek entkommen) zu erkennen. Meistens so klein, daß sie mit einer Lupe gesucht werden müssen, erscheint Meister Floh dem Peregrinus jetzt in seiner makroskopischen, kaum eine Spanne messenden, Gestalt. Und Meister Floh erzählt dem verblüfften Peregrinus den anderen Teil der Geschichte (für Peregrinus freilich ist dies der einzige, da der erste Teil ja dem George Pepusch anvertraut worden war, welcher nun inhaftiert ist), daß nämlich Aline Dörtje ist, welche Prinzessin Gamaheh ist, welche wiederum von ihm, Meister Floh, seinerzeit aus dem Schlaf geweckt worden war. Doch die Prinzessin verriet den Meister an den Flohbändiger, dem er seit dieser Zeit zu Diensten sein musste. Doch vor kurzem konnte er ihm entkommen und entfliehen und Aline/Dörje/Gamaheh würde nun alles versuchen, ihm, Peregrinus, den Kopf zu verdrehen, auf daß er nur ihn, Meister Floh, ihr, Prinzessin Gamaheh, wieder ausliefere, um ihn, den Meister Floh, zu ihm, dem Flohbändiger Leuwenhoek, zurückzubringen. Und deswegen möge er, Peregrinus, ihm, dem Meister Floh, versprechen, daß er allen Verführungen jener Dame, so schön sie auch tue, widerstehe.

Wir wollen nicht versäumen, zu erwähnen, daß in Peregrinus durchaus schon die Gefühle für Dörtje am Brennen sind, gar zu lieblich ihr Wesen, zu anmutig ihr Äußeres, zu tief ihr Blick. Oh, Meister Floh weiß dies, sind doch die Flöhe dem weiblichen Geschlecht (und das mag jetzt jeder so verstehen, wie es gemeint ist) selbst sehr zugetan, ja, er selbst „bewies sich als ein kleiner schalkischer Lüstling, als ein aimable roué. Keinen schönen Hals, keinen weißen Nacken eines Frauenzimmers konnte er nämlich sehen, ohne bei der ersten besten Gelegenheit sich aus seinem Schlupfwinkel hervor und auf den einladenden Sitz zu schwingen… denn daran befand er Lust.“ So hatte der Gute durchaus seine Zweifel, ob Peregrinus der Holdigkeit Dörtjes etwas entgegen zu setzen hatte….

Jedenfalls – Aline/Dörtje/Gamaheh ist noch im Hause Tyßens und zwar bei seinem Mieter, dem Herrn Swammerdamm, der ebenso Mikrokopist ist wie der Flohbändiger und einer der beiden, die seinerzeit den Genius und Gamaheh auf ihrem Flug beobachteten. Er war es, der die schlafende Prinzessin in der Blüte entdeckte und Leuwenhoek zu Hilfe holte, sie wieder zum Leben zu wecken. Dies erfährt Peregrinus von jenem Swammer, wie der der Kürze halber meist genannt wird, und nachdem er dies erfahren wird er auch schon verhaftet von Abgesandten des Rates der Stadt Frankfurt, was jetzt ursächlich nichts miteinander zu tun hat, sondern eher damit, daß jemand glaubte beobachtet zu haben, wie unser Tyß eine junge Frau entführte.

Nun haben wir fast alles beisammen. George Pepusch und Peregrinus Tyß treffen im Gefängnis aufeinander, es erweist sich, daß sie sich schon aus Madras kennen. Dem Tyß ist nichts nachzuweisen, so wird er wieder entlassen und kann danach für Pepusch bürgen, der daraufhin auch wieder in Freiheit gesetzt wird.

„Meister Floh setzt dem Peregrinus Tyß das Gedankenmikroskop ein“
Screenshot „Märchen der Völker: Meister Floh“ (Bild verlinkt auf youtube)

Vergessen zu erwähnen habe ich, daß Peregrinus vom Meister Floh ein Geschenk bekommen hat. Das Volk der Flöhe, nicht nur ist es verständig, belesen und schlau, nein, es ist auch bewandert in Handwerk und Künsten. So überläßt der Meister Floh dem Peregrinus ein Gedankenmikroskop so fein wie ein Staubkorn, welches, ins linke Auge gesetzt, dem Träger es ermöglicht, die Gedanken des Gegenüber zu lesen. Hei, was ein Spaß! Peregrinus, der auf die Straße geht und flaniert (man erinnere sich, daß dies nicht zu seinen üblichen Gewohnheiten gehört!) trifft auf ehemalige Bekannte und Freunde, die ihm gut tun, ihn freudig begrüßen und anreden, doch denken tun sie in etwa so: „Was will der denn hier? Meine Güte, wie der aussieht! Hoffentlich bleibt der jetzt nicht an mir hängen!“, doch hört man ihnen zu, klingt es in etwa so: „Herr Peregrinus, wie schön, sie wieder mal zu sehen! Und gut sehen sie aus, wo wollen Sie denn hin bei diesem schönen Wetter?“

Bei der Rückkehr ins heimische Haus sind dort schon viele der vorgestellten Personen alle versammelt, Leuwenhoek und Swammerdamm fangen sofort an, sich zu duellieren und auch ansonsten geht es stürmisch zu, die begehrte Dörtje befindet sich im Zimmer des Peregrinus, wo Pepusch sie dann findet und wegträgt, da sie in Ohnmacht gefallen.

So geht es hin und her, zwischendrin duellieren sich Peregrinus und Pepusch, die beide in die liebliche Dörtje verliebt sind, sogar, wir begegnen noch weiteren Wesen aus der Welt hinter der Realität, Wesen und Meister Floh als auch Leuwenhoek weihen Peregrinus in das Geheimnis um die Prinzessin ein, zumindest soweit sie es selbst wissen, wobei das Glas des Meister Floh dem Peregrinus sehr hilfreich ist, des Flohbändigers Reden zu durchschauen. Es gibt, und das ist der Kern der Geschichte, einen Karfunkel, der den Knoten, der um alles geschlungen ist, löst und entwirrt, doch leider weiß niemand, was und wo dieser Karfunkel ist. Doch niemand weiß, durch welches Ereignis die Kraft dieses Karfunkels geweckt wird….

Peregrinus entsagt der Prinzessin endgültig und versöhnt sich wieder mit Pepusch. Außerdem lernt er die schöne Röschen Lämmerhirt kennen und verfällt ihr in großer Liebe, die das Röschen genauso heftig erwidert. Dem Gedankenmikroskop entsagt der Peregrinus, er erkennt, daß es ihn unglücklich und misstrauisch der Welt gegenüber machen würde. Und er erkennt in einem Traumbild, daß er König Sekakis, der Vater von Prinzessin Gamaheh ist (womit eine Liebe zwischen Peregrinus und der Prinzessin, die Dörtje so vehement einforderte, einen Inzest dargestellt hätte)….

Und wenn sie nicht gestorben sind.. aber sie sind gestorben, die Bösen durch den Karfunkel des Peregrinus, denn er ist dessen Träger und Pepusch und Gamaheh verblichen in der Hochzeitsnacht. Peregrinus selbst dagegen wird mit seinem Röschen glücklich, die Familie wächst und gedeiht und von Meister Floh gibt es jedes Jahr zu Weihnachten feine Geschenke aus dem Flohland…..


„Meister Floh“ ist ein Kunstmärchen im Gegensatz zu den Volksmärchen wie den Grimm´schen Märchen. Dies fällt schon beim ersten Lesen auf, die Geschichte spielt nicht im Irgendwo (beispielsweise einem dunklen Wald), sondern in Frankfurt am Main, wo die Hauptfigur in der Nähe des Rossmarktes wohnt und auch ein konkretes Alter, sie zählt nämlich 36 Jahre, hat. Es werden konkrete Straßennamen genannt, Wirtschaften besucht, es wird „Niersteiner“ und „Würzburger“ getrunken, ja, als Röschen die Mäuler ihrer jüngeren Geschwister stopft und Brot schneidet, werden wir sogar auf Werthers Lotte hinwiesen…. auch der ursprüngliche Fluchtort der Prinzessin, Famagusta (wie kommt Hoffmann nur auf diesen ausgefallenen Ort?) ist sehr real…. und wie wenig märchenhaft die „Knarrpanti“-Episode war, haben die Zensuranordnungen zur Genüge gezeigt….

Ebenfalls wenig märchenhaft sind die Figuren des Flohbändigers Leuwenhoek und seines Konkurrenten Swammerdamm, beides reale Forscher, auch in der Historie als Konkurrenten bekannt, die sich um die Mikroskopie verdient gemacht haben. Sie haben jedoch hier eine Doppelexistenz: in ihrer Märchenrolle sind sie Magier, aber auch hier Konkurrenten, ja, sogar Feinde, die sich bis auf´s Blut bekämpfen.

Märchenhaft dagegen, wie der Titelheld, Meister Floh, dargestellt ist. Mit menschlichen Eigenschaften, er kann reden, argumentieren, denken – ja, im Grunde ist er in allem beschlagener als die Menschen selbst [6], die unstetig sind und wandelhaft. Auch die anderen Figuren des Stücks, ob Leuwenhoek , Swammerdamm (mit den genannten Einschränkungen), Prinzessin Gamaheh, die Distel Zeherit, die beiden Figuren aus dem Wirtshaus: sie alle sind Märchenfiguren mit phantastischen Eigenschaften, sie können z.B ihre Gestalt ändern oder zaubern, sie haben eine Existenz hinter der Bühne, auf der das Märchen spielt, aber auch eine Manifestation in der realen Frankfurter Szene. Letztlich Mensch – und ausschließlich Mensch – ist von allen Personen nur die Familie Lämmerhirt, und mit ihr das allerliebste Röschen….

Märchenhaft auch das Gedankenmikroskop, welches dem Pereginus an die Hand, oder besser: ins Auge gegeben wird und mit dem er die Gedanken der Menschen lesen kann… bei Beamten „sieht“ er übrigens nur Worte, die sich vergeblich bemühen, sich zu Gedanken zusammen zu finden… dieses Mikroskop erinnert an die wundertätigen Gegenstände, die einem im Volksmärchen begegnen, seien es sprechende Spiegel oder auch zaubermächtige Ringe ….

… überhaupt das ganze Volk der Flöhe.. im „richtigen“ Leben ein bekämpfenswertes Ungeziefer, das Blut saugt und Krankheiten überträgt, sind sie hier geschickte Handwerker, die Feinstes und Ziseliertestes herstellen können, die in der Figur ihres Meisters einen wahren Philosophen haben, der aber immer noch soviel Floh ist, daß er mit Vergnügen Blut zapft und in der Gegend herumtollt…


Was vermittelt das Märchen bzw. was kann man aus ihm herauslesen?

  • den Unterschied zwischen „verliebt sein“ und „Liebe“ nämlich. Ist Herr Peregrinus in die schöne Dörtje Everdink verliebt und verwechselt diesen Zustand (wer könnte es ihm erst einmal verdenken?) mit dem der Liebe, so ist ihm der Unterschied zwischen beiden sofort klar, als er auf Röschen trifft: … ach, da muss ich jetzt nichts weiter sagen….
  • … aber bleiben wir bei der Liebe: auch die zwischen Prinzessin Gamaheh und der Distel Zeherit findet schließlich Erfüllung, jedoch eine, in der der Untergang eingeschlossen ist. Ist es das romantische Element dieses Dichters der Romantik? Auch sie vereinen sich, doch der Tod begnügt sich bei ihnen nicht mit der kleinen Version, dem la petite mort, er nimmt sie ganz zu sich, Distel und Tulpe vereint und am Welken… In der Erfüllung des sehnlichsten Wunsches ist das Leben vollendet, der gemeinsame Tod die logische Fortsetzung…
  • Meister Floh gibt dem Herrn Tyß das Gedankenmikroskop, das diesem auch gute Dienste leistet. Doch letztlich entscheidet er sich, es an seinen Gönner zurück zu geben. Die Vorstellung, von jedem Menschen zu wissen, was er wirklich denkt und den Gegensatz zwischen diesen Gedanken und dem nach außen Getragenen, Vorgetäuschten zu erkennen, ist ihm ein Graus. Es würde aus ihm einen Menschenverächter machen, einen Misanthropen: einen unglücklichen Menschen. Und auch Meister Floh sieht ein, daß dieses Instrument kein Glück bringen kann
  • auf die politische Aussage, daß vor der Verfolgung eines Verbrechers das Verbrechen geschehen und bekannt sein sollte, sind wir schon eingegangen. Die Umkehrung: „Man flieht nicht, weil man schuldig ist, sondern man ist schuldig, weil man flieht“ taugt nur für Despoten.
  • ohne große Fantasie kann man auch die Unterjochung des Flohvolkes durch den Flohbändiger als politische Aussage deuten: eine Unterjochung, Unterdrückung und Ausbeutung, der wie jeder anderen auch, entgegen zu treten, die zu beenden ist!

„Meister Floh“ ist ein Leseabenteuer voll skurriler, grotesker [2, 3] Figuren und Abenteuer. Es ist nicht unbedingt einfach zu lesen, die Sätze sind oft lang und kompliziert (man sollte sich in Erinnerung rufen, daß zur Zeit der Erstveröffentlichung Goethe noch ein ganzes Jahrzehnt Leben vor sich hatte) und wenn man auf der Suche nach ausgestorbenen Worten und Begriffen der deutschen Sprache ist: hier wird man fündig! Es ist aber, hat man sich erst einmal eingelesen, ein Riesenspaß, in diesen Text einzutauchen und wer sich – gerade jetzt zur Winterzeit – mit einer Tasse heißen Kakau (wahlweise z.B. auch Tee, Kaffee, Irish Coffee, Cappucino, Latte oder ein Gläschen Rotwein…) in seinen Lesesessel mummelt, den Kontakt zur Basis „Erde“ für ein paar Stunden kappt, der wird reichlichst belohnt!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu E.T.A. Hoffmann: http://de.wikipedia.org/wiki/E._T._A._Hoffmann
[2] Petra Mayer: Meister Floh – Eine grotesk märchenhafte Satire; in: http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/hoffmann/floh-groteske-satire_mayer.pdf
– Anne Käfer: Meister Floh Weihnachtsmärchen, juristisches Lehrstück und romantisches Abenteuer – oder: Die Gedanken sind frei; in: http://www.pfarrerblatt.de/text_258.htm
[3]  Wiki-Artikel zum Märchen: http://de.wikipedia.org/wiki/Meister_Floh
[4] Der Meister Floh online, z.B. hier: – http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./……Meister+Floh
– als Hörbuch-Version: MEISTER FLOH von E.T.A. Hoffmann (Hoerbuch ungekürzt Deutsch Audiobuch); in: https://www.youtube.com/watch?v=bv9ZoYLH1t0
– zum im Text verlinkten youtube-Clip gehört dieser Textlink: Stefan Mart: Meister Floh. Illustrierte Adaption der Hoffmannschen Erzählung, Hamburg 1832; http://www.stefanmart.de/09_floh/090_floh.htm
[5] … und nicht nur Hoffmann wurde von der Seuche hingerafft:
Sterben, bevor der Morgen graut http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13516895.html
[6] „…. Ihr verwundert Euch über den Verstand, über die Geisteskraft eines
winzigen, sonst verachteten Tierchens, und das zeugt, nehmt es mir nicht übel, wenigstens von der Beschränktheit Eurer wissenschaftlichen Bildung. Ich wollte, Ihr hättet, was die denkende, sich willkürlich bestimmende Seele der Tiere betrifft, den griechischen Philo oder wenigstens des Hieronymi orarii Abhandlung … gelesen. Oder Ihr wüßtet, was Lipsius und der große Leibniz über das geistige Vermögen der Tiere gedacht haben …. “ bescheidet Meister Floh unseren Peregrinus bei der ersten Begegnung der beiden, ohne jedoch davon Abstand zu nehmen, ihn zur Begrüßung auch nach Flohart kräftig zu stechen….
[7] falls jetzt jemand der Meinung ist, ich würde auf dieses Buch anspielen, so täuscht er sich, das Spiel um Wissen und Nicht-Wissen ist völlig zufällig entstanden: Saša Stanišić: Vor dem Fest; https://radiergummi.wordpress.com/2014/09/21/sasa-stanisic-vor-dem-fest/
[8] so seltsam diese Ansicht sich auch anhört, sie hat ihre Tradition im menschlichen Denken: sagt nicht schon Elfias dem Hiob, daß da, wo Jahve strafe, auch eine Schuld sei…. und (aktueller): der Fall „Edathy“, so unappetitlich er auch ist, ist er etwa anders gelagert? Man fand Bilder bei ihm, ja, alles mögliche waren sie, aber wohl nicht so, daß sie gegen die Gesetze verstießen. Aber wer solche Bilder hat, wird ja wohl auch ….

[B]ildquelle: Portraits E.T.A. Hoffmann: http://de.wikipedia.org/wiki/E._T._A._Hoffmann; die Bilddatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.

Diese Buchbesprechung ist auch als Audio-File im literatur RADIO bayern erschienen.

E.T.A. Hoffmann
Meister Floh
Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde
illustriert von Otto Nückel
Erstausgabe: Frankfurt 1822 (zensierte Ausgabe), ?, 1908 (unzensiert)
diese Ausgabe: Faber & Faber, HC, ca. 190 S., 2009

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6 Responses to “E.T.A. Hoffmann: Meister Floh”

  1. atalantes Says:

    Hallo Flattersatz,
    danke für die Kindheitserinnerung. Dieses Märchen hat mir meine Mutter früher oft vorgelesen, sicher auch im November, aber wahrscheinlich in einer kürzeren Version.
    Bei Gelegenheit muss ich unbedingt das Original lesen. Vor allem, weil mir die ironische Gesellschaftskritik darin gefällt, man denke nur an das Gedankenmikroskop.
    Freundliche Grüße, Atalante

    P.S. Die Flöhe von einst sind die Vampire von heute.

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    • flattersatz Says:

      ach, wie schön, ich freue mich über deinen kommentar, liebe atalante! und du hast tatsächlich den „Meister Floh“ vorgelesen bekommen? als kindermärchen hätte ich ihn jetzt garnicht eingeordnet, eben wegen der vielen anspielungen und kritisierenden passagen. aber die sind in der kinderadaptierten version bestimmt übersprungen worden.. :-)

      herzliche grüße
      fs

      Gefällt mir


  2. Es ist schön zu lesen, wie die Sprache des Gelesenen auf die Sprache des Lesers abfärbt und sie älter klingen lässt als sie sein kann und so Erinnerungen an den Deutsch- und Lateinunterricht weckt, die meinen eigenen Wortschatz so bereicherten.

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      ach ja, wenn eine geschichte sich so im kopf festsetzt, dann formt sie die gedanken auch und diese fließen derart auch in die eigene feder… ähh.. tastatur…. auch hat diese etwas ältliche art der formulierung für mich einen gewissen reiz, sie schmeichelt dem leser/mir als leser mehr als die nüchterne sprache der nackten realität….

      herzlichen dank für deinen kommentar!
      fs

      Gefällt 1 Person


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