Jason Webster: ¡Guerra!

4. November 2014

¿Qué es la guerra?
¡Los de aqui dentro lo saben!
Muertes olvidadas! [1]

Vor einigen Wochen las ich für meinen Lesekreis von Stefan Andres: Wir sind Utopia [9]. Die kurze Erzählung spielt im spanischen Bürgerkrieg und ich habe bei der Lektüre gemerkt, daß ich natürlich wusste: den gab es und ich wusste auch, daß Franco nach dem gewonnen Bürgerkrieg für Jahrzehnte ein faschistisches Regime in Spanien installierte, aber – wenn ich ehrlich bin – das war es dann auch so ziemlich. Von Kenntnissen über Details und Einzelheiten zum Krieg will ich garnicht erst anfangen…

Webster-Guerra

Ich bin sicherlich nicht der Einzige, dem es so geht. Nach Francos Tod 1975 wurde ganz Spanien dem Vergessen anheim gestellt, der inoffizielle „pacto del olvido“ verhinderte über Jahrzehnte hinweg die Aufarbeitung des spanischen Traumas vom Bürgerkrieg [3, 4]. Jetzt scheint dieser Pakt langsam aufzuweichen, vllt musste erst die Generation der Enkel sich fragen, was war damals eigentlich mit den Großeltern, was haben sie gemacht, wie sind sie gestorben oder haben überlebt?

2006, siebzig Jahre nach Ausbruch dieses Krieges, erschien in England ein Bericht des in den USA geborenen und in Spanien lebenden Autoren Jason Webster, der ganz Spanien auf der Suche nach Zeugnissen des Krieges bereiste. Dieser Bericht ist jetzt auf Deutsch erschienen und gibt, so denke ich, einen guten, von persönlichen Erfahrungen des Autors geprägten Einstieg in die Thematik.

Jason Webster lebt seit einigen Jahren (zumindest zeit- und teilweise) in Spanien. Er ist mit einer Flamencotänzerin verheiratet, zur Zeit, in der sein Bericht angesiedelt ist, bewohnen die beiden einen verlassenen Hof in den Bergen von Castellon, nicht allzu weit weg von Valencia. Es ist einsam dort oben, wo sie die aufgelassene Hofstelle für sich renovieren, früher war das Tal bewohnt, jetzt ist es weitgehend der Natur überlassen. Eines Tages steht eine alte Nachbarin bei ihm im Hof (Salud, seine Frau ist auf Tournee), weil sie Hilfe braucht: eine Ziege ist in ein tiefes Loch gefallen. Die beiden holen die Ziege heraus und auf dem Rückweg geht Begona einen anderen Trampelpfad entlang. In einem Taleinschnitt hält die alte Frau an und deutet auf eine kaum erkennbare Mulde in der Erde: „Hier sind die Leichen begraben.“ – ….“Welche Leichen?

Es war im Frühjahr 1938 eine der letzten Verteidigungslinien der Republikaner vor den nahenden Truppen Francos. Wusste man es, konnte man noch den Zickzackverlauf der Schützengräben sehen, die jedoch gegen die Flugzeuge keinen Schutz boten, ca siebzig Leichen wurden dort begraben.

Dieses Erlebnis war für den Autor Anlass, mehr über den spanischen Bürgerkrieg zu erfahren. Die nachfolgenden Monate reiste er durch ganz Spanien auf der Suche nach Zeugnissen und Menschen, die über den Krieg reden wollten bis nach Nordafrika, wo im heutigen Marokko die Putschisten das Übersetzen auf die Iberische Halbinsel planten und durchführten. Diese Reise sollte auch den Autoren verändern, sein bis dato mehr romantisches Bild von Spanien und den Spaniern zugunsten eines realistischeren Eindrucks von ihnen ablösen [5].

Im folgenden seien kurz wichtige Stationen der Reise Websters bzw. historische Darstellungen in seinem Buch aufgeführt:

  • Die Anfänge des Bürgerkriegs, die politische Konstellation im damaligen Spanien, insbesondere auch die Rolle Francos, der am Anfang sehr zögerte, sich einem Putsch der Armee anzuschließen.
  • noch heute hat Spanien auf afrikanischem Boden eine Exklave: Ceuta. Hier war einer der wichtigsten Ausgangspunkte für den Putsch, der im Bürgerkrieg enden sollte. Für Webster war der Ausflug von Ceuta ins nahe marokkanische Staatsgebiet zu dem Gebäude, in dem damals das Hauptquartier der Putschenden untergebracht war, nicht ungefährlich: er wurde festgenommen und inhaftiert, erst nach Stunden kam er aufgrund von „Beziehungen“ wieder frei.
  • der spanische Dichter Federico García Lorca [6] versäumt es, rechtzeitig zu fliehen und wird schon 1936 von einer Falange-Gruppe ermordet. Seine gesellschaftkritischen Äußerungen und seine Homosexualität waren dafür die „Gründe“.
  • Ich ordne hiermit an, dass ihr, wenn ihr irgendeinen Schwanzlutscher oder eine Tunte finden solltet, die Lügen oder falsche Gerüchte über unsere glorreiche nationalistische Bewegung verbreiten, sie wie einen Hund töten sollt.“ Der Kampf um Sevilla. So wie jeder, der nicht für die Nationalisten war, getötet werden sollte, so wurden den „Kämpfern“ die Frauen als Beute versprochen….
  • In Castuera findet Webster den Ort, an dem sich seinerzeit ein KZ befand. Daß auch im spanischen Bürgerkrieg Andersdenkende in KZs zusammengetrieben und ermordet wurden, ist kaum bekannt. Diese Orte sind vergessene Plätze.
  • In Toledo gelingt es den Republikaner, nationalistische Truppen in der zentralen Burg einzuschließen. Sie können diese jedoch nicht erobern und kurz vor dem Aushungern gelingt Franco, der dafür vom „direkten“ Marsch auf Madrid ab“biegen“ muss, die Befreiung.
  • In Burgos besucht der Autor eine etwas schummrigen Bar, in der ein Fussballspiel Real gegen Barca geschaut wird. Etwas naiv bekennt er, daß ihm egal ist, wer gewinnt…. dabei ist dieses Matsch („El Clasico“) zu einer Art Stellvertreter der Auseinandersetzung Rechts gegen Links geworden. Real wurde seinerzeit stark von Franco gefördert, Barcelona war die revolutionärste Stadt in Spanien, eine Hochburg auch der Anarchisten
  • In Madrid besucht der Autor mit einer Bekannten eine Veranstaltung, auf der ehemalige Gründer einer linken Terrorgruppe, der sich mittlerweile am rechten Rand des Spektrums angesiedelt hat, redet. Vor begeisterten Publikum lebt die Spaltung in Falange und Nationalisten wieder auf….
  • Guernica… für immer verbunden mit der Zerstörung durch die Fliegerangriffe der Legion Condor. Sowohl Hitler als auch Mussolini unterstützten Franco mit viel Geld, Material und Soldaten. In Guernica, über das Franco der Aussenwirkung wegen nicht glücklich war, übten die Deutschen wohl einfach für ihren kommenden Krieg Flächenbombardemets ….
Nachbildung des Gemäldes in Form von Kacheln als Wandbild in Originalgröße in der Stadt Guernika Bildquelle. [b]

Nachbildung des Gemäldes in Form von Kacheln als Wandbild in Originalgröße in der Stadt Guernika
Bildquelle. [B]

  • Ein düsterer Ort an dem Francos Mausoleum angesiedelt ist, eine Walfahrtsstätte für seine Anhänger
  • Während Franco durch Hitler und Mussolini unterstützt wurde, blieben potentielle Unterstützer der Nationalisten untätig. Weder England noch Frankreich griffen in den Bürgerkrieg ein. Zudem waren die Nationalisten auch unter sich keineswegs einig, Kommunisten rivalisierten mit Sozialisten, die Anarchisten waren noch ein ganz anderes Thema…. bekannt ist die Unterstützung der gewählten spanischen Regierung durch viele bekannte Persönlichkeiten, von denen die meisten in der Internationalen Brigade kämpften, Hemingway und Orwell als Beispiel.
  • Das Ende des Bürgerkriegs fand in Alicante statt: dicht drängten sich dort die Flüchtenden in der Hoffnung auf Hilfe, auf ein Schiff, was anlegen würde… vergeblich.

Der spanische Bürgerkrieg, das wird in Websters Buch deutlich, war grausam. Francos Leute, insbesondere die maurischen Truppen, kannten keine Gnade, waren blutgierig und mordlüstern. Erschießungen, Ermordungen, Folterungen, Vergewaltigungen – das ganze Spektrum der Grausamkeiten, der Unmenschlichkeiten zog über Spanien hinweg. Hitler gefiel es nicht, wie langsam Franco vorging, für diesen jedoch hatte das Methode: im Krieg konnte er die Säuberungen von politisch Andersdenkenden viel unauffälliger vornehmen als dies nach einem Kriegsende möglich gewesen wäre…. Die Nationlisten dagegen waren anfänglich unorganisiert, sie rivalisierten miteinander und waren schlecht bewaffnet (auch aus Furcht vor Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen…), sie waren den Putschisten in allen Belangen unterlegen. Nicht, daß sie unschuldig waren, auch sie mordeten, z.B. aus Rache, wenn ein Massaker bekannt geworden war…

Unter Franco war Reden sowieso verboten, selbst politische Diskussionen waren nicht erlaubt. Nach Francos Tod wurde dieser „Pakt des Schweigens“ geschlossen: eine staatlich verordnete Verdrängung aller Verbrechen, aller Grausamkeiten. Aber dies läßt sich nicht ewig verdrängen, es eitert unter der Oberfläche und irgendwann bricht die Wunde auf: mit welchen Folgen ist unabsehbar. Es könnten sich die alten Fronten wieder bilden, es könnte aber auch ein nationales und gemeinsames Trauma geworden sein….

Interessant ist ferner, daß Franco und die Falange durch die beiden anderen bedeutenden faschistischen System ein Europa, Deutschland und Italien, zwar stark unterstützt wurden, daß Franco aber das verwüstete Spanien weitgehend aus dem bald nach Ende des Bürgerkriegs beginnenden 2. Weltkrieg heraushalten konnte [7]. Das persönliche Verhältnis zwischen Hitler und Franco schien auch nicht das beste gewesen zu sein.

Websters Blick auf Spanien hat sich im Lauf dieser Reise geändert. Es ist realistischer geworden, sein Spanien ist nicht mehr das Spanien, das er sehen wollte, es ist zu dem Spanien geworden, das ist. Zu beachten ist aber, daß das Buch und die Erfahrungen den Stand von 2006 und früher wiedergeben. In der Zwischenzeit sind immerhin acht Jahre vergangen, solche Aufarbeitungsprozesse, die seinerzeit offensichtlich in Gang kamen, können eine große Dynamik entfalten, sie sind ja auch ein Wettlauf mit der Zeit, die die Zeugen dieser gewalttätigen, brutalen Epoche immer weniger werden. So müsste man, wenn man sich über den aktuellen Stand dieser Vergangenheits“bewältigung“ informieren will, zu neu(er)en Quellen greifen. Dies ändert aber nichts daran, daß ¡Guerra! ein sehr empfehlenswertes Buch ist: wenn man diesen Zwitter aus Reisebericht und historischer Darstellungen zum Spanischen Bürgerkrieg gelesen hat, hat man die große Wissenslücke, die vielleicht vorher bei uns vorhanden war, mit einer ganze Menge grundlegender Infos und interessanter Eindrücke zu füllen begonnen!

Links und Anmerkungen:

[1] Übersetzung: „Was ist der Krieg? Die hier liegen, wissen es. Die vergessenen Toten. “
[2] zum Autoren: Webseite von Jason Webster: http://www.jasonwebster.net
[3] englischer Wiki-Beitrag zum „pacto del olvido“: http://en.wikipedia.org/wiki/Pact_of_forgetting
[4] vgl. z.B. auch: Werner A. Perger: 1936 – Spaniens Trauma, 17. Juli 2006; in: http://www.zeit.de/online/2006/29/Spanien-Buergerkrieg
[5] Wer ein Hundefreund ist uns schon mal in Spanien war, weiß, daß Empathie mit Mitgeschöpfen keiner der hervorragenden Charaktereigenschaften der Spanier sind. In einem seiner einleitenden Kapitel beschreibt Webster dieses Phänomen anhand der Erfahrung, die er bei einem Besuch eines brutalen Faustkampfes (ein Freund hatte ihn mitgenommen) gemacht hat. Es floß viel Blut, es wurde viel Blut gefordert und über allem konnte Webster den Geist der Falange ausmachen…
[6] Wiki-Artikel zu Lorca:Federico García Lorca: http://de.wikipedia.org/wiki/Federico_García_Lorca.
2009 (i.e. drei Jahre nach Erscheinen des Buches von Webster) gab es Bemühungen, den Leichnam Lorcas umzubetten: Spiegel online: Dichter García Lorca wird exhumiert; http://www.spiegel.de/kultur/literatur/faschismus-opfer-dichter-garcia-lorca-wird-exhumiert-a-650823.html
[7] Wolf Martin Hamdorf: Treffen der Diktatoren – Vor 70 Jahren versuchte Hitler vergeblich, den spanischen Diktator Franco zum Kriegseintritt zu bewegen; in: http://www.deutschlandfunk.de/treffen-der-diktatoren.871.de.html?dram:article_id=127130
Eduardo Díaz: Schlüsselereignisse, um die Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien in der Epoche des Nationalsozialismus zu verstehen; in: http://www.eduvinet.de/eduvinet/es008.htm
[8] aktueller Wiki-Artikel zum Thema: http://de.wikipedia.org/wiki/Spanischer_Bürgerkrieg
[9] Stefan Andres: Wir sind Utopia, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/08/07/stefan-andres-wir-sind-utopia/

Bildquellen: Bild „Guernica“: http://de.wikipedia.org/wiki/Guernica_(Bild); von Papamanila (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

Jason Webster
¡Guerra!
Übersetzt aus dem Englischen von Tobias Raubuch
Originalausgabe: ¡Guerra!, Doubleday, 2006
diese Ausgabe: Conte-Verlag, Paperback, ca. 320 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

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2 Responses to “Jason Webster: ¡Guerra!”

  1. buecherliebhaberin Says:

    Lieber flattersatz,

    ich freu mich sehr, dass der Spanische Bürgerkrieg bei dir Eingang findet. Seit Jahren schon interessiere ich mich für dieses Thema und gerade eben habe ich das aktuelle Buch von Almudena Grandes „Ines und die Freude“ gelesen. Sie beschäftigt sich in einem 6bändigen Zyklus eben genau mit jener Phase der spanischen Geschichte. Zwei Bände sind mittlerweile auf Deutsch bei Hanser erschienen. Ebenso ans Herz legen kann ich dir La Capitana von Elsa Osario.

    Mein wirkliches Einsteigerbuch war Enzensberger mit „Der kurze Sommer der Anarchie“. Hier werden vor allem die Anarchisten unter die Lupe genommen. Erich Hackl hat sich ebenfalls in einigen seiner Büchern dem Thema gewidmet. Nicht nur Sozialisten und Kommunisten haben sich das Leben schwer gemacht, vor allem die Kommunisten untereinander. Prorussische und „Abtrünnige“ zerfleischten sich gegenseitig. Der großen Sache am Ende nicht wirklich förderlich. Gut nachzulesen eben bei Grandes und Osario.

    Deinen vorstellten Titel habe ich noch nicht gelesen. Wird notiert. Ich bin gespannt noch einiges Neues zu erfahren.

    Viele liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

    Gefällt 1 Person

    • flattersatz Says:

      Herzlichen Dank, liebe Bücherliebhaberin, für deinen ausführlichen Kommentar mit den vielen zusätzlichen Hinweisen. Grandes (wenngleich auch mit einem anderen Thema…) und Osorio sind mir nicht fremd, von letzterer habe ich ja ihre „Luz“ bei mir besprochen (btw: Osario oder Osorio?). Die sechs Bände von Grandes sind mir sicherlich zu viel, das gebe ich zu, aber von den anderen Bücher, die du nennst, kann ich mir gut vorstellen, daß ichmir noch mal eins besorge.

      Webster bietet sicher einen anderen Blick auf die Geschehnisse damals, da er historisches mit den persönlichen Erfahrungen auf seiner Entdeckungsreise verknüpft, ein interessanter Ansatz, diese „Verpersönlichung“. Vor allem macht sie deutlich, daß a) die Ereignisse von damals noch lange nicht aufgearbeitet und in den gesellschaftlichen Kontext übernommen worden sind und daß b) auch nicht mehr viel Zeit dazu bleibt. Zumal c) die Kräfte, die seinerzeit wirkten, wieder am Erstarken sind.

      dir auch ganz liebe Grüße
      fs

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