Rowan Coleman: Einfach unvergesslich

19. Oktober 2014

Rowan Coleman [1] ist eine britische Autorin, die mit Einfach unvergessen ihren mittlerweile elften Roman vorgelegt hat. Der Titel legt es nahe und gleichfalls der Klappentext: wir werden als Leser in diesem Roman mit dem Phänomen der Vergesslichkeit, der Demenz konfrontiert werden. Aber jetzt, nachdem ich das Buch gelesen habe, denke ich, der englische Titel The Memory Book ist deutlich neutraler und wird dem Inhalt des Romans und seinem Schwerpunkt auch gerechter.

Aber der Reihe nach.

Hauptperson des Buches ist Claire, Jahrgang 1971, also zur Zeit der Handlung Anfang 40. Sie ist verheiratet mit dem deutlich jüngeren Greg, den sie kennenlernte, als er als Handwerker in ihrem Haus arbeitete. Ihre ältere Tochter Caitlin studiert und ist Anfang 20, die jüngere Tochter Esther ist drei Jahre alt. Und dann ist da noch Ruth, die Mutter von Claire, die wegen der Erkrankung ihrer Tochter bei ihr im Haus wohnt.

Aus diesen vier Personen (erst gegen Ende der Geschichte weitet sich der personale Kosmos noch etwas) strickt Coleman eine Familiengeschichte, die sich im wesentlichen auf die zwei Mutter/Tochter Beziehungen konzentriert. Der Mann, Greg, bleibt mehr im Hintergrund. Claire ist – ganz abgesehen von ihrer Erkrankung – die tragende Figur des Buches: mir ihr und der kleinen Bauchspeckrolle, die über den Hosenbund ragt und die so einfach liebenswert macht, ebenso wie die roten Haare, die Vorliebe für noch mehr Rot in der Kleidung, das Spontane an ihr, ja, bis hin ins Exaltierte: man kann sich vorstellen, daß sie ein Mensch ist, dem die Sympathien der Leser zufliegen…

Bei Claire wurde eine frühmanifeste Form der Alzheimerdemenz diagnostiziert, damit sind auf einmal auch einige seinerzeit eher witzige Erscheinungen erklärt: beispielsweise Claires Unfähigkeit, sich die EC-Kartennummer zu merken… Die Ausfallerscheinungen wie Desorientierung oder Wortfindungsschwierigkeiten häufen sich, Autofahren kann Claire nicht mehr, auch Geräte wie Telefon oder Computer kann sie nicht mehr bedienen. Dazwischen gibt es offensichtlich immer wieder Phasen relativer Orientierung in Raum und Zeit. Hoffnung auf Heilung gibt es nicht, der Krankheitsverlauf bei Claire ist rapide, es bleibt nicht viel Zeit. Die Therapeutin hat ihr geraten, ihre Erinnerungen und Gedanken in ein Buch zu schreiben und sich auf diese Art ein Erinnerungsdenkmal für ihre Familie zu schaffen.

Claire steht zwischen ihrer Mutter Ruth und ihrer Tochter Caitlin. Das Verhältnis mit Ruth ist gespannt, die Probleme, die sich jetzt, wo Claire krank ist und Ruth bei ihr zu Hause wohnt, zusätzlich auftun, machen die Sache nicht einfacher. Caitlin studiert ausserhalb, ist aber im Moment zu Hause, auch sie hilft, wo sie kann. Und sie trägt ein Geheimnis mit sich herum, das sie ihrer Mutter gestehen muss, bevor…. genauso, wie ihre Mutter ein Geheimnis mit sich herumträgt, das schon jetzt ab und zu im Nirgendwo verschwindet, die Zeit, es Caitlin zu beichten, wird knapp….


Alzheimergeschichten können prinzipiell kein Happy-End haben, im besten Fall kann die Geschichte so ausgehen, daß für alle Beteiligten eine akzeptable Lösung gefunden werden kann. Deshalb war es spannend, wie Coleman die Beziehungsgeschichten, die von der Alzheimererkrankung Claires überlagert werden, letztlich auflöst… aber vorher noch ein paar Worte zur Darstellung von Claires Erkrankung.

Desorientierung, Wortfindungsschwierigkeiten, Unruhe mit Weglauftendenzen, zunehmende Unfähigkeit, einfachste Alltagstätigkeiten zu bewältigen: einige der Symptome, die das gemeinsame Leben mit Erkrankten schwer machen: es ist praktisch eine 24h-Betreuung und Überwachung notwendig. Die ist konsequent kaum zu leisten, es ist also durchaus plausibel, daß es Claire des öfteren gelingt, das Haus zu verlassen und sich dann – nach ein paar Metern schon – nicht mehr auszukennen. Sie fällt natürlich auf, im Schlafanzug mit Gummistiefeln, wird nach Hause gebracht, einmal verliebt sie sich sogar in einen Mann, der sich im Café zu der Durchgeregneten setzt…. Dazwischen immer wieder Phasen relativer oder auch völliger Klarheit. Das schildert Coleman durchaus bewegend und emotional. Bzw. läßt es Claire selbst schildern [2], denn die Autorin auch ihren anderen Figuren, im wesentlichen also Ruth und Caitlin eine eigene Stimme, in der diese ihre Erlebnisse und Erinnerungen erzählen, ebenso wie wir ihre Einträge in das „Erinnerungsbuch“ lesen. Durch diese verschiedenen Perspektiven erschließt sich uns Lesern die Lebensgeschichte der jeweiligen Personen und der Text wird abwechslungsreich und auch kurzweilig.


Ich will jetzt nicht den Plot verraten, die Autorin läßt jedenfalls keine Langeweile aufkommen und gegen Ende der Geschichte wird es noch einmal richtig turbulent. Claire muss noch ein paar Sachen klarstellen und da ist auch noch dieser Mann aus dem Regen…. Es tauchen in dieser Phase auch noch einige andere Personen auf und ganz zum Schluss greift die Autorin tief in ihre Trickkiste, in der sie eine volle Ladung Weichspüler über die Protagonisten kippt: alle sind glücklich. Und wenn ich schreibe „alle“, meine ich alle, auch Claire. Tja, und dann ist Schluss, Ende der Geschichte und Colemann hat es derart geschafft, sich um das wirkliche Ende, daß aus diesem Familienroman einen wie angekündigt Alzheimerroman gemacht hätte, zu drücken.

*The End*


*Einfach Unvergessen* und ich passten nicht zusammen. Ich erwartete etwas anderes als ich bekam, das kann man nicht unbedingt dem Buch ankreiden, es hätte mir ja trotzdem gefallen können…. ich verweise hier auf dem Blog meine Kollegin saetzebirgit  [*Sätze  und  Schätze*,  http://saetzeundschaetze.com]. Dort gibt es eine Kategorie „Flutschliteratur“: Bücher, die sich ganz gut lesen lassen, von denen aber nicht allzuviel hängen bleibt. Zu dieser Kategorie würde ich „Einfach unvergesslich“ zählen: gut zu lesen, durchaus anrührend, aber ohne bleibenden Eindruck. Dazu ist das Ende zu klebrig-süß. Will man einfach nur noch abwaschen….

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage der Autorin: http://www.rowancoleman.co.uk
[2] eine gute Übersicht über die möglichen Verhaltensänderungen infolge der Erkrankung ist hier zu finden: http://www.alzheimerforum.de/2/2/wdakude_k4.html

Wer an einer anderen literarischen Umsetzung des Themas „Alzheimer“ interessiert ist, dem kann ich von Martin Suter: Small World empfehlen:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/06/24/martin-suter-small-world/

Mehr Biographisches bzw. die Schilderung von Lebensschicksalen Alzheimerdementer ist hier zu finden: http://mynfs.wordpress.com/tag/alzheimer/

Rowan Coleman
Einfach unvergesslich
Übersetzt aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Originalausgabe: The Memory Book, Random House, 2014
diese Ausgabe: Piper, Paperback, ca. 416 S., 2014

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One Response to “Rowan Coleman: Einfach unvergesslich”


  1. Ja, das ging mir ähnlich. Irgendwie gehörten wir nicht zusammen, dieses Buch und ich.
    Liebe Grüße
    Mareike

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