Jo Hermans: Im Dunkeln hört man besser?

15. Oktober 2014

Der Alltag ist voller Fragen, wer wüßte das nicht! Unser westliches (Erfolgs?)Rezept, jede Erscheinung auch als Wirkung aufzufassen, der notwendigerweise eine Ursache zugrunde liegt, hat uns zu sehr tiefreichenden Erkenntnissen geführt, die aber die Frage nach Grund und Ursache nie aufheben werden. Aber so tief brauchen wir gar nicht erst zu gehen, schon der Alltag hält Fragen bereit, deren Beantwortung aus dem Stegreif des verfügbaren Wissens nicht immer möglich ist: Warum ist der Himmel blau und wo endet der Regenbogen, höre ich nachts den Hund wirklich lauter bellen oder bilde ich mir das nur ein und warum ist meine Haut im Winter immer so trocken und rissig, wenn ich in der Wohnung bin, ist es doch draußen so nebelig und nasskalt, daß doch genügend Wasser in der Luft sein müßte….

Auf diese und andere Fragen versucht Jo Hermans, ehemaliger Professor für Physik an der Universität Leiden (NL) Antworten zu geben. Er hat 78 Alltagsphänomene auf´s Korn genommen, die er in fünf Themengruppen gegliedert hat:

  • In der freien Natur (z.B Wie funktioniert die GPS-Navigation, Wie schnell fallen Regentropen und warum fallen Nebeltropfen nicht u.a.m)
  • Fahrrad und Auto (z.B. Wie effizient ist ein Fahrradfahrer, welche Kräfte muss er überwinden und wie kann man 100 km/h mit dem Rad fahren, Wieviel Autos kann eine Straße verkraften u.a.m.)
  • Licht und Farbe (z.B. Wie scharf können wir (unter Wasser) sehen, wie entsteht ein Regenbogen und wie kommen die Farben auf Seifenblasen und CD?
  • Geräusch und Hören (Was hören unsere Ohren, Richtungshören und das Stimmengewirr auf einer Party, Sind Lärmschutzwälle immer effektiv u.a.m.)
  • Rundum das Haus (z.B. Kann ich mein Haus mit Hilfe des Kühlschranks kühlen, Isoliert dickes Glas besser als dünnes, ist stetiges Wachstum möglich, wie überlebe ich in der Sauna)

Die einzelnen Fragen sind meist durch einfache, klare Skizzen verdeutlicht, in denen das Wesentliche der Beantwortung abgelesen werden kann. Zu manchen Punkten schlägt der Autor auch kleine Experimente vor, die mit einfachsten Mitteln auch zu Hause oder vor Publikum vorgeführt werden können und ggf. zu verblüffenden Gesichtern führen werden. So z.B. wenn Strömungsgesetze mit einem über einem Fön schwebenden Tischtennisball demonstriert werden, „supereinfache“ Elektromotoren gebaut werden oder demonstriert wird, wie der schon stärker aufgeblasene Luftballon, der über ein Röhrchen mit einem nicht so stark aufgeblasenen Luftballon letzteren aus“saugt“.

Soweit, so gut. Glücklich bin ich trotzdem nicht…

Vielleicht ist ja einfach die Übersetzung an manchen Stellen unglücklich, aber genau das sollte eigentlich nicht sein. Was zum Beispiel ist ein „Naturkundegesetz“? [S. 28]. Sicher wird – da wir bei Drehimpulsen sind – ein Naturgesetz gemeint sein, aber dann sollte das auch da stehen. Ein paar Seiten später [S. 34] lesen wir: „…. dann wird all diese Nahrung in Wärme umgewandelt.“ , kurz darauf [S. 38] geschieht noch einmal ähnliches „Nährstoffe … im mechanische Arbeit umgesetzt“. Auf S. 40 „brennt Wasser an“ – in Anführungszeichen, aber ich weiß trotzdem nicht, was gemeint ist, auf S. 62 steht, „warme Luft dehnt sich aus, wie wir wissen und wird dadurch leichter“. Nein, das wissen wir nicht, denn bislang gingen wir davon aus, daß das Gewicht eines Körpers temperaturunabhängig ist. Sicherlich, es ist das spezifische Gewicht gemeint, aber dann soll man das auch schreiben, so schwer ist das nicht! Auf S. 74 (es geht um die Lichterzeugung an der Sonnenoberfläche) werden höhere Energiezustände von Molekülen und Atomen als „angeschlagene“ Zustände bezeichnet, auf S. 77 wird Sonnenlicht auf seinem Weg durch die Atmosphäre „zerstreut“, gemeint ist wahrscheinlich: gestreut. Und ob es wirklich notwendig ist, für die  Sonnenoberfläche die Bezeichnung „Außenseite“ der Sonne einzuführen (und damit die Frage nach der „Innenseite“ zu provozieren), weiß ich nicht…

Hin und wieder merkt man den ehemaligen Physik-Professor in Herman, dann nämlich, wenn er bei der Erklärung von Phänomenen z.B. das Bezugssystem wechselt. Bei Laien so wie mir kann dies zu Verwirrung führen. So bei der Erklärung, warum mit Spin getretene Bälle ihren besondere Flugbahn haben: hier setzt er den Nullpunkt (Betrachter) in den Ball hinein, der damit sozusagen in Ruhe ist (nichtsdestotrotz aber ein paar Zeilen später dann doch durch den Strömungseffekt „nach unten gezogen“ wird) und von bewegter Luft umströmt wird.

Ob sich im Abschnitt über den nassen Rücken eines Rennradfahrers Aussagen, daß bei einem fahrenden Rad die z.B. Stelle mit dem Ventil am untersten Punkt „ganz kurz still … steht“, während sich gleichzeitig der Punkt an der höchsten Stelle des Reifens mit doppelter Fahrgeschwindigkeit bewegt, jedem ohne weiteres erschließen, wage ich zu bezweifeln. Ebenso, wie ich nicht glaube, daß die ad hoc zur Laufzeitkorrektur bei GPS-Signalen erwähnten (nicht erklärten) Effekte der Zeitdilatation und der gravitativen Zeitdilatation wirklich etwas erklären (und notwendig sind, um das Funktionsprinzip eines GPS zu erkennen)….

Ein letztes… bei diesem Beispiel stellt sich doch die Frage, ob das in seiner Absurdität sinnvoll ist. Der Autor will (was er vorher sowie schon an einem besseren Beispiel gemacht hat) die immer unterschätzte Wirkung exponentiellen Wachstums illustrieren. Dazu nimmt an, zu Jesu Zeiten habe es nur zwei Menschen gegeben und das Bevölkerungswachstum habe bei 2% gelegen. Damit kommt er zu dem Ergebnis, daß dies nach 2000 Jahren (also in der Jetzt-Zeit) zu ca. 10 hoch 18 Menschen geführt hätte, immerhin „50 Millionen mal so viel wie die tatsächliche Weltbevölkerung.“ Diese 10 hoch 18 Menschen verteilt er dann über die Gesamtoberfläche der Erde und kommt auf 600 Menschen pro m²…. ok, die Mächtigkeit exponentiellen Wachstums wird damit deutlich, aber …


Es ist zweifelsohne die hohe Kunst, komplizierte Dinge einfach zu erklären, ohne sie zu verfälschen. Das für das Prinzip Unwichtige weglassen, mit verständlichen, aber korrekten Formulierungen den Kern der Sache darstellen – nicht jedem ist das gegeben, aber wer solche „Erklärbücher“ schreibt, sollte es können. In „Im Dunkeln hört man besser?“ ist dies leider nicht immer der Fall, manchmal hätte ein zusätzliches Wort schon die Aussage „richtiger“ gemacht, dann wäre nicht „Nahrung in Wärme umgewandelt“ worden, sondern eben deren Energieinhalt…. so aber muss ich schweren Herzens das Facit ziehen, daß diesem Ratgeber, obwohl er durchaus interessantes bespricht und erklärt, eine Überarbeitung gut täte….

Jo Hermans
Im Dunkeln hört man besser?
Alltag in 78 Fragen und Antworten
Originalausgabe: Hoor je better in het donker?
Übersetzt aus dem Niederländischen von Renate van der Laan-Elsner (veröffentlich von BetaText)
diese Ausgabe: WILEY-VCH-Verlag Chemie, HC, ca. 210 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

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