Julian Barnes: Unbefugtes Betreten

5. Oktober 2014

Zu diesem Büchlein bin ich so ein wenig gekommen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind: ich hatte in meiner Buchhandlung alles erledigt und war am Gehen, als ich im Augenwinkel am Ausgang einen Stapel mit diesen Buch sah, mir dachte: Barnes, wollste doch immer schon ma… und noch einmal kehrt machte, um neuerlich zu bezahlen. Als dann zu Hause das zweite Kapitel mit völlig anderen Personen, einer völlig anderen Handlung etc pp begann, wurde ich stutzig – und richtig: Unbefugtes Betreten ist kein Roman, sondern eine Sammlung von Erzählungen… nun ja, man kann nicht immer nur gewinnen…

Unbefugtes Betreten von Julian Barnes

Ein Band mit Erzählungen, die in zwei Teile aufgeteilt sind. Teil eins enthält einen Cyclus Bei Phil & Joanna mit vier Geschichten, in denen jeweils Treffen befreundeter Ehepaare geschildert werden. Man unterhält sich, es geht witzig zu, sehr schlagfertig, die Themen sind breitgefächert und umfassen die englische Politik, die Boni der Banker und „Dogging“ ebenso wie die Frage, ob die Paare nach solchen Treffen anschließend noch miteinander ins Bett gehen. Es ist ein exemplarischer Small Talk, den Barnes in diesen Szenen entwickelt, unterhaltsam, schnell, aber immer an der Oberfläche: gerade zu panisch meidet man unter der Maske der Ungezwungenheit die Tiefe…. Mit John Updike schlafen ist die Geschichte zweier schriftstellernder Freundinnen, die seit vielen Jahren zusammen auf Reisen gehen und ihre Bücher vorstellen, bei aller Freundschaft herrscht auch Eifersucht zwischen ihnen, in anderen Geschichten wird der Garten zum Auslöser einer Ehekrise, in dessen Gestaltung fließen die unterschiedlichen Charaktere und Wünsche der Eheleute ein, die sich als miteinander unverträglich erweisen (Die Welt des Gärtners).

Kann man die Verbindung mit einem kürzlich verstorbenen Partner aufrechterhalten, wenn man versucht, das gemeinsame Leben – jetzt allein – zu wiederholen? Ein Mann fährt nach dem Tod seiner Frau allein auf die gemeinsame, einsame schottische Insel. In dieser Geschichte (Beziehungsmuster) fließt das eigene Schicksal Barnes´ ein, dessen Frau an einem Hirntumor verstorben ist [2]. Immer geht es in den Erzählungen um Beziehungen, die problematisch sind, sogar scheitern. Ob es die Neugier ist, das Vorleben der neuen Bekanntschaft, für die man sich interessiert, zu erkunden (Ostwind), ob es der abschreckende Versuch ist, die „Neue“ zu schnell und zu übergriffig in das eigene Leben hinein zu organisieren und zu verplanen (Unbefugtes Betreten): immer erweisen sich die Partner als inkompatibel, als unvereinbar, als gegenseitige Belastung. Der/Die Andere wird nicht akzeptiert in seiner Individualität, sondern soll integriert werden und sich in das eigene Leben mit den eigenen Vorstellungen einfügen. Erzählungen, die nicht sehr optimistisch stimmen, was das Zusammenleben von Mann und Frau angeht…

Ein Buch mit gesammelten Erzählungen, das in zwei Teile unterteilt ist, läßt vermuten, daß die Geschichten der einzelnen Abschnitte jeweils unter einem Motto stehen. Im ersten Teil könnte die Komplexität von Zweierbeziehungen als gemeinsames Thema gesehen werden, im zweiten Teil ist es einfacher: jede der fünf Geschichten widmet sich einem unserer Sinne.

Der taube Portraitist etwa, der mit seinem Malzeug umherzieht und sich für Aufträge anstellen läßt. Er kann nur schriftlich mit den Menschen kommunizieren, da er seiner Taubheit wegen auch nicht artikulieren kann. Er schaut in die Menschen hinein, hinter deren Fassade, erkennt das Verlogene, Verborgende seiner Kunden, das oft so garnicht mit den Wünschen für das Bildnis übereinstimmt.

Fast dokumentarisch erzählt Barnes die bekannte Geschichte des Magnetiseur Franz Anton Mesmer, der versuchte, mit seiner Heilmethode des Mesmerismus die seit ihrem dritten Lebensjahr erblindete Pianistin Maria Theresia von Paradis zu heilen. Diese Erzählung (Harmonie) liest sich fast wie das Protokoll eines Heilungsversuchs, den Barnes letztlich an der Umwelt scheitern läßt. Mesmer muss Wien daraufhin verlassen, als Blinde ist Maria Theresia von Paradis weiterhin erfolgreiche Pianistin.

Carcasonne ist mehr ein Spiel mit eigenen Gedanken und Erlebnissen über das Thema „Geschmack“, die von einem belauschten Gespräch zweier Australierinnen über Blindverkostung von Sperma (die Antwort ist: ja, frau kann Männer, die Fleisch verzehren, herausschmecken) über die öffentlichkeitstauglichere Verkostung von Wein bis hin zum sich Verlieben als heftigster Ausdruck von Geschmack, den wir kennen. Womit Barnes dann wieder bei seinem Thema, dem Verhältnis der Geschlechter, angekommen ist….

Die letzte Erzählung, in der englischen Ausgabe die Titelgebende, Pulse schildert Barnes aus der Sicht des erwachsenen Sohnes das Schicksal eines Mannes, der den Geruchssinn einbüßt (Anosmie). Die beiden älteren Leute führen (im Gegensatz zu ihrem Sohn, dessen Ehegeschichte wieder mal eine Geschichte des Scheiterns ist) eine harmonische Ehe, wie Männer so sind, nimmt der Erkrankte seine Erkrankung nicht sonderlich ernst, Arztbesuche werden nur zögerlich vorgenommen und über allem leidet die Mutter selbst unter Beschwerden, die, als es nicht mehr anders geht, diagnostiziert werden als Symptome von ALS….


Ich will nicht in die Ausdeutung der Geschichten gehen, jeder, der sie liest, wird sie auf andere Art und Weise lesen. Barnes übergeordnetes Thema jedenfalls ist das Zusammenleben von Mann und Frau, sind Paare. Oft scheitern sie an sich selbst, an der Unvereinbarkeit ihrer Persönlichkeiten, die sich nur für eine kurze Zeit verstellen und anpassen können, bis die Differenzen beginnen, das Gemeinsame zu überstrahlen. Partnerschaften, die harmonieren, zerbrechen an anderen Umständen: ihre Umgebung zerstört sie wie in Harmonie oder der Tod reisst sie auseinander (Beziehungsmuster oder auch Pulse). Die dritte Variante, unter der Zusammenleben möglich scheint, ist die Oberflächlichkeit, wie Barnes es in dem Erzählzyklus Phil & Joanna beschreibt: die ernsten, möglicherweise konfliktträchtigen Themen aussparen, sich auf das beschränken, was konsensfähig ist… sich zu arrangieren miteinander…

Mich jedenfalls hat das Buch neugierig gemacht auf mehr von Barnes, der hier in einer leichten, aber keinesfalls seichten Art schreibt, der genau beobachten kann und der seinen Figuren gegenüber bei all ihren Fehlern, die immer menschlich sind und damit uns allen eigen, mit viel Einfühlungsvermögen begegnet.

Links und Anmerkungen:

[1] Website des Autoren: http://www.julianbarnes.com; Wiki-Beitrag über den Autoren: http://de.wikipedia.org/wiki/Julian_Barnes
[2] so wird im Perlentaucher die Rezensentin der SZ, Maidt-Zinke, zitiert: http://www.perlentaucher.de/buch/julian-barnes/unbefugtes-betreten.html

Unter dem Pseudonym Dan Kavanagh hat Julian Barnes in den 80er Jahren Krimis geschrieben, einen davon, Duffy, habe ich vor geraumer Zeit hier vorgestellt: https://radiergummi.wordpress.com/….

Julian Barnes
Unbefugtes Betreten
Übersetzt aus dem Englischen von Gertraude Krüger und Thomas Bodmer
Originalausgabe: Vintage International, 2012
diese Ausgabe: btb, 304 S., 2014

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