Kakuzo Okakura: Das Buch vom Tee

Okakura Kakuzō (1863 - 1913) Bildquelle: [B]
Okakura Kakuzō
(1863 – 1913)
Bildquelle: [B]
Der japanische Kunstwissenschaftler Kakuzō Okakura lebte von 1862 bis 1912, sein Büchlein über den Tee veröffentlichte er 1906 und zwar auf Englisch. Es lohnt sich, sich noch einmal vor Augen zu führen, welche politischen Verhältnisse seinerzeit herrschte.

Zwar war von den Weltkriegen noch keiner zu sehen, deswegen waren die Zeiten aber nicht friedlich. Der russisch-japanische Krieg war gerade mit einer Niederlage Russlands beendet worden: Japan „expandierte“ auf den asiatischen Kontinent. Neben der Mandschurei, die das Land als Ergebnis des Krieges mit Russland annektierte, hatte es schon vorher gegen China seine Interessen an Korea durchsetzen können.

Nur wenige Jahre vor Okakuras Geburt erst wurde die über 200jährige Isolation und Abschottung des Landes gegen den Westen mit Waffengewalt aufgebrochen und beendet. Okakura wuchs also in einer Zeit auf, in der Japan zunehmend vielfältigen und sehr fremden Einflüssen ausgesetzt war. Zusammen mit den seinerzeit sehr mäßigen Kommunikationsmöglichkeiten bestanden auf beiden Seiten noch für lange Zeit erhebliche Vorurteile und Falschinformationen über Japan bzw. den Westen.

Okakura kann als Mittler gesehen werden. Er reiste viel, auch in das westliche Ausland, schrieb auf Englisch, kannte beiden Kulturen. Der Kontakt mit der westlichen Kultur schärfte sein Bewusstsein auch für die eigene traditionelle japanische Kultur, für deren Erhalt und Bewahrung er zunehmend eintrat, da sie immer mehr von den neuen Einflüssen in den Hintergrund gedrängt zu werden drohte. Und damit kommen wir zum vorliegenden Büchlein…

… denn in seinem einleitenden Kapitel, welchem er „Die Schale der Menschheit“ nennt, widmet er sich dieser Frage westlicher und östlicher Kultur, ihrem Verhältnis zueinander, den Missverständnissen und Fehlinformationen, den Vorurteilen und auch der Notwendigkeit, sich näher und besser kennen zu lernen.

Welch ein Sturm in einer Teeschale!

So mag es dem Westler damals und auch heute noch durch den Sinn gegangen sein / gehen, wenn er von der japanischen Teezeremonie hört und liest, dem Westler, der heutzutage oft vom Teebeutel [2] her kommt, welcher überbrüht mit zumindest mal heißem Wasser eine eher braune Brühe ergibt, oft mit schillernden Schlieren bedeckt und vom Geschmack wollen wir gar nicht erst reden.. und dafür eine Zeremonie? Gleich auf der ersten Seite seines Büchleins gibt Okakura jedoch schon eine Antwort auf diese Frage:

Die Philosophie des Tees ist nicht nur Ästhetizismus im Alltagssinn des Wortes, sie drückt zusammen mit der Ethik und Religion unsere ganze Auffassung von Mensch und Natur aus.

Lassen wir einmal beiseite, was der Alltagssinn des Begriffs *Ästhetizismus“ überhaupt ist, so deutet sich in dieser Aussage Okakuras an, wie allumfassend der Anspruch der Zeremonie ist, in deren Choreographie, sprich: Aufbau, Ausgestaltung und Durchführung die gesamte Lebens- und Naturanschauung der japanischen (Hoch)Kultur einfließt.

Folgerichtig erfahren wir im Text nicht all zu viel vom Tee an sich. Weder wird darüber geschrieben, welche Sorten es gibt, wo sie wachsen, wie sie angebaut, gepflegt und geerntet werden, welche Ansprüche sie an ihre Umwelt stellen…. wir erfahren ein wenig aus der Geschichte des Tees, die sehr frühzeitig in China einsetzt, wo er zuerst als Medizin verwendet wurde, bevor er im vierten/fünften Jahrhundert als Getränk beliebt wurde. Die verschiedenen Methoden, ihn zuzubereiten (gekocht, geschlagen, gebrüht) können mit den verschiedenen Dynastien des chinesischen Reiches in Verbindung gebracht werden. Die Eroberung Chinas durch die Mongolen und später der Mandschus unterbrachen Traditionen der Teebereitung und schufen neue.

In Südchina, der Heimat des Tees, wurde die Lehre des Tao gegründet, im Gegensatz zum Norden des Riesenreiches, der dem Konfuzianismus anhing. Von Lao-Tse ist überliefert, daß er seinen Gästen Tee anbot, was die Bedeutung des Tees schon in damaliger Zeit unterstreicht, eine Bedeutung, die er in den Zen-Lehre, die Okakura als rechtmäßigen Nachfolger des Taoismus bezeichnet, übernahm. Um 1190 kam der Tee mit der südlichen Zen-Schule nach Japan und verbreitete sich dort rasend schnell, im 15. Jahrhundert hatte sich die japanische Teezeremonie entwickelt, die die höchste Vollendung des Tee-Ideals darstellt. Da Japan im Gegensatz zu China nie von Fremden erobert worden war, blieben hier die Traditionen ungebrochen.

Die Durchführung der Teezeremonie obliegt dem Teemeister, der für die Ausgestaltung des Teeraums verantwortlich ist. Der Teeraum ist soweit möglich ein seperates Gebäude, das vom Hauptgebäude aus über einen Weg zu erreichen ist, dessen Begehen die Gäste schon auf die Zeremonie einstimmen soll. Der Teeraum wird vom Teemeister geschmückt, wobei der Schmuck, im allgemeinen eine Blume, ein Gemälde oder ein anderer Kunstgegenstand sich in die Harmonie des Gesamtraums einfügen muss. Einer Harmonie, die umfassend ist, die das Licht, die Farbe, die Stimmung, die Jahreszeit mit einschließt. Für westliche Verhältnisse ist der Teeraum ein spärlich ausgestalteter Raum, denn japanischer Ansicht nach sind westliche Räume oftmals überladen an Gegenständen und/oder Kunst und nehmen den Gegenständen dadurch die Wirkung und dem Betrachter die Musse, sich auf einen Gegenstand als Bestandteil eines Gesamtkunstwerks einzulassen.

Einen weiteren kleinen Seitenhieb auf die westliche Kultur betrifft deren Umgang mit Blumen, die oftmals zum Wegwerfartikel degradiert werden, während der Teemeister (und auch der Blumenmeister) die Würde der Blume als Lebewesen zu achten und herauszustellen bemüht ist. So besteht der Blumenschmuck eines Teeraums oftmals nur in einer einzigen Blüte, vllt in Kombination mit einem Wolkenbild, so daß der Gesamteindruck einer Blume entspricht, über die der Wind ein Wolkenfeld treibt….

Die Teezeremonie ist eine Zeremonie der Einfachheit und der Stille, im besten Fall ein Moment der meditativen Einkehr in das eigene Ich, in dem der gesamte Kosmos sich widerspiegelt. Aber obwohl die Zeremonie einfach ist, ist sie nicht billig, nur ausgewählte und erlesene Gegenstände und Materialien werden verwendet und eingesetzt. So befruchtete die Teezeremonie viele Künste in Japan, die Töpfereikunst ebenso wie die Kunst des Blumensteckens, die Kalligraphie, die Malerei oder auch die Architektur, aber sie alle dienten im Rahmen der Teezeremonie nur dazu, daß diese perfekt durchgeführt werden konnte.

Der Cha-Do, der Weg des Tees, ist ein von der Stille, der Leere, dem Nichts durchfluteter Zen-Weg zur Vervollkommnung des Menschen. Er unterscheidet sich grundsätzlich von Ritualen, wie sie sich ansatzweise in Europa zum Teegenuss ausgebildet haben, am bekanntesten dürfte hier der britische five o’clock tea sein. Obschon es hier auch Regeln und Vorgaben zur Zubereitung und Gestaltung gibt, bleiben diese doch an der Oberfläche und dienen in erster Linie dazu, eine gemütliche, wohltuende Atmosphäre zu erzeugen. Von der philosophischen Tiefe einer japanischen Teezeremonie ist der all-tägliche Nachmittagstee jedenfalls weit entfernt.

Das Buch vom Tee erzählt wenig vom Tee, aber viel, sehr viel von der Kunst, eine einfache Verrichtung dadurch, daß man sie in einen tieferen Zusammenhang stellt, zu einem Weg zu machen, auf dem der Adept, wenn er dem Meister folgt, Erleuchtung gelangen kann, wenn nämlich die Prinzipien der Teezeremonie im gesamte Leben gelebt werden.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Kakuzō Okakura:  http://de.wikipedia.org/wiki/Okakura_Kakuzō
[2] interessanterweise wurde Tee, wenngleich auch aus wirtschaftlichen Gründen, nämlich um Gewicht beim Transport zu sparen, um 1903, also zu der Zeit, in der Okakura seinen Aufsatz schrieb in Beuteln verpackt. Bis zum Teebeutel allerdings, so wie wir ihn heute oftmals nutzen, sollte es noch dauern, 1929 wurde dieser entwickelt. http://de.wikipedia.org/wiki/Teebeutel

Bedanken möchte ich mich bei Philea von Philea`s Blog, die mich mit ihrer Buchbesprechung dazu brachte, dieses Kleinod nach vielen, vielen Jahren mal wieder aus dem Regal zu nehmen und mit Gewinn zu lesen:  http://phileablog.wordpress.com/2013/08/28/das-buch-vom-tee/

[B]ildquellen: Portraits: von Unbekannt (茨城県天心記念五浦美術館蔵) [Public domain], via Wikimedia Commons (http://de.wikipedia.org/wiki/Okakura_Kakuzō]

East meets West.....
East meets West…..

Kakuzo Okakura
Das Buch vom Tee
Übertragen und mit einem Nachwort versehen von Horst Hammitzsch
Erstausgabe: The Book of Tea, NY, 1906
diese Ausgabe: Insel-Verlag, No. 274, HC, ca. 75 S., 1977

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3 Kommentare zu „Kakuzo Okakura: Das Buch vom Tee

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