Kurt Kusenberg: Jedes dritte Streichholz

24. September 2014

…. nur lasse sich wirklich entflammen, so äußerte sich Herr Fidelis Valentin in seiner Beschreibung der Bereisung der Welt, die er vorgenommen. Dem Buch war kein großer Erfolg beschieden, einzig ein mit gewichtigem Siegel versehener Brief des Präsidenten von San Trajano traf bei ihm ein des Inhalts der Bekundung der tiefsten Verletzung nicht durch die Äußerungen hinsichtlich der mangelnden Qualitäten von Beamten und Politikern San Trajanos, nein, man war bestürzt ob der abqualifizierenden und zudem falschen (durch eigene Versuche sei festgestellt worden, daß immerhin jedes zweite der Hölzer sich entzünden ließe) Behauptung in Bezug auf die Zündhölzer des Landes.

Screenshot (Ausschnitt) der Verlagsseite,  Stand: 13.09.2014

Screenshot (Ausschnitt) der Verlagsseite,
Stand: 13.09.2014

Eine Heilung der tief empfundenen Verletzung könne nur durch einen Widerruf in sämtlichen Zeitungen der Welt erfolgen. Man erwarte dies. Doch… Herr Valentin war sich einerseits seiner Sache sicher, andererseits selbst von hartnäckigem Wesen, welches dem Nachgeben eher abhold war und nach nochmaliger, bestätigender Überprüfung der behaupteten Sache verlangte er seinerseits eine Entschuldigung vom Präsidenten…

Seien wir realistisch: diese zu erhalten war nicht zu erwarten. Und folgerichtig traf anstatt deren ein kurzes, nichtsdestoweniger eindeutiges Ultimatum bei Herrn Valentin ein, des Inhalts, daß, falls nicht unverzüglich widerrufen würde, der Krieg erklärt sei….

…. es kam zum Krieg (unvermeidlich), ein Kriegsschauplatz ward gefunden und die Truppen San Trajanos hochgerüstet und wild entschlossen trafen dort ein zum Kampf. Herr Valentin dagegen bewahre Ruhe, obschon die Augen der Welt und auch ihre Meinung, die hin und her schwankte zwischen dieser und jener Ansicht, auf ihn gerichtet war. Schließlich packte er dann ohne größer aufgeregt zu sein, die Koffer und begab sich auf die Reise zum ausgesuchten Kriegsschauplatz.

Als er nach langem Warten, verbunden mit einer gewissen Zermürbung und Untergrabung der Moral der santrajanischen Truppen eintraf, allein und ohne Waffen dort eintraf, erstaunte und verwirrte er. Der General gar, zu dem man den einsamen Mann führte, zeitigte eine gewissen Hilflosigkeit, zu bemerken an seinem Blick, als er auf den rauchenden Kriegsgegner vor ihm (dem das Anzünden der Zigarette erst mit dem dritten Streichholz gelang) sah, der frei behauptete, sich nicht ergeben, sondern im Gegenteil den gewünschten Krieg führen zu wollen….

… aber wie dieser Krieg geführt wurde und zu welchem Ergebnis er kam, wer den Sieg fortführte und wer die Niederlage und ob die Niederlage wirklich eine Niederlage gewesen, das verrate ich hier nicht… daß muss der werte Leser selbst sich erlesen, denn….


…. Jedes dritte Streichholz ist ein wunderschönes kleines Büchlein, das des Kaufes auf jeden Fall lohnt! Es ist in einem kleinen Schuber untergebracht, von querigem Format und mit den wunderschönen Stichen, mit denen die Geschichte begleitet wird, ein Augenschmaus. Es geht um Krieg, ein Staat erklärt einem Mann, einen einzelnen Mann, der die Wahrheit ausspricht und nicht bereit ist, sich zu unterwerfen, den Krieg. 1942, als die Geschichte veröffentlicht wurde, war dies wahrscheinlich keine ganz ungefährliche Parabel über den Widersinn eines Krieges, über die Aggressivität eines Staates und seines Diktators und auch der Ausgang, den die Geschichte bei Kusenberg nimmt, kann nicht gefallen haben. Im Geleitwort erzählt die Tochter, daß der Erstausgabe `42 ein Satz vorangestellt gewesen sei: Geschrieben 1937 und einer südamerikanischen Republik gewidmet., der später gestrichen wurde und zu seiner Zeit die Brisanz zu entschärfen wohl die Aufgabe hatte.

Die Sprache der Geschichte ist alterthümlich, vom Satzbau her und auch der Verwendung der Worte nach, sie ruft eine märchenhafte, sinnliche Stimmung hervor, trotz des kriegerischen Inhalts. Fidelis, der treue, ehrliche Valentin, ein Name aus uralten Zeiten und eine Anspielung auf den Münchner Komiker und Bühnenkünstler? Möglich wäre es, immerhin waren beide gleichzeitig in München: Kusenberg als Student, Karl Valentin auf der Bühne…. aber das ist eine reine Spekulation von mir ohne jegliche andere Grundlage als die hervorgerufene Assoziation…

Ein kleines Büchlein also, ein feines Büchlein, eins zum selber Liebhaben und eins zum Verschenken…. ohne wenn und aber…

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite über Kusenberg: http://www.kurt-kusenberg.de
[2] kurzer Lebenslauf Kusenbergs in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Kusenberg
[3] Peter Ruehmkorf: Im Kabinett – Kurt Kusenberg gehört zu den amüsantesten und hintersinnigsten Erzählern der Nachkriegszeit. Eine Erinnerung. In: Die ZEIT, Ausgabe 09/1998, http://www.zeit.de/1998/09/Im_Kabinett/komplettansicht

Kurt Kusenberg: 
Jedes dritte Streichholz 
Mit Acrylstichen von Egbert Herfurth
Geleitwort von Barbara Kusenberg

Erstausgabe: 1942
diese Ausgabe: Officina Ludi Pressendrucke (Offset-Reprint des Pressendrucks von 1995), HC im Schuber, 28 S., 2014

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One Response to “Kurt Kusenberg: Jedes dritte Streichholz”


  1. Lieber Flattersatz,
    das ist wieder mal ein echtes Kleinod, das Du hier sehr eindrücklich vorstellst – und ganz klar ein Muss für mich.
    Danke dafür und liebe Grüße
    Kai

    Gefällt 1 Person


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