Henry Miller: Der Teufel im Paradies

7. September 2014

Henry Miller, 1940 Bildquelle: [B]

Henry Miller, 1940
Bildquelle: [B]

Henry Miller (1891 -1980) ist einer der Altmeister der amerikanischen Literatur, seine Biografie [1] spiegelt das Auf und Ab eines bewegten Lebens wieder. Vieles in seinem Werk ist autobiografisch bzw. an seinem eigenen Leben orientiert, Miller nutzte seine Literatur, um sich und sein Leben zu reflektieren, in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Ab 1928 konnte es sich Miller (auch dank seiner damaligen Frau June)  leisten, nach Europa zu reisen. Er fühlte sich dort wohl, insbesondere Paris mit seiner Atmosphäre der Bohème hatte in seinen Bann gezogen. Er blieb mehrere Jahre in dieser Stadt, arbeitete zeitweise auch als Redakteur und schuf einige seiner großen Romane dort. Seine Stillen Tage in Clichy, die ich hier im Blog vor einigen Jahren schon vorgestellt hatte [2], sind dort entstanden, sie sind eine wunderbare Hommage auf die Stadt und das Leben dort, wie er es zu dieser Zeit liebte. Miller blieb bis zum Kriegsanfang in Paris, ging dann kurzfristig nach Griechenland, bevor er sich in Kalifornien an der Küste, in „Big Sur“ [3] in relativer Abgeschiedenheit und „Zivilisationsferne“ niederließ.

In Paris, daher der Vorspann, nimmt die Geschichte, die Miller in seinem Ein Teufel im Paradies erzählt, seinen Anfang, wobei dieser schmale Text Teil ist eines größeren Werkes Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch über sein damaligen Leben.


miller-cover

… genügte die Tatsache, daß er mich um Hilfe anflehte.
Man läßt einen Ertrinkenden nicht versinken.

Anaïs Nin machte Miller 1936 mit einem Schweizer bekannt, Conrad Moricand [4], der jedoch auf Miller keinen günstigen ersten Eindruck machte: .. Der Kerl hatte etwas Düsteres an sich und schien sehr von sich eingenommen, eigensinnig und pedantisch. .. er war nervös, launisch und entsetzlich eigensinnig. … Aus guten Verhältnissen stammend und einst mit vielen Künstlern bekannt war Moricand offensichtlich verarmt. Nin, die ihn bislang im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt hatte, „trat“ ihn an Miller ab. Trotz seiner Vorbehalte pflegte Miller ab jetzt Kontakte mit Moricand, lud ihn hin und wieder zum Essen ein, entweder in Restaurants oder zu sich nach Hause und half ihm, so gut er selbst konnte. Moricand war Astrologe [4], dies und das Wissen um Okkultes interessierte Miller [4a]…. als Gegengabe für all dies Aufmerksamkeit und auch Unterstützung bekam Miller ein Buch geschenkt, Balzacs „Séraphîta“ [6], ein Geschenk, daß Miller als Autor sehr zu schätzen wusste, ja, das er im Nachhinein als Grund für all das ausmachte, was in der Folge noch geschehen sollte.

Der Krieg kündigte sich an, … wie immer vor einem Krieg war die Atmosphäre fiebrig geworden, jeder richtete sich auf seine Art und Weise auf das Kommende ein. Auch die „Bohemiens“, zu denen Miller gehörte, wurden aus ihrer Verschanzung getrieben, das Gefühl, auf einem sinkenden Schiff zu sitzen: es machte sich eine Nach-mir-die-Sintflut-Stimmung breit, an der aber Millers Bekannter nicht teilhaben konnte. So verloren sich die beiden nach einem letzten gemeinsamen Restaurant-Besuch aus den Augen, Miller, der das Leben genoss, der es jetzt, vor dem Krieg in besonderer Klarheit und Konzentration vor sich sah und Moricand, für den alles durch die Sterne festgeschrieben und unabänderlich war…

Nach dem Krieg, 1947 – Miller lebte inzwischen in Big Sur – erreichte diesen über Umwege ein Brief Moricands, in dem dieser sein trauriges Schicksal schilderte und damit erfolgreich an Millers Mitleid appelierte: Miller überredete seine damalige Frau, daß man diesem armen Menschen helfen müsse und da sie selbst kaum Geld übrig hatten, sei die beste Art und Weise de Hilfe, Moricand nach Amerika zu sich zu holen und ihn in die Familie aufzunehmen. So übernahm Miller eine Bürgschaft für den Mann, lieh sich das für die Überreise notwendige Geld zusammen und Moricand, den er im Grunde kaum kannte und dessen Art so verschieden war von seiner, kam nach Big Sur.

Millers machten ihm im sowieso schon kleinen, ärmlichen Haus eine Kammer frei, in die der Gast einzog. Die Begeisterung über das freie, großzügige Amerika, die bei Moricand anfänglich herrschte, wich schnell seinem düsteren Temperament …. Moricand konnte zwar nicht, wie Miller schreibt, betteln, aber er war sehr wohl in der Lage, seine Freund auszusaugen: schon am Tage nach der Ankunft bat er seinen Gastgeber, ihm doch das gewohnte Talkum für die Rasur zu besorgen, Millers Puder war ihm nicht recht. Auch feines Briefpapier der vorgegebenen, aus Europa mitgebrachten Sorte bräuchte er ebenso wie seine Gitanes bleu zu rauchen….

Kurz: Das Verhältnis Millers zu Moricand trübte sich ein, Miller fühlte sich zunehmend ausgenutzt, während seine Frau eher Mitleid mit dem düsteren Gast verspürte. Der Versuch, Moricand zu einer sinnvollen Tätigkeit zu animieren, nämlich der Tochter Val [vgl. 5] ein wenig Französisch beizubringen, scheiterte: Moricand konnte Kinder nicht ausstehen, fand auch die Erziehung Vals durch Miller, der sich sehr um das Kind bemühte, seltsam und falsch: Zucht und Ordnung sollten die Erziehung von Kindern beherrschen.

Dazu kamen dann noch körperliche Malaisen des Gastes wie ein immerwährend juckender Hautausschlag. Der herbeigerufene Arzt untersuchte ihn gründlich und hatte für Miller nur einen Ratschlag: Werden Sie ihn so schnell wie möglich los! ….

Am angenehmsten war Moricand, wenn Millers ihn reden liessen. Er muss ein Talent gehabt haben, Monologe zu führen, seine Stimme, seine Mimik und Gestik deren Inhalten anzupassen. Moricand kannte seiner Herkunft her viele heute berühmte Künstler, konnte von ihnen erzählen und fühlte sich dann sichtlich wohl. Allein, daß er sich weigerte, Englisch zu lernen und daher auf französisch erzählte, machte die Verständlichkeit dessen, was er von sich gab, teilweise problematisch…. andererseits: nicht alle seine Geschichten waren unterhaltsam, manche waren seltsam, manche … ja, manche waren teuflisch….

Schließlich, nach ca. drei Monaten, konnte Miller Moricand überreden, seiner geplagten Beine wegen in ein Krankenhaus zu gehen. Mit einem Freund zusammen brachte er ihn in die Stadt zum Arzt. Moricand, der sich ein sauberes und eine gute Betreueung im Krankenhaus vorstellte, wurde enttäuscht: der Arzt lachte nur bei seinem Wunsch auf stationäre Pflege. Letztlich aber gelang es Miller, ihn in einem Hotel einzuquartieren und ihm die die Fahrten zu den täglichen Besuche im Krankenhaus zu organisieren.

Aber was für eine Lehre hatte er mir erteilt!
Nie, nie mehr würde ich den Fehler begehen,
die Probleme eines anderen Menschen für ihn lösen zu wollen.

Moricand endgültig loszuwerden, war dagegen nicht so einfach, da er ja die Bürgschaft übernommen hatte und Moricand versuchte, damit Druck auf ihn auszuüben, ihn quasi zu erpressen. Doch irgendwann überspannte er den Bogen und Miller hörte nichts mehr von ihm, bis er 1954 die Nachricht bekam, daß sein ehemaliger Schützling im August des Jahres in Paris gestorben sei.


Ein Teufel im Paradies ist die Geschichte eines parasitären Verhältnisses, der Ausnutzung  eines gutmütigen Menschen durch einen anderen, düster verdunkelten Charakter. Es ist aber auch die Gegenüberstellung zweier Philosophien, zweier Arten, die Welt zu sehen. Auf der einen Seite Miller, ein Mensch, der das Leben liebt, der die Menschen liebt (auch wenn er sich damals aus deren Zivilisation zurückgezogen hatte), der die Natur liebt. Ein Mensch, der die Freiheit in sich spürt, sein Leben zu gestalten, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, Verantwortung zu tragen. Moricand dagegen war gefesselt durch die seiner Ansicht nach bestimmenden Einflüsse der Sterne und Planeten auf jeden Menschen, also auch auf ihn: sein Schicksal war – ebenso wie das jeden anderen Menschen – festgeschrieben. Er war düster von Charakter, hatte den gesellschaftlichen „Abstieg“, den er erlebt hat, innerlich nicht nachvollzogen, war immer noch derjenige im Mittelpunkt, um den sich alles zu drehen hatte. Er war, wie der Arzt es Miller sagte, ein Kind geblieben, das sich und nur sich selbst liebt…. Zentral in der Geschichte gibt Miller seine Lebensphilosophie wieder, die er gegenüber Moricand bei einer der Diskussionen mit ihm über das Leben und die Kunst, es zu leben, vertritt, hier ist vllt auch die zentrale  Passage der Geschichte zu sehen. Ein anderer, interessanter Nebenaspekt der Erzählung ist, daß Miller im Reflektieren des Geschehens zu der Erkenntnis kommt, daß seine eigene Ehe gescheitert ist und am Ende steht, daß eine Trennung am besten wäre….


Bei Millers Bericht über die Gegebenheit bleibt die Frage offen, warum Miller einem Menschen gegenüber, dem er nichts schuldete und der ihm nicht sonderlich sympathisch und der in allem ein Gegensatz zu ihm war, überhaupt ein so generöses Angebot: ihn für den Rest des Lebens bei sich aufzunehmen, gemacht hat…. aber jedenfalls ist eine interessante, kleine Geschichte daraus entstanden, in der sich Millers Meisterschaft zeigt, Menschen in ihrem Wesen zu erfassen und mit Worten zu zeichnen….

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beitrag zu Henry Miller: http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Miller
[2] Henry Miller: Stille Tage in Clichy, Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2008/10/14/henry-miller-stille-tage-in-clichy/
[3] Wiki-Beitrag zu Big Sur: http://de.wikipedia.org/wiki/Big_Sur
[4] das Internet schweigt sich aus über Conrad_Moricand, man findet nur wenig, was nicht mit Millers Buch zu tun hat. Wer sich für astrologisches von Moricand interessiert, das ist hier aufgedröselt: http://www.astrotheme.com/astrology/Conrad_Moricand
[4a] .. jedenfalls waren beide Männer „Steinbock“, Miller am Beginn des Sternzeichens, geb. 26. Dezember, Moricand am Ende, geb. am 17. Januar. In der Erzählung „Der Vierzehnte Bezirk“ (geschrieben übrigens 1936, dem Jahr, in dem er Moricand kennen lernte) charakterisiert sich Miller mit Bezug auf seine astrologischen Randbedingungen wie folgt: „… Geboren mit dem Widder im Aszendenten, das eine feurige, aktive, energische und ziemlich ruhelose körperliche Verfassung verleiht. Mit Mars im neunten Haus!“
[5] auf dieser Webseite gibt es ein Bild der kleinen Val in Big Sur, das einen Eindruck von der Umgebung der Millerschen Behausung vermittelt: http://www.henrymiller.info/about/about.html
[6] Wiki-Seite zum Buch: http://en.wikipedia.org/wiki/Séraphîta

[B]ildquellen: Autorenfoto: http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Miller, dort auch Angaben zum Copyright (public domain). Fotograf: Carl Van Vechten

Henry Miller
Der Teufel im Paradies
Übersetzt ins Deutsche von Kurt Wagenseil
Originalausgabe: „A Devil in Paradises“, (entnommen aus: „Big Sur and the Oranges of Hieronymus Bosch“) NY,
diese Ausgabe: rororo TB, ca 148 S., 1961

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2 Responses to “Henry Miller: Der Teufel im Paradies”

  1. nanaconejita Says:

    Hey, toller Beitrag. Ich lese im Moment Henry Miller’s „Tropic of Cancer“ und schreibe dazu meine Gedankenauf meinem Blog (onedecentidea.wordpress.com) nieder. Über Besuch auf der Webseite würde ich mich freuen.

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  2. nanaconejita Says:

    Hat dies auf Die Eleganz des Fliegenpilz rebloggt und kommentierte:
    Mehr über Miller gibt es bei aus.gelesen

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