Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden

14. August 2014

sofi cover

Sofi Oksanen, eine junge finnische Autorin [1], die ich hier im Blog schon mit ihrem Erfolgsroman Fegefeuer vorgestellt habe [2], legt rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse mit ihrem diesjährigen Gastland Finnland [5] ihren neuen Roman Als die Tauben verschwanden in deutscher Übersetzung vor. Wie schon in Fegefeuer ist die Handlung in Estland, dem nördlichsten und kleinsten der baltischen Staaten [3] angesiedelt und führt uns als Leser zurück in die Zeit des 2. Weltkrieges. Ich denke, den meisten geht es so wie mir, die Geschichte dieser Staaten, die den benachbarten Riesen Russland und Deutschland oft als Spielball eigener Interessen dienten, ist uns nicht sonderlich präsent, für das Verständnis des Romans ist es daher hilfreich, sich zumindest einen Überblick zu verschaffen [4].

Aber wir erschraken nicht, die Feinde erschraken, uns trieb der Zorn an, und er trieb uns mit solcher Kraft an, daß die Gegner für einen Moment anhielten … unser Zorn nagelte sie an dem Augenblick fest, als das Feuer eröffnet wurde; mit den anderen zusammen griff ich den Bus an,
und wir töteten alle.

Sofi Oksanen hält sich nicht langen Einführungen auf. Nach einem kurzen Prolog, der im Jahr 1948 spielt und uns zwei der Hauptfiguren, nämlich Roland, der „seine“ Abschnitte im Buch als Ich-Erzähler formuliert und Juudit, die zumindest in einem besonderen Verhältnis zu ihm steht, vorstellt, wechselt Oksanen zurück in das Jahr 1941, in dem das Land nach der Verschacherung durch den Hitler-Stalin-Pakt unter sowjetischer Herrschaft steht.

Roland ist Anführer einer Untergrundgruppe, die gegen die Sowjets vorgeht, die vor kurzem erst gegen die Vernichtungsbataillone [4] gekämpft hat und der sich jetzt gleich mit seinen Leuten der sich nähernden Militärkolonne entgegenstellen wird. Es ist ein erbarmungsloser Kampf, wie entmenschlicht und automatisiert agieren die Männer, schlagen selbst auf die Toten noch ein, sind außer sich vor Wut, sind in einem rasenden Furor. Bis auf Rolands Vetter Edgar, mit dem wir die dritte, vllt sogar zentrale Hauptfigur des Romans kennen lernen. Edgar ist ein Maulheld, ein eloquenter Schwätzer, der Leuten ein X für ein U vormachen kann, ein Stehaufmännchen, das skrupellos seinen Vorteil sucht und sein Fähnchen in den Wind hängt – der Kampf war eher nichts für ihn….

Übersichtskarte Estland Bildquelle: [B]

Übersichtskarte Estland
Bildquelle: [B]

Juudit ist Edgars Frau, sie ist auf ihn hereingefallen, auf sein Schöntun, seine Geschichten…. hereingefallen, weil ihr Mann, sobald sich die Türen hinter ihnen schließen und sie allein sind, keinerlei Interesse an ihr als Frau hat, gerade, daß er mit Müh´ und Not die Ehe vollzieht. Tiefste Verunsicherung bei Juudit, Zweifel und auch Angst, wer kann helfen? Edgars Tod empfände  sie als Erlösung, Scham über diesen Gedanken. Schließlich versteht es Edgar, es nach außen hin so darzustellen, daß seine Frau die Schuld an den Eheproblemen trägt… Roland dagegen ist mit Rosalie zusammen, sie haben noch nicht geheiratet, aber sie sind glücklich miteinander, wissen, daß sie füreinander bestimmt sind. Nachdem der Hof von Rolands Familie enteignet worden ist, leben sie auf dem Hof der Eltern Rosalies.

Die Sowjets wüten, Deportationen finden statt, Bombenhagel auf Tallinn, der Einmarsch der Wehrmacht wird erwartet, wird von fast allen erhofft. Und tatsächlich, nachdem sie die Sowjets zurückgeschlagen haben, schaffen sie erst einmal Ordnung, setzen eine funktionierende Verwaltung ein – und trotzdem herrscht weiter bitterste Not, auch Juudit, ohne Mann, muss sehen, wie sie überlebt..

Edgar kommt zurück nach Estland, vor Juudit verheimlicht er das. Er kann sich mit seinem Talent (er beherrscht die örtlichen Sprachen, kann Dokumente fälschen und Handschriften nachmachen) und den entsprechenden Lebenslügen bei den Deutschen einschleimen, dort versucht er nicht nur zu überleben, sondern hochzukommen. Roland dagegen hat in einem Lager gesessen, kann fliehen, geht in den Untergrund, um für Estland zu kämpfen und als er zurück zur Familie kommt, spricht niemand mit ihm über Rosalie, die tot ist, verscharrt als Selbstmörderin. Er glaubt dies nicht, will die Wahrheit herausfinden und überredet/erpresst (?) Juudit, ihm zu helfen. So lernt Juudit den SS-Offizier Hellmuth Hertz kennen und lieben – Gefühle, die auf Gegenseitigkeit beruhen. Bei ihm findet sie all das, was ihr seinerzeit ihr verschollener Ehemann nicht geben konnte. Das dies auch in materiell angenehmer Umgebung geschieht, ist ihr durchaus angenehm.  Juudits Kavalier ist tragischerweise der gleiche Offizier, den Edgar für seine Zwecke einzuspannen versucht…  Währenddessen setzt Roland die Frau weiter unter Druck, spannt sie für seine Aktionen als Fluchthelferin ein…. und dann schlägt das Schicksal wieder eine Volte, in den Monaten nach Stalingrad ist absehbar, daß die Front immer näher an Estland heranrückt, daß die Deutschen den Krieg nicht mehr gewinnen können…

Zwischen diesen Abschnitten, die das persönliche Schicksal der drei Protagonisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges in Estland schildern, springt die Geschichte zwei Jahrzehnte weiter und schildert das Leben Edgar Parts, der in Diensten der sowjetischen Herrschaft steht und zusammen mit seiner Frau lebt. Edgar hat es geschafft, zu überleben, doch die Vergangenheit hängt an ihm wie ein Anker, der sein Fortkommen beschwert. Aufgrund seiner Arbeit, er soll ein Buch verfassen über die Geschichte Estlands unter den Faschisten, hat er Zugang zu Archiven, dort findet er ein Tagebuch, das er Roland zuordnen kann. Roland – nirgends ein Hinweis auf seinen Tod, also lebt er noch? Die Möglichkeit besteht, und damit die Gefahr, daß seine, Edgar Parts eigene, Vergangenheit, aufgedeckt wird.. er macht Roland in seinem Buch zum Kollaborateur, zum gewissenlosen Lageraufseher, der Dutzende von Morden auf dem Gewissen hat…… und Juudit, seine Frau, mittlerweile dem Alkohol verfallen, die alles vernachlässigt, die offensichtlich krank ist, die ihn gesellschaftlich isoliert….. ist sie etwa HERZ, diesen Decknamen, den er im Tagebuch las? Hat das Kontor schon davon Kenntnis, ist der Observationsauftrag, den er jetzt hat und der so garnicht zu seinem Tätigkeitsprofil gehört, schon ein Zeichen für seinen Fall?

Doch wie so oft kommt der Zufall Parts zuhilfe, intelligent ist er, einen Überlebenswillen hat er und so dröselt sich das Knäuel persönlicher Schicksale gerade durch diese Observation langsam auf…


Als die Tauben verschwanden (die Bedeutung des Titels erklärt sich im Lauf der Handlung) ist ein bedrückender, eindringlicher Roman, mit Menschen als Helden, denen das Schicksal wie ein Netz über ihr Leben gestülpt wird, das ihnen zwar noch das zappeln erlaubt, eine kaum ein Entkommen. Der Krieg, der über Estland gekommen ist, weil sich zwei diesen kleinen Flecken Erde einfach untereinander aufgeteilt haben, läßt nur wenige Alternativen, Kampf, Not, Elend, ja Tod: bedeuten beide in einer Zeit, in der das schiere Überleben als Zeichen der Schuld genommen wird, denn wer überlebt hat, hat mit dem Feind kollaboriert, sonst wäre er tot.

Es gibt ein paar Unerschrockene, es gibt Ausnahmen: Roland ist so eine. Sie haben eine Idee, einen Traum und das Leben, das ihres war, existiert nicht mehr: was also haben sie noch zu verlieren? Sie kämpfen im Untergrund, sie verstecken sich, sie helfen anderen zur Flucht, werden selbst gejagt…sie werden (wie solche Mensch überall in der Welt) in der Zukunft zu moralischen Pfeilern werden, an denen sich  eine neue Nation orientieren kann und die das Gegengewicht bilden zu denjenigen, die sich den neuen Machthabern angedient haben…

Ein Leben in Angst, in Misstrauen ist es, was Oksanen schildert. Was weißt du von mir, was weiß ich von dir? Was hast du damals gemacht, was machst du heute? Es ist ein Katz-und-Mausspiel, bei dem nicht immer klar ist, ob die Katze nicht für jemand anderen schon lange die Maus ist… vielleicht ist es bezeichnend, daß die Autorin Edgar Parts, dem Überlebenskünstler, in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellt, weil er am authentischsten diesen Geist solcher unfreien Gesellschaften verkörpert: du musst dem Moloch liefern, sonst bist du geliefert.

Roland dagegen bleibt seltsam blass in seiner Erscheinung, wird bei weitem nicht so stark gezeichnet wie sein Cousin. Zwar erfahren wir auch von ihm einige Details seines Lebenslaufes in dieser Zeit, jedoch beschränkt sich die Autoren dabei im wesentlichen auf die äußeren Abläufe, auf die groben Züge. Roland kämpft im Untergrund und so verborgen bleibt er auch im Text.

Und Juudit? Durch diese „Ehe“ mit Edgar zutiefst verletzt und traumatisiert, als Stadtkind bei ihren angeheirateten Verwandten auf dem Land ein Aussenseiter, muss sehen, wie sie zurecht kommt. Für sie scheint das Schicksal in der Figur des SS-Offiziers, eines Menschen auf der Sonnenseite des Lebens, eine Fügung bereit zu halten, wie sie sich im Traum nicht hätte vorstellen können. Ihr Schicksal ist tragisch, rührt an in seinem Zwiespalt: man weiß als Leser, daß es schlimm wird ausgehen wird (schließlich weiß man ja, wie der Krieg endete), würde dieser Frau aber die Erfüllung ihrer Liebe, denn es scheint Liebe zu sein zwischen ihr und Hellmuth) gönnen – aber diese Beziehung ist natürlich auch Verrat an den eigenen Leuten: ein SS-Offizier, der ihr ein materiell gutes Leben bietet, während die Landsleute hungern und verfolgt werden. Und den sie selbst wiederum belügt, indem sie sich von Roland als Helferin anwerben läßt….


Oksanens Figuren sind tragische Helden, die zum Scheitern verurteilt sind. Es gibt keine Gewinner und selbst Edgar, der wie eine Katze immer auf die Pfoten zu fallen scheint, ist nicht wirklich ein Gewinner, allenfalls einer Überlebender. Zu sehr muss er sich jeweils anpassen, das Geheimnis seiner Seele, der Grund, aus dem er Juudit nie anrührte, Oksanen deutet dies nur ganz am Rande und doch in einem zentralen, folgenschweren Ereignis an: er lebt es nicht, muss es verbergen… auch hier: Mitwisser, die ihm gefährlich werden können, müssen beseitigt werden.

So ist das Buch atmosphärisch dicht, düster, tragisch, die Sprache dieser Stimmung angepasst. Durch die eingestreuten „Zitate“ aus dem Buch, das Edgar im Auftrag des „Kontors“ schreibt sowie durch Passagen, in denen historische Vorkomnisse geschildert werden,  macht der Text in Teilen einen fast dokumentarischen Eindruck. Sobald man sich als Leser in diesen Roman eingefunden hat – Oksanen erklärt wenig, vieles erschließt sich erst im Lauf der Handlung – entwickelt er einen starken Sog, bis er gegen Ende so fesselnd wird wie ein Thriller. Ein großes Leseerlebnis!

Links und Anmerkungen:

[1] Sofi Oksanen: Website der Autorin: http://www.sofioksanen.com/biography/
– Wiki-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Sofi_Oksanen
[2] Sofi Oksanen: Fegefeuer; https://radiergummi.wordpress.com/2010/11/29/….
[3] vgl. Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Baltische_Staaten
[4] Geschichte Estlands: im Überblick: http://www.uni-koblenz.de/ist/ewis/eelkgesch.html
– ausführlicher in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Estlands
– Vernichtungsbataillone http://books.google.de/….
– Werner Pfeiffer: Völkermord im weißen Winkel Europas; http://jungefreiheit.de/service/archiv/…..
– Widerstand gegen die Russen („Sommerkrieg“): http://books.google.de/books?….
– Märzdepotationen http://de.wikipedia.org/wiki/Märzdeportationen_1949…
– judenverfolgung: http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.431.html
[5] Finnland. Cool. – Unser Ehrengast 2014 http://www.buchmesse.de/de/ehrengast/

[B]ildquellen: Übersichtskarte: Wiki-Beitrag zu Estland: http://de.wikipedia.org/wiki/Estland; By Original uploaded by Tzzzpfff (Transferred by Terfili) (Original uploaded on de.wikipedia) [Public domain], via Wikimedia Commons


Als die Tauben verschwanden
Übersetzt aus dem Finnischen von Angela Plöger
Originalausgabe: Kun kyyhkyset katosivat, Helsinki 201??
diese Ausgabe (als unkorrigiertes Leseexemplar): Kiepenheuer & Witsch, HC, 432 S., 2014

Ich möchte dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars danken.

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3 Responses to “Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden”


  1. Verehrter flattersatz,

    danke für deine wunderbare Besprechung, die mir das Buch und das Leseerlebnis ganz nah herangebracht hat. Fragen haben sich aufgelöst und ich weiß nun, was auf mich zukommt. Ich hatte das Buch schon oft in den Händen, war mir recht unschlüssig, ob ich es lesen möchte. Jetzt weiß ich, dass ich es lesen werde, aber dafür den richtigen Zeitpunkt abwarten möchte.

    Sei lieb gegrüßt,
    Klappentexterin

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    • flattersatz Says:

      liebe klappentexterin, wie schön, nach so langer zeit deine spur mal wieder auf meinem blog zu finden. der richtige zeitpunkt.. ja, oksanen ist niemand, der schreibt, um aufzuheitern, der inhalt des buches ist eher traurig und trüb…. aber sie versteht es eben auch, zu fesseln, die abgründe zu zeigen und zu beleuchten….
      ich wünsche dir den richtigen zeitpunkt und dann ein gutes und lohnendes leseerlebnis!
      dir auch ganz liebe grüße
      fs

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  2. […] so fesselnd wird wie ein Thriller. Ein großes Leseerlebnis! Die ausführliche Rezension findet ihr hier bei flattersatz auf seinem Blog […]

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