Anonymus: Schwester Monika

30. Juli 2014

Schwester Monika als Titel für ein Buch erinnert mehr an Geriatrisches und richtig – man wird, so man die Suchmaschinen konsultiert, auch in dieser Hinsicht fündig, sowohl bei realen Pflegediensten als auch literarisch im Fach „Krankenschwester und Humor“. Doch unsere Titelheldin Schwester Monika ist keineswegs Krankenschwester, sondern lebt im Kloster und erzählt dort im Kreis ihrer Freundinnen ihre Lebensgeschichte, und zwar den Teil, der sich auf die körperlichen Freuden bezieht. Im übrigen, so seltsam sich das anhören mag, lebt sie bewusst genau aus diesem Grund in einem Kloster: dem in einer Ehe auf jeden Fall zu erwartenden Niedergang pikanter Freuden (allein durch die gegenseitige Gewöhnung und die dadurch eintretende Ermattung der Glieder) zu entgehen und sich statt dessen ungestört den Freuden, die sie sich mit Hilfe ihrer Finger und anderer Freudenspender gönnen kann, widmen zu können, war der Grund für sie, in diesen vorgeblich der Tugend und der Frömmigkeit geweihten Ort zu gehen.

Der Roman im Stil der französischen galanten Literatur dieser Zeit hat – wie so manches Werk dieses Genres – seine eigene Geschichte. Ursprünglich wurde das Buch E.T.A. Hoffmann als Verfasser zugeschrieben, noch 1971 wurde er in der Heyne-Taschenbuchreihe „Exquisit Bücher“ mit diesem als Autor herausgegeben; das Büchlein ist antiquarisch für wenig Geld noch leicht zu finden, während ältere Ausgaben dagegen  ihren Preis haben [3]. Diese Zuschreibung der Autorenschaft ist mittlerweile wohl obsolet, sie erfolgte seinerzeit aufgrund angenommener stilistischer Ähnlichkeiten dieses Romans mit anderen Werken Hoffmanns.

Die sechs Bände der "Bibliotheca Erotica" des Aufbau-Verlags

Die sechs Bände der „Bibliotheca Erotica“ des Aufbau-Verlags

Die Ausgabe, der ich hier folge, wurde 2008 im Aufbau-Verlag Berlin im Rahmen einer sehr schönen Reihe „bibliotheca erotica“ aufgelegt. Die Bücher sind „schlicht“ eingebunden, mit einer kleinen Banderole versehen, die ich als Lesezeichen verwende. Der Clou des Einbands ist fotografisch nicht festzuhalten: er ist irisierend und wechselt je nach Lichteinfall die Farbe. Das Bändchen mit Monika ist das quergestellte, seine Farbpalette reicht von einem schönen Blau bis hinüber in ein leuchtendes Violett. Da der Einband leicht flexibel ist, verlaufen diese Farben ineinander und erwecken den Eindruck von „Bewegung“. Das ist wirklich sehr hübsch gemacht. Bebildert ist die Ausgabe mit einigen alten erotischen Stichen von Antoine Borel und Francois-Rolland Elluin, eine Bildersuche vermittelt einen schönen Eindruck welcher Art die Stiche sind. (Der hier in der Besprechung zur Auflockerung des Textes eingefügte ist allerdings nicht dem Buch entnommen)

Flagellantismus--Szene vor einem Kloster Quelle: unbekannt

Flagellantismus–Szene vor einem Kloster
Quelle: unbekannt

Die Tugend bedarf keiner Scham, und Schamhaftigkeit ist
nichts als der letzte aufgehobene Schleier der Schönheit
.

In der Rahmenhandlung erzählt Schwester Monika ihren Freundinnen die Geschichte ihres Lebens, beginnend bei ihren Eltern, der Mutter Louise von Willnau und des Obersten August von Halden. Letzter eigentlich ein Weiberhasser, der aber – als er unvermutet Louise mit ihren Freundinnen bei ihren pikanten Spielchen überrascht, hingerissen ist von deren kallipygischen Reizen, die er alsbald durch Hiebe zu röten weiß, was beiden so zusagt, daß er und Louise heiraten. Die Heirat bedeutet nicht auch eheliche Treue, der Oberst erlaubt seiner Frau gegen eine geringe Gegenleistung, ihre Bedürfnisse auch außerhalb zu stillen. Die Gegenleistung betrifft – nun ja, den …Hintern. Nimm dich also in Acht! Denn jedesmal, wenn ich dich in offenbarer Tat erwische, soll dieser Teil dafür büßen. Die zweite Bedingung, die der Oberst stellt, ist dagegen bei weitem nicht so harmlos, soll die Gattin doch ihm: … von allen, die dich genießen werden, die Vorhaut bringen. – „Ha!“ schrie meine Mutter und legte ihre Lenden aufeinander: „Du Mann ohnegleichen! Ich will deiner würdig zu werden streben! Der Leutnant sei das erste Opfer, dir gebracht!“ Gesagt, getan, geflüchtet… fürchtet man letztlich dann doch die Wut des im Opiumrausch zum Hebräer gemachten….

Man floh zur Tante, dort wurde beschlossen, der jungen Titelheldin im Pensionat Madame Chaudelüzes eine strenge Erziehung angedeihen zu lassen. In dieser Schule findet unsere Monika viele Freundinnen u.a. auch lernt sie einen jungen Mann kennen, der sich wie eine junge Frau kleidet und gibt. Auch er kann mit einer eigenen, pikanten Geschichte aufwarten, deren wir in der Folge zuhören. In dieser Episode spielen Aurelia und Lucilie eine Rolle, die im Sinne einer „philosophischen Therese“ über Recht und Sitten disputieren:

Niemand – meine Liebe, hat ein Recht, mir das zu entziehen, was die gütige Natur und ihr Schöpfer mir verliehen haben, niemand ein Recht, mir Gesetze vorzuschreiben, wo meine natürliche Willensfreiheit nicht die eines anderen Individuums beeinträchtigt, und was die Sittlichkeit mir nicht selbst diktiert und die Liebe als verwerflich erscheinen läßt, davon überzeugt mich kein Gesetz.

Richter des Herzens und der Sinne, der Taten und des Lebens erheben sich zwar unter und über den Menschen wie wütende Stürme und Gewitter, Pest und Krieg über den Kreis der Erde, zu ihrer Strafe, zu ihrem endlichen Erwachen. Kein Gesetz aber kann mir aufgeben, das subjektivisch zu ehren, was objektivisch die Gewalt hat, mir zu schaden oder mich zu demütigen. ›Wer bist du, der du dich unterstehst, deinesgleichen oder andere zu richten, ihnen die höchste und reinste Objektivität dessen, was da richtet, vor die Augen zu stellen?‹ Diese Frage, liebe Lucilie, erstreckt sich über alles, was dem Menschen imputiert oder zugerechnet werden kann.

Abgeschlossen wird der Roman durch einen Brief, den Monika ihren Freundinnen vorliest. Verfasserin ist das ehemalige Kammermädchen Louises, das Auskunft gibt über das Schicksal der Eltern, insbesondere der Mutter, die nach dem Tod des Obersten den Grafen von H. ehelichte und diesen, den der Schlag dahinraffte, beerbte. Was nicht hieß, daß ihr Leben jetzt ruhiger verlief, hefteten sich doch vier liebestolle Studenten an ihre Fersen….

************

Der Verfasser dieses Romanfragments (das Ende ist recht abrupt, eine Weiterführung der Handlung war wohl vorgesehen) ist  unbekannt, es sollte aber ein gebildeter Autor gewesen sein. Der Text verweist häufig auf Literaturstellen, zitiert viel, auch in anderen Sprachen wie Latein und Französisch, viele klassische Autoren und Dichter sind derart angeführt (und im Anhang übersetzt). So ist auch die gesamte Sprache weder derb noch vulgär, Formulierungen wie *“… fiel mit einer Wut über sie her wie ehedem Ezzelin über Bianca Della Porta. …“* [4] deuten darauf hin, daß mit diesem Erotikon das *gehobene* Publikum angesprochen werden sollte, das den entsprechenden Bildungshintergrund hatte. Sowieso galt die erotische Literatur ja eher für das einfache Volk als gefährlich. Um sich diese „Bückliteratur“ [5], die häufig nur in kleiner Auflage, oft sogar bibliophil, erschien, leisten zu können, musste man auch die entsprechenden Mittel haben und war per def. sittlich also derart gereift sein, daß einem solches nicht gefährten konnte. Wurde dieser Handel mit Erotika also diskret gehandhabt, gab es keinen Ärger mit der öffentlichen Ordnungsmacht, die meist erst einschritt, wenn Aufsehen erregt wurde oder zu befürchten war…

Liebe durch Hiebe – Hiebe um Liebe

… das Erotische… obschon die Begrifflichkeiten damals noch nicht vorhanden waren, war es die empfundene Lust daran schon: am Schlagen und Geschlagen werden, masochistische und auch sadistische Freuden am anderen. Von der bloßen Hand bis zum Gebrauch der gräßlichen Rute wird das verführerische Halbrund gerötet, ja, es fließt auch Blut aus den Striemen und mancher Schmerz geht über die Lust daran hinaus. Erstaunlicherweise gibt es auch Szenen, in denen die Frau ihren allzu gewalttätigen Galan, der ihr Schmerzen zufügt, erfolgreich zurückweist, ihm also nicht willenlos ausgeliefert ist. Das Schlagen (aber auch das Kosen) des Hinterteils der Damen wird deutlich erleichtert durch die Tatsache, daß seinerzeit das Tragen von Unterhosen noch nicht allgemein verbreitet war. Muss der „O“ in späteren Jahren explizit verboten werden, Unterwäsche zu tragen, damit der hochgeschürzte Rock den Zugang leicht ermöglicht, war dies zur Zeit, in der der Roman spielt, Alltag: ein Anheben oder Raffen von Rock und Unterrock führte sofort zum Ziel der Begierde….

Erotische Bücher hatten zu diesen Zeiten immer auch revolutionäres Potential. Schon ihre bloße Existenz war ein Angriff auf die öffentliche Ordnung, da der Autor entsprechende Verbote missachtete. Szenen und Handlungen beinhalteten oft Angriffe auf Institutionen, nicht umsonst spielen Nonnen und Mönche eine große Rolle in solchen Erotika, zölibatäres Leben dagegen weniger. So gibt es bei *Schwester Monika* ebenfalls eine Episode, in denen Mönche unter einer starken temporären Enthaltsamkeitsamnesie leiden…. Im schrankenlosen Sex verliert die äußere Ordnung und damit der Hüter derselben die Kontrolle und damit ihre Macht, sie muss dies als Angriff auf sich selbst empfinden – nicht ohne Grund verbrachte der Marquis lange Jahre in der Bastille….

Auch in *Schwester Monika* finden sich, vor allem in dem Abschnitt, in dem Aurelia und Lucilie unter sich sind, solche philosophischen Äußerungen, von denen ich ja eine oben zitiert habe, auch schon die gegenseitige Duldung des Bruchs der Ehe bei Monikas Eltern greift die öffentliche Ordnung an. So sei zum Abschluss dieses meinen Textes noch ein Zitat aus Aurelias süßem Mund gebracht, gesprochen zu Lucilie, daß in gewissem Sinne das Erotische die Verlockung ist, das Anfüttern des Lesers, der sich dann unvermittelt einem philosophischem Erguss gegenüber sieht:

… Zwar erhebt sich dieser Mensch durch seine Vernunft über die Tiere, aber seinem Charakter und seine Selbständigkeit muss er noch immer unter den Tieren suchen.
Und darum, liebe Lucilie, stehen auch wir auf dem Punkt, wo uns die Männer gern stehen sehen. Wir wollen ihnen die kleine Freude gönnen! Ihre Herrschaft sei wie bisher die Erde, wir durchfliegen die Räume der Himmel und zurück bleibt der träge Erdenkloß trotz aller seiner Inspiration.

Links und Anmerkungen:

[1] Anonym: Schwester Monika, bei zeno.orghttp://www.zeno.org/Literatur/M/Anonym/Romane/Schwester+Monika
[2] entfällt
[3] z.B. – E.T.A. Hoffmann: Schwester Monika erzählt und erfährt. Eine erotisch-psychisch-physisch-philanthropinische Urkunde des säkularisierten Klosters X. in S…, neu herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Gustav Gugitz. Wien, Rudolf Ludwig, (1910), Privatdruck
– E.T.A. Hoffmann: Schwester Monika: https://erotischebuecher.files.wordpress.com/2014/07/monika-hofmann.jpg
[4] hier bin ich nur mit einer Textstelle über google-books fündig geworden (hier klicken)
[5] „Bückliteratur“: nicht weil sich viele der Protagonisten in den Bücher häufig bücken mussten, sondern weil der Buchhändler diese Werke nicht offen, sondern unter dem Ladentisch verwahrte und dort aus verkaufte….

mehr erotische Literatur auf meinem Themenblog: http://erotischebuecher.wordpress.com

Anonym
Schwester Monika
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Hansjürgen Blinn
Erstdruck: Posen (Kühn) 1815
Diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 140 S., 2009

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One Response to “Anonymus: Schwester Monika”

  1. Don Silver Says:

    Das klingt nach wunderbarer heimlicher Erotikliteratur aus der Romantik und du hast mir echt Appetit darauf gemacht. Ich werde es gleich suchen. Dankeschön.

    Gefällt mir


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