Elias Canetti: Das Buch gegen den Tod

Heute habe ich beschlossen, meine Gedanken gegen den Tod so aufzuzeichnen, wie sie mir durch Zufall kommen, ohne jeden Zusammenhang und ohne sie einem tyrannischen Plan zu unterwerfen.
(15. Februar 1942)

Canetti, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1981, und der Tod: das ist ein Thema, mit dem Canetti sein Leben lang zu kämpfen hatte. Der Tod ist für ihn der Urfehler der Schöpfung, er gehört daher geschmäht, gebannt, gar aufgehoben [1]. Ein geplantes Werk zum Thema „Tod“ kam jedoch zu Lebzeiten des Autors nicht zustande, jahrzehntelange Sammeltätigkeit von Äußerungen, Notizen, Zitaten, Gedanken etc haben jedoch zu einem umfangreichen Fundes im Nachlass Canettis geführt. Diesen zu sichten und jetzt als quasi Materialsammlung zur Verfügung zu stellen hat der Hausverlag Canettis, Hanser, unternommen. Das Ergebnis ist das vorliegende „Buch gegen den Tod

Elias Canetti – und es ist sinnvoll, sich in diesem Zusammenhang seiner Biographie noch einmal zu nähern – hat früh mit dem Tod Bekanntschaft gemacht [2]. Er wurde 1905 in Rustschuk (heute: Russe), einer bulgarischen Hafenstadt an der Donau als Kind recht wohlhabender sephardischer Juden geboren (ein „Spaniole“). Er war ein reiner Vatersohn, mit diesem verband ihn unstillbare Liebe, während das Verhältnis zur Mutter gespalten war. In den späteren Jahren als älteres Kind schwankte es zwischen Feindschaft, Krieg, Eifersucht und Liebe hin und her. Canetti kam aus Kinderdummheit selbst früh in große Gefahr zu sterben: wahrscheinlich aus einem kindlichen Rachegefühl heraus wurde er von einer Cousine, die er zuvor selbst aus´s Blut gereizt hatte, indem er mit der Axt hinter ihr her lief: Ich bring dich um! (weil diese ihm nicht ihre Schulhefte mit den Buchstaben zeigte…) in einen Kessel mit heißem Wasser gestoßen. Er starb fast an den Verbrühungen, die Ärzte konnten ihm nicht helfen. Er rief die ganze Zeit nach seinem Vater, der auf Geschäftsreise war. Wie durch ein Wunder genas er tatsächlich, nachdem der Vater in größter Hast nach Hause geeilt war.

Schon die erste Erinnerung, deren Canetti habhaft blieb, ist von erschreckender Grausamkeit: ein Mann mit einem Messer, der den Knaben aufforderte, die Zunge herauszustrecken, der das Messer auf die Zunge setzt sie abzuschneiden und dann den Stahl wieder einpackt, nein, nicht heute, aber morgen…. wohl keine Einbildung, sondern der temporäre und heimliche Freund des damaligen Kindermädchens…

Der Vater starb, als Elias sieben Jahre alt war. Er, der Siebenjährige, war jetzt der älteste „Mann“ im Haus, neben der Mutter gab es noch zwei Brüder. Die Mutter nannte ihn jetzt ihren ältesten Sohn, er wurde damit in die Verantwortung genommen und sah sich auch in dieser Rolle, glücklich war er, wenn er die Funktion des Vaters als (Gesprächs)partner für die Mutter übernehmen konnte, eine geradezu pathologische Eifersucht packte ihn, wenn er mitbekam, daß andere Männer sich um seine Mutter bemühten…

Weitere frühe Begegnungen mit dem Tod: der Unternachbar in der Wiener Wohnung (es gab viele Umzüge in der Familie Canetti) verstarb, als der Knabe noch jung war, in dieser Zeit kam er auch oft mit dem Kindermädchen zusammen an der Stelle – gekennzeichnet durch einen dunklen Fleck auf dem Fussweg – vorbei, an der sich ein junger Mann zu Tode gestürzt hatte….

So sah sich der junge Elias Canetti in eine Lebenssituation gestellt, die man keinem Kind wünschen sollte: der geliebte Vater gestorben, völlig unerwartet, mit der ungeliebten Mutter muss er jetzt auskommen, gleichzeitig war er derjenige, der für die Mutter (zumindest in Teilen) die Funktion des Vaters übernehmen musste. Und last not least war er der „große“ Sohn – als Siebenjähriger. Kein Wunder, daß Canetti den Tod hasste. (btw: Canetti muss – den eigenen Aufzeichnungen nach – ein extrem anstrengendes Kind gewesen sein…)

Später im Leben: zu Beginn der Judenverfolgung lebte Canetti mit seiner Frau noch in Wien, nur knapp entkamen die beiden. Im Bericht der Frau [4] erscheint Canetti nicht anders als viele, die meisten der damaligen Verfolgten: Schockstarre, sie wussten nicht, was ihnen geschah. Wenige Jahre nach dieser Flucht setzen die Aufzeichnungen Canettis, das tägliche Spitzen der Bleistifte zum Thema ein… Reaktion auf diese fundamentale Erschütterung des Lebens und das eigene rätselhafte Verhalten?


Ich will meine Gedanken zur Verteidigung des Menschen vor dem Tod fassen.

Der Tod also. Dessen Unvermeidlichkeit Canetti ebenso kennt wie jeder andere, was er dagegen bekämpft, ist die Akzeptanz, das klaglose Hinnehmen des Todes: Wie wenig echten Haß gibt es schon gegen den Tod in der überlieferten Literatur! Dieses wenige aber muss gefunden, gesammelt und konzentriert werden. Aus einer solchen Bibel gegen den Tod könnten viele Kraft schöpfen, wenn sie daran sind, zu erlahmen. ..“ [S. 124] Canetti ist mit dem Tod noch nicht fertig, in einer fiktiven Anrede an Kafka sagt er: Mein Prozeß ist mit dem Tod, er ist noch nicht zu Ende. [S. 125] …

Deine einzige Rechtfertigung ist dein unerschütterlicher Haß gegen den Tod.
Es ist jeder Tod, uns so prüfst du jeden. [84]

So ist diese Materialsammlung wohl auch zu sehen: ein Auf“munitionieren“ anhand von Sinnsprüchen, Aphorismen, Gedankensplittern, inneren Zwiesprachen, auch ethnographischem, Zitaten aus allen Quellen, die ihm im Lauf der vielen Jahren Sammlung begegneten. Die Herausgeber haben Canettis Sammlung chronologisch geordnet, umfasst den Zeitraum von 1942 bis 1994, über ein halbes Jahrhundert also. Beigefügt ist ihr ein ausführliches Nachwort eines der Herausgeber, das sich mit diesem Verhältnis Canettis zum Tod befasst.

Canetti selbst hat offensichtlich den logischen nächsten Schritt nach der Sammlung des Materials, den konzeptionellen Entwurf eines Buches, das daraus zu schaffen wäre, nicht gemacht. Erst spät tritt ein einziger Gedanke in dieser Richtung auf, die Notwendigkeit, sich selbst einen Gegenspieler zu schaffen, eine Figur, die ihm Paroli bieten kann: einen Verteidiger des Todes, den Todfreund. Er schafft ihn nicht, weder diesen Todfreund noch das Werk, die Menschen gegen den Tod aufzurütteln.


Eine chronologische Ordnung von Sätzen, manchmal kürzer als eine Zeile, von längeren Zitaten auch und von kleinen Ausarbeitungen. Kein Buch zum Lesen, eher eins zum Blättern, zur kurzzeitigen Kontemplation, erschlossen durch einen umfangreichen Index. Manche der Sätze scheinen, so wie sie da unvermittelt stehen, von Weisheit zu zeigen, manche lassen einen ratlos zurück…. Die Städte zerlegen sich mir, in ihre Schlachthäuser [S. 183] vs. Er kam als Ameisenkönigin wieder und gründete einen Staat [228]. Um die Sätze einordnen zu können, muss man wahrscheinlich ein Kenner von Canetti sein, seiner Psyche und seines Geistes. Als Außenstehendem bleibt einem viel Verborgen.

Canetti schreibt gegen die Akzeptanz des Todes an, das Schreiben selbst ist für ihn der Weg, dem Tod zu begegnen: Solange ich schreibe, fühle ich mich (absolut) sicher. Vielleicht schreibe ich nur deswegen [110], er weiß sich damit, wie im Nachwort ausgeführt wird, mit vielen anderen Schriftstellern einig.

….


Ich habe dieses Buch nach der positiven Kritik von Maar in der ZEIT [1] gekauft, das Thema „Tod…“ (wer öfter bei mir liest, weiß dies) ist ein Thema, das mich interessiert, ich habe Das Buch gegen den Tod aber nicht gelesen. Zum einen aus den erwähnten Gründen des Konzeptionellen: da ein roter Faden in dieser Materialsammlung fehlt, kann man das Buch nur aufschlagen, durchblättern und wo das Auge hängenbleibt, lesen – und dann darüber nachdenken, sinnieren. Oder auch nicht. Viele der Sätze sagen mir einfach nichts, wahrscheinlich, weil ich die Prämisse, den Tod als Feind anzusehen und ihm die Akzeptanz zu verweigern, selbst nicht teile. Für andere Bemerkungen fehlt mir der Zusammenhang.

Interessanter sind die Passagen, in denen Canetti etwas ausführlicher ist, so z.B. wenn er sich Kollegen befasst. Mit Frisch zum Beispiel, zu dem die Beziehung eher nicht so eng war und bei dessen Beerdigung er trotzdem gebeten worden war, einen Nachruf zu verfassen, es gibt Texte zu Kafka u.a.m. Hier läßt sich gut mit dem Index arbeiten.

Was mir das Buch persönlich „gebracht“ hat, war der Griff ins Regal zu den Kindheitserinnungen Canettis: fand sich hier eine Antwort auf sein verbissenes Anschreiben gegen den Tod? Es ist möglich, mir erscheint es plausibel, daß sich in diesen Kindheitserlebnissen, die mit größten Verlust und entsprechender Trauer und Angst begleitet waren und die – den Zeiten gemäß – eher beschwiegen als besprochen wurden, der Tod dann als Gegner herauskristallisierte. Den letzten Impuls gab dann vllt das massenhafte, völlig sinnlose, von schierer Verblendung, Dummheit und Hass in Gang gesetzte Töten eines ganzen, seines, Volkes – dem niemand Einhalt bot.

So bleibt letztlich bei mir eine gewissen Enttäuschung und Ratlosigkeit – und sicherlich der hin und wieder erfolgende Griff zum Buch, um darin zu blättern.

Links und Anmerkungen:

[1] – Martin Meyer: Herr Canetti und der Tod, NZZ 15.03.2014, http://www.nzz.ch/aktuell/.….
– Michael Maar: Elias Canetti – Trotzig für das Leben, DIE ZEIT 26/2014 vom 07.07.2014;  http://www.zeit.de/2014/26….
[2] Elias Canetti: Die gerettete Zunge – Geschichte einer Jugend, Hanser, 1977
[3] Dieter Borchmeyer: Es gibt einen Kummer, der nie vergeht …, Buchbesprechung Veza Canettis „Die Schildkröte“ in der ZEIT (22.04.1999):  http://www.zeit.de/1999/17/….

Elias Canetti
Das Buch gegen den Tod
Nachwort von Peter von Matt

diese Ausgabe: Hanser, HC, ca 350 S., 2014

Elias Canetti
Die gerettete Zunge

Geschichte einer Jugend
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 375 S., 1984

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6 Kommentare zu „Elias Canetti: Das Buch gegen den Tod

      1. Ich lese sehr gerne Canetti. Auch wenn dir nicht jeder „Lebensschnipsel“ Canettis etwas sagt, so muß das nicht auf mich zutreffen.
        Dafür sind wir doch zu individuel.
        Und du schreibst ja auch, dass die Rezessionen in der Zeit anders aussehen als deine.
        Ich arbeite seit einiger Zeit zum Thema „Vergänglichkeit“ und „Tod“, mich inspirieren gerade solche Ausschnitte und Bücher.
        Leider kostet das Buch noch 24,90 …. ich werde es mir denke ich, am Anfang des Monats kaufen.
        LG Susanne

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        1. liebe susanne, ich war doch nur erstaunt, weil es häufiger ist, daß auf „positive“ besprechungen hin ein buch gekauft wird, nicht so sehr, wenn vorbehalte geäußert werden. ich weiß auch, daß tod und vergänglichkeit im moment ein thema für dich sind, wir sind da ja vor kurzem schon einmal aufeinander getroffen. ich hoffe sehr, daß sich die ergebnisse dieser beschäftigung auch in deinem blog sichtbar niederschlagen, es ist ja auch oft genug mein thema….

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          1. Ich kann mir dein Erstaunen vorstellen :-)
            Ich habe den Kommentar auch etwas „lapidar“ geschrieben – ich hätte ja gleich meine Ausführungen dazu in Worte fassen können.
            Ich bekam jedoch Besuch und es reichte nur noch für die eine Zeile :-)
            Einen schönen Tag dir

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