Anne von Canal: Der Grund

8. Juli 2014

Giftgrün kommt er daher, der Erstling von Anne von Canal, eine Farbe, die irritiert und in wahrsten Sinn des Wortes erst einmal in die Irre führt, denn der Prolog des Buches führt uns keineswegs in den Wald oder auf eine Wiese, sondern auf das Meer: das Protokoll eines Funkgesprächs zwischen einem Schiff, das offensichtlich in immer bedrängender Seenot ist mit einem anderen Schiff in der Nähe des Unglücksortes.

Aber für über achthundertfünfzig Passagieren
und ihre Familien an Land kam jede Hilfe zu spät.

Spätestens an dieser Stelle weiß man, um welche Katastrophe von Canal ihre Geschichte  kreisen läßt bzw., wenn man aus der Rückschau des gelesenen Buches urteilt, welches Unglück das letzte (?) ist in der Reihe derjenigen, die den Protagonisten immer wieder aus der Bahn seines Lebens geworfen haben.

Screenshot der Verlagsseite von Canal: Der Grund

Screenshot der Verlagsseite
von Canal: Der Grund

So spielt der Roman folgerichtig auch nicht ausschließlich auf dem Meer, es ist kein ausgesprochenes Seefahrerbuch, auch wenn es uns im Anfangskapitel mit Lawrence Alexander einen innerlich offensichtlich gebrochenen Mann vorstellt, der als Pianist auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitet. Es ist ein Job, mit dem er sich eher abgefunden hat, arrangiert hat, es ist ein Job, bei dem er keine großen Kontakte zu Menschen eingehen muss, da nach definierten Zeiten die alten Passagiere gehen und neue kommen… Bindungen scheinen ihm ein Gräuel, aus Venedig ist er geradezu auf dieses Schiff geflohen, als ihm seine Freundin sagte, sie erwarte ein Baby von ihm…..

Lawrence schläft schlecht, manchmal hilft ein Whiskey, Träume suchen ihn heim, Erinnerungen, auch wenn er sie auslöschen will…. ein Tag vergeht wie der nächste, nichts hilft ihm, auch gelegentlicher Sex widert ihn mehr an als daß er ihn geniessen kann. Gelähmt, im wahrsten Sinn des Wortes, bewegungs- und handlungsunfähig sitzt er an seinem Klavier, selbst wenn Not ist und er helfen könnte, müsste: er kann nicht handeln, ist unfähig dazu.


Lawrence Alexander wurde in Schweden als Victor Alexander Laurentius Simonsen, genannt Laurits geboren. Er gehörte zu den Oberklassenfuzzis, der Vater war ein erfolgreicher Mediziner, machte seinem Vornamen Magnus alles Ehre, die musisch veranlagte Mutter bewegte sich sicher auf dem gesellschaftlichen Bankett von Empfängen und Wohltätigkeitsveranstaltungen. Die Erziehung von Laurits war standesgemäß, das Binden von Krawattenknoten lernte er zugleich mit dem von Schnürsenkeln. Von Liebe und Zuneigung geprägt war die Kindheit nicht, insbesondere der Vater war ein Mensch, der wusste, was für seine Mitmenschen gut war und der dies auch zu realisieren verstand. Insofern war er über seinen Sproß nicht allzu glücklich, kam dieser doch mit einer musischen Ader eher auf die Mutter. Laurits liebte es, mit seiner Mutter am Klavier zu sitzen und zu spielen, die Aussicht auf eine Klavierlehrerin schreckt ihn. Jedoch sollte er in Fräulein Andersson genau die Person finden, die ihn mit natürlicher Autorität und Souveränität in den nächsten Jahren erzog.

Das Alter Ego von Laurits war Pelle, der Jugendfreund aus dem „normalen“ Leben, der ihn durch ihre Freundschaft erdete. Pelle war unerschrocken, frech, vorwitzig, konnte die Menschen für sich einnehmen, hinterfragte. Ihm verdankte es Laurits, daß das unantastbare Denkmal Vater Sprünge bekam: nach nur zwei heimlichen Besuchen hatte Pelle doch das „Auge Stalins“ als Lüge enttarnt. „Das Auge Stalins“: Der Vater, ein Augenarzt, hatte in seinem Arbeitszimmer eine Glas mit einem konservierten Augapfel stehen, seiner Behauptung nach ein Auge Stalins. Welches im häuslichen Alltag die Überwachungsfunktion für seinen Sohn darstelle: es sieht alles. Schwarze Pädagogik nennt man das wohl…..

Laurits ist ein begabter Klavierschüler, er lernt schnell, er lernt gut, eine Karriere als Konzertpianist erscheint möglich. Konzertpianist: der Vater hat andere Pläne, natürlich, Arzt, das ist es, was er sich für seinen Sohn vorgesehen hat. Doch erstaunlicherweise kann Laurits mit seinem Vater einen Deal aushandeln: er darf zur Aufnahmeprüfung an das Konservatorium gehen, doch wenn er die nicht besteht, wird er sich für das Fach Medizin immatrikulieren. ….

Wir sind in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, Flower Power und Hippietum schwappen auch nach Schweden, Pelle, der Jugendfreund, vertraut sich dieser Welle an und läßt sich durch die Welt treiben. Mit Rucksack und ohne Heimweh reist er von Ort zu Ort. Es ist auch eine symbolische Trennung der beiden Freunde: betrachtet man Pelle als alter ego von Laurits, so verabschiedet sich dies nun, Laurits geht die durch den Vater vorgezeichnete Bahn…

Es sollten die glücklichsten Jahre von Laurits werden. Auf einem der vielen Feiern mit Kommilitonen an der Küste lernt er Silja kennen, Tochter eines im Kriegs aus Estland nach Schweden geflohenen Paares. Sie verlieben sich ineinander, sie heiraten, Liis, die Tochter, ist ein wunderbares Mädchen und Laurits selbst wird ein guter Arzt. Eine kleine Eigenmächtigkeit gegen den Vater konnte er jetzt doch noch durchsetzen: er ist Gynäkologe geworden anstatt wie gewünscht Chirurg.

Ein – ohne daß er es weiß – fragiles Glück…. auf der Feier zum 10jährigen Hochzeitstag (wird der in Schweden gefeiert?) erfährt Laurits durch eine Unachtsamkeit, eine kleine Unaufmerksamkeit die Wahrheit (die ich jetzt hier nicht verraten will), die sein gesamtes bisheriges Leben in sich zusammenfallen läßt…..

Laurits bricht mit seinen Eltern, zieht mit der Familie zieht nach Estland, zu den Schwiegereltern, die nach dem Fall der UdSSR und der zurückgewonenen Selbstständigkeit der baltischen Staaten wieder zurück in die Heimat gegangen sind. Doch der Einladung zum 60. Geburtstag der geliebten Omama will zumindest die jetzt 12jährige Liis, mittlerweile eine selbstbewusste junge Dame, unbedingt folgen und so bringt Laurits, der beruflich an diesen Tagen unabkömmlich ist, die Tochter zur Fähre, zum ersten Mal darf sie alleine, ohne die Eltern, reisen…


„Am Grund“ ist ein spröder Roman, ein den Leser wenig einhüllender Text. Vielleicht entspricht er damit der Distanziertheit und äußeren Sprödigkeit, die man Skandinavien nachsagt…. er hat mit Laurits eine tragische Gestalt als Hauptfigur: als Kind steht er unter dem Kuratel eines übermächtigen Vaters, der ihm kaum Freiraum läßt, sich den eigenen Neigungen gemäß zu entwickeln. Das entscheidende Wort hat immer der Vater, der keinen neben sich duldet, so daß auch das Selbstbewusstsein von Laurits auf schwachen Füßen steht. Dort, wo er sich sicher fühlt, in der Musik, am Flügel, wo er sich gehen lassen kann, aufgehen kann in dem, was er macht, dort weiß er, daß dies vom Vater nur geduldet ist, kaum anzunehmen, daß dieser die Karrieren einen Tastenklimperers für seinen Sohn akzeptieren wird. Und doch scheint Laurits diese Chance zu haben…. und er versaut sie.

…. und genau in dem Augenblick, in dem man sich als Leser damit abgefunden hat, daß Laurits eben kein Musiker geworden ist, sondern ein erfolgreicher Arzt, der mit seiner Familie glücklich ist, daß also aus dem Schlechten Gutes geworden ist, genau in diesem Moment zerschlägt von Canal die tönernden Füße des Lauritsschen Lebens. Es ist dies der Moment, in dem das jahrelang Verdrängte, mit keinem Wort wieder Erwähnte mit der Macht einer Sturmwoge aus ihm hervorbricht. Alle inneren Dämme, mit denen er diese die vergangenen Jahre zurückgehalten hat, brechen, Laurits steht von einem Moment zum anderen im falschen Leben, es ist nicht sein Leben, das er diese Jahre gelebt hat, es ist das Leben, das sein Vater ihm bestimmt hat und in das seine Mutter ihn verraten hat.

Es ist eine schwere Krise, die er jetzt durchlebt, seine Beziehung auch zu Silja, seiner Frau, die völlig überrascht ist von dieser Situation, von der sie nicht das geringste ahnte, wird arg strapaziert. Und doch – jetzt, wo er die Wahrheit weiß, wo er authentisch werden und sein kann, bekommt er nach einer Krise die Kurve nach einmal (auch wenn er damit seiner Tochter – wie weiland sein Vater ihm – ein bestimmtes Schicksal aufzwingt) und baut sich und der Familie eine neue Existenz auf, er fühlt, daß er zu Hause ist.


59° 22´9´ N, 21° 40` 9` O

Wie oft erträgt man es, daß das eigene Leben zerschlagen wird? Laurits ist kein Kämpfer, seine Resilienz nicht sonderlich ausgeprägt. So wie er seinerzeit nicht für seine Pianistenkarriere gekämpft hat, so wie er sich nie gegen seinen Vater aufgelehnt hat (dasjenige in ihm, das hätte rebellisch werden können, der Pelle in ihm, hat sich ja verabschiedet), kämpft er auch jetzt nicht – im Gegensatz zu seiner Frau, die sich abarbeitet an ihrer Trauer, die ihre Trauer umsetzen will in etwas, an das sie sich halten kann.

Laurits zerbricht so wie die Liebe an der unterschiedlichen Art, mit dem Verlust umzugehen, zerbricht. Er flieht, er erkrankt an seiner Trauer und hält sich über Wasser, in dem er sich an das klammert, was ihm wirklich wichtig ist, was jetzt noch sein Inneres berühren kann… er wird zum Mann am Klavier, kein Konzertpianist, sondern derjenige, der in der Bar spielt, um die Menschen zu unterhalten, zu animieren, sie für ein paar Augenblicke in Träume zu entführen – oder auch nur, um den Hintergrund abzugeben für Werbungen, Annäherungen und anderes… es reicht ihm, zu mehr ist er nicht mehr fähig, auch das Selbstmitleid lähmt ihn…

von Canal schickt ihren Protagonisten auf diese Kreuzfahrttour, die bei guten Wetterbedingungen in Vendig ihren Anfang nimmt und die später bei Sturm und Wellenschlag in der Biskaya auch ein Symbol ist für den Innenzustand unseres tragischen Helden, dem zuviel an früher erinnert, als daß er alles unterdrücken könnte…. ist die letzte Szene des Romans, in der sich Laurits zum ersten Mal dem Tod Liis stellt, für ihn ein Tor, durch das er gehen kann, um mit diesem Tod zu leben?


Die Handlung des Buches spielt auf verschiedenen Zeitebenen, die immer wieder wechseln. Anfang, Mitte der sechziger Jahre ist es der kleine Laurits, der mit Pelle herumtobt und Klavierunterricht erhält, Mitte der Siebziger sehen wir ihn bei der Aufnahmeprüfung für das Konservatorium während Pelle anfängt, sich die Welt anzuschauen, 1992 ist die Jubiläumhochzeitsfeier und der Umzug nach Estland. Die Jetztzeit schließlich, von der aus die Autorin ihre Handlung aus umbaut, ist im Jahr 2005 angesiedelt. Zwischen diesem Zeitebenen wechselt von Canal häufig, in Rückblenden blättert sie das Leben Lauritz´ vor uns auf, schaltet hin und her… dadurch entsteht kein ruhiger Lesefluss, weil man als Leser auch innerlich immer wieder umschalten muss, um sich wieder auf die jeweiligen Zeitebene zu begeben.

Langsam fügt sich im Verlauf des Romans eins zum anderen, entsteht aus den diversen Zeitaufnahmen ein Gesamtbild von Lawrence Alexander. Der Grund ist, betrachtet man ihn, den Barpianisten, ein Buch über die Trauer, den unermesslichen Verlust eines Kindes, die Beinahe-Unmöglichkeit, dies in das eigene Leben, das fortdauert und gelebt werden muss, einzubinden. So wie die Angst die Seele auffrisst, so vertilgt die Trauer, die unterschiedliche Art der Trauer die Liebe zwischen zwei Menschen, ein weiterer Verlust mit eigener Trauergeschichte, auch wenn dies subjektiv vielleicht so garnicht wahrgenommen wird, weil dieser Verlust gegen den anderen nicht zu wiegen scheint.


Ich habe das Buch meiner Buchhändlerin, die es mir als Leseexemplar zur Verfügung gestellt hatte, zurückgegeben und musste auf die Frage, ob es mir gefallen hätte, antworten, ich wüsste es noch nicht…  und ich weiß es immer noch nicht. Ich bin nicht so recht warm geworden mit dem Roman, mit der Figur des Laurits, schon dieses aggressive Grün des Schutzumschlags war mir zu kalt, die Sprache von Canals zu spröde, das sprunghafte Wechseln der Zeitebenen zu häufig und abrupt. Aber das sind subjektive Eindrücke, jeder Leser mag dies unterschiedlich empfinden, denn auf der anderen Seite hat der Roman durchaus Spannung, von Canal versteht es auch, falsche Spuren auszulegen, die sie dann wieder auflöst bis sie schlussendlich ihre Geschichte erzählt hat und alle Puzzlesteine ein Bild ergeben.

Wiki-Beitrag zum Untergang der Estonia: http://de.wikipedia.org/wiki/Estonia_(Schiff,_1980)

Anne von Canal
Der Grund
diese Ausgabe: mare-Verlag, HC, 272 S., 2014

Advertisements

8 Responses to “Anne von Canal: Der Grund”

  1. Mariki Says:

    Ich hab es gestern bekommen. Bin mal gespannt …

    Gefällt mir

  2. Bibliophilin Says:

    ich möchte mich sehr gerne deinem fazit anschließen

    Gefällt mir


  3. […] Flattersatz hat eine sehr ausführliche Rezension zum Buch geschrieben und ich möchte mich gerne seinem Fazit anschließen. Denn auch ich weiß es nicht, ob mir das Buch gefallen hat. Eines weiß ich aber – ich freue mich, dem Buch eine, ja zwei Chancen gegeben zu haben, denn die Stunden, die ich mit dem Buch verbracht habe, möchte ich nicht missen. […]

    Gefällt mir


  4. […] Schöner Denken, Leseschatz, Feiner reiner Buchstoff oder die etwas weniger begeisterten von aus.gelesen und […]

    Gefällt mir


  5. […] war nach dem Lesen ebenso wie Flattersatz und die Bibliophilin etwas enttäuscht, vielleicht auch weil meine Erwartungen an dieses Buch zu […]

    Gefällt mir


  6. […] In der Blogosphäre fiel das Urteil – soweit ich sehe – überwiegend positiv aus. Zustimmung gibt es etwa hier und hier. Besonders ausführlich fällt das Lob bei »Lust zu Lesen« aus. Auch »Brasch und Buch« lobt das Buch, kritisiert dabei harsch das Verhalten der Hauptperson. Kurz und zögerlicher der Blick durch die »Leselupe«; ausführlich und zweifelnd gerät diese Einschätzung. […]

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: