Dilek Güngör: Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter

4. Juni 2014

Dilek Güngör [1] ist eine junge deutsche Autorin, deren familiäre Wurzeln unschwer als türkisch zu erkennen sind. In diesem relativ schmalen Roman über „Das Geheimnis ihrer türkischen Großmutter„, das sich in Wirklichkeit natürlich als ein Geheimnis ist der gesamten Familie erweisen wird, verleiht sie ihrer Protagonisten einige autobiographische Züge, wie Güngör selbst ist Zeynep, die Hauptfigur, Journalistin in Berlin und im Schwäbischen gebürtig, auch das Alter der Frauen entspricht sich, Zeynep ist zweiunddreißig Jahre alt.

Die junge Frau hat ihre Stellung bei der Zeitung, für die sie schrieb, gekündigt, da sie sich von Stefan, mit dem sie liiert war und der in der Redaktion ihr Vorgesetzter war, getrennt hat. Sie ist vorübergehend zu ihrer Familie, das sind Vater und Mutter, die beide berufstätig sind, zurückgekehrt und wohnt jetzt bei ihnen in der relativen Ordnung einer verschlafenen Provinzstadt. Stefan ist (neben dem kurzen Auftritt einer Schulfreundin) die einzige deutsche Figur im Roman, dessen Schauplatz sich schnell in die Türkei verlagert.

Dort nämlich, in dem alten Dorf, aus dem die Eltern stammen, geht es der Großmutter schlecht. Ein schlecht verheilter Hüftbruch macht der alten Frau (wie alt, weiß man nicht genau) sehr zu schaffen. Eine Behandlung in Deutschland wurde nicht ernstlich in Erwägung gezogen – Zeyneps Eltern waren nicht böse darüber. So telefoniert man mit der Großmutter, aber was sollte Zeynep mit dieser alten Frau, die sie vor vielen Jahren zu letzten mal gesehen hatte, schon reden?

Onkel Mehmet, der Bruder des Vaters, ruft an und teilt mit, der Oma gehe es schlecht, er deutet die Möglichkeit des baldigen Todes an. Vater und Mutter packen sofort die Koffer, auch Zeynep, die weiß, daß dies die letzte Gelegenheit ist, die Großmutter noch einmal zu sehen, reist mit – nicht des Gefühls, sondern nur dieses einen Grundes wegen.

Im Dorf angekommen prallt sie auf eine Welt, die ihr unbekannt ist und die sie nicht versteht. Die Familie, die zusammen in einem Haus wohnt, unterwirft sich frag- und (äußerlich) klaglos dem Befehl von Mehmet, dem mittleren Sohn der Großmutter. Mehmet sagt, wo es langgeht, so einfach ist das. Hält er seine vom Waschen nassen Hände hin, eilen die Frauen mit dem Handtuch, sie zu abzutrocknen. Auch Fevzi, der Sohn Mehmets, zeigt solche Allüren: ist das Essen nicht ordentlich gesalzen, ruft er seine Frau Özlem vom Bett der Oma, ihm das Gewürz über den Reis zu streuen…. Özlem, im Alter von Zeynep, verläßt das Haus praktisch nicht mehr, es ist zu ihrer Welt geworden. Früher ist sie ab und zu zur Schwester in die Stadt gefahren, aber seit die beiden Kinder da sind, hat dies aufgehört. Die beiden Männer, Mehmet und Fevzi, verlassen morgens das Haus, um auf den Feldern zu arbeiten, auf dem Rückweg bringen sie Einkäufe mit, so daß selbst diese Abwechselung für Özlem ausfällt.

Im Grunde wird die Familie nur noch durch die Großmutter zusammen gehalten. Stirbt Oma, wird sie auseinander fallen, wird Özlem mit ihrer Familie in die Stadt ziehen, vielleicht sogar Mehmet auch…

Zeynep versteht die widerstandslose Unterordnung unter dieses rigide Regime Mehmets nicht, obwohl sie ihr selber erliegt: es gelingt ihr nicht, in die Stadt zu kommen, um sich dort eine Kamera zu kaufen, mit der sie einen Film über und mit der Oma drehen will. Mehmet ignoriert ihre Bitte, sich das Auto vom Nachbarn zu leihen und sie mit zu nehmen einfach, den Bus zu nehmen und allein zu fahren, wäre andererseits ein riesiger Gesichtsverlust, den Zeynep ihrem Onkel zufügen würde.

Genau wie Zeynep also die Konfrontation mit Mehmet vermeidet, ordnet sich Ali, ihr Vater, dem Bruder ergeben unter. Was der Bruder sagt, wird gemacht, Widerspruch gibt es nicht. Im Gegensatz zur Mutter von Zeynep, die ihren eigenen Kopf hat und gegen Widerstände vorgeht, ihren Willen durchsetzen will  – und es auch tut.

Da Zeynep als Gast des Hauses keine Aufgabe hat, fängt sie an, sich um ihre Großmutter zu kümmern. Diese liegt mit Schmerzen nieder, sie ist alt und faltig, ein zerbrechliches Wesen, das immer noch diesen leicht säuerlichen Geruch verströmt, den Zeynep aus Kindertagen, von früheren Besuchen her,  in der Nase hat… und sie kommen sich näher, beim Waschen der Oma, dem Kämmen des schütter gewordenen Haares der alten Frau, dem Betten, dem Bereiten des Essens, dem Reichen des Wassers…. Natürlich ist Zeyneps Zukunft ein Thema, für türkische Verhältnisse ist eine ledige über dreißig Jahre alte Frau unvorstellbar… Heirat, Kinder, Familie… Zeynep erzählt von Stefan, von der Trennung, von ihrer Enttäuschung, ihren vergangenen Hoffnungen…. und zu ihrem Erstaunen merkt sie, daß die Oma keineswegs weltfremd ist, daß sie im Gegenteil mit ihrer Erfahrung manches klarer sieht als die junge Frau, mit der sie sich immer besser versteht… vielleicht ist sogar dies das Geheimnis der türkischen Großmutter, ihr ganz persönliches Geheimnis als Frau….

Ein Mitglied der Familie wohnt nicht im Haus, ist verstoßen (ohne daß uns die Autorin aber mitteilt, weswegen…), es ist Döndü, die Witwe des dritten, jüngsten Bruders Yusuf, der vor Jahren erschossen wurde. Döndü wurde als verrückt erklärt, darf in dem alten Haus der Familie wohnen. Es geht ihr schlecht, sie hat nichts und sie fragt die Verwandtschaft aus Deutschland um Hilfe nach. Bei dieser Gelegenheit spürt Zeynep etwas wie Vertrauen, das diese fremde Frau in sie hat und sie schleicht sich heimlich zu ihr, um mit ihr zu reden. Und so erfährt sie das Geheimnis, das die Familiengeschichte birgt, vor ihr verbirgt, ein Geheimnis, in dem es sich um Rache dreht, um Begriffe wie Ehre, Feigheit und Pflicht der Familie gegenüber…. Von einer Sekunde auf die andere sieht sich die junge deutsche Frau Zeynep als Mitglied einer Familie geworden, die sie bislang nur aus dem Fernsehen kannte: einer Familie, in der es um Blutrache und Ehrenmorde ging, die das Leben aller, auch ihr Leben, entscheidend beeinflusste….


Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter“ thematisiert den Aufbruch eines Landes, bzw. seiner Bewohner aus einer althergebrachten Gesellschaft in eine neue. Die alte, ländliche Ordnung der Türkei ist hierarchisch, patriarchisch: das Wort des Familienoberhauptes ist Gesetz, dem man sich unterzuordnen hat – oder dem man sich durch Flucht entzieht. Beides beschreibt Güngör in ihrem Roman: Mehmet ordnet sich unter das Diktum des tyrannischen Vaters (Zeyneps Großvater) unter, er stellt seine eigenen Interessen zurück, es ist nicht sein Wille, der geschah, sondern der des Vaters. Verbittert und der Gestaltungsmöglichkeit seiner eigenes Lebens beraubt, bleibt er in den alten Strukturen gefangen, ja, er übernimmt sie und übt die ihm kraft Stellung als Familienoberhaupt zukommende Machtfülle innerhalb der Familie kompromisslos aus.

Nichtsdestotrotz sind praktisch alle Familienmitglieder auf dem Sprung in die Stadt, sie warten nur auf den Moment, in dem die Pflicht, auf dem Land zu bleiben, auf dem Dorf zu bleiben, in der Vergangenheit zu verharren, endet – endet mit dem Tod der Großmutter.

Zeyneps Eltern dagegen entzogen sich dem System, indem sie nach Deutschland auswanderten. Quasi als Alibi unterstützten sie die Familie von dort durch Geldzahlungen und Geschenke bei den nicht allzu häufigen Besuchen. Den Vorwürfen Mehmets nach muss man unterstellen, daß sie dessen Bemühungen, auch nach Deutschland zu kommen, sogar aktiv sabotiert haben, sie wollten möglichst weit ausserhalb des Clans stehen. Folgerichtig haben sie ihre Tochter auch nie in das große Familiengeheimnis eingeweiht.

Hier also das Dorf als rückständige Vergangenheit, dort die Stadt als leuchtende Zukunft, hier Unterdrückung, dort Freiheit. Doch auch an dieser Polarität kann gezweifelt werden…. die Gespräche zwischen der Großmutter bzw. Özlem und Zeynep über ihr eigenes Verhältnis zu ihrem Exfreund bringen zu Tage, daß es sich in manchen Aspekten gar nicht so sehr unterschied von dem so abgelehnten türkischen Verhältnissen. Auch sie, Zeynep, nahm Rücksichten auf Stefan, versuchte, seine Wünsche zu erfüllen, gab nach, vermied Auseinandersetzungen…. sicherlich im Ton anders, im Stil anders, aber in der Tendenz nicht so weit entfernt…. wenn man so will, taugt Zeynep und ihr Verhalten keineswegs als Vorbild, Özlem hatte dies schnell erkannt…

Der Schock des Familiengeheimnisses verwirrt Zeynep, die Konfrontation mit ihren eigenen Wurzeln, erschüttert in gewisser Weise ihre Lebensgrundlage. Sie erkennt sich als ungewollten, unschuldigen Teil eines Systems, das sie bis dato nur aus Berichten über absonderlich archaische Verhaltensweisen kannte. An dieser Erkenntnis droht die entstandene Nähe zur mittlerweile geliebten Großmutter zu zerbrechen, sie beurteilt das Geschehene von aussen, aus ihrer Sicht einer aufgeklärten deutschen Frau. Die internen Zwänge, unter denen die Familie in der Türkei stand, sind ihr fremd, andererseits gibt es auch die Aussage, daß diese Fehde auch nicht allen Menschen im Dorf gefallen hätte….

Bei allen Vorbehalten, die Zeynep jetzt auch gegen die Großmutter und deren Rolle bei der „Fehde“ spielte, hat, bleibt sie doch bei ihr, jetzt, wo der Augenblick ihres Todes erkennbar näher rückt und die Eltern, erleichtert darüber, daß die Tochter stellvertretend bleibt, nach Deutschland zurückfliegen. In dieser Zeit kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen: Unvermutet hat sich nämlich Stefan per Telefon bei Zeynep gemeldet, bald war der tägliche Anruf trotz des Missfallens von Onkel Mehmet für Zeynep wie ein Anker geworden. Bis ihr die Großmutter den Kopf wusch, ob sie denn garnichts gelernt habe? Zu einem Mann, den man aus gutem Grund verließ, kehre man nicht zurück! Auch gegen Mehmet gibt es die ersten Widerworte, symbolhaltig läßt Güngör die Großmutter genau in diesem Augenblick sterben….

Der Roman endet ohne wirkliches Happy-End. In einer Art Epilog resümiert Zeynep die Situation ein Jahr nach dem Tod der Oma. Zwar sind Özlem und Fevzi tatsächlich in die Stadt gezogen, aber offensichtlich will Mehmet jetzt auch in die Stadt – zu Özlem und Fevzi in die Wohnung. Die Vergangenheit holt sie ein. Zeynep selbst arbeitet wieder, es ist keine wirklich befriedigende Stellung, die sie hat, aber sie ist selbstständig und nicht auf einen Mann angewiesen, eine Konsequenz, die sie aus für sich gezogen hat: „Ich bin gern allein. Ich brauche keinen Mann an meiner Seite. Vielleicht später mal.


Es ist trotz aller Dramatik der Ereignisse, ein stilles, unaufgeregtes Buch, das Güngör geschrieben hat. Es zieht den Leser in seinen Bann, lebt weniger von dem, was geschieht, als vielmehr von der Schilderung des Umgehens der verschiedenen Menschen miteinander. Mit Zeynep hat die Autorin eine Protagonistin geschaffen, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat und deren Gewissheiten jetzt zudem noch erschüttert worden sind. Sie weiß eher, was sie nicht will denn, was sie möchte… damit hat Güngör ein Fenster geöffnet in die Welt vieler Menschen, die in Deutschland mit uns leben und uns trotzdem fremd sind …

Links und Anmerkungen:

[1] zur Website von Dilek Güngör (hier: Vita): http://www.dilek-güngör.de/vita/

Dilek Güngör
Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter

diese Ausgabe: Piper, HC, ca. 208 S., 2007

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: