Donna Tartt: Der Distelfink

Carel Fabricius: Der Distelfink, ca. 1654 Quelle [1]
Carel Fabricius: Der Distelfink, ca. 1654
Quelle [1]

Denn dies ist die Wahrheit. Leben ist Katastrophe.

Theo Decker, ein 13jähriger, aufgeweckter, nein: intelligenter New Yorker Junge, hat innerhalb eines Jahres zwei traumatische Ereignisse zu verkraften. Das eine ist das Verschwinden des Vater, von dem nur eine Notiz blieb mit dem Hinweis auf ein neues Leben, das er anzufangen gedenke. Der erlittene Verlust ist jedoch für Mutter und Sohn nicht überwältigend, der Vater, ein verhinderter Schauspieler der C-Klasse, zeichnete sich im Wesentlichen durch Alkoholvernichtung aus, er war cholerisch, aufbrausend, unberechenbar. War er im Haus, bewegten sich Mutter und Sohn auf Zehenspitzen.

Das zweite Ereignis, dem Theo ausgesetzt war, war fundamental. Eines dummen Streiches wegen war er von der Schule suspendiert worden und er befand sich mit seiner Mutter auf dem Weg zu einer Aussprache an seiner Schule. Vor dem einsetzenden Regen flohen die beiden in das Museum, vor dem sie sich gerade befanden, die Ausstellung dort hätten sie sowieso besuchen wollen, für die wichtigsten Bilder würde die Stunde Zeit reichen.

Audrey, die Mutter, erklärt ihrem Sohn die Bilder, sie ist kunstbegeistert und kann diese Begeisterung auch bei ihm wecken, obwohl Theo in diesem Moment ein Frühstück lieber gewesen wäre. Erst das rothaarige Mädchen, das mit einem älteren Mann vor den Bilder steht, weckt sein Interesse, er versucht, ihr näherzukommen, den Mut, sie anzusprechen, hat er aber nicht.

Die Mutter sagt ihm, daß sie noch einmal in den Museumsshop müsse, Karten holen, sie würden sich wieder hier, im Saal 32, wo der „Distelfink“, ein kleines Gemälde des Holländers Carel Fabritius [1] hängt, treffen.

Dies ist der Augenblick, in dem die Welt zerstiebt, sie löst sich auf in Stücke, in Fetzen, in Rauch, Nebel, in Blut, abgerissene Gliedmaßen, in Betonbrocken, in Steine und Staub, oben und unten verlieren ihre Bedeutung, rechts und links sind nicht mehr unterscheidbar, der Boden unter den Füßen, im Moment noch fest und sicher, ist schwankend geworden und die eingestaubten, verschütteten, begrabenen, zerfetzten, gequälten Menschen vom Gebrösel der zerstörten Wände und Decken nicht zu unterscheiden. Völlig benommen und orientierungslos irrt Theo durch diese Hölle, er sucht seine Mutter, sie wird auf ihn warten, er stolpert über Hartes (es sind Steine) und Weiches (es sind Menschen und Leichenteile) und einer dieser zerrissenen Leiber hat noch Leben in sich und klammert sich an Theo, es ist der Mann, der mit dem roten Mädchen in der Ausstellung war. Zwar redet er wirr, aber er drückt Theo einen Ring in die Hand und sagt ihm eine Adresse, bei der er die grüne Glocke läuten solle…

Dieser Moment, dieser Wimpernschlag an Zeit ist der Moment, in dem sich (neben Zeugung, Geburt und Tod) das Leben des Theodore Decker entscheidet, alles was ab jetzt noch geschehen wird, wird Folge sein dieses einen Moments, der Explosion, des Gesprächs mit dem sterbenden Mann – und dem Fakt, daß Theo den unzerstörten Distelfink sieht und (verwirrt, wie er ist) an sich nimmt…

Der Mann stirbt und Theo irrt weiter durch dieses Labyrinth der Zerstörung, auf der Suche nach der Mutter und auf der Suche nach einem Ausgang. In den infernalischen Lärm, der in seinem Kopf tobt, mischt sich der Lärm der Sirenen, der Schreie der Hilfskräfte…. schließlich findet er einen Nebenausgang nach draußen, wo im ganzen Durcheinander niemand merkt, daß Theo da drinnen war, daß er lebendig und äußerlich unversehrt entkommen ist….

Nach Hause, die Mutter wird dort warten, sie wird schon zu Hause sein, es ist der vereinbarte Treffpunkt für den Fall, daß man sich verliert oder verpasst.. doch sie ist nicht zu Hause und all die Geräusche, die Theo im Lauf der nächsten Stunden im Treppenhaus hören wird.. nie werden es Geräusche sein, die seine Mutter machen würde….

Die Mutter tot, der Vater verschwunden, die Großeltern, die ihren Enkel sowieso nicht leiden können, irgendwo auf dem Land – Theo kann für´s erste bei der wohlhabenden Familie eines Schulfreundes unterschlüpfen, den Barbours. Er wird gut aufgenommen, gut behandelt, aber – wie der Name der Familie schon andeutet [3] – ist das äußere Bild der Familie glatt und weitgehend emotionsfrei, es wird Wert auf den Schein gelegt, man ist gesellschaftlich orientiert.

Während dieser Zeit bei den Barbours erinnert sich Theo plötzlich an die Adresse, die der sterbende Mann ihm im Museum gesagt hatte. Dort fand er einen alten Antiquitätenladen, der aber so aussah, als sei er lange nicht mehr geöffnet worden. Aber immerhin lebte jemand dort, denn auf das Klingeln hin öffnete sich die Tür und Mr Howard, genannt Hobie [3] begrüßte den Jungen und bat ihn hinein…. Hobies Reich, insbesondere die Werkstatt mit den charakteristischen Gerüchen, sollte von nun an immer auch Theos Ort des Friedens sein…. von Hobie erfährt er auch die Geschichte des rothaarigen Mädchens, von Pippa [3], die die Explosion ebenfalls überlebt hat, aber im Gegensatz zu ihm schwerverletzt.

Die nächste Station für Theo ist nach ein paar Monaten bei Mr. und Mrs. Barbour Las Vegas – bei seinem Vater und dessen Lebensgefährtin. Ja, Daddy war auf einmal wieder aufgetaucht und hat beschlossen, sein Sohn heim zu holen. Im großen und ganzen konnte man mit ihm jetzt auskommen, er hatte dem Alkohol abgeschworen, andere Drogen ließen ihn friedfertiger sein. Womit er seinen Lebensunterhalt verdiente – nun, eine „ordentliche“ Tätigkeit war es jedenfalls nicht… denn eines Tages stand Mr. Silver [3] vor der Tür und wollte offensichtlich und recht bestimmt Theos Vater sprechen….

Letztlich entscheidender noch als das Schicksal des Vaters sollte für Theo die Bekanntschaft mit Boris [3] werden. Dieser, Sohn eines brutalen, dem Alkohol verfallenen russischen Bergbauspezialisten, der schon überall auf der Welt Jobs hatte, holte Theo aus der ätzenden Langeweile seiner in sich selbst abgeschlossenen Existenz heraus: Theo lernte Drogen kennen, er lernte es, zu stehlen, zu lügen, zu betrügen…. die beiden Jungs wurden unzertrennlich, sie soffen, kifften, schnüffelten, kotzten, masturbierten zusammen, bis Theo panikartig wieder nach New York floh: nach dem Tod des Vaters sah er sich als Minderjähriger der Fürsorge ausgeliefert….

Wohin in New York? Die Barbours? Nein, er klingelt bei Hobie, nistet sich bei diesem ein und sollte Jahre, viele Jahre dort bleiben…. Mehr schlecht als recht schafft er einen Schulabschluss, viel mehr Spaß hat er dabei, Hobie zuzusehen, wie dieser Möbel restauriert. Theo lernt das Handwerk schnell (und auch wir als Leser lernen viel über Americana, sprich ältere amerikanische Möbel), es zeigt sich auch, daß er mit Menschen umgehen kann, daß er verkaufen kann und das rettet den Laden, rettet Hobie vor der Pleite… Nicht alles, was er macht, ist ganz legal, und folgerichtig bekommt er eines Tages Ärger, ein Lucius [3] ihn aufsucht und erpressen will…..

Im letzten Teil des Buches konzentriert sich Tartt dann darauf, wieder zum Ausgangspunkt ihrer Erzählung zurückzukommen, den „Distelfink“. Dieser ist immer noch im Besitz des Gemäldes, hat es sicher in einem Lagerhaus untergebracht… da wird er völlig überraschend auf der Straße angesprochen: „Potter!„… Potter, so nannte ihn vor Jahren Boris und es ist Boris und der Jugendfreund erzählt ihm eine kaum glaubhafte Geschichte, über sich, über ihn, über das Gemälde….. anyway, die Ereignisse überschlagen sich bald nach der Ankunft von Boris, der sofort die Geschicke von Theos Leben übernimmt und bald sind sie (mit einigen Freunden von Boris) in Amsterdam, um – selbst Gauner – anderen Gaunern das Gemälde abzuluchsen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt….


Das soll zur Handlung des Romans an Hinweisen reichen, natürlich ist damit nur ganz grob ein Rahmen abgesteckt. Insgesamt überstreicht die Romanhandlung einen Zeitraum von ca. 13 Jahren, Theo ist am Ende der Geschichte 26 Jahre alt. In dieser Hinsicht kann man „Der Distelfink“ als Entwicklungsroman auffassen, er ist andererseits aber genausogut ein Roman, der sich mit dem Antiquitäten(Möbel)geschäft auseinandersetzt, das auf ehrliche und auf unehrliche Weise betrieben werden kann und durchgängig ist es die Geschichte eines Menschen, der eine schwere, sehr schwere posttraumatische Belastungstörung (PTBS) hat, die nie behandelt wurde: Der Distelfink ist eine Krankengeschichte, so seltsam das auch klingen mag.

„Alles hätte sich zum Besseren gewendet, wenn sie am Leben geblieben wäre. Aber sie starb, als ich klein war, und obwohl ich an allem , was mir seitdem passiert ist, zu hundert Prozent selbst schuld bin, verlor ich doch mir ihr den Blick für jede Art von Orientierungspunkt, der mir den Weg zu einem glücklicheren Ort hätte zeigen können, ….“

Die Mutter war der absolute Bezugspunkt für den Dreizehnjährigen, der seinen Vater de facto schon seit langem verloren und der auch sonst keine Verwandten hatte, die sich ihm emotional zugewendet hätten. Mit der Mutter jedoch verstand er sich, sie waren auf einer Wellenlänge, sie war sein ganzes Glück. Ihr sinnloser Tod in diesem Terrorakt wirft Theo aus der liebevollen Umhüllung durch die Mutter hinaus in die feindliche, kalte Welt: eine Art Sturzgeburt in ein neues Leben, in dem ihn aber niemand willkommen heißt, ihn niemand mit Liebe empfängt. Das nach einigen Monaten der verhasste Vater auftaucht, ist keineswegs erwünscht, gerade hatte Theo doch angefangen, sich in der Wohnhöhle von Hobie heimisch zu machen….

Mit 14 nach Las Vegas. Allein, aus allen sozialen Bindungen (so schwach sie auch gewesen sein mögen) herausgerissen. Eine sengende Sonne, die die letzten Energien aufsaugt, Menschen um ihn herum, die – so spürt er – auch gut auf ihn verzichten könnten…. Es ist fast ein biblisches Bild: Theo verläßt die Gemeinschaft und geht in die Wüste. Er ist in dem Alter, in dem solche Initioationsriten durchgeführt werden, auf der Grenze zwischen Kind und Mann. Und der Teufel begegnet ihm und er kauft ihm seine Seele ab, denn er gibt ihm etwas dafür, was Theo vermisst, was Theo braucht: Liebe, Wärme, Zuneigung, Verständnis, Nähe. Der Teufel heißt Boris, ein Junge ebenfalls mit einem Alkie als Vater, einem gewalttätigen Menschen, und ist mit allem Wasser gewaschen, von Drogenerfahrung bis hin zum routinierten Ladendiebstahl. Theo erliegt der Verführung, er wird alkoholabhängig und drogensüchtig, die beiden knallen sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ab, sie kotzen sich die Seele aus dem Leib und verrecken fast vor Lachen… Welcome as a member of the White Trash! „Wie war ich von AP-Kursen auf College-Niveau im einer Kategorie mit einer Aussenseiterin wie Kotku gelandet?“ fragt sich der Junge in lichteren Momenten…..

Das, was Theo in die Wüste brachte, entließ ihn auch wieder von dort: nach dem Tod des Vaters flieht Theo diesen Ort sofort, diesen Ort incl. seines Freundes Boris, der zurückbleibt. Seine Drogensucht nimmt er mit, er kann sie nach einem Entzug mehr oder weniger gut beherrsche, los wird er sie nicht mehr.


Der Distelfink„, dieses wundervolle, kleine Gemälde des niederländischen Künstler Carel Fabricius [1] ist der rote Faden, der sich durch den gesamten Roman zieht (gleichwohl sei angemerkt, daß die Faszination des Bildes durch das Buch nicht unbedingt übermittelt werden kann. Zu flach die Reproduktionen als daß sie Emotionen wie bei Theo wecken könnten….). Er verbindet Theo auf ewig mit seiner geliebten Mutter, er ist mit das letzte, was sie beide gemeinsam, zusammen sahen, er hat makabererweise sogar eine ähnliche Geschichte in sich verborgen: es gibt so wenige Gemälde von Fabricius, den Zeitgenossen für eines der größten Genies hielten, weil er in der Explosion einer nahe gelegenen Pulverfabrik umkam. Nur wenige Gemälde sind erhalten geblieben… 

Die Explosion im Museum, dieser Big Bang, der Urknall der Geschichte, der seine realen „Vorbilder“ hat angefangen mit den Twin Towers und – für Tartt wohl ausschlaggebend – der Sprengung der riesigen Buddhafiguren in Bamyian [4] wird im Buch nicht weiter thematisiert, die Autorin unterliegt nicht der Versuchung, hier eine Nebenhandlung aufzubauen.

Das Bild wird zum Idol, zum Fetisch, zum Götzen und Theo zu seinem Diener. Allein das Wissen um das Bild in seinem Besitz gibt Theo Kraft und Zuversicht, es erdet ihn und verbindet ihn auf seltsame Weise mit seiner Mutter. Eine bittere Ironie Tartts zeigt sich gegen Ende der Geschichte: so, wie der Glaube an (einen) Gott einem Menschen Kraft verleihen kann, unabhängig davon, ob es (diesen) Gott gibt, genauso sollte es sich mit Theo und dem Bild verhalten…. denn den Götzen hatte sich schon lange der Teufel für seine Spiele geholt….

„Eilig zog ich es heraus und wurde beinahe sofort von seinem Glanz umhüllt, etwas beinahe Musikalischem, einer innewohnenden Süße, die jenseits einer tiefen, bis ins Blut gehenden Harmonie der Stimmigkeit nicht zu erklären war, so wie das Herz langsam und sicher schlug, wenn man mit einem Menschen zusammen war, bei dem man sich geborgen und geliebt fühlte….“


.. und ähnlich wie mit dem Bild ist Theo auch verbunden mit Pippa, diesem zarten, elfengleichen Mädchen, das ihm in der Ausstellung aufgefallen war und das nach der Explosion durch die Kunst der Ärzte wieder zusammengeflickt werden konnte. Pippa wird ebenso Idol, Anbetung, Liebe.. eine nicht erreichbare, ferne Liebe, denn bei aller Freundschaft zwischen den beiden geht Pippa ihren eigenen Weg, mit diesem immer leicht hinkenden Gang, eingehüllt in die vielen Tücher, gekrönt von ihrem feurigen Haar…


Theo ist eine tragische Figur, sein Leben geprägt von Verlusten, seine Krankheit nicht als Krankheit erkannt, oft kehrt sich sein Willen, Gutes zu tun, ins Gegenteil um. Er scheint gefangen in seinem Schicksal, einem schmalen Grat zwischen Drogenrausch und Leben. Seine Liebe hat er nach dem Tod der Mutter aufgeteilt auf Boris, auf Pippa und auf das Bild: und dies sind zwei dunkle Wege gegen einen hellen, der ihm zudem versperrt ist… Wie der Distelfink in seinem Bild lebt Theo in seinem Schicksal an kurzer Leine, ist nicht wirklich frei, davonzufliegen in ein anderes Leben, immer wird dieses an ihm kleben, ihn nicht loslassen. So muss er lernen, damit zu leben, sich einzurichten in dieser seiner Welt so wie der kleiner Kerl, den Fabricius vor vielen Jahrhunderten porträtierte: nicht gebrochen schaut er keck in die Welt, schaut er seinen Maler an, der ihn „verewigen“ wird….

Überhaupt treffen wir in Tartts Roman die gebrochenen Existenzen an: die teflonartige Emotionslosigkeit bei den Barbours mit Theos Schulfreund, dem linkischen Intelligenzler Andy und der immer förmlich korrekten Mrs Barbour. Erst mit dem Tod des Hausherrn bricht diese Hülle auf und darunter erscheint – nichts. Hilflosigkeit, Einsamkeit. Etwas konstruiert scheint die Botschaft an den Leser, ausgerechnet Theo sei in diesen schweren Jahren derjenige gewesen, an dem man immer gedacht habe und über dessen Rückkehr man sich jetzt so freue, daß es sogar beinahe zu einer familiären Verbindung gekommen wäre…. Pippa natürlich, auch ihre Lebenspläne als Musikerin zerstoben im Staub des Attentats, Hobie, der seinen Partner verloren hat.. Larry, Theos Vater, Muster aller Gescheiterten dieser Welt .. selbst die Gauner wie Lucius, der sich an die falsche Fährte heftet, sind erfolglos.

Einzig Boris, der seinem dunklen Herzen ohne jedes Wenn und Aber folgt (und bei dem wir uns gegen die aufkeimende Sympathie kaum wehren können) ist lebensfroh und glücklich: er geniesst das, sein Leben, so wie es ist, wie es sich ergibt. Immer offen für alle Gelegenheiten, läßt er das an sich Leben geschehen, bemüht sich nicht, ein vermeintlich gutes zu führen, Gutes zu tun. Er ist authentisch, wo andere das Leben als Katastrophe empfinden, weil ihnen der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit unüberwindbar erscheint.


Auf den letzten zweihundert Seiten geschieht wunderliches mit dem Roman: er verändert seinen Charakter. War er bis dahin der stetig fließende Strom von mehr oder weniger aufregenden Ereignissen im Leben des Theo Decker bis hin zu seiner Verlobungsfeier, bricht mit dem unerwarteten Erscheinen von Boris der Damm und Tartt zieht den Spannungsbogen plötzlich an zu einer irrwitzigen Kriminalhandlung, die in good, old Europe spielt und den Kreis schließt zum Eingangskapitel des Buches, in dem sich uns ein völlig derangierter junger Mann, i.e. Theo, vorstellt. Was sich Tartt für Amsterdam ausgedacht hat, diese „Mission impossible“ für unsere Helden, ist temporeich und turbulent, ob die innere Logik der Handlung immer stimmt, sei dahin gestellt, manches muss dann eben ganz spontan entschieden werden [3a].


Tartts Roman ist lang, ist umfangreich, über tausend Seiten. Normalerweise scheue ich ein wenig vor solcher Textfülle, aber ich muss zugeben, daß ich dieses Buch sehr schnell gelesen habe. Es ist wie ein breiter Strom, dem man sich anvertrauen kann und der einen mitnimmt, der trägt und mitreißt, der nie langweilig ist, sondern abwechslungsreich, mit wunderbaren Passagen, in die man sich hineinfallen lassen kann, die zu lesen ein Genuss sind.

… und für alle diejenigen, die eine Botschaft in einem Buch suchen: auch hierfür hat die Autorin gesorgt, in den letzten Seiten läßt sie ihren Helden noch einmal zusammenfassend über sein Leben reflektieren, über die Art und Weise, wie ein Leben zu leben ist, gelebt werden kann – Leben, das er in seiner Grundsätzlichkeit als Katastrophe empfindet… ob dies genug Substanz ist, um den Wälzer über alle Zeiten zu retten, sei dahin gestellt und anderen zur Beurteilung überlassen, für das Hier und Jetzt jedenfalls ist „Der Distelfink“ ein wunderschöner Roman, der durch die Verleihung des Pulitzer-Preises 2014 [5] in die Phalanx der großen amerikanischen Literatur aufgenommen worden ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Carel_Fabritius: http://de.wikipedia.org/wiki/Carel_Fabritius
Bild: Carel Fabritius [Public domain], via Wikimedia Commons
[2] Da der Wiki-Artikel zur Autorin: http://de.wikipedia.org/wiki/Donna_Tartt nicht allzuviel hergibt, hier noch ein Link zu einem Interview aus der FAZ (230.03.2014): Niemand kommt hier lebend raus: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/die-autorin-donna-tartt-im-gespraech-niemand-kommt-lebend-raus-12865388.html
[3] Die Benennung der Figuren  durch die Autoren läßt an manchen Stellen Assoziationen hochkommen:
– Barbour: britische Firma, die wetterfeste Regenjacken (gewachste Stoffe) herstellt, an denen z.B. Feuchtigkeit abperlt.
– Boris: der Teufel, natürlich ein Mensch aus dem Osten (Vorurteil 1) , aus Russland, der Ukraine, wer weiß das schon so genau….
– Hobie: Hobbit. Natürlich ist Hobie mit seiner imponierenden Körpergröße kein Halbling, aber er teilt einige Vorlieben mit ihnen: das gute Essen und dessen Zubereitung, die Vorliebe für handwerkliche Tätigkeiten, bei denen nur ungern komplizierte Maschinen eingesetzt werden. Sein Haus – die reinste Wohnhöhle, ein Analogon mehr…
– Lucius (Reeves): Luzifer, das Böse…
– Pippa: ein Schelm, wer nicht an Pippi (Langstrumpf) denkt
– Mr. Silver, der Geldeintreiber. Es leben das Vorurteil 2: ein Jude….
[3a] Hier kann man dieses Namensassoziationen natürlich auf die Spitze treiben, den Tartt läßt (Theo) Decker seinen Freund ähnlich im letzten Moment zu Hilfe kommen wie es weiland das ein oder andere Mal auch (Phil) Decker getan hat (ach, es leben die seligen Jerry Cotton Heftchen… )
[4] Wiki-Artikel zur Zerstörung dieser Figuren: http://de.wikipedia.org/wiki/Buddha-Statuen_von_Bamiyan
[5] http://www.pulitzer.org/works/2014-Fiction

Donna Tartt
Der Distelfink
Übertragen ins Deutsche von Rainer Schmidt und Kristian Lutze
Originalausgabe: The Goldfinch, NY, 2013
diese Ausgabe: Goldmann-Verlag, HC, ca. 1022 S., 2013

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12 Kommentare zu „Donna Tartt: Der Distelfink

  1. Lieber Flattersatz,

    was für eine wundervolle Besprechung dieses Buches: zum leicht zu lesen möchte ich nur anmerken, aber schwergewichtig in den Fingern , die Hände ermüden leicht bei dem Seitenumfang und Gewicht zumindest in der gebundenen Ausgabe.-:)))

    Ich möchte noch einen Auszug aus diesem Buch zitieren:
    Und ich hoffe, es gibt hier auch noch eine größere Wahrheit über das Leiden oder zumindest über das, was ich darunter verstehe – obwohl mir inzwischen klar ist, dass die einzigen Wahrheiten, die mir wichtig sind, diejenigen sind, die ich nicht verstehe und nicht verstehen kann. Das Geheimnisvolle, Vieldeutige, Unerklärliche. Was nicht in eine Geschichte passt und was keine Geschichte hat. Ein helles Blinken auf einer kaum vorhandenen Kette. Ein Fleck aus Sonnenlicht auf einer gelben Wand. Die Einsamkeit, die jedes lebende Geschöpf von jedem anderen lebenden Geschöpf trennt. Die Trauer, untrennbar von der Freude.

    Es gibt solche Sätze zuhauf in diesem Roman.

    Und nicht nur Sie haben Boris in all seiner Zwiespältigkeit lieb gewonnen. Es ist auch eine Parabel über Vertrauen und Freundschaft.

    Ich schließe mich Ihrem Urteil voll an: es ist ein wunderschöner Roman!

    Liebe Grüße

    Karin

    Zu der Frage, ob dieses Buch auch in Zukunft Bestand haben wird, kann ich nur sagen, ich vermute ja, denn ich habe auch die beiden Vorgängerbücher inzwischen gelesen und sie reichen beide nicht an den Distelfinken heran.

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    1. lieben dank für ihren besuch und kommentar, liebe karin. ja, es stimmt, solche sätze gibt es zuhauf in dem buch. sie gehören zu dem, was ich in meinem letzten absatz mit der „botschaft“ des romans meinte, die mir selbst aber – ich gebe es zu – nicht immer ganz klar sind, so wie auch dieser satz über die wahrheit, den sie zitieren. stellen im roman, die man vllt schnell überliest oder bei denen man mit seinen gedanken hängen bleibt…. es sind, denke ich, auch aussagen, in denen der unterschied zur geltung kommt: tartt (oder der/die autor/in) leben jahrelang mit ihren figuren, unsereiner als leser/in tut dies nur wenige tage…. insofern wird uns eine romanfigur immer rätselhafter bleiben als ihrem/r schöpfer/in.

      ….ach, was bin ich heute so früh am morgen schon wieder so gender-mäßig gut drauf! :-)

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  2. die meinungen sind ja sehr kontrovers zu diesem buch; ich habs auch noch liegen und bin gespannt.

    danke für die besprechung gerd!

    lg petra

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    1. hallo liebe petra! ist das so, mit der kontroversen meinung? ich habe bis jetzt eigentlich nur positive bewertungen des buches gelesen, bis hin zu euphorischen. weißt du noch, was nicht gefallen hatte?

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  3. Ein wunderbares Buch, das ich nicht mehr aus den Händen legen konnte. Ich habe es mir gekauft, da es in jedem Medium hoch gelobt wurde. Jetzt, im Nachhinein, lese ich gerne die Buchbeschreibungen dazu. Vorweg mag ich das nicht so, ich mache mir gerne ganz unvoreingenommen mein eigenes Bild (nun, ganz unvoreingenommen bei nur guten Kritiken ist dann auch nicht mehr möglich). Diese Beschreibung hier hat mich sehr beeindruckt.
    Mit Gruß,
    Elvira

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  4. Möchte bei der Gelegenheit auf das Hörbuch, gelesen von Matthias Kosberlin, hinweisen. Wirklich ganz großes Hörerlebnis, der Roman bekommt noch eine neue Dimension.

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