Donald Ray Pollock: Knockemstiff

25. Mai 2014

Knockemstiff, Mortadella-Land. Denn das ist, was die Figuren in Pollocks Geschichten dort  häufig verzehren und es ist auch egal, wenn sie schon gammelt, wenn es das einzige ist, was der Kühlschrank zu Essen bietet.. (überhaupt ist das Kulinarische nicht sonderlich ausgeprägt bei den Einheimischen….)

Auch wenn es fast jeder, der dieses Buch bespricht, so hält, dieser erste Satz der ersten Geschichte muss zitiert werden, weil er im Grunde alles zusammenfasst, von dem Knockemstiff handelt:

Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-In,
wie man einem Mann so richtig wehtut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte.

Das Kaff, das im Zentrum der Episoden steht, ist ein Ort ausserhalb der Zivilisation. Hier herrschen Gewalt und Sex, angefeuert durch Alkohol und Drogen. Die Papiermühle ist der einzige nennenswerte Arbeitgeber, aber auch sie kein Schmuckstück, ihre Ausdünstungen sorgen für den Schwefelgestank, den die Hölle nun mal an sich hat.

Einmal Knockemstiff, immer Knockemstiff, dem Ort ist nicht zu entkommen. Kaum jemand von denen Pollock erzählt, versucht, den Ort zu verlassen und wenn, dann endet die Reise in einer Fischerhütte nahebei und dauert so lange, wie der Stoff reicht. Daniel versucht abzuhauen, nachdem sein Vater ihn dabei erwischt hat, wie er  sich über der Puppe seiner Schwester einen runter geholt hat und dem dieser daraufhin die langen Haare mit einem Messer abgeschoren hat, aber was hilft´s? Der häßlich grinsende Trucker, der ihn mitnimmt und in dessen fussschweißgesättigtem Trailer er landet, ist auch keine Perspektive…. ach ja, Howard, der jetzt dement im Stuhl hockt und vor sich hinsabbert und dem nur noch dürftige Erinnerungsfetzen wie schnell wandernde Wolken an einem windigen Tag im Hirn vorbei ziehen, Howard war mal mit diesem irren Typ aus NY, an dessen Namen er sich nicht erinnert, in Honolulu bei einer dieser billigen Straßenhuren – einer mit einem Riesenherpes auf der Lippe, der wie eine Küchenschabe aussah – , die ihr Baby in einem Karton im Zimmer liegen hatte, was dem Typen aus NY nichts ausmachte, Hauptsache, er konnte ihn ihr reinstecken, er war ja nicht zu quatschen gekommen, ihm machte es schon was aus…

Einmal Knockemstiff, immer Knockemstiff, dem Ort ist nicht zu entkommen: er ist eine Senke, eine sprichwörtliche (sei wird von vielen so bezeichnet, eine der Geschichten trägt sogar diesen Titel), ein Ort, der Gescheiterte produziert und dessen Wände steil sind, so steil, daß sie kaum überwunden werden können. Ein Ort, an dem der Begriff „beste Frau“ bedeutet: haufenweise rohen Sex, die neuesten Psychopharmaka, Schecks von der Regierung.... und ein Ort in dem der ideale Kerl mit Schrumpfkopf und ausgeprägter Muskulatur gezeichnet wird. … Und Drogen, immer wieder Drogen… egal welche, die, an die man drankommt, Hauptsache, sie beamen einen weg aus dieser Trostlosigkeit, dieser Hoffnungslosigkeit, in der der fettgefressene seinen Bauch entblößt, um sich mit Dartpfeilen bewerfen zu lassen – betteln um Aufmerksamkeit, Anerkennung und eine sonderbare Art von Liebe….

Dies sind die Wege, dieser menschengemachten Höllen für eine gewissen Zeit zu entkommen: der Tod und das Wegbeamen, was im Grunde ja nur der Weg ist zum Tod. Das Leben ist nicht besonders wertvoll, das eigene nicht und das der anderen, hin und wieder bleiben sie auf der Strecke und die Erschütterung darüber hält sich durchaus in Grenzen. … Eine seiner Figuren läßt Pollock eine Chance, Bobby, der Junge, dem der Vater damals zeigte, wie man einem Mann wehtut, ist auf Alk-Entzug, wohnt nicht mehr im Ort. Aber wenn er seine Eltern besucht, versucht die Senke ihn wieder an sich zu ziehen und es ist fraglich, ob er es endgültig schafft….

Das Knockemstiff Pollocks wirkt ein wenig wie eine Freak-Show, eine Ansammlung seltsamer, aus dem Leben gefallener Figuren, die sich zu fotographieren lohnt, so wie es die Frau macht, die eines Tages dem Cadillac entsteigt, der an der Tankstelle hält. Die Verwunderung ist auf beiden Seiten beheimatet: der junge Mann, der seit zwölf Jahren tagaus, tagein in dem Laden arbeitet, starrt die schöne Frau an, weil er so einen Anblick im richtigen Leben noch nicht gesehen hat und die Frau lichtet ihn ab, sie fährt (zusammen mit dem Mann) durch´s ganze Land auf der Suche nach Orten wie diesem: „Schwer zu glauben, daß es in diesem Land so arme Menschen gibt. … Im reichsten Land der Welt.“ Was der Typ über den Ort „Toad Suck“ sagt, gilt selbstverständlich auch für Knockemstiff…

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 Pollocks Geschichten aus diesem Kaff sind von zermürbender Hoffnungslosigkeit, und der Autor weiß, wovon er spricht: er ist dort geboren, hat viele Jahre in der Papiermühle gearbeitet und erst spät Schulbildung nachgeholt. Man möchte es, möchte glauben, daß die geschilderten Episoden erfunden sind, damit man nicht zu akzeptieren braucht, daß dieses Elend real ist, aber es ist zu befürchten, daß Pollock allenfalls zugespitzt hat… Knockemstiff ist auch ein Ort des Rassismus, Afro-Amerikaner kommen dort nicht vor und wenn, sind es die Typen, die sich für einen Dollar in die Fresse treten lassen, um den Dollar dann sofort in Wein zu verwandeln… (genau diesen Menschen, eine Nebenfigur, entließ Pollock aber auch aus der Senke, jetzt betreut er als Mentor bei den AA jenen erwähnten Bobby). Nicht zum „Nigger“ werden ist die einzige Grenze, die dieser „White Trash“ nach unten noch kennt…

Aber auch Knockemstiff ändert sich, Bobby, der nach Jahren wieder zurückkommt bemerkt es. Laden und Bar geschlossen, Häuser, mit Plastik verkleidet stehen dort, wo früher Mais und Gras angebaut wurden… eine Änderung zum Besseren? Wir erfahren es nicht, in Bobby löst der neue Anblick jedenfalls Wehmut nach früher aus, dem Ort, an dem er aufgewachsen war, auch wenn er dort nie zuhause war.

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„Knockemstiff“ ist eine (wenn ich mich nicht verzählt habe) Sammlung von 20 Geschichten, von etwas weniger Schicksalen, in denen die Bewohner des Ortes, allesamt Aussenseiter und Gescheiterte, miteinander verwoben sind. Pollock erzählt dies sehr realistisch in kurzen, harten Sätzen, lange Ausführungen würden nicht passen zu einer Gesellschaft, in der die Gewalt immer kurz unter der Oberfläche brodelt und als normal angesehen wird. In Knockemstiff kann der Mann seiner Frau die Faust ins Gesicht setzen und ein paar Minuten später relativ einvernehmlichen Sex mir ihr haben… Kindheit, Behütetsein: das ist die Sache der Knockemstiffer nicht. Der Wert eines Kindes misst sich an seiner Arbeitskraft… oder an seiner Gewalttätigkeit, wie bei Bobby, der von seinem Vater nur einmal Anerkennung erntete, als er nämlich einem größeren Jungen die Nase brach.

Hoffnung macht Pollock nur wenig. Er selbst ist Beispiel dafür, daß es möglich ist, diesem Ort zu entkommen, aber auch ihm ist es wohl schwergefallen, es hat lange Jahre gedauert… So läßt das Buch den Leser in keiner heiteren Stimmung zurück, es ist bedrückend und man fragt sich mit der Fotografin, wie dies in einem der reichsten Länder der Erde so sein kann…. in diesem Sinn ist das Buch auch sozialkritisch.

Für alle, die an kurzen, harten, realistischen Skizzen aus dem Milieu des White Trash interessiert sind, ist das Buch jedenfalls eine Art must read. Und so möchte ich meine Besprechung mit einem Zitat beenden, es ist einer der Geschichten entnommen, an deren Ende ein Funken Hoffnung aufzutauchen scheint, den Pollock aber sofort wieder abwürgt: „Ich verstand, daß ich inmitten einem dieser Augenblicke des Lebens steckte, in denen große Dinge möglich sind, wenn man nur gewillt ist, die richtige Entscheidung zu treffen. … Ich sah es genau vor mir, wie ich in eine, zwei Jahren zurückkehren würde, bereit, bei meiner Familie alles wiedergutzumachen. Alle würden mich loben, vielleicht sogar meine Vergangenheit vergessen. Doch dann fiel mir die Flasche Oxy im Arzneischrank ein, …. Noch einmal, nur noch einmal….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Knockemstiff: http://en.wikipedia.org/wiki/Knockemstiff,_Ohio
[2] Wiki-Artikel zum Autor: http://en.wikipedia.org/wiki/Donald_Ray_Pollock

Donald Ray Pollock:
Knockemstiff
Übersetzt aus dem Englischen von Peter Torberg
Originalausgabe:
Knockemstiff, Doubleday, NY, 2008
diese Ausgabe: liebeskind, HC, ca. 250 S., 2013

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One Response to “Donald Ray Pollock: Knockemstiff”


  1. […] „Knockemstiff”. Eine ausführliche und kenntnisreiche Rezension dazu findet sich hier: https://radiergummi.wordpress.com/2014/05/25/donald-ray-pollock-knockemstiff/ Aktuell ist der neue Roman „Die himmlische Tafel” bei Liebeskind […]

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