Marcel Cohen: Raum der Erinnerung

21. Mai 2014

Über den französischen Schriftsteller Marcel Cohen ist (zumindest auf dem einfachen Weg) im Internet kaum mehr zu erfahren, als daß er 1937 geboren wurde, ferner eine Auflistung seiner Werke [1] und auch verliehener Preise. Sein Buch „Raum der Erinnerung –  Tatsachen„, 2013 erschienen, ist der Versuch eines mittlerweile älteren Mannes, weit zurückzugehen in die eigene Vergangenheit, im Grunde in das Unerinnerbare hinein, in die Zeit, in der er ein kleiner Junge war, der die Zerstörung seiner Familie beobachtete. Was hat sich in ihm noch an Erinnerungen erhalten, im Gedächtnis der Worte, in dem der Gerüche, die für ihn – wir werden es sehen – wichtig sind. Ein paar Gegenstände sind erhalten, ein alter Eierbecher, ein Haarnetz, eine Geige, ein Aschenbecher, ein Spielzeughung… an diese knüpft sich der Erinnerungsfaden an, hier kann er andocken und zu einem Netz werden der Sicherheit über das Erinnerte….

Am 14. August 1943 wurden der damals 5jährige Marcel und das Hausmädchen, das mit ihm im Park spazieren gegangen war, bei der Rückkehr von der Concierge energisch daran gehindert, das Wohnhaus zu betreten, sie wurden regelrecht verscheucht. Von der anderen Straßenseite aus beobachteten sie dann, wie die Eltern von Polizisten auf einen LKW gezwungen wurden, auch von der Mutter, die sie sah, heimliche Zeichen, wegzulaufen, sich zu entfernen. Mit Hilfe eines Freundes gelang es dem Hausmädchen, falsche Papiere für das Kind zu bekommen und es mit zu sich nach Hause, weiter entfernt auf dem Land zu nehmen. Daß sie weiter entfernt wohnte – die Folge einer lang zurückreichenden Kette von Entscheidungen und Ereignissen, die ihren Anfang in der Entscheidung des Großvaters von Marcel nahm, daß man als Jude auch einem Hausmädchen Bildung und Schule nicht vorenthalten dürfe, diese seien so wichtig….

An diesem Tag wurden aus seiner Familie zusammengetrieben für die Deportation:

die Mutter Marie Cohen, Transport No. 63, 17. Dezember 1943
der Vater Jacques Cohen, Transport No. 59, 02. September 1943
die Schwester Monique Cohen, Transport No. 63, 17. Dezember 1943
die Großeltern Sultana und Mercado Cohen, Transport No. 59. 02. September 1943
der älteste Onkel, Joseph Cohen, Transport No. 59. 02. September 1943
die Cousine Mercados, Rebecca Chaki, Transport No. 59. 02. September 1943
Maries jüngster Bruder David Salem, Transport No. 75. 30. Mai 1944

Am 04. September Ankunft erreicht ein Deportationszug mit 1.000 jüdischen Menschen aus dem Lager Drancy [4] Auschwitz. Nach der „Selektion“ werden 232 Männer und 106 Frauen als Häftlinge registriert. 662 Menschen werden in den Gaskammern getötet [3a]. Der Transport, mit dem die Mutter Marie und die Schwester Monique in Auschwitz ankamen dürfte der vom 20. Dezember gewesen sein: Ankunft eines Transports mit 849 jüdischen Menschen aus Drancy in Auschwitz. 233 Männer und 112 Frauen werden in das Lager eingewiesen; die anderen 505 Menschen werden in den Gaskammern getötet [3b]. Am 02. Juni 1944 schließlich die Ankunft eines Deportationszugs aus dem Lager Drancy mit 1.000 Menschen in Auschwitz. Nach der „Selektion“ werden 239 Männer und 134 Frauen als Häftlinge übernommen, die anderen 627 Menschen werden in den Gaskammern getötet [3c].

Daß Mutter und Schwester erst im Dezember nach Auschwitz deportiert wurden lag an einer Vorschrift der französischen Behörden: Babys wurden den Deutschen erst ausgeliefert, wenn sie mindestens sechs Monate alt waren. Monique war zum Zeitpunkt des Zusammentreibens erst drei Monate alt. Bis zur Auslieferung wurden Mutter und Kind unter unsäglichen Bedingungen im Hôpital Rothschild [2] interniert.

Die Cohens waren Juden. Bis auf die Kinder Marcel und Monique geboren in Istanbul, der uralten, faszinierenden Stadt auf den zwei Kontinenten. Damit waren sie Repräsentanten einer 500 Jahre alten Kultur: per Edikt hatte Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien am 31. März 1492 verfügt, daß bis zum Ende des Monats Juli im gleichen Jahr alle Juden die Territorien der spanischen Krone zu verlassen hätten [5], ein großer Teil dieser Vertriebenen wurde vom osmanischen Sultan Bayezid II. aufgenommen und willkommen geheißen [6]. Die Cohens als osmanische/türkische Juden gehörten also den Sepharden an, den aus Spanien stammenden im Gegensatz zu den Aschkenasim, die seit altersher in der Mitte Europas lebten und sich dann auch nach Osten hin ausbreiteten bzw. vertrieben wurden.

Die sephardischen Juden des osmanischen Reiches waren frankophone Juden. Sie beherrschten zumeist drei Sprachen: das Osmanische, das Sefardische (ein altertümliches Spanisch) und das Französische. Ihre Kinder gingen auf gute Schulen, Ausbildung und Wissen waren wichtig und wurden hochgehalten. Aus der Familie Cohen war es 1914 der älteste der Söhne von Mercado, der sein Glück im Ausland versuchte und der nach einigen Stationen 1925 beruflich soweit abgesichert war, daß er die Familie nach Paris holen konnte.

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Marcel Cohen geht in seinem schmalen Büchlein dem Schicksal seiner Familie nach. Viel hat er nicht, an dem er sich orientieren kann: die Erinnerungen eines damals 5jährigen Jungen, die mittlerweile sieben Jahrzehnte zurückliegen, ein paar Gegenstände, die die Vernichtung und die Zeitläufe überstanden haben, einige wenige Fotos, bei denen noch nicht einmal immer sicher ist, wer darauf abgebildet ist. Erwartungsgemäß haben sich Erinnerungen an Mutter und Vater am tiefsten in das Gedächtnis Cohens eingeprägt. Die Mutter, die alle Menschen, mit denen sie zusammentraf, für sich einnehmen konnte und bezauberte, die Wert legte auf ihr Aussehen (und seins) und die dann innerhalb weniger Stunden nach der Gefangennahme ergraute und ihr Haar verlor. Gerüche sind es, die der Autor mit Erinnerungsfetzen verbindet so wie der Geruch von Knäckebrot an Gestapo-Uniformen…. der Vater, es gibt zwei Bilder von ihm mit der Geige, Geigenspieler sagen, der Haltung der Hände nach müsse er ein geübter, guter Spieler gewesen sein. Völlig unerwartet wird nach vielen Jahren die Geige des Vaters wiedergefunden…. auch hier wieder der Rückgriff auf das Geruchsgedächtnis an das Rasierwasser des Vaters….

Es gab Überlebende in der Familie Cohen, aber nicht alle können reden. Die Erinnerung an die Hölle verschließt ihnen den Mund, sie sind zu nicht mehr mehr fähig als zu weinen, die Hände des fragenden Marcel zu halten und zu reiben… „Dann weißt du ja wie ich, daß David einen schönen Tod hatte!“ entgegnet ihm Perla, die überlebende Frau (eine der 85 von 1004 [vgl 3c]), sonst nichts…. David hatte aus dem Lager fliehen wollen, man ließ seine Leiche lange im (elektrischen) Zaun hängen, als Abschreckung und Warnung….

Von seiner Schwester Monique gibt es kaum Beweise ihrer Existenz. Ein Armkettchen mit Namen und Geburtsdatum 14. Mai 1943. Kein Totenschein, keine Sterbeurkunde oder zumindest ein Name in einer Liste. Nichts. Nur mit Mühe gelingt es, den Namen noch auf den Grabstein für die Mutter setzen zu lassen….

Rebecca – ein Schatten in der Erinnerung, sie lebte sehr zurückgezogen in der Wohung von Sultana und Mercado, noch nicht einmal sicher ist es, daß wirklich sie es ist, die das Bild zeigt…

Dem Text, den zusammengefügten Erinnerungen, sind Bilder beigefügt von Gegenstände, die hinüber gerettet werden konnten. Ein Eierbecher, ein Haarnetz, Handtaschen, ein selbstgemachter Spielzeughund… es ist nicht viel, was blieb, es ist unendlich wenig….

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Beim Lesen des Büchleins habe ich mich an ein Buch erinnert, das ich vor ein paar Wochen hier vorstellte, Uwe Timms Versuch, sich seinem Bruder anzunähern  [7]. Obwohl hier natürlich die Fragestellung eine ganz andere ist, ist den beiden Büchern gemein, daß sie erst Jahrzehnte, viele Jahrzehnte nach dem Krieg in Angriff genommen wurden. Timm wartete explizit so lange, bis alle, die Auskunft hätten geben können, gestorben waren, auch der Abstand Cohens zu den Ereignissen ist so groß, daß die sowieso schon relativ unsicheren Erinnerungen eines (Klein)kinds noch verschwommener geworden sein dürften. …. Dieser Abstand – ein Zeichen? Und wann, wofür? Daß man sich, so sehr man auch das Wissen sucht, vor dem Wissen auch fürchtet, Angst hat vor dem, was man erfahren könnte? Bei Timm vielleicht, aber bei Cohen? Oder bricht die Mauer der Verdrängung erst kurz vor der Erkenntnis ein, daß das eigene Leben sich (wahrscheinlich) einem Ende nähert, die verbleibende Zeit zumindest endlich geworden ist?

Es kann von Nichtbetroffenen einfach nicht nachvollzogen werden, welche verheerenden seelischen Verwüstungen der Holocaust bei den Überlebenden angerichtet hat. „Deportierte fühlen sich nur in Kreis ehemaliger Deportierter wohl. Wir müssen nicht sprechen, um uns zu verstehen“ bescheidet Perla den Fragenden…. Vielleicht sollte man viel mehr bewundern, wieviele der Überlebenden – und daß sie – dann doch die Kraft gefunden haben, weiterzuleben, sich wieder eine Existenz aufzubauen und nach vorne zu schauen….

Raum der Erinnerung – Tatsachen„: ein feinfühliger, sensibler, nachdenklicher Versuch, den letzten Zipfel entschwindender Erinnerungen an eine Familie festzuhalten.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Marcel Cohen: http://fr.wikipedia.org/wiki/Marcel_Cohen_(écrivain)
[2] Wiki-Artikel zum Hôpital Rothschild: http://de.wikipedia.org/wiki/Hôpital_Rothschild
[3] Chronologie des Holocaust:
a) http://www.holocaust-chronologie.de/chronologie/1943/september/01-07.html
b) http://www.holocaust-chronologie.de/chronologie/1943/dezember/16-25.html
c) http://www.holocaust-chronologie.de/chronologie/1944/juni/01-07.html
[4] Wiki-Artikel zum Sammellager Drancy: http://de.wikipedia.org/wiki/Sammellager_Drancy
vgl auch den Roman: Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel; https://radiergummi.wordpress.com/2011/07/04/tatiana-de-rosnay-sarahs-schlussel/
[5] Wiki-Artikel zum Alhambra-Edikt: http://de.wikipedia.org/wiki/Alhambra-Edikt
[6] Wiki-Artikel „Türkische Juden“: http://de.wikipedia.org/wiki/Türkische_Juden
an dieser Stelle sei auch auf den Roman von Mario Levi: Istanbul war ein Märchen hingewiesen: http://www.suhrkamp.de/buecher/istanbul_war_ein_maerchen-mario_levi_46137.html
[7] Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders; https://radiergummi.wordpress.com/2014/04/20/uwe-timm-am-beispiel-meines-bruders/

Weitere Bücher in meinem Blog, die sich mit dem Holocaust in Frankreich bzw. auch dem Themenkomplex „Kollaboration“ befassen:

Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich
Pierre Assouline: Die Kundin
Odile Kennel: Was Ida sagt
Tatiana de Rosnay: Sarahs Schlüssel
Irène Némirovsky: Suite française

Marcel Cohen
Der Raum der Erinnerung
Tatsachen
Übersetzt aus dem Französischen von Richard Gross
Originalausgabe: Sur la scène intérieure Faits, Paris 2013
diese Ausgabe: edition tiamat, broschur, ca. 160 S., 2014

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4 Responses to “Marcel Cohen: Raum der Erinnerung”

  1. dasgrauesofa Says:

    Beim Lesen deines Beitrags habe ich mich sehr erinnert an meine Lektüre von Boris Cyrulniks Erinnerungen „Rette dich, das Leben ruft“.Cyrulnik ist von seiner Mutter vor der Verschleppung in ein KZ gerettet worden, denn sie hat ihn einen Tag vor ihrer eigenen Deportation aus Bordeaux 1942 bei der staatlichen Fürsorge abgegeben, da war er vier Jahre alt. Und in seinem Buch beschreibt er dann, wie schwer es nach dem Krieg gewesen ist, über die Erlebnisse zu sprechen, wie schwer es war, sich zu erinnern – und wie falsch einige Erinnerungen auch gewesen sind -, wie schwer es war, über das Erlebte zu sprechen und wie sich das Schweigen ausbreitete, weil sich in der Nachkriegseuphorie niemand die traumatisierenden Geschichten anhören möchte, weil sich niemand mit den eigenen Anteilen an der Schuld beschäftigen möchte. Erst Filme, Romane, dann die Prozesse ermöglichen es Cyrulnik in den 1980er Jahren seiner Geschichte noch einmal nachzugehen. Und auch in Cyrulniks Buch wird diese unglaubliche Karft deutlich, sich ein neues Leben aufzubauen. Das sind alles sehr beeindruckende Zeugnisse.
    Viele Grüße, Claudia

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    • flattersatz Says:

      liebe claudia, herzlichen dank für diesen ausführlichen und wertvollen kommentar. ja, wir können uns heutzutage diese immensen seelischen und psychischen belastungen, die durch das auseinanderreißen der familien, die deportationen, der unsicherheit darüber, was alles geschieht, geschehen könnte und des jahrelangen lebens in der angst (begley hat das ja sehr eindringlich beschrieben) nicht vorstellen, bei weitem nicht. uns bleibt nur das akzeptieren, daß es eben oft jahrzehnte brauchte, sich durch diese traumabedingten abwehrmechanismen der psyche hindurchzuarbeiten, sie zu lockern, das ungeheure zuzulassen – in bildern, in worten, im darübersprechen. und manche schaffen es nie….

      lg
      fs

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  2. Evy Heart Says:

    Das klingt ja gruslig :-(

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