Adam Olschewski: Ewa

18. Mai 2014

Daniel Olschewski ist ein junger, in Deutschland lebender, polnischer Autor, der 2007 mit „Ewa“ sein Romandebut vorgelegt hat, dem aber – zumindest bin ich nicht fündig geworden – bis dato noch kein weiteres Buch gefolgt ist. „Ewa“ nicht „Eva“, das deutet schon darauf hin, daß hier (auch) polnisches verarbeitet wird, Ewa, die mit Nachnamen „Bruner“ heißt, also einen fast deutschen Namen trägt, hat einen Gegenpart, nämlich R, Rainer, der zu seinem urdeutschen Vornamen den fast polnischen Nachnamen Zabka führt, das (beinahe)-Fröschchen. Frau und Mann, das ist oft die Geschichte eines Gefühls, einer Liebe, einer Zugehörigkeit, einer Abhängigkeit, einer Rebellion, die auch in Hass umschlagen kann, Hass, der unter Umständen gar keinen ausdrücklichen Grund hat, sondern der sich entwickelt, weil Hass oft langsam gärend einfach auf seine Zeit wartet. Und Polen und Deutschland ist auch ein Aufeinandertreffen zweier Kulturen, zweier Lebensweisen und differenter Arten, das Leben zu leben. Polen und Deutschland, das sind zwei, die eine gemeinsame Geschichte haben und praktisch immer waren die Polen deren Leidtragende…..

Die Geschichte spielt, so läßt sich schlussfolgern, Anfang bis Mitte der 90er Jahre vorwiegend in Berlin, zeitlich jedenfalls so, daß Clara Schumann noch mit das Sagen hat – in der Alltagswelt zumindest. Ewa war 1984 als 14jährige nach Deutschland gekommen, die Eltern hatten beschlossen, aus ihrem Urlaub nicht mehr nach Polen zurückzukehren. Dem jungen Mädchen war das recht, auch wenn sie Deutschland im wesentlichen vom Quelle-Katalog her kannt….. Dies ist aber Vergangenheit, wir erfahren nicht allzuviel über diese ersten Jahre, die sie in Deutschland verlebt. Im Gegenteil, wir lernen sie gleich zu Beginn der Geschichte im Vorgriff auf das Ende des Buches kennen: in einer temporeichen, kaum durch Absätze unterbrochenen Einführung schildert der Autor, wie eine, die junge Frau einen Mann, der offensichtlich durch einen Schlaganfall an einen Rollstuhl gebunden ist, packt, in eine Auto zerrt, ihm den Finger bricht und sie die feste Absicht hat, ihn zu töten.

Sie hatte ihn im Zug kennen gelernt, er gab ihr eine Tablette gegen ihren Schmerz, ein älterer Herr, älter als sie zumindest, so um die 50 Jahre, keine Brustbehaarung, was ihr wichtig war („.. Falls…“) und was sie wegen der zwei geöffneten obersten Hemdenknöpfe sehen konnte. Ansonsten: ein Aussehen nach potentierter Gesundheit, das etwas Hohlwangige könnte sie auffüttern, die Augenbrauen berühren sich nur beinahe, was wichtig. War. Die Nase noch nie gebrochen, ein Mann, der Risiken einzuschätzen weiß… und er? Blickte auf unebene, nicht übermäßig volle, aber nicht dünne Lippen, auf sehr hohe Wangenknochen mit Wangen, die eine noch durchaus akzeptable Tendenz zur Pausbäckigkeit aufwiesen, auf ein zartes Erröten vor Verlegenheit, Scham oder Übermut, auf Augen wie Murmeln: „..Schön war sie, ausgesprochen schön sogar. …. endlich eine Frau. Eine echte, die von Gefühlswallung zu Gefühlswallung taumelte. Ohne einen klaren Plan fürs Dasein, lediglich mit Instinkt ausgestattet….“

So kamen sie ins Gespräch, obwohl er sich anfänglich nur gestört fühlte bei seine Zeitungslektüre, für ihn als Chefredakteur einer Berliner Tageszeitung Beruf, aber das ließ sie nicht gelten, es reizte sie, diesen sich ihr Entziehenden zu ködern. Und für ihn wurde ihr Ködern eine Chance, der er schließlich nachlief und die er erhaschte. Und sie blieben im Gespräch, sahen sich regelmäßig, ihm, Rainer, dem Hanseaten, war die Beschränkung auf das Wochenende, bedingt durch die unterschiedlichen Wohnorte, durchaus genügend. Ihr. Nicht. Daher zogen siezusammen bzw. sie zog zu ihm nach Berlin, in seine Wohnung. Er ging fortan zur Arbeit, sie blieb im Bett. Vertrieb sich den Tag mit Totschlagen. Von Zeit. Erlag der Bequemlichkeit, die die Scheckkarte des Mannes bot….. „Liebe wurde zum Tauschgeschäft: etwas für etwas und nichts für nichts.“ Er: musste strampeln, im Job, andere, keine Zeitungsleute, verlangten nach Gewinn, weniger nach journalistischer Qualität.

Ein Schlaganfall, ein Sturz die Treppe hinunter (das sie ihn gestoßen habe: eine Ausgeburt. Seines. Hirns.) Rien ne va plus. Bei. Ihm. Aber: Jetzt konnte sie ihn dorthin bringen, wo sie ihn immer hatte haben wollen und er sich stets gewehrt hatte. Endlich. ….

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Die Gegensätze: R, der Hanseate mit einem Leben, das wie auf Schienen läuft, der Genauigkeit verpflichtet, dem Oberlehrerhaften, mit dem er gerne Vorträge hält, Ordnung und Pünktlichkeit – man kennt das an Deutschen. Sie dagegen impulsiv, aus dem Gefühl heraus, ohne Ziel im Leben aber nicht ohne Plan, läßt sich durch Bequemlichkeit und Geld ködern, ist gut Freund mit dem Fernsehen, proletarisch eben. Und nach wenigen Jahren Kleidergröße 44. Die Gegensätze, die sich einst anzogen, stoßen sich immer mehr ab, sie mutiert in den inneren Monologen zur Gans, bei ihr entwickelt sich eine Abneigung, die zu Hass wird und ihrer potentiellen Gewalttätigkeit ein Feld bieten sollte. Es ist ihr alles zuzutrauen, brutal bricht sie einem Jungen, der den „Benz“ verkratzt, den Arm, verscheucht dessen Freunde mit gezückter Pistole.

Natürlich gibt es nicht nur diese beiden Personen in diesem Roman. Um diese herum spielen andere einen durchaus relevante Rolle: Jagoda, die noch in Polen lebende Cousine Ewas, Gotfryd, der spät in der Handlung auftritt und der wohl mit beiden was hat (so wie R auch mit Jagoda?, eine Andeutung läßt dies vermuten), die Mutter von R, die Ewa nicht ausstehen kann, die sie durchschaut, die aber keinen Einfluss mehr auf ihren Sohn hat, das Verhältnis dieser beiden nur noch auf der formalen Ebene.. Freunde hat R wohl nicht, Arbeitskollegen, die immer auch Konkurrenten sind, Chefs, die immer auch Richter über ihn, der mit einer Polin zusammenlebt, sind….

Ewa hat einen Plan, der sich peu a peu offenbart, R dagegen, bewegungsunfähig und verstummt auf der Pistole sitzend im Benz, hat ein letztes Fünkchen Vertrauen in sie, daß sie ihm nur einen Schrecken einjagen will, ihn bittend und bettelnd sehen will (der er nicht nachzukommen entschlossen ist, nicht einmal der von Ewa gebrochene Finger entlockt ihm sichtbare Äußerungen des Schmerzes), doch wie es so mit Plänen ist, manchmal kommt es anders, wird der Jäger. Zum Gejagten, wird der Betrüger zum Betrogenen… Für R bleibt dies letztlich. Egal….

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In „Ewa“ feiern die Vorurteile, die man so über Polen und Deutschland, Polen und Deutsche hat, fröhliche Urstände: gehen wir davon aus, daß der Autor, selbst in Polen geboren und in Deutschland lebend, sich da auskennt. Wirklich gut schneidet keins der beiden Länder ab, beiden bekommen sie ihr Fett weg… Damit kann natürlich auch die Beziehung zwischen Ewa und R als Clash zweier „Kulturen“ bzw. Lebensphilosophien interpretiert werden, die anfänglich zwar in der Lage sind, eigene Defizite zu bedienen und auszugleichen, die sich aber im Lauf der Zeit immer fremder werden. Ändern jedenfalls tut sich keine der Parteien… Woher Olschewski allerdings den ins Mörderische wachsenden Hass seiner Ewa nimmt, das blieb mir rätselhaft…

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Der Text selbst ist nicht immer ganz einfach zu. Lesen. Wie ich auch in dieser Besprechung plagiiert habe, liebt es Olschewski, die Worte seiner Sätze durch Punkte. Abzusetzen. Ähh… puhhh… ja. Es ist so. Warum. Weiß. Ich. Nicht. Vielleicht auch nur als Alleinstellungsmerkmal gedacht…. Nach dem temporeichen (obwohl auch hier schon innere Monologe eingestreut sind) Beginn des Romans, der durchaus auch einen Thriller einleiten könnte, verliert das Buch ein wenig an Fahrt, weil sehr viel in – den schon erwähnten – inneren Monologen dargelegt wird. Zeichen dafür, daß die Beziehung des Paares wortlos war, nicht durch Diskussionen, Gespräche geprägt? Dadurch die Notwendigkeit, alles mit sich selbst zu besprechen, gegeben war? Auch bei diesen Monologen, in denen sich die Entwicklung der Beziehung offenbart, muss man aufmerksam sein, da der Autor manchmal mitten im Satz zur Gegenseite, zur anderen Person wechselt, völlig unvermittelt aus deren Sicht weiter monologisiert…. gewöhnungsbedürftig und die allermeisten wahrscheinlich ratlos zurücklassend (und damit den Leser in die Rolle R´s drängend) auch die unübersetzten Einsprengsel in polnischer Sprache.

„Ewa“ beginnt als Beziehungsgeschichte zweier ungleicher Partner. Dieser Plot wird sukzessive unterwandert von krimiartigen Elementen, bis die Geschichte am Ende dann zu einem fast lupenreinen Krimi mutiert ist, der durchaus überraschende Elemente aufweist und nur Verlierer zurückläßt. Zumindest in Bezug auf R und Ewa.

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Was bleibt bei mir vom Buch? Sicherlich ist dieser Roman kein „Muss“, manches ist doch zu stereotyp, zu holzschnittartig. Andererseits würde es mich interessieren, wie sich der Autor weiter entwickelt hat, aber wie eingangs erwähnt, der Erstling scheint ein Einling zu sein…. So mag, wer ihm habhaft werden kann, „Ewa“ zwischendurch lesen, als Abwechselung, der Roman hat jedenfalls sein Eigenes.

Adam Olschewski
Ewa
diese Ausgabe: Rogner & Bernhard, HC, ca. 343 S., 2007

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