Halldór Laxness: Am Gletscher

11. Mai 2014

Snaefellsjökull von Norden, von Hellissandur (Juli 2009), Quelle [1]

Snaefellsjökull von Norden, von Hellissandur (Juli 2009),
Quelle [1]

Halldór Laxness, isländischer Nobelpreisträger für Literatur [2] führt uns mit seinem schmalen Roman „Am Gletscher“ in die westlichste Ecke der Insel, auf die meerumkränzte Halbinsel Snæfellsnes [3]. Hierhin zu fahren, an den Fuss des Berges, des Vulkans, in Sichtweite des Gletschers hat ein junger, arbeitsloser Theologe vom Bischof den Auftrag erhalten. Protokollieren soll er was er an Antworten erhält auf seine Fragen. Denn Seltsames ist dem Kirchenministerium zu Ohren gekommen über die Pfarre dort im westlichen Land: Der Pfarrer repariere die Kirche nicht, die in schlechtem Zustand sei, wie im übrigen auch sein Privatleben (in Wirklichkeit wird unser Protokollant die Kirche sogar zugenagelt vorfinden und auch das private Leben derrangiert), er taufe nicht, verhochzeite nicht, beerdige nicht. Dafür beschlage er sämtliche Pferde der Region und repariere, was gerade kaputt sei (beispielsweise die Schnellgefrierhäuser)… und eine Kiste, einem Sarg nicht unähnlich, sei vor wenigen Jahren auf den Gletscher gebracht worden, es sei zu eruieren, was sie enthielte, ob dies nicht etwas sei, was in die Zuständigkeit der Kirche fiele….

Nur Fragen solle er, der meist Vebi (Vertreter des Bischofs), manchmal auch „Unterzeichneter“ (obwohl es doch eigentlich „Unterzeichnender“ heißen müsste) genannt wird, nicht schlussfolgern oder analysieren, fragen und protokollieren: diese Protokolle würde man im Ministerium dann auswerten, über sie nachdenken. Geschildert wird das Geschehen aus der Sicht einer dritten Person, die das ganze beobachtet.

Derart instruiert fährt unser Mann also von Reykjavik aus zum mythischen Snæfellsjökull [4], der für die Menschen dort „der Mittelpunkt der Welt“ ist, bei dem, schaut man ihn lange genug an, „Wörter aufhören, auch nur das Geringste zu bedeuten„. Fast erinnert diese Kraft, diese Macht, die dem Gletscher zugeschrieben wird an die des fremden Planenten Solaris oder die des Meeres in Pinols: „Im Rausch der Stille“ [6]..

Und es stimmt, der Leser merkt es so wie der Vebi, der die Menschen (so er sie trifft, was beim Pfarrer Jon Primus gar nicht so einfach ist) fragt und Antworten erhält, die allenfalls interpretierbar sind, nicht aber direkt ihren Sinn verraten: „Es ist schade, daß wir einander nicht anzwitschern wie die Vögel. Wörter verwirren. Ich gebe mir ständig Mühe, Wörter zu vergessen.“ bescheidet Siro Jon den Vebi. So ergibt sich im Verlauf des Aufenthalts am Gletscher die seltsame Situation, daß ausgerechnet der Vertreter der Religion als nüchternes, rationales Exemplar der Spezies Mensch erscheint, während die Einheimischen und die, die in diesen Tagen dort anlanden, eher seltsam, in anderen Sphären weilend wahrgenommen werden. Am bodenständigsten scheinen noch die Frauen zu sein, Stößeldora etwa, die Mensch und Tier mit Kaffee und Kuchen versorgt (wo hingegen sie es als unfein ansieht, dem Gast Fisch anzubieten) oder auch Frau Fina Jonson, die im Schweiße ihre Angesichts allem mit Seifenlauge und Schrubber entgegentritt.

Als ich dahinter kam, daß alle Geschichte nur eine Fabel ist, dazu noch eine schlechte,
begann ich nach einer besseren Fabel zu suchen und fand die Theologie
.“

Handlung und Gespräche dieses Buches sind kaum wiedergebbar. Es treten ausser den genannten noch auf an wichtigen Personen: 3 Hirten, nicht aus dem Morgenland, aber möglicherweise Inkarnationen: Mensch zu Fisch, Fisch zu Mensch: Saknussemm der Zweite, Goldmacher, kennt das Geheimnis des Gletschers, inkarniert in Kalifornien. Epimenides, Blumenträger, seit siebenundfünfzig Jahren am Schlafen. Wenn er aufwacht, wird Schiwa aufhören zu tanzen und der Lautenschläger, der der Tropfen der Erdgeschichte ist (Der Vebi wundert sich, wie diese in Lumpen gehüllten, schlecht beschuhten Männer durch die Ausländerkontrolle gekommen sind…). Inkarnator ist Lord Maitreya, Inkarnationsmethode die kosmobiologische Induktion. Lord Maitreya, von anderen Grossist genannt, auch der Große Angler (des vierzigpfündigen Lachses wegen, mit dem er weiland kämpfte) mit bürgerlichem Namen Gudmundur Sigmundson, der in einem Buch das „heilige Recht des irdischen Lebens auf himmlische Mitbestimmung“ proklamiert. Ferner Jodinus mit dem 12-Tonner, Langenseer, der Pferdeliebhaber und natürlich Ua, die Frau, die alles wusste, immer satt war und nie schlief, die vor vier Jahren starb und die zum Schluss der Geschichte den Vebi noch völlig verwirren sollte……

Schon aus diesem wenigen ist zu ersehen, daß „Am Gletscher„, dem Ort, an dem die „Allweisheit der Elemente greifbar ist; Stellen wo das Feuer zu Erde, die Erde zu Wasser, das Wasser zu Luft und die Luft zu Geist geworden ist.“ nicht mit der Ratio zu lesen ist, will man nicht ähnlich ratlos dastehen wie der Vebi oder der Verwirrung anheimfallen, ein Zustand allerdings, der dem Verständnis des Textes wiederum zugute käme. Aber da man nicht sicher sein kann, aus dieser Verwirrung wieder aufzutauchen, mag das Erfühlen des Sinnes die sicherere Methode sein, sich des Werkes anzunehmen.

Gar köstlich sind die nüchternen Beschreibungen der äußeren Umstände und Gegebenheiten durch den  Vebi: die Art und Weise seines Empfangs bei Jon Primus, die Umstände des Zimmers, in dem er untergebracht ist, die Vorzüglichkeit (die relative Vorzüglichkeit) des Essens mit dem er von Stößeldora (der Frau mit dem schönen Mörser) versorgt wird (incl. der Kriegstorten, wiewohl er lieber am getrockneten Haifisch knabbert). Und die Schilderung, in welchem Zustande der Unterzeichnete die Kirche auffand und den windschiefen, vllt auch nur gramgebeugten Friedhof… köstlich zu lesende Passagen voll mit trockenem Humor, hervorgerufen durch die Absurdidäten des Snæfellsnes´schen Alltags am Gletscher.

Ebenso absurd und surreal die Gespräche des Vebi mit den Menschen über das Leben, die Religion und den fraglichen Kasten, der seit Jahren auf dem ewigen (?) Eis des Gletschers seiner Rückholung harrt. Es gibt Fragen, aber keine Antworten, die Antworten sind Fabeln oder mehr Antworten zu Fragen, die nicht gestellt wurden oder Antworten, für die es keine Fragen überhaupt geben mag…. es sind Antworten von Menschen, die überzeugt sind, mit den Spiralnebeln in Verbindung zu stehen und Lord Maitreya ist der inkarnierte Bote dieser Existenzen in den Nebeln.

Biotelekinesis
Astrobioradiophonie
Bioastrochemie
Epagogik
Epigenetik
Promotorie
Heteromorie
Dysexelixis
Diexelixis

Man kann einiges vom Ausgeführten als Kritik nehmen oder interpretieren an den realen Verhältnissen auf unserem Planeten, der im intergalaktischen Maßstab die niedrigste Form der Intelligenz beherbergt:

Wir wohnen hier am Rand des Weltraums. Der Versuch, hier zu leben, läuft. Er ist noch nicht sehr weit gediehen. Vielleicht mißlingt er ganz und gar. Wir wohnen in einer Welt, in der Teufel bestimmen. Die Mordwaffe ist es, wofür sie leben, der Mord, woran sie glauben; alles andere lügen sie.
(Dr. Godman Syngmann)

In dieser Hinsicht ist sicherlich das Zwiegespräch zwischen dem „Gottmann“ Dr. Syngmann und seinem Freund, dem Pfarrer Sira Jon, der ihn „Mundi“ nennt, da Syngmann vormals Gudmundur hieß und der im Verlaufe der Geschehnisse zurückkehren sollte in den Fünften Himmel und nur seine Hülle, die er sich ausgeliehen hatte für sein hiesiges Erscheinen, zurückließ, eine Hülle, an der der Vebi eine Nacht der Sicherheit halber lieber Wache halten wollte und für die Sira Jon, da er dieser Sachen ungeübt geworden aber er doch immer noch der Pfarrer war und Kraft seines Amtes der Zuständige, nur mit Mühe eine Grabrede halten konnte (dies dann aber doch zur Erbauung aller vollbrachte), zentraler Punkt des Buches.

Vielleicht ist aus dem Wenigen, daß der Bloggende hier niedergeschrieben hat, schon erkennbar, wie sich in dieser Region der Erde, nahe den sich kreuzenden Kraftquellen und den Myriaden von Vögeln, die an den steil zum Meer hin abfallenden Felswänden sitzen und die diese Wände mit ihrem Schmelz weißen, Elemente des Christentums (die drei Hirten, der Erlösungsgedanke, das Konzept der Wiederauferstehung u.a.m.) durchmischen mit dem Mythischen, das dem Ort an sich eigen ist und das tief in die Gedanken- und Gefühlswelt des Isländers deuten mag…

Sonnenuntergang am  Snæfellsnes Vulkan Quelle [1]

Sonnenuntergang am Snæfellsnes Vulkan
Quelle [1]

„Der Gletscher“, offensichtlich nicht nur für mich [7] eine Einstiegslektüre in das Werk des großen Isländers Laxness,  weckt Neugier und Interesse an der Gedankenwelt, der Mythenwelt und auch und insbesondere an der Natur dieser Insel im hohen Norden, diesem Nebelfleck unter der Polarsonne, in dessen Schwaden sich die Grenzen zwischen Realität und Traum, zwischen Wahrheit und Fabel verwischen [8]. Für alle, die dies ebenfalls entdecken wollen, kann ich den „.. Gletscher“ nur wärmstens empfehlen, all denen, die es nicht entdecken wollen, auch, denn nur so erfahren sie, was sie versäumt hätten, wenn sie diesen schmalen Roman ungelesen gelassen hätten….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Snæfellsjökull: http://de.wikipedia.org/wiki/Snæfellsjökull
BildSonnenuntergang„: By Laghi.l (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons
BildGletscher„: By Wolfgang Sauber (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
[2] Wiki-Artikel zu Laxness: http://de.wikipedia.org/wiki/Halldór_Laxness
[3] Wiki-Artikel über Snæfellsnes: http://de.wikipedia.org/wiki/Snæfellsnes
[4] Dieser Ort gehört zu den Orten auf unserer Erde, von denen die meiste Kraft ausgeht, weil sich hier zwei Energie-/Kraftlinien kreuzen. So zumindest ist die Überzeugung derjenigen, die daran glauben… vlg hier: Dorothee Kaden: Das Geheimnis des weißen Berges, http://www.arte.tv/de/das-geheimnis-des-weissen-berges/1565322,CmC=1565320.html
[5] für alle etwas jüngeren: das sind solche Apparate: http://de.wikipedia.org/wiki/Tonband
[6] – Stanisław Lem: Solaris: https://radiergummi.wordpress.com/2008/11/24/stanislaw-lem-solaris/
– Albert Sanchez Pinol: Im Rausch der Stille: https://radiergummi.wordpress.com/2008/10/23/albert-sanchez-pinol-im-rausch-der-stille/
[7] Bernhild Vögel: Wolfgang ist gekommen in: https://icelandreview.com/news/2013/02/20/wolfgang-ist-gekommen
[8] ich komme nicht umhin, an dieser Stelle auf die wunderbare Beschreibung des Meeres vor Island durch Loti zu verweisen (der im Roman übrigens auch erwähnt wird): Pierre Loti: Islandfischer;  https://radiergummi.wordpress.com/2011/12/03/pierre-loti-islandfischer/

Allen an Laxness Interessierten lege ich ferner diesen Beitrag von Wolfgang Schiffer, eine Einführung in und eine Würdigung des Werkes dieses isländischen Autoren, an´s: https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2017/02/16/wer-nicht-in-der-poesie-lebt-der-ueberlebt-hier-auch-nicht/ 

Halldór Laxness
Am Gletscher
Übersetzt aus dem Isländischen von Bruno Kress
Originalausgabe: Kristiblad undir Jökli, 1968
diese Ausgabe: Steidl Verlag, TB, ca. 186 S., 2011

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4 Responses to “Halldór Laxness: Am Gletscher”


  1. Diese Beschreibung deckt sich sehr mit meinen eigenen Eindrücken beim Lesen. Ein bisschen zäh, dieses Buch, aber auch so seltsam, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe.

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    • flattersatz Says:

      ach, durchhalten würde ich jetzt nicht sagen. auch wenn die längeren monologe in der zweiten hälfte des buches etwas „zäh“ sein mögen, strahlt der gesamte roman doch etwas besonderes aus…. eine so völlig andere art der weltsicht, der sicht auf das aussen… irgendwie faszinierend

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  2. schifferw Says:

    Dank für diese Besprechung eines „Oldies“! Für mich zählen die Romane von Halldór Laxness zu den faszinierendsten Werken der Weltliteratur. Zusammen mit einer persönlichen Begegnung mit dem Schriftsteller vor vielen Jahren haben sie auch mein besonderes Interesse an der zeitgenössischen isländischen Literatur geweckt…

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    • flattersatz Says:

      herzlichen dank dir, lieber w., für deinen besuch und deinen kommentar. den rückblick auf deine erfahrungen mit isländischer literatur (interview mit vögel) habe ich ja oben verlinkt, ein schönes interview übrigens, das einem wieder mal vor augen führt, was man alles nicht kennt… ;-)

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