Louis Begley: Lügen in Zeiten des Krieges

7. Mai 2014

Louis Begley, 2003 Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann Quelle: [1]

Louis Begley, 2003
Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann
Quelle: [1]

Vielleicht sollte ich die Besprechung dieses Romans mit einem kurzen Abriss über die Biographie des Autoren beginnen [1]. Louis Begley wurde im Oktober 1933 als Ludwik Begleiter in Stryj (damals Polen, heute Ukraine) geboren [1a]. 1939 überfiel das Dritte Reich Polen, das unter Deutschland und Russland aufgeteilt wurde, wobei Stryj unter russische Herrschaft fiel. 1941 brach Deutschland den Pakt mit Russland und griff das riesige Land an. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war die jüdische Familie Begleiter aufs Höchste gefährdet. Der Vater als Arzt wurde von den Russen evakuiert, Mutter und Sohn blieben zurück, überlebten den Krieg und den Holocaust in Polen dank der Intelligenz und auch der Kaltblütigkeit der Mutter: mit falschen Papieren und einer entsprechenden „Legende“ schafften sie es, als katholische Polen bis zum Kriegsende durchzukommen: Lügen bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus.

Dieses eigene Schicksal bildet den Hintergrund für diesen autobiographischen Roman des amerikanischen Schriftsteller Begley.

Die „eigentliche“ Erzählung ist eingerahmt von zwei Kapiteln, in denen ein Erzähler auf einen Mann von ca. 50 schaut, der jetzt ein wohl gutes Leben führt und der die Äneis liebt, denn hier, in dieser antiken Schrift, findet er Bilder für das, was sich in ihm an Erinnerungen, an Gefühlen findet: „.. die Scham, am Leben geblieben, mit heiler Haut, ohne Tätowierung davongekommen zu sein, während seine Verwandten und fast alle anderen im Feuer umgekommen waren, unter ihnen so viele, die das Überleben eher verdient hätten als gerade er.“ Für ihn sind die Bilder der Äneis Metaphern für das eigene Schicksal, so der Nebel, in den Juno, die Mutter, den Sohn hüllt, um ihm das Entkommen zu ermöglichen…. Zwar plaudert er nicht über seine Kindheit, über das Polen des Krieges, aber er liest (zwanghaft?) Berichte über Folterungen von Dissidenten, stellt sich die Verhöre in allen Einzelheiten vor: ein Voyeur des Bösen ist er geworden…. leitet Begley mit diesen Gedanken seinen Roman ein, so schließt er ihn mit dem Blick von außen auf die Zeit direkt nach dem Krieg, in denen er und seine Mutter den falschen Namen nicht ablegen, denn Juden werden weiterhin ermordet, die Zeit, in der der Vater zurückkommt mit einer neuen Frau, die Zeit, in der er auf die Schule geht und einen Freund findet… und der Junge mit dem richtigen Namen, Maciek, er taucht nicht wieder auf, er ist tot, wurde allmählich lästig, war langsam gestorben. Eine erfundene Kindheit ist geblieben, die Erinnung an die richtige war nicht zu ertragen…

Ich habe beim Herumsuchen eine Aussage von Begley gefunden (die ich nicht mehr wiederfinde und die ich mir nicht kopiert habe….), in der dieser sagt, er hätte mit diesem Roman nichts aufarbeiten oder einen ähnlichen Zweck erfüllen wollen, sondern er wollte nur eine Geschichte erzählen. Auch wenn dies vom Schreibstil her zutreffen mag – Begley hat einen unaufgeregten, in der Tat erzählenden Tonfall – erscheint es mir in Anbetracht dieser einrahmenden Kapitel doch so, als ob da noch irgendwo innen drinnen ein Trauma sitzt, das der „Aufarbeitung“ harrt(e)….

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Maciek ist der einzige Sohn eines jüdischen Arztehepaares in dem Städtchen T., die Mutter stirbt jedoch im Kindbett. Der Halbwaise wächst unter der Erziehung seiner Tante Tanja auf, die einen für die damalige Zeit schlechten Ruf hat: sie ist intelligent, selbstständig und intellektuell. Der Vater ist der beste Arzt in der Stadt, die Verhältnisse im Haushalt sind gut, an Geld ist kein Mangel, es ist Personal vorhanden. Für den Knaben wichtig ist besonders Zosia, das Kindermädchen, das von ihm sehr geliebt wird.

Maciek ist kein einfaches Kind, er macht Probleme mit dem Essen, hat Alpträume und Ängste. Aber Zosia versteht es, mit ihm umzugehen, gibt ihm Wärme, auch körperliche. Die ersten Schatten auf die (vom Trauma des Muttertodes abgesehene) recht glückliche und behütete Kindheit fallen, als Maciek fünf Jahre alt ist: der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 veranlasst den Vater, einen geplanten Urlaub am Mittelmeer abzusagen, ihm ist die Situation nicht geheuer.

Mit Kriegsbeginn 1939 ziehen die Großeltern ins Haus, bis auf Zosia wird das Personal entlassen, der Vater will nicht auffallen. 1941, nach dem Angriff Deutschlands auf Russland, verläßt auch Zosia (unter Tränen) die Familie, ihr Vater duldet nicht länger, daß sie die Hintern jüdischer Bälger abwischt. Macieks Vater kommt als Arzt nach Russland, die Wohnung in T. wird von der SS requiriert und Maciek muss mit seiner Tante und den Großeltern in eine kleiner Wohnung, die sie sich mit einer weiteren Familie teilen.

Bern, ein jüdischer Anwalt, der im Judenrat arbeitet, kann Tanja, die perfekt Deutsch spricht, eine Arbeit besorgen. Hier lernt die Tante Reinhard kennen, einen Gestapo-Mann, der einen Arm verloren hat. Reinhard unterstützt Tanja und besorgt Bern, der zu den Partisanen will, Waffen. Der Großvater wohnt mittlerweile klandestin in Warschau, die kranke Großmutter zieht zu Reinhard in die Wohnung, für Tanja und Maciek organisiert er eine Unterkunft in Lwow.

Es ist müßig, jetzt den gesamten Verlauf des Krieges für das ungleiche Paar zusammenfassen zu wollen. Über Jahre hinweg ist es das gleiche: das ungewöhnliche Paar (Tante/Mutter und kleines Kind: warum sind sie nicht bei der Familie, wieso haben sie niemanden, bei dem sie unterschlüpfen können?) sucht eine Unterkunft, die mal im Bordell ist, mal bei älteren Damen, die untervermieten müssen. Sie leben und verhalten sich möglichst unauffällig, versuchen, fast unsichtbar zu werden, was nicht immer einfach ist, manche Unterkunft ist mit „Familienanschluss“. Doch hier werden Fragen gestellt, wird erwartet, daß man sich am Gespräch beteiligt. Warum ist der Kleine nicht in der Schule, wäre er jetzt nicht in dem Alter für die hlg. Kommunion und soll ich nicht mal mit dem Pfarrer sprechen, der Unterricht beginnt jetzt demnächst… Manchmal ist es knapp, kann die Tante nur mit bewundernswerter Kaltblütigkeit die Gestapo lange genug täuschen, daß die Flucht noch möglich ist, bevor sie wieder kommt. Manchmal werden sie betrogen von den eigenen Leuten, von Juden, die sie erpressen und ausnehmen, manchmal aber gibt es auch Hilfe von unerwarteter Seite.

…. und sich immer unter Kontrolle behalten. Krankwerden ist verboten, besonders für das Kind, der Arzt würde sehen, daß er beschnitten ist. Hunger, die beiden lernen ihn kennen… stundenlang hocken sie aufeinander in den engen Zimmern, gehen nicht auf die belebte Straße aus Angst vor Entdeckung…

… in Warschau stehen sie auf dem Dach des Hauses, in dem sie wohnen. Zusammen mit den anderen Bewohnern müssen sie zuschauen, wie das Ghetto nach dem Aufstand in Grund und Boden zerschossen und abgebrannt wird. Für die anderen ist das Spiel der Flammen eine nette Abwechselung…

… BBC, das (bei Todesstrafe) Abhören dieses Senders frustriert die ersten Jahre, Erfolgsmeldungen über Erfolgsmeldungen über die Siege der Wehrmacht. Es ist die Zeit, in der die Zinnsoldaten des Jungen die Wehrmacht sind, die schicken deutschen Soldaten, die siegreichen. Später dann stehen die Zinnfiguren auch für Russen, als nämlich der Krieg sich wendet und Hoffnung aufkommt….

… die deutsche Niederlage zeichnet sich ab, die Russen rücken auf Polen, auf Warschau vor und die Untergrundkämpfer in der Stadt wagen einen Aufstand. Doch die Russen stoppen ihren Vormarsch, der Aufstand wird niedergeschlagen und die Juden werden in einem Marsch zum Bahnhof getrieben. Mit den letzten Geld- und Schmuckreserven gelingt es Tanja, einen Spiegel, Lippenstift und Kamm zu besorgen…. den ersten Teil des Marsches und die Nacht überlebt Tanja (und mit ihr Janek, wie der Junge jetzt heißt) mit kohlengeschwärztem Gesicht, gebeugter Haltung wie eine alte Frau. Am Morgen verwendet sie das kostbare, wenige Wasser zum Waschen, danach schminkt sie sich, schert dann aus dem Zug der Verlorenen aus und stellt sich vor einen SS-Offizier und tischt dem mit stolzer Miene eine empörte Geschichte auf und er solle ihr jetzt gefälligst helfen, den Zug nach R. zu finden, daß sie zurück zu ihrem Mann fahren könne. Ob sie denn sicher sei, daß ihr Mann eine dermaßen resolute Frau überhaupt zurückhaben wolle, entgegnete der Offizier amüsiert und bringt Tanja mit ihrem Jungen tatsächlich an den gewünschten Zug nach R. …..

Sie steigen vorher aus, die Angst, die Gestapo könne sie in R. erwarten, ist groß. In einem Dorf soweit abseits, daß hier die Nachrichten aus der Welt kaum eintreffen, werden sie von einem Bauern gegen zu leistende Arbeit aufgenommen, hier überleben sie die letzten Monate, wobei Tanja noch „Karriere“ macht als Hehlerin für schwarzgebrannten Schnaps….

Die „Lügen in Zeiten des Krieges“ enden nicht mit dem Krieg. Maciek lebt nicht mehr, ist gestorben, jahrelanges Lügen und sich Verstellen haben ihn getötet. Daß nach Kriegsende das Morden der Juden nicht aufhörte [4] zeigt, wie richtig diese Vorsicht ist….

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Den Autor überfällt, so schreibt er, die Scham, davon gekommen zu sein, nicht wie andere Opfer geworden zu sein des großen Mordens, der Shoah. Er und seine Tante (bzw. seine Mutter in der Realität) haben die Verfolgung sogar relativ gut überstanden. Zwar waren viele kritische Situationen zu bewältigen und zu überstehen, aber keiner von ihnen war jemals gefangen, verhört oder gefoltert worden bzw. in einem Lager. Immer ist es der Tante gelungen, rechtzeitig den Gefahren auszuweichen oder zu entkommen, wie sie das angestellt hat, ist bewundenswert und verblüffend. Und doch – jahrelang haben diese beiden unter striktester Kontrolle gelebt, haben Lebenslügen ihr Leben beherrscht, durfte kein falsches Wort gesprochen werden. Lügen war zur zweiten Natur geworden, der wahren, eigentliche Maciek wurde immer weiter zurückgedrängt bis es ihn schließlich nicht mehr gab. Was dies für Folgen für die Psyche des Kindes gehabt haben muss, gerade in dieser Phase der ersten Ausbildung einer eigenständigen Persönlichkeit, kann man sich vorstellen….

Und doch scheint keine Bitterkeit vorhanden zu sein, in diesem Sinn ist die Geschichte des Jungen tatsächlich nur erzählt, ohne Vorwürfe, Beschuldigungen oder Urteile. Es ist passiert, so und so, auf diese Weise und so ist es dann abgelaufen. An einigen Stellen mag man Ironie verspüren, etwas wenn er gegen Ende von der neuen Frau des Vaters erzählt und vllt sogar hat das „sich Verstellen“ bis heute nicht aufgehört…

Was ein solcher Roman, überhaupt ein Buch, nicht vermitteln kann, ist die Zeitdimension. Das kleine Büchlein von Begley ist schnell gelesen, in wenigen Stunden. Aber es überstreicht einen Zeitraum von Jahren, Jahren der Lüge, des Versteckens, der striktesten Selbstkontrolles, Jahre der Angst, des Misstrauens, der Vorsicht. Wo ist der Raum, in den sich solcherart lebende Menschen zurückziehen können, um sich davon auszuruhen? Wahrscheinlich gibt es diesen Raum nicht, aber welche Schäden richten diese Jahre der Selbstverleugnung wohl an?

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Louis Begleys autobiographisches Buch „Lügen in Zeiten des Krieges“ ist ein gut geschriebener, gut lesbarer, auch ein fesselnder Bericht über zwei besondere jüdische Schicksale im Polen des Zweiten Weltkriegs. Es ist die aufrüttelnde Geschichte eines tödlichen Katz-und-Maus-Spiels, bei dem diesmal die „Mäuse“ gewonnen haben, wie bei allen Büchern mit diesem oder einem ähnlichen Thema sitzt man als Leser vor dem Buch und fragt sich, wie dies alles passieren konnte… Fasssungslosigkeit macht sich breit, immer wieder…

Ich kann diesen Roman nur empfehlen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Louis Begley: http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Begley  (Bild: By Blaues Sofa from Berlin, Deutschland (Louis Begley im Gespräch mit Marita Hübinger) [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons)
– etwas ausführlicher hier: http://www.louisbegley.com/bio.htm
[1a] die einzige Quelle, in der ich einen Geburtsnamen gefunden haben:  http://www.perlentaucher.de/autor/louis-begley.html
[2] Interview in der ZEIT: http://www.zeit.de/2012/08/Rettung-Louis-Begley/komplettansicht
[3] eine Übersicht zum Inhalt dieser Schrift: http://www.info-antike.de/AENEIS.htm  und hier das ganze Werk: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2624/2
[4] vgl. z.B. die Wiki-Seite zum Progrom von Kielce:  http://de.wikipedia.org/wiki/Pogrom_von_Kielce

Louis Begley
Lügen in Zeiten des Krieges
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Christa Krüger
Originalausgabe: Wartime Lies, NY, 1991
diese Ausgabe: Suhrkamp, TB, ca 224 S., 1996

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7 Responses to “Louis Begley: Lügen in Zeiten des Krieges”

  1. Meine Buchtipps Says:

    von ihm habe ich noch das buch über alfred dreyfus auf meinem sub.

    lg petra

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    • flattersatz Says:

      ah ja, das ist bestimmt auch sehr interessant. ist witzig, alfred dreyfuss wird auch des öfteren in dem buch von primor („süß und…“) , das du auch ge“like“d hast, erwähnt…
      lg
      fs

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      • Meine Buchtipps Says:

        kann ich mir gut vorstellen; er war sozusagen der erste jude, der so öffentlich verhetzt wurde.

        das buch von primor ist schon auf meiner kaufliste :-)

        lg petra

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  2. buecherliebhaberin Says:

    Lügen in Zeiten des Krieges war mein erstes Buch von ihm und in Erinnerung sind mir vor allem die Episoden mit der „Tante“ geblieben. Seine späteren Bücher haben mir nicht immer gefallen. Da gab es für mich einen Bruch. Hast du weitere Roman von Begley gelesen?
    Liebe Grüße von der Bücherliebhaberin

    p.s. wie einfach jetzt alles geht :))

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    • flattersatz Says:

      in der tat, das gilt auch umgekehrt, das einfache… ;-)

      nein, ich habe keine anderen bücher von begley. wenn, dann würde mich das buch über dreyfuss, das petra erwähnt hat, interessieren.
      lg
      fs

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  3. atalantes Says:

    Welch‘ ein Zufall, lieber Flattersatz.
    Dieser Roman steht in diesem Monat auch in unserem Literaturkreis auf dem Programm. Gelesen habe ich ihn noch nicht, da ich bald in südlicheren Gefilden weilen werde.
    Aber er steht schon in meiner Blogliste. Ich erlaube mir Deine Rezension dort zu verlinken, damit meine Kollegen von Deiner interessanten Besprechung profitieren.
    Herzliche Grüße, Atalante

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    • flattersatz Says:

      liebe atalante, erst einmal herzlichen dank für die verlinkung! ja, es ist wirklich ein zufall, weil die „Lügen…“ schon seit vielen monaten bei mir sind und auf dem berühmten stapel liegen… ich bin sehr auf deine besprechung gespannt und natürlich auch auf das ergebnis, zu dem dein lesekreis kommen wird.

      apropos lesekreis: dort haben wir uns jetzt (das „vorschlagsrecht“ geht immer reihum) auf „Lotte in Weimar“ von herrn mann geeinigt. offensichtlich bleibt mir dieses thema um unsere beiden geistessheroen erhalten, auch wenn der „hausgott“ (feyl) hier wohl eher weniger in erscheinung tritt….

      ahhh… südliche gefilde, das klingt gut, das wäre mir jetzt auch angenehm… hab schöne tage dort und komm gut erholt und erfrischt wieder!

      liebe grüße
      fs

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