Renate Feyl: Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit

30. April 2014

Vor kurzem stellte ich hier, bedingt durch die Lektüre meines Lesekreises, die von Sigrid Damm verfasste Biographie der Schwester Goethes, Cornelia Goethe, verh. Schlosser vor [2]. Dieses im Ganzen gesehen durch die Diskrepanz zwischen den inneren Möglichkeiten dieser jungen Frau und ihrer Unmöglichkeit, dies im Rahmen ihres Zeitalters zu realisieren, tragische Leben wollte ich jetzt gerne im Kontrast sehen zu einem anderen Frauenschicksal dieser Epoche, das bei weitem nicht so tragisch verlief, ja, man könnte sagen, das ein Musterbeispiel ist für das, was eine mutige, couragierte und intelligente Frau auch in einer männerdominierten Gesellschaft erreichen kann. Und so griff ich zu dem schon seit längerem in meinem Regal ausharrenden Roman Renate Feyls über die Schriftstellerin Caroline von Wolzogen.

Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit“ ist ein Roman, keine Biographie, es ist die Schilderung eines Lebens in der Ich-Form, in die die Autorin geschlüpft ist und die es für den Leser schwierig macht, die Grenze zu sehen zwischen Fiktion und Faktum, zwischen einem „so hätte es sein können“ und dem „so war es“. Es gibt solche Stellen, die erste Begegnung mit Schiller zum Beispiel, dessen Schwägerin Caroline werden sollte. Liest man ältere Biographien von ihr [z.B. 1], so findet man, daß diese wohl schon im Sommer 1784 in Mannheim im Rahmen einer Schweizreise der Familie stattgefunden haben und nicht erst in Rudolstadt, wie Feyl es in ihrem Roman aus wohl dramaturgischen Gründen (die Erwartungen der Schwestern über den rebellischen Autoren vs. sein bescheidenes Auftreten) beschreibt. Dieser Romancharakter des Buches ist daher immer im Auge zu behalten, zumal das Buch keine weiteren Erläuterungen der Autorin über ihre Arbeit enthält und die vorgeblichen Briefe Schillers an Caroline als verbrannt beschrieben werden.

Caroline von Wolzogen, Carl von Ambère, 1808 Bildquelle [1]

Caroline von Wolzogen,
Carl von Ambère, 1808
Bildquelle [1]

„Der Schwestern..“ schrieb ich: Caroline hatte eine drei Jahre jüngerer Schwester, Charlotte von Lengefeld. Zum Zeitpunkt, in dem der Roman einsetzt, war Caroline 23 Jahre alt und schon seit einigen Jahren mit v. Beulwitz verheiratet, einem wohlhabenden und einflussreichen Beamten im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt an der Saale. Die Ehe war nicht glücklich, der Freiherr und Geheime Legationsrath v. Beulwitz („Der dumpfe Brüter“) gab seiner Angetrauten zwar Geld in jeder Höhe, schwieg sich aber ansonsten durch seine Anwesenheit im Haus und wollte seine Ruhe haben. Die geistig-intellektuellen Bedürfnisse Carolines blieben bei ihm völlig unbefriedigt. Kennzeichnend das Bild der zugezogenen Vorhänge im Haus, damit nur ja die Aussenwelt den gestressten Gemahl nicht noch im eigenen Heim überfallen kann.

Der Vater der Schwestern war der Oberlandjägermeisters v. Lengefeld († 1776), die Mutter, mit der beide Schwestern ein gutes Verhältnis haben, setzt alles daran, die beiden Töchter gut versorgt zu wissen, sprich: gute Partien für sie zu arrangieren. Bei Caroline ist ihr dies (nach aussen hin) gelungen, für Charlotte muss noch etwas gefunden werden, was bei der eingeschränkten Auswahl an geeigneten Kandidaten in einem kleinen Fürstentum nicht einfach ist.

Zwar ist Carolines Ehe nicht glücklich und ihr Aufenthalt im eigenen Heim bedrückt sie, aber wer sagt, daß sie sich nur im eigenen Heim aufhalten muss? Sie hat Bekannte und ist bekannt, sie geht auf Gesellschaften, Feste, Festivitäten, wie lädt ein und wird eingeladen. Weimar ist nicht weit, die Stadt, in der Goethe lebt und schafft, sie kennt ihn gut, Wieland, Herder: eine Vielzahl wichtiger Namen ist mit diesem Goldenen Zeitalter der Stadt verknüpft.

In diese Konstellation hinein platzt der Cousin Wilhelm von Wolzogen mit seinem Freund Friedrich Schiller [3], der mit dem württembergischen Herzog Carl-August „Der Räuber“ wegen seine Probleme hat und sich sozusagen auf der Flucht befand. Die Erstbegegnung verlief für Caroline ein wenig enttäuschend, sie erblickte keinen Rebellen, wild und verwegen,  sondern „…blaß und hohlwangig stand der Räuberdichter vor mir. Er machte einen bescheidenen, fast schüchternen Eindruck. …“, doch nur zu bald offenbarte sich die Geistesverwandtschaft zwischen ihr und Schiller: „.. Er sprach mir aus der Seele, wie er die Bestimmung des Menschen sah. Wir waren nicht geboren, um als ewig wimmernde Klopse unsere Umstände zu beklagen, sondern konnten uns um sie erheben und sie selber gestalten. …“ Caroline, die sich selbst nicht als Schönheit und als attraktive einschätzte, wusste sehr wohl, wo ihre Qualitäten lagen: im Denken, im Philosphieren, im „Tanz der Worte“ und in Schiller hatte sie jemanden gefunden, der sie aufforderte, mit ihm diesen Reigen zu erleben.

Die zwei Schwester nehmen sich des Poeten an, kümmern sich um ihn, sie gehen zusammen spazieren, picknicken am Fluss und überlassen sich ihren Gedanken und deren Ausformulierungen. Charlotte ist dabei ihrer Natur gemäß die Zurückhaltende, Schüchterne, Caroline dagegen blüht auf, zeigt das, was im Beulwitz´schen Heim tagtäglich verdunkelt wird: Geist, Esprit und Intellekt, es ist Lebensfreude in ihr und auch Schiller weiß das Arrangement zu schätzen: er fragt Caroline eines Tages unvermittelt, ob sie zu ihm kommen wolle. Caroline lehnt ab, natürlich, sie ist verheiratet, zwar nicht glücklich, aber zur Trennung nicht entschlossen und sie macht Schiller den „Vorschlag“, wenn dieser sie, Caroline, in seiner Nähe behalten wolle, müsste er um Charlottes Hand anhalten, dann würde sie seine Schwägerin und Verwandte sein. Ohne zu zögern stimmt Schiller ihr zu als habe er dies auch schon so erwogen und beginnt in der Folge um Charlotte zu werben [5], die ihm – nicht so wortmächtig wie die Schwester – eh schon verfallen ist.

Auch die Mutter gibt letztlich ihren Widerstand gegen diese nicht standesgemäße Heirat auf, die Hochzeit wird fast klandestin in einer Kapelle nur in Anwesenheit der Mutter und der Schwester vollzogen. Charlotte von Lengefeld ist jetzt die Schillerin…. und trotz der glänzenden Aussichten, die „Titan Fridericus“ als Poet und Dichter hat, sind die wirtschaftlichen eher trübe: Schiller ist einer der ersten Dichter, der freischaffend von seinem Werk leben und eine Familie ernähren muss.

Nach der Hochzeit ist vor dem Werben: es scheint, als fordere der „Göttersohn“ jetzt das vermeintliche Versprechen der Caroline ein, Brief um Brief mit werbenden, umschmeichelnden und fordenden Worten trifft bei dieser ein und berühren sie unangenehm. Sie sieht ihr Lebensziel nicht darin, das Zentralgestirn zu umkreisen und sich als Planet im Licht der Sonne erhellen zu lassen, sie spürt die Möglichkeit, das Potential, aus eigener Kraft zu schaffen, arbeitet sie doch schon seit längerem an einem eigenen Roman, der Agnes von Lilien [4]. Außerdem und nicht zuletzt empfände sie ein Eingehen auf die Schiller´schen Avancen als äußerst ungerecht der Schwester gegenüber.

Diese hat kein leichtes Los gewählt. Der „Hausgott“ kränkelt häufig, leidet am Katarrh, auch die Verdauung ist nicht ideal, fiebrig liegt er dann darnieder und muss versorgt und gepflegt werden. In solchen Momenten ist Caroline ungefragt in der Pflicht, z. B. die Nachtwachen zu übernehmen und unversehens ist die Konstellation (so wie sie sich Schiller weiland vorstellte), daß sich nämlich Lotte ums Körperliche und Caroline ums Geistige Wohl des „Göttersohnes“ sorgen, eingetreten…. alles ist (auch aus finanziellen) Gründen darauf abgestellt, daß Schiller ungestört schreiben und dichten kann…. ein kleiner, inverser Bienenstaat, das Genie als Königin, die unablässig Literatur und Dichtung zu produzieren hat und die Drohnen, die ihr alles vom Leib halten…. sogar der Postzusteller ist angewiesen, des morgens nicht am Haus zu läuten, sondern Depeschen still beim Nachbarn abzugeben…

Auch Caroline unterliegt der gesellschaftlichen Ächtung, gegen alle Vernunft setzt sie die Scheidung vom Ursus i.e. ihr Gatte von Beulwitz, durch und heiratet den fleißigen, intelligenten, aber auf Gelegenheitsaufträge angewiesenen Cousin Wilhelm von Wolzogen, der sie seinerzeit mit Schiller bekannt machte. Dieser wiederum tobt und geifert vor Eifersucht, weist der Schwägerin die Tür und vergräbt sich in seinem Gemach. Man trennt sich auch räumlich, für geraume Zeit lebt die Familie Wolzogen ohne Nachricht von der Heimat in Stein am Rhein, wo sich Caroline an die einfachen Umstände anpasst, eigenes Gemüse anbaut und im Lauf der Zeit die höfische Gesinnung völlig ablegt und die Zeit zur Selbstfindung zu Nutzen weiß.

Aber es geht zurück nach Weimar, Wilhelm hat endlich eine feste Anstellung just an diesem Fürstenhof gefunden und die höfische Tretmühle fängt noch vor dem Einzug wieder an: Caroline verschuldet sich, denn eins darf nicht  passieren: mit zuwenig Gepäck im kleingeistigen Residenzstädtchen aufzutauchen, dies gäbe den Mäulern, die ihre Scheidung nicht vergessen haben, reichlichst Nahrung und Schadenfreude!

Es folgen gute Jahre. Schiller, mit dem sie sich ausgesöhnt hat, ist etabliert und feiert mit seinen Stücken große Erfolge, es entwickelt sich eine enge Freundschaft mit Goethe. Carolines Mann, Wilhelm, macht Karriere im Fürstenhaus, da es ihm gelingt, eine Tochter des Zaren an den Hof zu verheiraten und Caroline kann ihren Roman Agnes von Lilien fertigstellen und veröffentlichen [4]. Den Zeiten entsprechend erfolgt der Erstabdruck in den Horen [6] anonym, so daß ganz Weimar (und nicht nur das) darüber rätselt, wer der Verfasser ist: etwa Goethe oder Schiller selbst? Jedenfalls wird der Roman ein riesiger Erfolg und Caroline ist mit einem Schlag berühmt und wird gedrängt, dem Erstling möglichst schnell einen weiteren Roman folgen zu lassen… Auch das Familiengenie ist begeistert und sagt seiner Schwägerin alle Unterstützung, die sie braucht und die er geben kann, zu.

Weimar ist Weimar, eine wenige Tausende Seelen zählende Stadt. Klatsch und Tratsch blühen, Goethe ist ein willkommenes Opfer, seit er in nicht offizieller Ehe mit Christiane Vulpius lebt. Man muss aufpassen, was man mit wem über wen redet, auch den Wolzogens wird der Erfolg und der verhältnismäßige Reichtum geneidet. Aber Caroline versteht sich darauf, in diesem Haifischbecken der sich zerreissenden Klatschmäuler zu behaupten.

Es ist ein Geben und ein Nehmen, ein protegieren und ein protegiert werden. Den Kindern ist eine berufliche Zukunft zu sichern, dem Schwager muss hie und da geholfen werden, z.B. mit der Verleihung eines Adelstitels, eine Aktion, die Caroline still und heimlich ins Rollen bringt…. noch immer quälen Sorgen die Schillers, die sichtlich verhärmt aussehen – nicht zuletzt auch durch die vielen Krankheitsschübe, denen Fridericus der Einzige ausgeliefert ist [7]. Lotte hat sich mittlerweile schon längst unter die Meinung des Hausgottes gestellt, dessen Wort für sie Gesetz ist, aber auch für Caroline ist er das Mass der Dinge…

Letztere ist viel allein, dem Gemahl wird vom Dienstherrn eine anstrengende Reisetätigkeit zugemutet. Ist er dann mal zuhause, sucht er ein zuhause ohne Veränderungen, ein statisches Heim, in dem nichts mehr umgestellt werden darf, mürrisch ist er geworden und cholerisch, ausserdem dick und kurzatmig. Es ist nicht das häusliche Glück, das sich Caroline erträumt hat….

Caroline von Wolzogen hat ein langes Leben, ein sehr langes, hoch in den 80er ist sie, als sie 1847 stirbt. In diesem langen Leben gehen praktisch alle ihre Bekannten, ihre Lieben, ihre Verwandten vor ihr: Schiller stirbt 1805, nur wenige Jahre nach der Erhebung in den Adelsstand, auch Wilhelm, ihr Mann, stirbt jung, die Kuren in Wiesbaden konnten ihm nicht helfen. Lotte überlebt einen Schlaganfall, den sie nach einer Operation hat, nicht, der einzige Sohn Carolines stirbt an seinem 30. Geburtstag an einem dummen „Jagd“unfall…

Als Schriftstellerin sind ihr ausser der Agnes noch zwei besondere Coups gelungen. Zum einen erreichte sie mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl, daß Goethe seinen Schriftwechsel mit Schiller herausgab, viele Jahre nach dem Tod des letzteren. Und sie selbst, als einzige noch Lebende (ausser den Kindern von Lotte und Friedrich) schrieb zum 30. Todestag des Schwagers dessen Biografie, mit der sie ihn wieder ins Gespräch brachte und die Schillerforschung ins Rollen. Jedoch – aber das merkte sie erst nach dem Erscheinen des Buches – machte sie darin einen „Fehler“, sie unterschlug sozusagen ihre eigene Rolle im Leben des Schwager, verschwieg ihre Bedeutung für den Poeten und sein Werk. Und dies zu korrigieren, jetzt, wo niemandem durch die Wahrheit mehr geschadet werden kann, dies ist das Motiv, daß Feyl ihrer Caroline in den Mund legt als Begründung für den vorliegenden Bericht…

Im Schreiben dieser Schiller-Biografie liegt für Caroline von Wolzogen ein besonderes Glück. Es ist für sie eine Reise zurück in die Vergangenheit, hier, im der gedanklichen Wiedervereinigung mit Schiller kann sie das ausleben, was vormals nicht auszuleben war, sie kann den Tanz der Worte noch einmal tanzen, kann sich dem Gefühl hingeben, kann die Briefe Schillers, die ihr weiland so unangenehm waren, jetzt geniessen – Wort für Wort haben sie sich, in realiter längst verbrannt, ihrem Gedächtnis eingeprägt… ein spätes Glück, welches Feyl ihrer Heldin gönnt….

************

Feyls „..sanfte Joch der Vortrefflichkeit“ ist ein schönes, unterhaltsames, lehrreiches Buch. Wie schon erwähnt, ist es ein Roman, inwieweit die Beziehung zwischen Caroline und Friedrich tatsächlich der hier geschilderten Art war – ich weiß es nicht. Vielleicht ist es ein gekonntes Spiel der Autorin mit dem „hätte es nicht so sein können…“ weil die Voraussetzungen dafür gegeben waren.. spannend und interessant ist es in jedem Fall. Die göttergleichen Olympier werden aufs Menschliche reduziert, Schiller ist keineswegs der schillernde, sondern häufig ziemlich lumpig gekleidet; ein dicklicher Geheimrat im blauen Wams und mit stolz geschwellter Ordensbrust, auch das eine amüsante Vorstellung. Dabei ist der Ton der Feyl, oder der, den sie ihrer Protagonisten in den Mund legt, immer mit einer gewissen Ironie gewürzt, die kursiv gestellten Bezeichnungen für Schiller sind die, die sie im Text verwendet.

Caroline selbst wird als sehr intelligente, auch lebenskluge Frau dargestellt. Sie weiß, wann sie reden kann, darf, sollte – und wenn sie schweigen sollte zum Hören, weiß sie es ebenso. Welch ein Selbstvertrauen muss sie gehabt haben, sich scheiden zu lassen in den damaligen Zeiten und sich einzurichten in sehr viel einfachereren Verhältnissen. Immer behält sie ihr Ziel vor Augen, sie hat die große Fähigkeit, sich selbst zu motivieren. Sie war ihrer Zeit voraus, eine Ausnahme nicht nur unter den Frauen. Dies zeigt sich besonders in den eingestreuten inneren Monologen, in denen Feyl die Weltsicht „ihrer“ Caroline offenlegt.

Cornelia und Caroline – zwei unterschiedliche Persönlichkeiten

Damit ist dann praktisch auch schon die Eingangsfrage beantwortet: was unterschied Caroline und Cornelia Goethe, beide aus gutem Haus mit hervorragender Ausbildung. Der Einfluss des Vaters auf Caroline dürfte im Gegensatz zum Schicksal Cornelias nicht allzugroß gewesen sein, er starb als die Tochter erst 13 Jahre alt war. Die Mutter verheiratete Caroline früh, nur drei Jahre später wurde sie Braut des v. Beulwitz. Daß dieses junge Mädchen in dieser arrangierten Ehe nicht zerbrach oder niedergedrückt wurde, spricht für die starke Persönlichkeit der Caroline, ebenso wie die Tatsache, daß sie sich gut in anderen Verhältnissen einfinden konnte und diese für sich und ihre Weiterentwicklung nutzte. Cornelia dagegen versank im Alltagsleben, war kaum mächtig, es zu bewältigen, geschweige denn, es aktiv nach ihrem Gusto zu gestalten. Wo Caroline aktiv war, blieb sie passiv. Selbst wenn man bedenkt, daß Emmendingen nicht Weimar war und Schlosser nicht Schiller: mit dem Willen, Ideale des eigenen Lebens zu verwirklichen, es zumindest zu versuchen, hätte auch hier sich etwas entwickeln lassen, schließlich war sie keine Unbekannte, hatte mit Dichtern des Sturm und Drang zusammen gesessen…. Letztlich sind Cornelia Goethe und Caroline von Wolzogen zwei Persönlichkeiten, die an entgegengesetzten Enden eines Spektrums der Möglichkeiten liegen: Resignation und Depression vs. Gestaltung und Selbstverwirklichung.

Als Historikerin hat Atalante (die Bloggerin hinter „Atalantes Historien“) [8], die ich gebeten habe, ihre Sicht auf die Persönlichkeiten dieser beiden Frauen zu schildern, einen anderen Ansatz gefunden:

Cornelia und Caroline – ein Chancenvergleich
von Atalante

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Schicksale dieser beiden Frauen ähneln. Sie lebten fast zur gleichen Zeit und hatten gesellschaftliche Beziehungen zu denselben Personen. Cornelia Goethe und Caroline von Lengefeld waren intellektuell an die zwei bekanntesten Dichter ihrer Zeit gebunden. Caroline an ihren Bruder Johann Wolfgang von Goethe, Cornelia an ihren Schwager Friedrich Schiller. Als sich diese Bindung löste, bei Cornelia durch Heirat und Umzug, bei Caroline ebenfalls durch die Ehe, entwickelten sich, wie es die von Flattersatz rezensierten Titel darlegen, die beiden Frauen in äußerst gegensätzliche Richtungen. Cornelia scheiterte über- und unterfordert im falschen Leben und was noch wahrscheinlicher ist an ihrer Depression, die sie früh prägte. Caroline, die nicht wie Cornelia, in der Provinz versauern musste, sondern aus dieser nach Weimar gerettet wurde, verwirklichte sich als Autorin.

Doch sind es nur das Umfeld und die persönliche Disposition, die diese beiden Frauen von ähnlicher Bildung und Intellektualität, ein derart unterschiedliches Leben bescherten?

Auch wenn nur 13 Jahre zwischen ihnen liegen, Cornelia wurde 1750 geboren und starb bereits 1777, Caroline lebte von 1763 bis 1847, lebten sie in verschiedenen Epochen. Die Ältere, ein Kind der Aufklärung, erlebt die Französische Revolution nicht mehr. Die Jüngere erfährt nicht nur dieses für die Geschichte so bahnbrechende Ereignis, sondern auch seine Auswirkungen auf Preußen.

Die 1806 dort eingeleiteten Reformen und die Befreiungskriege von 1813/15 verändern die Gesellschaft erheblich. Der Wunsch nach einem Deutschen Nationalstaat entwickelt sich, die Ständegesellschaft hat sich aufgelöst, ein intellektuelles Bildungsbürgertum entsteht. Dieses diskutiert, liest, publiziert und schreibt. Persönliche Beziehungen werden wichtig. Man sucht seine Identität, schreibt Tagebuch.

Für Frauen ändern sich fundamental die intellektuellen Aussichten. Cornelia und Caroline sind durch ihre wohlhabenden Familienverhältnisse nicht von der Öffnung der Volksschulen für Mädchen abhängig. Sie erhalten Privatunterricht. Doch beide stehen am Beginn des Lesebooms in den deutschen Landen. 1717 führt Preußen die Schulpflicht ein, die einige Jahrzehnte später auch für Mädchen gilt. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts stürmt die erste schichtübergreifende Generation von Leserinnen die Bibliotheken, Lesegesellschaften und Leihbibliotheken. Lesen wird zur Sucht.

Natürlich eröffnen bildungsprivilegierte Frauen des Adels schon Jahrzehnte zuvor die ersten literarischen Salons. So Sophie von La Roche, die auch als Romanautorin und Publizistin tätig ist. In ihrer Zeitschrift „Pomona, für Deutschlands Töchter“ erscheinen nach 1780 die ersten Erzählungen Carolines. Allerdings warnt die Herausgeberin in ihrer Zeitschrift die allzu wissbegierigen Leserinnen davor, durch Gelehrsamkeit und „Besserwisserei“ zur neurotischen, alten Jungfer zu werden. Es war also nicht nur der Mann Goethe, der seiner Schwester, wenn auch einige Jahrzehnte früher vorschrieb, was sie zu lesen hatte. Goethe wandte sich gegen kitschige Frauenromane, während La Roche vor politischen oder philosophischen Schriften warnt. Lesen wurde also in beiden Epochen als Problem angesehen, wohl gemerkt sobald Frauen dieser Tätigkeit nachgingen. Entweder erliegt das schwache Geschlecht dem Eskapismus und vernachlässigt seine Aufgaben oder es beginnt durch die Lektüre angeregt kritisch zu denken und überschreitet damit seine Kompetenzen.

Doch wieder zurück zu Cornelia und Caroline. Sie leben, wenn auch nur mit geringem Abstand, in unterschiedlichen Epochen und Situationen. Cornelia gerät in die badische Provinz und in eine Familiensituation, die ihre Depression anscheinend verstärkt. Caroline nutzt in einer wohlsituierten Ehe ihre Stellung, um ihre intellektuellen Neigungen auszubilden. Sie erlebt die wichtige Phase des intellektuellen Aufschwungs von 1790 bis 1815. Ihre Begegnung mit Schiller fördert ihre Ambitionen. In Weimar unterhält sie Beziehungen zu Anna Amalie und anderen literarischen Größen ihrer Zeit. Dieses Netzwerk ermöglicht ihr den schriftstellerischen Erfolg, indem es ihre Werke publiziert.

Caroline von Wolzogen hatte einfach die besseren Chancen in einer fortschrittlicheren Zeit. Vielleicht hätte auch Cornelia Schlosser, geborene Goethe, sie ergreifen können, wäre sie nicht so jung gestorben.

Literatur:

O. Dann: Deutsche Nationsbildung im Zeichen französischer Herausforderung. In: Die deutsche Nation. Geschichte – Probleme – Perspektiven. Hg. v. Otto Dann, Vierow 1994.

Marie-Claire Hoock-Demarle: Lesen und Schreiben in Deutschland. In: Geschichte der Frauen. 19. Jahrhundert. Hg. v. Geneviève Fraisse und Michelle Perrot. Frankfurt 1994.

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Feyls Roman jedenfalls ist eine Empfehlung wert für alle diejenigen, die das Lexikonwissen über eine der Hoch-Zeiten deutschen Geistes auch einmal mit den Sorgen des (damaligen) Alltags verknüpft sehen wollen. Und für diejenigen, die an aussergewöhnlichen (Frauen)Schicksalen interessiert sind, ist es allemal ein Gewinn.

Links und Anmerkungen:

[1] Biographie der Caroline von Wolzogen:
– Allgemeine deutsche Biographie, Bd. 44, Günzelin von Wolfenbüttel – Zeis, Leipzig, 1898, hier: S. 204ff: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00008402/images/index.html?id=00008402&fip=193.174.98.30&no=&seite=204
siehe diesen Text auch: http://www.deutsche-biographie.de/sfz50221.html
Bild: Quelle Wiki (http://de.wikipedia.org/wiki/Caroline_von_Wolzogen): By Carl von Ambère (http://www.zeno.org/Literatur/I/wolzopor.jpg) [Public domain], via Wikimedia Commons
http://www.zeno.org/Literatur/M/Wolzogen,+Caroline+von/Biographie
[2] Sigrid Damm: Cornelia Goethe; https://radiergummi.wordpress.com/2014/04/09/sigrid-damm-cornelia-goethe/
[3] Wiki-Artikel zu Schiller: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schiller
[4] Thomas Anz: Geheimnisse um eine literarische Sensation des Jahres 1797 (Schillers Schwägerin Caroline von Wolzogen und ihr vergessener Liebesroman „Agnes von Lilien“): http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8123
online: http://www.zeno.org/Literatur/M/Wolzogen,+Caroline+von/Roman/Agnes+von+Lilien
[5] Briefwechsel Schiller – Lotte: http://friedrichschillerprojekt.wordpress.com/category/schiller-und-lotte/
[6] von Schiller herausgegebene Zeitschrift:  http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Horen_(Schiller)
bei dieser Gelegenheit ist es sicher nicht verkehrt, auf den Verleger Johann Friedrich Cotta zu verweisen, der die „Horen“ verlegte, aber auch die (heutigen) Klassiker Goethe und Schiller:  http://friedrichschillerprojekt.wordpress.com/2014/04/27/johann-friedrich-cotta/
[7] siehe z.B. hier: http://www.schattauer.de/de/news/presse/pressemitteilungen/2012/de/11-mai.html  und für alle, die gerne Verschwörungstheorien lesen: http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/armin-risi/friedrich-schillers-tod-sensationelle-entdeckung-bestaetigt-den-mordverdacht-teil-1-.html und der Theorie 2. Teil:  http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/armin-risi/friedrich-schillers-tod-sensationelle-entdeckung-bestaetigt-den-mordverdacht-teil-2-.html
[8] Portraits der Bloggerin Atalante bei „Steglitz“:  http://steglitzmind.wordpress.com/2012/10/08/steglitz-stellt-kerstin-pistorius-mit-atalantes-historien-vor/
Atalantes Historien: http://atalantes.de
Für ihren sehr interessanten und informativen Beitrag zu dieser Buchvorstellung und ihre Bereitschaft, sich auf meine Idee dazu einzulassen, bedanke ich mich sehr, sehr herzlich! Ich hoffe, daß sich bald wieder so eine Gelegenheit zur Zusammenarbeit ergibt!

Nachtrag: Zwei Buchvorstellungen zum Thema: Schiller und die Schwester von Lengefeld (Nürnberger Nachrichten, 2005): http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/schillerunddie-r.htm

Nachtrag2: ein Film, ein Film… das Dreiecksverhältnis zwischen Schiller und den Schwestern ist Mitte 2014 in einem allseits gelobte Film ins Kino gekommen… : http://kunstundfilm.de/2014/07/die-geliebten-schwestern/

Renate Feyl
Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, ca. 320 S., 1999

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3 Responses to “Renate Feyl: Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit”


  1. […] Wie Goe­thes Cor­ne­lia und Schil­lers Caro­line zu zwei Bio­gra­phien, zwei Rezen­sio­nen, eini­gen Kom­men­ta­ren und einer sehr inter­es­san­ten Zusam­men­ar­beit inspi­rier­ten, schil­dert Flat­ter­satz in sei­nem Blog aus.gelesen. […]

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  2. Ich habe „Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit „zufällig“ in einer roten Telefonzelle, die zum freien-teilen- von Büchern genutzt wird- gefunden. Nicht nur das, es stand sogar mein Name, „Brigitte“ auf der ersten Seite und ich kann nur sagen, ich liebe dieses Buch und es ist wie für mich geschrieben!

    Für mich ist das zentrale Thema des Buches, eine Offenbarung zweier Welten, die versuchen, miteinander in Einklang zu kommen und der gelungene Versuch, immer das Beste aus dem zu machen, was gerade ist. Die Welt des Geistes, des Genialen und die Welt der Geistes in Verbindung mit weiblicher Feinsinnigkeit, Tiefe, Ein- und Weitsicht, der Qualität des Verbindens und Vermitteln.Wobei die Qualität des Weiblichen aus meiner Sicht deutlich weiter geht, als die des rein Männlichen. Schafft Caroline es doch sicher und liebevoll in beiden Welten zu wandeln. wohingegen Schiller den hohen Anforderungen des Geistes im positiven Sinne erliegt und menschlich gesehen ein Energie-Vampir ist.

    Als Autorin muss Renate Feyl selbst ein Genie sein, um diese Welten so lebendig erfassen und darstellen zu können, ich fühle keine Trennung zwischen ihr und ihren Protagonisten und so ist es ja auch, wenn wir uns innerlich mit jemandem verbinden. Die „Energie“ der Figuren ist spürbar, nicht ohne Grund, da das Buch aus der Einheit und nicht aus einer objektiv trennenden Sicht des Beobachters geschrieben ist. Hut ab, meine Freude, mein Respekt vor diesem genialen Werk und ich kann es kaum erwarten alle anderen Renate Feyl Werke zu lesen. Sie gibt Frauen eine Stimme, die es mehr als wert ist unbedingt gehört zu werden.

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    • flattersatz Says:

      liebe brigitte,

      ich danke dir sehr für deinen ausführlichen kommentar zu diesem in der tat wunderbaren buch. deine anmerkungen haben mich wieder daran erinnert, es ist ja schon ein paar monate her, daß ich es las. ja, feyl hat sich sehr schön in die atmosphäre und die gegebenheiten in dieser zeit eingefunden, ich habe noch gut in erinnerung, wie wohltuend es war, die geschichte zu lesen. überhaupt habe ich damals recht viel aus dem umfeld ‚weimar‘ gelesen, jetzt steht noch die große schiller-biographie von damm im regal, ich hoffe, daß ich nächstes jahr dazu kommen und auch noch einmal eintauchen kann in diese wichtige und bemerkenswerte epoche.

      liebe grüße
      fs

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