Stefan Zweig: Schachnovelle

13. April 2014

Nachdem ich vor einiger Zeit Nabokovs Schachroman über Lushin [3] gelesen und hier vorgestellt [3] habe, war auch der Wunsch da, die bekannte Schachnovelle von Zweig noch einmal zu lesen. Schließlich ist es schon Jahrzehnte her, daß….

Stefan Zweig  (1882 - 1942, Aufnahme ca. 1912) Bildquelle [1]

Stefan Zweig
(1882 – 1942, Aufnahme ca. 1912)
Bildquelle [1]

Die Schachnovelle wurde 1941 veröffentlicht, kurz vor dem Suizid Zweigs. Sie spielt auf einem Schiff, einer Überfahrt von New York nach Südamerika, einer Fahrt, die Zweig so ähnlich auch unternommen hat. Auf dem Schiff reist neben dem Ich-Erzähler, einem Emigranten, auch der berühmte Schachweltmeister Czentovic. Es gelingt einigen Schachinteressierten unter „Führung“ des etwas eigenwilligen, aber reichen McConnors, diesen (gegen Honorar) zum Spiel aufzufordern, das die Männer natürlich verlieren. Es wird aber Revanche vereinbart, der reiche McConnor verbeisst sich in diese Auseinandersetzung mit dem Weltmeister. Aber wie zu erwarten, haben die Männer auch diesmal keine Chance gegen Czentovic, doch da mischt sich auf einmal gegen Ende der Partie ein Unbekannter vehement in das Spiel ein und nach zwei, drei Zügen, die er den unterlegenen Spielern zu spielen empfiehlt, fühlt sich der Weltmeister zum ersten Mal gemüssigt, sich intensiver mit dieser Partie zu befassen. Und tatsächlich gelingt es den „Herausforderern“, dem Weltmeister mit Hilfe des ansonsten namenlos bleibenden Dr. B ein Remis abzutrotzen.

Eine weitere Partie lehnt der Unbekannte ab.

Dann verlassen wir diese Rahmenhandlung und kommen auf eine weitere Erzählebene. Natürlich ist der Erzähler neugierig, woher der Unbekannte diese famosen Fähigkeiten im Schach erworben hat und er versucht, mit diesem ins Gespräch zu kommen. So erfährt er, daß Dr. B. seinerzeit in Österreich Vermögensverwalter für Adlige und den Klerus war, Besitztümer und Guthaben, die sich die Nazis nach dem „Anschluss“ an Deutschland unter den Nagel reißen wollten. Um an notwendige Daten und Angaben zu kommen, wurde Dr. B. in Isolationshaft gesperrt, nicht in einem dunklen Verliess, sondern in einem Hotelzimmer, in dem ihm aber nichtsdestotrotz nichts zur Verfügung stand, mit dem er sich hätte beschäftigen sollen.

Als er im Vorzimmer wieder mal stundenlang darauf warten muss, verhört zu werden, sieht er in einem dort hängenden Mantel eine ausgebeulte Tasche. Es gelingt ihm tatsächlich trotz seiner Bewachung, aus dieser Tasche ein Buch zu entwenden und später mit in sein Zimmer zu schmuggeln. Es ist zu seiner großen Enttäuschung ein Schachbuch mit Partien großer Meister. Da es aber das einzige ist, womit er seinen Geist beschäftigen kann, lernt er im Verlauf der Zeit sowohl das Schachspiel selbst als auch die Raffinessen des Spiels, so wie sie sich in den aufgezeichneten Partien zeigen. Nachdem er diese alle auswendig kann, spielt er im Kopf gegen sich selbst und zwar so konsequent, daß er seinen Intellekt in praktisch zwei Bereiche aufteilt, die sich am (imaginierten) Schachbrett unversöhnlich gegenüber stehen. Wahnvorstellungen stellen sich ein, das Spiel nimmt völligen Besitz vom Spieler und nachdem dieser den Wärter angreift und sich beim Randalieren schwer verletzt, kommt er in ein Spital. Dort diagnostiziert der Arzt Unzurechnungsfähigkeit und erspart ihm damit die Rückkehr in seine Isolation. Vom Schach habe er sich fernzuhalten, es unbedingt zu meiden!

Der Erzähler kann Dr. B. dennoch zu einer weiteren Partie mit dem Schachweltmeister überreden, da dieser erst jetzt erfährt, daß der Gegner der berühmte Czentovic ist.

Die Partie findet unter großer Aufmerksamkeit statt. Czentovic spielt das Spiel in seiner Art, langsam, stoisch, wie eine Maschine. Dr. B. hingegen zieht schnell, die Pausen Czentovics geben ihm genug Zeit, die möglichen Folgen weiterer Züge im Kopf durchzuspielen und das Überraschende tritt ein: er gewinnt gegen den Meister, der Revanche einfordert, die ihm auch sofort gewährt wird.

Czentovic hat die Schwachstelle seines Gegenübers erkannt, hat gesehen, wie nervös und quälend die Warterei auf seinen Zug für Dr. B. ist. Und so nutzt er jetzt von Beginn bei jedem Zug die gesamte Zeit, die ihm den Regeln nach zusteht… Dr. B. wird immer unruhiger und fahriger, unlöschbarer Durst so wie in seiner Haftzeit bemächtigt sich seiner, er herrscht Czentovic unhöflich an, endlich zu ziehen…. im Geist hat er die Partie schon längst zu Ende gespielt, wahrscheinlich in allen Variationen… schließlich zieht er und kündigt „Schach“ an, obwohl der König Czentovics gedeckt ist und mitnichten im Schach steht: in seinem Kopf haben sich die reale Situation und seine gedanklichen Stellungen gemischt. In diesem kritischen Moment greift der Erzähler ein und erinnert Dr. B. an seine Schachkrankheit („Schachvergiftung“) und den Vorsatz, nur eine einzige Partie spielen zu wollen….

Der Unbekannte wacht aus seiner Verwirrung auf, erkennt die Lage und beendet das Spiel. Er entschuldigt sich bei den Anwesenden und erklärt, nie wieder Schach spielen zu wollen.

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Schach ist beides, ein Spiel, aber auch eine Auseinandersetzung, eine Art Krieg. Es gibt Könige, die Kavallerie in der Figur der Springer, die Burg symbolisiert durch die Türme, die Bauern, die geopfert werden und die Dame, die zwar mächtig ist in ihrem Möglichkeiten aber letztlich nicht entscheidend, sie kann ersetzt werden und man kann auch ohne sie gewinnen. Der König, auf ihn kommt es an: selbst kaum am Geschehen beteiligt, entscheidet sein Schicksal über das Schicksal aller…

So läßt sich aus das Spiel, wenn es von zwei so gegensätzlichen Spielern wie Czentovic und Dr. B gespielt wird, als Auseianderetzung, als Kräftemessen zwischen zwei „Systemen“ interpretieren. Czentovic wird von Zweig als einfacher, simpler, ja als tumber Mensch geschildert, die Art und Weise wie er bei seinem Ziehvater, dem Pfarrer, auf der Bank in der Stube sitzt, ist im Grunde die, in der auch ein Golem beschrieben wird, ruhig, teilnahmslos, uninteressiert. Einzig das Schachspiel interessiert ihn, hier liegt seine Begabung, aber selbst hier ist er nicht kreativ oder inspiriert, sondern eher mit einer Dampfwalze zu vergleichen, die unbeirrt marschiert. Unschwer ist diese Charakterisierung in die Zeit der Entstehung der „Schachnovelle“ zu übersetzen: Czentovic als Symbol für faschistische, totalitäre Systeme, die tumb und ohne Geist einfach alles überrollen.

Aber auch Dr. B stimmt als Symbol nicht sehr optimistisch: zwar ist er deutlich intelligenter und kreativer, hat weitaus mehr Möglichkeiten und Potential, doch kann er es nicht nutzen, da er sich nicht im Griff hat. Er unterliegt zwar nicht der puren Mechanik des Czentovic´schen Spiels, aber er besiegt sich selber… kann man im Umkehrschluss aus dieser Interpretation folgern, daß nur ein zweites System, welches dem von Czentovic gleicht, diesen wirklich schlagen kann, denn mit seinem Dr. B. verknüpft Zweig offensichtlich keine realistsiche Möglichkeit, Czentovic zu besiegen…?

1941, in etwas in der Entstehungszeit der „Schachnovelle“ fing das Dritte Reich seinen Russlandfeldzug an, die Schlacht von Stalingrad, in der 1942/3 Hunderttausende von deutschen Soldaten eingekesselt werden und fallen, ist noch nicht abzusehen. Aber der Krieg gegen Russland entspreicht einer solchen Situation, in der zwei totalitäre Systeme aufeinander prallen und der Kessel von Stalingrad sollte dann – bleibt man im Bild – ein quälend langes Endspiel gegen den braunen König einleiten…..

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In die Rahmenhandlung der „Schachnovelle“ ist mit der Erzählung des Dr. B. eine weitere Ebene eingebettet, die – und das eine Entsprechung zum Aufbau des Textes – tiefgründiger ist die Rahmenhandlung, die an der Oberfläche – auch bildlich spielt. Es ist die Schilderung eines perfiden Haftsystems, das einen Menschen durch Isolation von allen Aussenreizen sehr stark unter Druck setzen kann, zermürben kann oder gar – wie bei dem Unbekannten im Text – krank machen kann. Es ist ein unmenschliches, auf das Brechen des Häftlings angelegtes System. Unterliegt Dr. B. im Schachspiel symbolisch einem Gegner, der für ein faschistisches, totalitäres System steht, so war diese Niederlage in seiner realen Welt ganz konkret: nur mit Hilfe eines Arztes (bzw. auf dem Schiff dann mit der des Erzählers) konnte er gerade noch aus dessen Klauen gerettet werden. So ist das Schachspiel für Dr. B. beides: sowohl der Anker, an dem er sich in seiner Isolation halten konnte, aber auch das Gewicht, das ihn unweigerlich nach unten zog….

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Ein Text wie diesen von Zweig erstaunt immer wieder. Man fängt an, ihn zu lesen und merkt gar nicht, wie er einen beim Lesen packt und wie man in die Geschichte hinein gezogen wird. Das Szenische der Rahmenhandlung, der längere Textfluss der Erzählung des Dr. B., der nichtsdestotrotz fesselnd und spannend ist – das ist die Kunst des Schreibens: ein Netz auszuwerfen mit seinen Worten, in dem der Leser sich verfängt und sich zu allem Überfluss noch wohlfühlt….

Links und Anmerkungen:

[1] zu Stefan Zweig:
– Sabine Wohlschiess: Schachnovelle
http://www.stefanzweig.de/arbeiten/schachnovelle.pdf (Eine Arbeit zur Person Zweigs und zum Text)
– Seite über den Schriftsteller: http://www.stefanzweig.de
– Wiki-Artikel zu Zweig: http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig
(Bild: By s/a [Public domain, GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons)
[2] „Die Schachnovelle“ online:
– im Projekt Gutenberghttp://gutenberg.spiegel.de/buch/7318/1
– bei amphio: Geschichten online lesen: http://listolar.pf-control.de/schachnovelle-2/

Stefan Zweig
Schachnovelle
Brief einer Unbekannten – Amokläufer
diese Ausgabe: marixverlag, HC, ca. 192 S., 2014

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8 Responses to “Stefan Zweig: Schachnovelle”

  1. Xeniana Says:

    Die Schachnovelle liebe ich auch. Und tatsächlich verschwinde auch ich stets in den meisterhaft ausgelegten Netzen. Einfach ein Könner. Eine schöne Rezension . Danke.

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  2. Karin Says:

    Lieber Flattersatz,
    ich genieße diese Rezensionen von „alten“ Büchern sehr, holen Sie doch alle zum Teil schon wieder vergessene Leseerlebnisse wieder in die Gegenwart und ich lese in Ihrer Darstellung etwas, was mir damals gar nicht so bewußt war.
    Sein Sprachstil ist beneidenswert, ich setze hier mal einen Link zu seinen Liebesgedichten
    http://www.deutsche-liebeslyrik.de/zweig_stefan.htm#g33

    herzliche Grüße in den Sonntagabend vom Dach in Hanau

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    • flattersatz Says:

      ah.. sonnige grüße.. bei der kälte da draußen kann ich im moment davon nur träumen! ich werde die tage noch eine novelle zweigs vorstellen, den amokläufer. es gibt einige parallelen in diesen beiden stücken, das hat mich interessiert.

      bibbernde grüße nach hanau
      fs

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  3. buchwolf Says:

    Vielen Dank für diese interessante Rezension! Diese packende Novelle kann man immer wieder lesen. Ich habe das vor Kurzem getan, und zwar in der neuen, kommentierten Reclam-UB-Ausgabe, deren profunder und neueste Erkenntnisse berücksichtigender Kommentar von Dr. Klemens Renoldner, dem Leiter des Salzburger Stefan-Zweig-Centre, stammt. (Das Centre biete übrigens eine kleine Ausstellung über Zweig, hat aber relativ kurze Öffnungszeiten.)
    Wolfgang / buchwolf

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    • flattersatz Says:

      lieber wolfgang, herzlichen dank für deinen hinweis auf die ausstellung, aber salzburg ist doch ein wenig weiter weg von mir hier in der nähe von koblenz… interessant wäre es sicher!
      herzliche grüße
      fs

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  4. Muromez Says:

    Danke! Muss ich dann wohl unbedingt lesen… :)

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