Bernd Phillipi (Hrsg): Rabenvögel

30. März 2014

Rabenvögel titel

Der Vogel, von je her ein mythisches Wesen, das keine Grenzen kennt. Wo das Landtier und das Wassertier gebunden sind an ihr Element (vergessen wir die raren Schauspiele fliegender Fische,schwimmender Tiger oder fliegender Schlangen [1]), überwindet der Vogel das seinige schwerelos, elegant und auf wunderbare Weise. Denn allein schon die Tatsache, sich in der Luft halten zu können, grenzt ans Wunderbare – allen Erklärungen, die uns die Wissenschaft zur Verfügung stellt, zum Trotz. Wer hätte sich noch nie der Magie des Kranichzugs hingegeben oder dem majestätischen Kreisen eines Greifs? Zugegeben, auch andere Tier können fliegen, sich in der Luft halten, denken wir nur an den Flug von Insekten, doch kommt allenfalls noch dem flatternden Flug der Schmetterlinge eine Faszination zu, die der von Vögeln gleicht. Und welches Krabbeltier, ausser vllt dem Skrarabäus (in einem Land, in dem es nicht so viele Vögel gibt?), hätte es zu göttlichen Ehren gebracht?

Doch taugen die ubiquitären Schmetterlinge nicht zum mythischen Tier, allenfalls zum romantischen. Das mythische Tier sollte etwas „darstellen“ oder kann sich jemand Prometheus vorstellen, an dem ein Marienkäfer nagt? Nein, da muss es schon ein Adler sein mit herrischem Blick, der sich nur Göttern unterordnen mag. Und sowieso, diese Götter…. Wen sollten sie sich als Boten [6] aussuchen, wenn nicht Vögel? Und nehmen sie dann doch einen anderen in Dienst, so statten sie ihn doch wenigstens mit dem vogelschen Attribut der Schwingen aus, wie weiland Merkur/Hermes sie trug [2].

Natürlich bedient sich auch die christliche Ikonographie der Vögel und ihrer Attribute. „Der Flügel bedeutet die Schnelligkeit des geistigen Emporführens, das Himmlische… das Entrücktsein von allem, was an der Erde haftete …Die Leichtigkeit der Flügel aber bedeutet, dass das Wesen in keiner Hinsicht erdhaft ist .. der Schwere nicht unterzogen“. Folgerichtig ist mit der Taube als Symbol für den Heiligen Geist die höchstmögliche Steigerung dieser Symbolik erreicht [3]

rabenvögel-selbst

Nun also der Rabe bzw. die Rabenvögel, die ungeachtet ihres enervierenden Krächzens zu den Singvögeln zählen, dort aber gleich zu den größten. Sie sind schwarz (Krähen und Raben, die Häher nicht unbedingt), das war nicht immer so, wie wir erfahren, dereinst waren sie als Angestellte des Apoll weiß, aber sie verärgerten den Schönen und strafte er sie mit der neuen Farbe. Die beiden Boten des Wotans, auch sie Raben…. Raben sind, wie das oft bei Symbolen der Fall ist, ambivalent: im Christlichen Attribut des Elia und des Hlg. Benedict von Nursia werden so meist aber doch mit Tod und Unglück in Verbindung gebracht, wie es dieser Refrain des Eingangsgedichts im vorliegenden Lyrikbändchen aus dem Conte-Verlag deutlich macht:

Weiter als die Blicke reichen
Liegen Tote unbegraben;
Riesenschwärme alter Raben
Nähren sich mit Fleisch von Leichen!
Seht, wie überm Ghetto heute
Schwärme alter Raben fliegen,
Denn in unsern Todeszügen
Wittern sie schon neue Beute!

aus: Herman Adler: Raben

… womit ich endlich beim Büchlein bin….

Rabenvögel“ ist eine Anthologie von Gedichten, in denen Raben und Krähen entweder das Thema bilden oder auch nur erwähnt werden. Das berühmteste der Rabengedichte, natürlich, es ist das vom Raben Nevermore, es ist das von Edgar Allen Poe über den am Tod seiner Geliebten verzweifelnden Mann mit aufgepeitschten Sinnen von einem Raben besucht wird… Außer Poe sind noch eine Vielzahl anderer „Poe“ten (beim Thema „Raben“ passt das so schön….) vertreten: Bachmann, Heym, Fontane, Hebbel, Heine, Kirsch, Morgenstern, Nietzsche u.a.m.

Immer wieder ist von Tod die Rede, von Leichen, von ausgehackten Augen… der Rabe ist kein Glücksvogel mehr, kein Überbringer guter Nachrichten: er ist ein Galgenvogel im Sinne des Wortes und auch die, die an diesen Ort gehören (nun ja.. ) sind es: Galgenvögel.. auch wenn hier unterschwellig eine Art stillen Respekts mitschwingen mag, nicht nur der Zorn und der Ärger spürbar sind.

Das Büchlein wird durch ein Zwiegespräch abgerundet zwischen dem Herausgeber B. Phillipi und einem Vertreter, nicht Hans Huckebein, sondern einfach nur Rabe R., das viel Wissenswertes über den Vogel und seine Verwandten enthält. Das die Illustrationen im Buch von einer Künstlerin sind, die Raber heißt [4], fast zu viel Zufall, um zufällig zu sein…

howevermore… das Büchlein „Galgenvögel“ ist ein nettes, ein empfehlenswertes, es ist kurzweilig und auch wenn man ihm meist Fröhlichkeit und Lebensfreude absprechen muss, wirkt es doch gerade durch die durchgängige Melancholie der Gedichte lange nach….

Links und Anmerkungen:

[1] ja, die gibt es: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ungewoehnliches-flugobjekt-video-zeigt-wie-schlangen-durch-die-luft-gleiten-a-730498.html und hier: http://www.spektrum.de/alias/biologie/wie-schlangen-fliegen/1241314
[2] merkur man sieht die kleinen Flügelchen am Fuß des Götterboten, ein Symbol für seine Aufgabe
[3] das Zitat ist von Dionysius Aeropagita, zitiert nach: Sachs, Badstübner, Neumann: Christliche Ikonographie in Stichworten, Berlin, Leipzig 1991
[4] … und die hier ihre Homepage hat: http://www.catrin-raber.de
[5] hinweisen möchte ich dann noch auf die Besprechung bei W. Schiffer: Rabenvögel – Eine Lyrikanthologie wider den schlechten Ruf…; http://wolfgangschiffer.wordpress.com/2014/01/05/rabenvogel/
und ein Buch zum Thema „Raben“ kann nicht ohne den Hinweis auf das bibliophile Bändchen von Riechelmann „Krähen“ eingestellt werden, beide Büchlein ergänzen sich ganz wunderbar! https://radiergummi.wordpress.com/2013/07/05/cord-riechelmann-krahen/
rabe-theodor
[6] .. was ich gestern durch Zufall fand: noch immer ist der Rabe als Bote unterwegs, hier der Herr Theodor

Bernd Phillipi (Hrsg)
Rabenvögel
mit Illustrationen von Catrin Raber
diese Ausgabe: Conte-Verlag, TB, ca. 98 S., 2013

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

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3 Responses to “Bernd Phillipi (Hrsg): Rabenvögel”

  1. schifferw Says:

    Danke – auch für den Hinweis auf meine Besprechung im meinem Blog „Wortspiele“! Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

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  2. Karin Says:

    Lieber Flattersatz,

    das wird doch gleich zur Komplettierung meiner Rabenbibliothek bestellt -:)))
    und für Interessierte, die mehr über diese Vögel erfahren möchten, darf ich nochmals auf das Buch von Bernd Heinrich verweisen:
    Die Seele der Raben, das aber wahrscheinlich nur noch antiquarisch zu bekommen ist. Heinrich hat vier Jahre Kolkraben beobachtet und lieben und achten gelernt.

    Liebe Grüße
    Karin

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    • flattersatz Says:

      im 2.buchmarkt habe ich es gerade für knapp 40 euronen gefunden, habe aber nicht intensiv gesucht. vllt findet man es auch billiger…. auf englisch gibt es das buch wohl auch als neuware, deutlich billiger, 13 und einen halben euronen…

      liebe grüße zurück
      fs

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