João Ricardo Pedro: Wohin der Wind uns weht

9. März 2014

Dieser umwerfende Roman ist auf dem besten Weg
in die Klassikerränge der Weltliteratur,
wo ihm ein Platz unter den ganz Großen gebührt. [1]

Mit diesen Worten wird auf dem Umschlagtext für den Roman geworben. WOW!! Ein neuer Tolstoi, ein Dostojewski, ein Goethe, ein Shakespeare, mindestens aber ein Philip Roth… vielleicht auch … Cervantes, Dante? … oder doch eher ein Scheinriese, der beim Näherkommen schrumpft auf menschliches Maß?

Buchcover, Bildquelle: Suhrkamp, Titelseite

Buchcover,
Bildquelle: Suhrkamp, Titelseite

Der Portugiese Pedro hat mit „Wohin der Wind uns weht“ seinen Erstling vorgelegt, in fast rührender Art und Weise wird berichtet, daß er, ein Ingenieur, bedingt durch die Wirtschaftskrise arbeitslos geworden, sich daraufhin seinen Traum vom Schreiben erfüllt. Und dann nicht nur Weltliteratur geschaffen haben soll, sondern gleich auch noch einen Klassiker derselben. Aber welch ein Ballast wird ihm mit dieser Kritik aufgebürdet, mit welchen Erwartungen wird er nun weiterschreiben, wie kann er sich noch steigern, unser Autor…?

Es ist zugegebenermaßen ein wenig unfair, wie ich diese Buchvorstellung angefangen habe, denn man kann einem Schriftsteller natürlich nicht vorwerfen, in welcher Art und Weise sein Werk rezipiert wird. Irgendwo las ich neulich, daß ein Künstler, egal welcher Profession mit dem Augenblick der Veröffentlichung, der Präsentation seiner Werkes an die Öffentlichkeit, seine Hoheit (auch seine Deutungshoheit) über das Geschaffene verliert: er hat keine Kontrolle über die Art und Weise, wie sein Werk aufgenommen und beurteilt wird. Daß ich trotzdem meine Besprechung in dieser Art und Weise begonnen habe, liegt einfach an der Diskrepanz zwischen Kritikerurteil und Realität. Und vllt sagt das Kritikerurteil ja auch mehr über den Kritiker als über den Kritisierten aus….

Kommen wir zum Roman….

Nelkenrevolution in Portugal am 25.4.1974,  Bildquelle [2]

Nelkenrevolution in Portugal am 25.4.1974,
Bildquelle [2]

Der Roman erzählt die Geschichte einer portugiesischen Familie, in deren Mittelpunkt Duarte steht, der in der Zeit der Revolution vom 25. April 1974 [2] geboren wurde. Duarte gehört der letzten von drei Generationen der Familie Mendes an, der sich der Autor widmet. Den Anfang setzt er mit Augusto Mendes, einem jungen Mann, der seinerzeit von der Stadt an „den Arsch der Welt„, in dieses kleine Dorf mit dem Namen eines Säugetiers zieht, um zurück zu kehren zu Natürlichkeit und Einfachheit. Er kaufte dieses verfallene Grundstück von seinem Freund Policarpo, vor seinem geistigen Auge sah er schon, was er dort schaffen wollte, die Bibliothek, die Veranda, die Räumlichkeiten für seine Arztpraxis…. Sein Freund versteht ihn nicht, verkauft ihm aber das Land und zieht selbst los nach Europa und in die Welt, denn von diesem Land sagt er: „Soll das Europa sein, Augusto? Das zivilisierte Europa Newtons, Lavoisiers und Descartes´?“ Policarpo verspricht seinem Freund, ihm jedes Jahr einen Brief zu schreiben, egal, wo er sich auch befände. Dieses Versprechen wird gehalten, es sind diese Briefe, die dereinst dem Duarte Heimat geben sollten, es sind diese Briefe zelebrierte Höhepunkte im Leben der Familie Mendes.

Augusto heiratet, wird ein angesehender Bürger des Dorfes, bekommt mit Antonio einen Sohn. Duarte, der Enkel, kennt diesen Vater nur als gebrochenen Mann, denn Antonio, der nach dem ersten Aufenthalt als Soldat in den portugiesischen Kolonien Afrikas noch voller Liebe zu seiner „Kriegspatin“ heimkehrte und mir ihr „unseren Duarte“ zeugte, überlebte den zweiten Aufenthalt, zu dem er abkommandiert worden war, zwar ebenfalls, aber als gebrochener Mann, der seinen Sohn nicht erkannte, als dieser ihn zusammen mit der Mutter vom Kai bei seine Rückkehr abholte.

In dieser Umgebung wird Duarte groß, einer von Erinnerungen geprägten Umwelt, in einer unruhigen Zeit der wechselnden Regierungen, der Unterdrückung auch. Unter den Gleichaltrigen ist er aufgrund seiner „besseren“ Herkunft Aussenseiter, einer der gemobbt wird mit zum Teil urtümlicher Gewalt. Erst durch die Freundschaft mit Indio wird sein Status in der komplizierten Hierarchie der Jungen geändert, von da an wird er nicht mehr getreten, irgendwo angebunden, bekommt keine Hundescheisse mehr in die Hosentaschen gesteckt….

Die beiden, Duarte und der schmutzige Junge mit dem Kariesatem, den Rotzkaskaden im Winter und den Blutkaskaden im Sommer sind auf ihre Art kleine Genies: Duarte spielt Klavier so gut wie kein anderer und Indio kann malen wie niemand sonst. Und doch zerbricht die Freundschaft der beiden als Indio seinen Freund beim Spielen von Beethoven malen soll: Anstatt zu Malen reibt er, auf dem Sofa sitzend, aufgeregt durch die Musik aufs heftigste sein erigiertes Glied… er rennt davon, die Flecken auf dem geheiligten Familiesofa muss Duarte später mit dem Blut eines sich selbst zugefügten Schnittes im Finger überdecken und vertuschen… der andere aber, Indio, sollte später ein blutiges, gliedloses Ende finden…

… überhaupt ist Gewalt immer präsent in dieser Geschichte, deren einführende Episode schon blutig endet. Es ist Gewalt, die die Soldaten in den Kolonien traumatisiert, es ist die häusliche Brutalität, nicht unbedingt nur Schläge, sondern auch mal die zur Strafung der Lüge zu verzehrenden Augen des Lieblingskaters, den der Vater tötete und dessen Augen er den Kindern serviert…. aber auch die Kinder sind gewalttätig, nehmen diese alltägliche Brutalität auf: es ist z.B. diese Geschichte, die der Vater Duartes als Kind erlebte. Auch er ungehorsam, vom Vater bis zur Ohnmacht geprügelt, rächte er sich grausam. Den Hund, der für ihn an allem Schuld war, tötete er mit dem Messer, hing ihn auf, zog ihm die Haut ab und legte den Kadaver zwischen die schlafenden Eltern ins Bett….

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The Fight Between Carnival and Lent (Detail); Bildquelle [3]

The Fight Between Carnival and Lent (Detail);
Bildquelle [3]

Pedros Geschichten und Episoden bilden einen Flickenteppich, für mich formt sich kein richtiges, durchgehendes Bild daraus. Vieles bleibt in Ungefähren, im Ungesagten, die Geschichten werden vor ihrem eigentlichen Ende abgebrochen. Die eben erwähnte Hunde-Episode beispielsweise endet mit dem fürchterlichen Gebrüll der erwachenden Mutter, die den Hundekadaver neben sich wahrnimmt und kurz darauf mit der aufgerissenen Tür zum Zimmer von Antonio, was danach geschieht, müssen wir unserer Phantasie überlassen …. gleichfalls ohne eine organische Verbindung zur Handlung ist die einführende Geschichte von Celestino, der nur ganz am Ende des Romans noch einmal Erwähnung findet, aber auch hier keine Erklärung seines Schicksals…. gleiches gilt für die Geschichte des Bildes von der Frau mit dem amputierten Unterschenkel… irgendwo alles im Dunstkreis der Familie Mendes, aber die Bedeutung, die Verbindung nur schemenhaft zu erahnen.

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Es gibt eine Menge Passagen in dem Buch, die sich gut lesen, die ihre Geschichte spannend und fesselnd erzählen. Aber es gibt auch eine Menge Textstellen, die durch eine extreme Verknappung des Ausdrucksmittels holprig wirken: „….. Sie lief durch die Wohnung. Hob Unterhosen vom Boden auf. Strümpfe. Schlafanzüge. Papiertaschentücher. Öffnete Fenster. Wechselte Laken. Stellte die Waschmaschine an. Zog die Schürze über. Schälte acht Kartoffeln. ... “ Seitenlang geht diese Aufzählung, der man allenfalls, wenn man das Ende des Abschnitts erreicht hat, einen Sinn geben kann….

Pedro springt in den Zeiten, vermischt Gegenwärtiges mit Vergangenem, man muss aufmerksam lesen. Es gibt viele Bezüge zu portugiesischer Geschichte, viele Namen, die uns nicht unbedingt mehr was sagen, werden genannt und es gab eine Menge Präsidenten und Machthaber in dem Land [4]…. Sportereignisse finden ihren Niederschlag, Radfahren, Fussball…

„Hass. … Hass auf mein Talent. Hass auf das, was die Leute immer als Gabe bezeichnet haben. Als meine Gabe.“

So antwortet Duarte, der Klavierspieler, auf die Frage der Mutter, warum er mit dem Klavierspielen aufgehört habe. Aber auch dieser Satz wird nicht weiter erklärt, später als „einstudierte Phrase“ verharmlost und als „nicht mehr wichtig“ beiseite geschoben. Geliebt hat Duarte die Musik nie, auch hat nie er Klavier gespielt, es waren immer seine Hände. Was er empfand, waren Einsamkeit und Tod.

Mit diesen kryptischen Sätzen will ich die Buchvorstellung schließen. Sie passen zu meinem Gesamteindruck, de ein entschiedenes „ja, aber“  am angemessensten ist. Denn der Roman hinterläßt einen zweispältigen Eindruck: einerseits zwar kryptisch, nicht rund und harmonisch in der Struktur ist er doch gut zu lesen mit packenden Passagen. Aber vllt ist auch gerade das ein passendes Bild für einen Staat wie Portugal, der sich zum Zeitpunkt der Romanhandlung im Wandel befand, im Umbruch, in der Neufindung, ein Land so voll mit immanenter Gewalt(bereitschaft) wie offenbar die Menschen zu dieser Zeit….

Links und Anmerkungen:

[1] So wird die portugiesische Zeit „Expresso“ zitiert, der Suhrkamp-Verlag übernimmt dieses etwas maßlose Zitat aber bereitwillig. Wer mal reinschauen will in die Zeitschrift: http://expresso.sapo.pt/premio-leya-entregue-a-joao-ricardo-pedro=f724562
[2] Wiki-Artikel zur „Nelkenrevolution“: http://de.wikipedia.org/wiki/Nelkenrevolution; Bildinformationen: By Júlio Reis (User:Tintazul) (Original File) [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons
[3] Wiki-Seite zum Gemälde: The Fight Between Carnival and Lent (Pieter Bruegel): http://en.wikipedia.org/wiki/The_Fight_Between_Carnival_and_Lent
[4] Wiki-Artikel zur Geschichte Portugals: http://de.wikipedia.org/wiki/Portugal

João Ricardo Pedro
Wohin der Wind uns weht
Übersetzt aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Originalausgabe: O Teu Rosto a Ùltimo, LeYA, Portugal, 2012
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 228 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplares.

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One Response to “João Ricardo Pedro: Wohin der Wind uns weht”


  1. […] Besprechungen des Buchs finden sich unter anderem auf aus.gelesen und […]

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