Alicia Kozameh: Schritte unter Wasser

26. Februar 2014

Alicia Kozameh, 2006 Bildquelle [2]

Alicia Kozameh, 2006
Bildquelle [2]

„Schritte unter Wasser“ ist der Rückblick auf und die Aufarbeitung von Erfahrungen einer jungen argentinischen Frau, gesammelt während eines über dreijährigen Kerkeraufenthaltes. Südamerika (analoge Erlebnisse wie die hier zugrunde liegenden ließen sich aus vielen Staaten dieses Teilkontinents erzählen) hatte in den 70er und 80er Jahren eine politisch sehr repressive Phase, Juntas, Militärdiktaturen, unter den Militärs agierende, aber schwache Zivilregierungen, die von „linken“ Aufständischen und Rebellen aus dem Untergrund bekämpft wurden. Der „Kampf“ der Obrigkeit gegen diese Untergrundkämpfer wurde erbarmungslos geführt, Mindeststandards dessen, was wir als Bürgerrechte kennen, völlig ignoriert: Entführungen, Durchsuchungen, Gefängnisaufenthalte, Kinderraub, Folter, Mord waren gängige Methoden der jeweils Herrschenden. In meiner Besprechung des Buches von Laura Alcoba: „Das Kaninchenhaus“ [1] habe ich versucht, dies etwas ausführlicher darzustellen, deswegen verzichte ich hier auf weitere Anmerkungen und verweise auf diese Besprechung [1] und auch auf andere Titel, die ich in diesem Themenumkreis hier schon vorgestellt habe [4].

Alicia Kozameh selbst wurde im September 1975 zeitgleich mit ihrem Lebensgefährten Hugo eingesperrt. Die psychische Folter fing schon damit an, daß man ihr sagte, er sei tot, liege irgendwo erschossen herum… und dann wieder, er sei nicht tot…. physische Folter: sie wird geprügelt, in den Magen geboxt, solle sagen, wo die Sachen versteckt sind… die Wohnung der beiden wird auseinandergenommen, vandalisiert.

Sie kommt in ein Gefängnis zu anderen Companeras. Die Frauen hocken eng aufeinander, man muss sich mit dem wenigen arrangieren, was man hat bzw. bekommt. Es entstehen Freundschaften, aber es herrschen auch Antipathien.

„Schritte unter Wasser“ ist kein Protokoll dieser mehr als drei Jahre Kerker, kein Tagebuch oder Bericht. Kozameh ist es gelungen, zwei Heft mit Notizen und Gedanken über die Zeit zu retten und nach der „Entlassung“ mit nach draußen zu schmuggeln, dies ist neben ihrer Erinnerung Grundlage des Textes. In der Art erinnert er mich an den Grossmann-Text „Aus der Zeit gefallen“, ein Reflektieren über die Zeit, die Veränderungen, die Kozameh in dieser Zeit erfahren hat, ein Text auf einer Meta-Ebene. Episoden, die in ihrer Gesamtheit ein Bild staatlichen Terrors und seiner Wirkungen auf den Betroffenen ergeben.

So erfahren wir vom Alltag der Gefangenen nur am Rande, es wird nichts über Verhöre erzählt, auch physische Gewalt, die den Frauen angetan wird, wird selten erwähnt. Wenige Bemerkungen schildern direkt die Zustünde, in den Strafzellen wird den Frauen z.B. kein Wasser gegeben, sie schreien vor Durst, im Lazarett verweigern Ärztinnen die Behandlung einer Companera, sie stirbt daraufhin. Die Gewalt, die Gefahr ist subtiler: Frauen, die Kinder bekommen haben, werden diese nach drei Monaten weggenommen, um an Gefolgsleute weitergereicht zu werden. Man muss es sich als Leser erschließen aus dem Zusammenhang des Textes, hier aus einer Unterhaltung zweier Frauen, die Wache halten des Nachts…

Nach der Entlassung ist die Welt keineswegs in Ordnung. Mütter müssen um die Zuneigung ihrer Kinder kämpfen, denen sie entfremdet sind. Beziehungen gehen in die Brüche, Sara, das Alter Ego der Autorin, verliebt sich in den Freund einer befreundeten Genossin, mit der sie im Gefängnis war. Wie dieses moralische Dilemma auflösen? Das Leben, das Atmen muss erst wieder gelernt werden…

Dinge des Alltag erhalten ungeahnte Symbolkraft: für Sara ist dies Hugos Lieblingsjacke, die einer der Schergen an sich nimmt und fortan trägt. Als wüsste er, was das für sie bedeutet, zeigt er sich ihr immer wieder in dieser Jacke, bis er sie ihr nach ihrer „Entlassung unter Beobachtung“ irgendwann zu wirft….

Es ist die Angst, die Unsicherheit, das Beobachtetwerden, der Kampf mit den Behörden, die zermürben. Viele Südamerikaner gehen ins Exil, nach Mexiko, in die USA oder nach Europa. Sara z.B. hält Kontakt zu einer Genossin, die nach Frankreich gegangen ist… wie schwer die Erinnung fällt, merkt man daran, wie die Autorin zwischen der Ich-Form des Erzählens und dem Schildern in der entfernteren Dritten Person, ihrem Alter Ego Sara, wechselt.

„Schritte unter Wasser“ ist kein Roman im üblichen Sinn, kein Bericht über eine dunkle Zeit. Es ist mehr eine Reflektion, einer Erinnerung, Momentaufnahmen aus Jahren der Haft, eine „Hommage an das Überleben“ wie es Saul Sosnowski in seinem Nachwort bezeichnet. Es verbreitet keinen Horror, aber Schrecken, es ist eindringlich und einfühlsam, weniger spektakulär als vielmehr unter die Haut gehend. Es ist ein anzuratendes Buch.

Links und Anmerkungen:

[1] Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus
[2] Wiki-Artikel zu Alicia Kozameh: http://de.wikipedia.org/wiki/Alicia_Kozameh
Bild: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported
[3] als Hintergrund zum Werk der Autorin sind diese beidem Aufsätze/Besprechungen hilfreich:
Erna Pfeiffer: Dem Unsagbaren Form geben: Alicia Kozameh (*1953) verbindet experimentelle Formen und politisches Engagement; http://www.ila-bonn.de/artikel/ila335/argentinien_alicia_kozameh.htm sowie
Gaby Küppers: Ent-Deckungen – Drei Bücher lateinamerikanischer Autorinnen; http://www.ila-web.de/buchbesprechungen/buecher238.htm
[4] weitere Bücher zum Thema Südamerika und Repression:
– Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus
– Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band
– Bernardo Kucinski: K.
– Elsa Osorio: Mein Name ist Luz
– Gustavo Germano und andere: Verschwunden
– Klester Cavalcanti: Der PISTOLERO

Alicia Kozameh
Schritte unter Wasser
Aus dem argentinischen Spanisch von Erna Pfeiffer
Originalausgabe: Pasos bajo el agua; Contrapunto, 1999
diese Ausgabe: Milena-Verlag, HC, ca. 178 S.,

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2 Responses to “Alicia Kozameh: Schritte unter Wasser”

  1. skaldenmet Says:

    Hallo, ich bin vor einiger Zeit auf dein Blog gestoßen und muss gestehen, dass mich deine differenzierten und aussagekräftigen Rezensionen beeindrucken. Mir gefallen sowohl die Themenbereiche, zu denen du bloggst -wie in diesem Betrag hier- und die Verweise in Fußnotenform.

    Im letzten Abschnitt dieses Beitrages nennst du das Werk Kozamehs „Atmen unter Wasser“. Ich glaube, das ist ein Fehler. Es gibt ein anderes Buch mit diesem Namen „Vom Atmen unter Wasser“.

    Ich freue mich, deine Seite entdeckt zu haben. Viele Grüße!

    Gefällt mir


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