Linda Benedikt: Eine kurze Geschichte vom Sterben

23. Februar 2014

„Eine kurze Geschichte vom Sterben“ ist ein kleines, schmales Büchlein, eine knappe Geschichte zweier Menschen, vllt sogar eher nur die eines Menschen, über einen Zeitraum von einer Woche. Es sind sieben Tage, die hier beschrieben werden, und die Assoziation springt unwillkürlich zu den sieben Tagen, an denen Gott die Welt erschaffen hat – hier bricht sie in sieben Tagen zusammen, bis zum endgültigsten aller Verluste und Abschiede.

Es ist mir nicht klar, ob die Geschichte, die Linda Benedikt erzählt, Fiktion ist oder ob sie eine geschehene Geschichte ist. Im Mittelpunkt steht jedenfalls eine junge Frau, Fotografin wohl, deren Alter nicht genannt wird, die aber so Mitte/Ende Zwanzig sein muss, da sie eine ältere Schwester mit offensichtlich schon vier Kindern hat und die Mutter, die im Sterben liegt, nächsten Monat erst ihren 53. Geburtstag gefeiert hätte.

Wir geraten in eine Situation, die einem Kammerspiel ähnelt, zwei Personen in einem Raum, hier in einem Münchner Krankenzimmer mit Blick auf die Alpen, draußen ist es ein nasskalter Januar, einige Jahre zurück, 1995. Die eine Person, die Ältere, ist vom Krebs zerfressen, okkupiert, die frühere Schönheit zerstört durch die Beulen der Metastasen, die den Körper durchwühlen. Aus dem Mund rinnt der Sabber, blau von Flecken und Einstichen der Körper, unter der Haut kaum noch Fleisch, dünn und schütter das Haar, Nachthemd und Shirt schlottern am Leib, verdecken kaum, was sie einhüllen sollen, rutschen herunter am Leib, der keinen Halt mehr hat noch ihn bietet. Sie leidet unter Schmerzen, kann (und will?) kaum noch Nahrung zu sich nehmen (von „essen“ zu reden oder trinken verbietet sich von allein), braucht Hilfe bei allem…

Die Tochter kommt aus London, dort lebt sie mit ihrem Freund zusammen. Sie löst ihre Schwester ab, die bis jetzt Wache gehalten hat im Krankenzimmer bei der sterbenden Mutter. Wie es ihr gegangen ist, wissen wir nicht, es ist aber anzunehmen, daß sie und ihr Mann froh sind, daß sie jetzt abgelöst werden, die Belastung und die Sorge teilen bzw. sogar abgeben können. Es steht ein zweites Bett im Raum, in dem die Tochter ab sofort schlafen wird, sie ißt auch dort, es wird für die Tage und Nächte, die sie mit der Mutter verbringt, ihre „Wohnung“ sein. Sie ist der Situation somit ausgeliefert, einen Rückzugsort hat sie, die in London wohnt, nicht.

Es ist eine brutale Konstellation, die Benedikt dort beschreibt. Die Tochter (wird ihr Name eigentlich irgendwo genannt, ich kann mich nicht erinnern) ist mit der Situation völlig überfordert, sie ist auch allein gelassen, niemand ist da, der sie selbst begleitet und stützt . Von einer Minute auf die andere zerbricht mit dem Öffnen des Krankenzimmers und dem Anblick der Mutter eine Welt in ihr: die Mutter, die immer so jung war, so attraktiv, dem Leben zugewandt, auch das Leben und die Menschen beherrschend, die bewundert, beneidet und ein wenig gefürchtet wurde, ist zu einem armseligen Häuflein Mensch geworden, wimmernd, sich windend, kaum noch zu erkennen. Und sie, die Tochter, soll, muss, will jetzt allein sein mit ihrer Mutter, sie beim Sterben begleiten, ihr beim Sterben zusehen, ihr das Sterben erleichtern durch ihr Dasein, ihre Unterstützung…

„Aus der Zeit fallen“: dieser von Grossmann [2] für sein Buch gewählte Titel beschreibt es auf den Punkt, die Tochter fällt aus der Zeit und – ja aus dem Raum ebenfalls. Sie fällt ins Bodenlose, in Zeitlose… die Zeit wird ihr „Feind“, sie vergeht nicht, sie schleicht, die Minuten dehnen sich zu einer Endlosigkeit hin. Wo für ihre Mutter die Zeit abläuft, erbarmungslos eine Stunde nach der anderen verrinnt, fühlt sich die Tochter gefangen in der Zeit, hangelt sie sich mühsam an den festen Abläufen im Krankenhaus weiter. Noch drei Stunden bis zum Mittagessen und eine gefühlte Ewigkeit später sind es noch zwei…..

Die Zeit tot zu reden ist sinnlos, gelingt ihr nicht. Zwar redet sie anfangs und erzählt unentwegt, um Raum und Zeit mit „Etwas“ zu füllen, aber mit der Mutter ist Kommunikation nur auf ganz rudimentäre Weise noch möglich, kaum, daß sie sich noch einmal ein verständliches Wort herausquälen kann. Die Tochter gibt es bald auf mit dem Reden, wird sprachlos wie ihre Mutter.

Elementare Verhaltensweisen kommen ihr abhanden. Ein fremder Mann steht im Zimmer, mit Blumen. Er hat Tränen in den Augen, steht still und stumm mit dem Blick auf der Mutter ihr Bett. Auch hier und jetzt: Sprachlosigkeit auf beiden Seiten, das natürlichste können sie nicht, sich gegenseitig vorstellen, wer sie sind und sagen, wie weh es tut. Sich das Leid teilen, für einen Moment nicht allein sein…

Obwohl sie es nicht ist, fühlt sich die Tochter im Krankenzimmer gefangen. Es ist Angst, die sie hält, die Angst, mit der Mutter könne gerade in dem Moment, in dem sie abwesend ist, etwas geschehen. Die Welt, ihre Welt hat sich reduziert auf ein Krankenzimmer mit Nasszelle, selbst das Hinausschlüpfen auf den Balkon, vor das Zimmer also, erlaubt sie sich nach ein, zwei Tagen nicht mehr, lieber bricht sie das Rauchverbot und raucht heimlich, wie ein Pennäler, auf dem Klo.

Ein einziges Mal hält sie es nicht mehr aus, sie ruft ihre Schwester an und ihr Schwager löst sie für einen Tag ab. Sie nutzt diese „Freiheit“ und fährt, ohne daß sie dies bewusst macht, zur Wohnung ihrer Mutter, in der noch ihr unverändertes Kinderzimmer ist, die von Erinnerungen noch voll ist. Hier, in dieser Wohung, in der sie mit ihrer Schwester und der Mutter aufgewachsen ist (der Vater ist früh gegangen, hat die dominierende und selbstbewusste Art der Mutter nicht ausgehalten), sieht sie, wie ihre Mutter von der Krankheit mitten aus dem Leben gerissen wurde, hier brechen Wut, Zorn, Angst und Trauer aus ihr heraus, sie schreit sie heraus wie ein archaisches Klageweib, wälzt sich bis zur Erschöpfung schreiend auf dem Boden….

Die Rollen haben sich verkehrt. Nicht mehr die Mutter, die für ihre Kinder da ist, sie beschützt und behütet, sondern die Kinder, die für ihre Mutter sorgen. Sie waschen, füttern, auf die Toilette begleiten. Es ist nicht mehr die Zeit für Schamgefühle, Körperfunktionen zu verstecken oder sich „dort unten rum“ selber zu waschen. Viel zu schwach ist der Körper der Mutter, die die Hilfe der Tochter dankbar annimmt. Sie freut sich über das behütet werden durch die Tochter, die Angst, daß sie sie verlassen könne und der Wunsch, endlich sterben zu können, sind mit die beiden einzigen Äußerungen, die sie klar von sich geben kann.

Die Mutter wird immer schwächer, sie stirbt des nachts, neben ihr schlafenden Tochter, die dies erst am Morgen bemerkt, als sie aus dem Bad kommt. Die Stunde, bis die Schwester das Frühstück bringen wird, ist ihr jetzt nicht mehr lang, sie wird sie mit der Mutter verbringen, allein. Dann wird die Schwester eintreten und es sehen.

Erlöst.

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Ich habe es eingangs schon gesagt, Benedikt schildert eine brutale Konstellation. Wenn sie auf einer realen Sterbesituation beruht, tut mir diese junge Frau, die Tochter, auch jetzt noch sehr leid, wenn die Situation fiktiv ist, ist sie in der Tat gut geeignet, „extreme“ Reaktionen unter diesem Stress, unter der Trauer zu zeigen. Wahrscheinlich hat sich die Tochter mit ihren jungen Jahren noch nie wirklich mit dem Tod auseinander gesetzt, die Krankheit der Mutter, sicherlich sehr schlimm, aber die Hoffnung auf Heilung, auf Genesung überstrahlt die dunklen Gedanken des dahinter gegebenenfalls lauernden Todes. Die Tochter hat ein Bild von der Mutter in ihrer Erinnerung, eine strahlende Frau, die das Leben (und die Männer) zu genießen wusste, war sie als Mutter immer einfach für die Kinder? Es wird nicht wirklich klar, aber zwischen den Zeilen glaube ich herauslesen zu können, daß zumindest von Seiten der Tochter noch das eine oder andere zu klären gewesen wäre, man darüber hätte sprechen können oder wollen, um es einfach als Last von der Seele zu haben. Das alles wird innerhalb von Sekunden zerstört beim Anblick des Menschleins, der so klein und geschrumpft, so wimmernd und hilflos im Krankhausbett liegt. Und dann diese Stille, diese Stille im Zimmer, die Stille der Mutter, die kaum noch redet, nur noch röchelt und atemrasselt, die Stille, welche die Tochter auf sich selbst zurückwirft, die die Gedanken gebiert, die Bilder und die Erinnerungen, die Angst und den Zorn, die Verzweifelung und die Hoffnung. mit dem Anreden gegen die Stille, mit dem ewig laufende Fernseher mit seinem Hintergrundgeräuschen scheint ihr, daß man der Stille beikommen kann… sie ist nicht ertragbar.

Sie, die Tochter, die weggegangen ist in die Welt, die in London wohnt und arbeitet, fühlt sich mit einem Male hier im Krankenzimmer angebunden, eingesperrt. Ihre Angst, sie könne der Verantwortung, die sie übernommen hat, nicht gerecht werden, wenn sie das Zimmer, und seien es nur Augenblicke, verläßt, bindet sie an das Zimmer, an die Gegenwart der Mutter.

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Die Autorin hat die Erzählung ins Jahr 1995 verlegt, dies ist in etwa die Zeit, in der die Palliativmedizin erst anfing, sich in Deutschland zu etablieren und zu verbreiten. Denn als medizinischer Laie habe ich mich bei einigen Sachen, die Bendikt beschreibt, schon gewundert. Die erkennbar im Sterben liegenden Frau wurden immer noch mit routinemäßiger Temperaturmessung belästigt, nach einem Tag ohne Stuhlgang (die Mutter aß ja fast nichts mehr, hat sich allenfalls selbst verdaut) sprach die Schwester von einem notwendigen Einlauf. Die Sterbende hatte wohl keinen permanenten Zugang und bekam Spritzen (ich hätte eine Strichliste machen sollen) über Spritzen verabreicht. Verdeutlicht man sich, wie die Arme solch abgemagerter, todkranker, sterbender Menschen aussehen: über Knochen gespannte Haut ohne Untergewebe… blau, blutunterlaufen… das Spritzen muss eine Qual gewesen sein. Auch scheint es keine (präventive) Schmerztherapie gegeben zu haben, die schon das Auftreten von Schmerzen verhindert, sondern allenfalls auf Hilferuf eine akute Bekämpfung von vorhandenem Schmerz. Daß ausserdem die gesamte Pflege, sprich: Waschen, Toilettengang, Nahrungsaufnahme von der völlig ungeübten und unvorbereiteten Tochter übernommen wurde, erscheint mir schon aus versicherungsrechtlichen Gründen als erstaunlich. Aber wie gesagt, ich habe mich nur darüber gewundert…. ich denke, heute wärenBehandlung und die Pflege anders.

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Linda Benedikts „Eine kurze Geschichte vom Sterben“ ist ein fulminantes Stück Literatur. Es öffnet ungeschminkt die Fenster in die Seele eines Menschen, der dabei ist, seine Mutter zu verlieren. Eine Seele, eine Seelenverfassung, die schwankt zwischen einem ungeduldigen, weil den Schmerz kaum noch ertragen könnenden „stirb doch endlich“ und einem (auch von Selbstmitleid geprägten) „du verlässt mich, du lässt mich allein zurück!“ Ungefilterte Angstzustände, Panik und Resignation, eine Flut von Erinnerungen und die ganz profane Überwindung persönlicher Ekelgefühle beim Kontakt mit der Krankheit und ihren Folgen. Alles ist möglich an Gefühlen und alle Gefühle haben ihre Berechtigung. Kategorien wie „richtig“ oder „falsch“, „erlaubt“ oder „verboten“ sind aufgehoben: der Trauernde, der Begleitende ist im Ausnahmezustand.

Sterben und auch die Begleitung Sterbender reißt die Menschen aus Zeit und Raum, desorientiert sie, wertet sämtliche Wert um und stellt alles in Frage. Dies hat Benedikt sehr deutlich und klar geschildert und dargestellt in ihrem Büchlein, das klein ist, aber nicht unbedeutend, das schmal ist, aber schwer wiegt. Es ist ein Buch, das zu denken gibt, aus dem man lernen kann.

Links und Anmerkungen:

[1] Lese- und Hörprobe bei youtube: http://www.youtube.com/watch?v=O8dLCTD5WQ4
[2] David Grossman: Aus der Zeit fallen, Buchvorstellung hier im Blog

weitere Buchbesprechungen, die sich mit der Begleitung Sterbender befassen:

Georg Diez: Der Tod meiner Mutter
David Rieff: Tod einer Untröstlichen
Rafael Yglesias: Glückliche Ehe

Zusätzliche Buchbesprechungen im Umfeld finden sich in meinem Themenblog „Sterben, Tod, Trauer“

Linda Benedik
Eine kurze Geschichte vom Sterben
diese Ausgabe: Arche-Verlag, HC, ca. 128 S., 2013

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