Bonnie Nadzam: Mr. Lamb

Meine Geschichte dieses Buches beginnt mit einer neugierig machenden Besprechung bei Mariki [1] und dem vielversprechenden Urteil von immerhin T.C. Boyle: „… brillant.“, welche auf dem Cover abgedruckt ist. Dieses übrigens in der Tat gelungen und dem Roman angemessen, es verrückt die Perspektive und zwingt dazu, genauer hinzusehen.

Das Grundthema des Buches ist nicht einfach, es ist eines der Themen, die in unserer Gesellschaft mit am meisten Emotionen entfachen, es geht um Kindesmissbrauch, Pädophilie, der (sexuellen) Liebe Erwachsener zu Kindern. Gerade bei uns in Deutschland war dieses Thema ja kürzlich vllt sogar wahlentscheidend gewesen.. [2].

„Mr. Lamb“ [3] ist in der Grundkonzeption ein Zwei-Personenstück, besagter Mr. Lamb, Gary oder David, je nach Partnerin, und Tommie, ein elfjähriges, sommersprossiges dünnes Mädchen. Sie lernen sich kennen, als Tommie von ihren Schulfreundinnen vorgeschickt wird, sie soll den älteren Mann dort an der Haltestelle um Zigaretten anschnorren, während die Freundinnen sie aus dem Hintergrund beobachten. In einer (man muss annehmen: spontanen) Idee fakt der Mann, Mr. Lamb, eine Entführung des Mädchens, zerrt sie in sein Auto und fährt sie nach Hause.

Mit Mr. Lamb und Tommie haben sich zwei Einsame getroffen, zwei Menschen mit Sehnsucht in Herzen nach Wärme, nach Nähe, nach Liebe auch, ja. Der Mann ist geschieden, hat eine Geliebte, die er aber belügt, sein Vater, den er aufopferungsvoll pflegte, ist kürzlich gestorben, in der Firma scheint es auch Probleme zu geben. Tommi ihrerseits lebt in einer Familie, die vom Fernsehen beherrscht wird, von der Oberflächlichkeit. Die (vorgetäuschte) Entführung, die ihre Schulkameradinnen nicht sonderlich erschüttert, macht Tommie deutlich, daß diese nicht wirklich Freundinnen sind…

Sie treffen sich wieder, der ältere Mann und das Mädchen, sie fahren in der Gegend herum, Gary (so nenne ich ihn ab hier) kauft Tommi schöne Sachen und verwöhnt sie. Langsam und behutsam flößt er dem Mädchen einen Traum ein, den Traum von einer Hütte irgendwo in einer wunderbaren Landschaft, von Pferden, von Freiheit und Geborgenheit… Er umgarnt sie immer weiter mit seinem Traum und es entwickelt sich ein Plan..

Ein paar Tage nur, so sagt er, und sie könne jederzeit wieder nach Hause, er würde ihr sofort ein Flugticket kaufen, sie müsse es nur sagen, es sind nur ein paar Tage, dann seien sie wieder zu Hause. Das Mädchen gerät immer weiter unter die suggestive Kraft von Garys gebetsmühlenartig wiederholten Sprüchen…

Sie fahren los und kommen an Städten vorbei und an Landschaften, durchqueren die endlosen Weiten des Landes, sie übernachten in Motels, geben sich als Onkel und Nichte aus. Gary verwöhnt das Mädchen, erfüllt ihr Wünsche, versucht ihr aber auch ein Leben zu zeigen, das sie so nicht kennt, ein wenig nimmt er die Funktion eines Vaters ein. Es gibt Krisen, in denen Tommie weint, Heimweh hat, ein schlechtes Gewissen, aber Gary ist geschickt mit Worten, nie redet er dagegen, sondern er verzögert eine mögliche Entscheidung z.B. auf den nächsten Morgen – aber dann ist alles wieder eingerenkt und beschwichtigt. Zu stark ist der Sog der Nähe und Zuneigung, die Gary dem Mädchen vermitteln kann.

Sie erreichen die halbverfallene Berghütte in den Rockys und richten sich dort ein, unter den Augen des misstrauischen Nachbarn Foster, der sein Haus in der Nähe hat und dort seine pflegebedürftige Frau betreut. Die Beziehung zwischen Gary und tommie wird immer intensiver, aber sie hat auch seltsame Momente. Als Linnie, die Geliebte Garys, für die er aber David ist, auf Einladung des Mannes erscheint, muss Tommie für Tage abtauchen, sie ist quasi aus-/eingesperrt in der Werkstatt, muss sich heimlich zum Pinkeln nach draußen schleichen und ebenso heimlich etwas zu essen aus dem Kühlschrank holen. So tief ist sie schon in den verführerischen Sirenenklängen des Mannes verfangen, daß sie dies klaglos erträgt…

Am Ende fahren die beiden die Strecke, die sie hergekommen sind, wieder nach Hause. Sie sind krank, haben Fieber und es ist eine Tortur für sie – ebenso wie der Gedanke an die Zukunft, die sie trennen wird. Die Reise der beiden, der Roman, endet mit dem Bild eines kleinen Mädchens, das mit einem vom Weinen verzerrten Gesicht einem Auto hinterherläuft….

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Die angedeutet Handlung des Romans könnte eine banale Liebesgeschichte sein, wäre Tommie nicht ein kleines, junges Mädchen und Gary ein älterer Mann. So ist es aber und damit wird die Geschichte, die Nadzam erzählt, zur Geschichte eines Missbrauchs. Es ist – was die körperliche Komponente angeht – kein Missbrauch, der als momentaner, roher, physischer Akt daher kommt, es ist ein sich langsam aufbauender Missbrauch, der durch dieses sukzessive Auftreten seinen Schrecken verliert [4] und der am Ende von Tommie ganz natürlich Handlung und Regung empfunden wird. Die Grenze dessen, was Tommie akzeptiert, vllt sogar als von ihr selbst gewollt und  als schön empfunden, wird immer weiter verschoben. Geschickt spielt die Autorin in diesen Momenten mit den unterschwelligen Befürchtungen des Lesers, der instinktiv immer auf das Schlimmste gefasst ist, mit diesem Moment gelingt es ihr immer wieder, eine ungute Spannung aufzubauen….

Gary nutzt seine natürliche Überlegenheit dem Mädchen gegenüber schamlos aus. Muss er ihr bei der anfänglichen, vorgetäuschten Entführung noch etwas nachhelfen, so kann er sie bald schon durch die suggestive Kraft seiner Worte, die anscheinene Logik seiner Argumente fast nach Belieben manipulieren. In den seltenen Momenten, in denen Tommie gegen ihn aufbegehrt, agiert er sehr geschickt, in dem er ihren Widerstand ins Leere laufen läßt: wie eine Gummiwand nimmt er den Impetus auf, gibt ihr Recht, bittet um Bedenken und Zeit und verdreht die Situation derart, daß die Bindung der beiden „danach“ noch stärker geworden ist als zuvor.

Wie manipuliert Gary das kleine Mädchen? Es sind die tausenfach bewährten Techniken: Geschenke machen, ihr schöne Erlebnisse geben (sozusagen die Vater-/Tochter Momente, die die beiden erleben), Widerspruch hervorlocken (á la: „ich bin ein alter Mann“) verbunden auch mit Mitleid, daß er, Gary, wenn sie, Tommie, mal verheiratet ist, allein ist und einsam. Oft weint er bittere Tränen, es ist nicht klar, ob es Krokodilstränen sind oder echte, die aus Selbstmitleid fließen…. am Ende ist es für beide selbstverständlich geworden, von Liebe zu reden und der Kuss auf den Mund ist normal zwischen ihnen und die Hand auf der Brust des Mädchens wird nicht weggeschoben….

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Gary nennt Tommie hin und wieder „Schweinchen“ und ist doch selber eins. Lügen und Manipulieren scheint seine zweite Natur zu sein, er ist ein großer Geschichtenerzähler, der sich spontan aus verfänglichen Situationen herausreden kann. Immer wieder kommt ihm diese Fähigkeit zugute, damit lullt er misstrausche Nachbarn ebenso ein wie Tommie oder Linnie. Er ist sich im Klaren über das was er tut, in einer verqueren Verkennung der Umstände fühlt er sich aber dazu berechtigt. Weist er Tommie nicht in ein Leben ein, das sie ohne ihn nicht kennengelernt hätte? Zeigt er ihr nicht wunderschöne Sachen, ist er nicht lieb zu ihr? Und spürt er nicht, daß Tommie ihn lieb gewonnen hat, dies alles will?

„Mr. Lamb“ ist aus der Sicht des Mannes geschrieben, wenig nur erfahren wir von den Gefühlen des Mädchen. Diese ist auf das Objektsein für die Bedürfnisse des Mannes reduziert, wie sie die Übergriffe des Älteren empfindet, bleibt unklar. Nur in den wenigen Momenten, in denen sie sich wehrt oder versucht, etwas abzuwehren kann man davon ausgehen, daß sie nicht völlig dem Einfluss des Mannes unterliegt, aber letztlich kann er immer seinen Willen durchsetzen: mit sanftem Druck, mit Überredung, mit Verniedlichung… ist er Mr. Lamb, so ist sie „Lamb“, nämlich Opferlamm… kann man das gegenrechnen zur Zuwendung, die sie zweifelsohne auch erhält, eine Zuwendung, die sie zu Hause so nicht hat, die ihr guttut, die sie sucht, die sie braucht? Mit dieser Frage sind wir dann fast bei der Diskussion aus lang vergangenen Jahrzehnten angelangt, auf die ich weiter oben schon einmal anspielte [2] und die mittlerweile ja entschieden ist…

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Der Roman, ich habe es am Anfang erwähnt, wird hochgelobt, die Besprechungen und Rezensionen sind voller Begeisterung. Ich kann diese leider nicht teilen, mir hat die Art, in der die Autorin ihre Figuren beschrieben hat, nicht gefallen. Diese etwas künstlich wirkenden Passagen, in dem der Leser mit in die Geschichte hineingezogen wird, Mitwisser wird (Mitverantwortlicher vielleicht sogar?): „Stellen wir uns vor, daß …“ dies und jenes… diese Aufforderung impliziert gefährlich auch ein“…, dann ist es verständlich/ kann man sich vorstellen/ erscheint es naheliegend…“, das mir unsympathisch ist. Außerdem wälzt Nadzam als Autorin ihre Arbeit, eine Situation nämlich derart zu schildern, daß ich als Leser eine Vorstellung davon entwickle, auf mich ab: ich muss mir meine Vorstellung aus ihren Vorgaben selbst aufbauen. Manchem, wenn man Besprechungen liest, gefällt dieses Stilmittel, mir nicht so.

Als „gebetsmühlenartig“ bezeichnete ich weiter oben die Art und Weise wie Mr. Lamb auf der langen, langen Fahrt durch Amerika auf Tommie einredete. Mich ermüdete das ewige leicht greinend wirkende Wiederholen der immer gleichen Sprüche, das sie ein elfjähriges Mädchen bei Laune gehalten haben sollen, kann ich mir kaum vorstellen.

Auch mit dem Besuch Linnies, der Geliebten von Mr. Lamb, für die er David ist, an der alten Hütte in den Rockies kann ich nun garnichts anfangen. Was sollte das denn? Subtile Qual für Tommie, die sich tagelang versteckt halten musste in dem Wissen, daß jemand anderes die Gefühle von Gary in Beschlag nimmt?

So bleiben für mich Fragen offen und der fast schlimmste Teil des Missbrauchs scheint mir zu sein, daß Mr. Lamb ein kleines Mädchen emotional von sich abhängig gemacht hat und es dann wieder zurückstößt in seine alte, kalte Welt. Es ist der Moment im Roman, in dem das Gesicht Tommie vom Weinen verzerrt ist….

Ich will den Roman aber auch nicht in Bausch und Bogen verdammt wissen, das wäre wahrlich übertrieben. Er liest sich gut, Nadzam versteht es auch, Spanung aufzubauen, Suspense zu erzeugen, ohne dabei auf z.B. die Schilderung von physischen Grausamkeiten zurückgreifen zu müssen. Das gelingt ihr gut. Vielleicht hat mich das Buch auch nur in einem falschen Moment erwischt, schlussendlich vertrete ich mit meiner Kritik ja eine Minderheitenposition. Aber ich bin nicht alleine  ;-) [4]

Links und Anmerkungen:

[1] Rezension des Romans im Bücherwurmloch: http://buecherwurmloch.wordpress.com/2014/02/02/3049/
[2] Parvin Sadigh: Nicht nur die Grünen verharmlosten Pädophilie, ZEIT ONLINE 17.12.2013, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-10/paedophilie-kinderschuetzer/komplettansicht als Beispiel und Übersicht aus der Menge der Berichte zum Thema
[3] der Buchtitel ist ein schönes Beispiel dafür, wie sinnentstellend Übersetzungen sein können. Im Original heißt der Roman „Lamb“, also „Lamm“ oder (gastronomisch) „Lammfleisch“, ist also im wesentlichen auf das Mädchen fixiert, deutet ihre Rolle im Roman an, sie ist das Opfer und die Speise. Dass die männliche Hauptfigur „Lamb“ heißt (nein, Zufall ist das natürlich nicht…) kann auch dahingehend interpretiert werden, daß auch er ein Opfer ist, der Umstände, seines Werdeganges.. wir werden es erfahren… Die Beschränkung des Buchtitels auf den reinen Namen „Mr. Lamb“ ist dagegen eine bedauernswerte Reduktion dieser Andeutungen….
[4] Die Leserin: Mr. Lamb | Bonnie Nadzam [Rezension]; http://www.dieleserin.at/2014/01/mr-lamb-bonnie-nadzam-rezension.html

andere Titel zum Thema „Pädophilie“ bei aus.gelesen:

Bonnie Nazdam
Mr. Lamb
Aus dem Englischen von Suanne Höbel
Originalausgabe: „Lamb“, NY 2011
diese Ausgabe: dtv, ca. 240 S., 2014

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7 Kommentare zu „Bonnie Nadzam: Mr. Lamb

  1. Schön, wie du auch die Metapher eingebaut hast, dass er sie Schweinchen nennt, aber selber eins ist ;)
    Ich kann deine Kritik durchaus nachvollziehen, aber wie wir schon wissen, hat mich das Buch trotzdem gepackt.

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    1. .. und das ist auch gut so, wie ich ja gesagt habe, bin ich mir bewusst, in einer minderheitenposition zu sein. es gibt eben – das ist meine überzeugung – nichts „an sich“, sondern alles, was wahrgenommen und und in welcher weise auch immer „bewertet“ wird, ist ein produkt aus dem wahrgenommenen und dem wahrnehmenden subjekt. und wir sind eben verschieden, prinzipiell und nach tagesform, von daher beurteilen wir dinge eben unterschiedlich. gottseidank!
      lg
      fs

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