Vladimir Nabokov: Lushins Verteidigung

Vladimir Nabokov, 1899 in St. Petersburg geboren, 1977 in Montreux gestorben ist wohl vor allem durch seinen Roman „Lolita“, den er 1955 veröffentlichte, bekannt. Ich stelle jetzt hier seinen viel früher entstandenen Roman „Lushins Verteidigung“ um ein Schachgenie, das dem Wahn anheimfällt, vor. Das ich gerade diesen Roman las hat zwei Ursachen, die eine ist trivial: das Buch in der Ausgabe der Bibliothek Suhrkamp steht seit ca. 30 Jahren ungelesen im Regal und ist einfach da, der zweite Grund ist die Erwähnung, die begeisterte Erwähnung des Romans bei Herrndorf in seinem Buch/Blog „Arbeit und Struktur“ [3]. Dort schreibt er: „Nachdem ich es erst nicht mochte…. Die unglaubliche, leichte Eleganz, mit der er seine Übergänge macht, der Mut zur Auslassung. …. Bestes Buch über Schach, das ich kenne, und auch eine der besten Darstellungen des Wahnsinns.“ (Eintrag unter dem Datum vom 26. Mai. 2011). Das passte also nur zu gut….

Monument of Nabokov in Montreux Bildquelle [1]
Monument of Nabokov in Montreux
Bildquelle [1]
Nabokov, selbst ein Schachinteressierter und Kompositeur von Schachaufgaben [1], hat in diesen Roman Elemente der eigenen Biographie eingeflochten: die Flucht vor der Revolution ins Exil, Berlin als Hintergrund (hier wurde der Roman 1929 auch verfasst), in der ein großer Teil der Handlung spielt, und eben die Schachbegeisterung.

Worum geht es? Lushin, schon als Kind eher seltsam, zurückgezogen, kontaktscheu, eigenwillig, den Eltern ein Rätsel, körperlich schwerfällig und ungelenk, ist in der Schule ein Objekt steter Hänseleien (heute würde man sagen: er wird gemobbt), deren er sich kaum erwehren kann. Seine Leistungen sind mäßig bis schlecht, sein Bestreben vor allem darauf konzentriert, nicht aufzufallen und die Zeit mit den Gleichaltrigen unbeschadet zu überstehen. Den Eltern ist er eine Sorge.

Im Lauf der Zeit erweist sich, daß den ca. 10jährigen drei Dinge interessieren: ein Zauberer, der als Höhepunkt einer ansonsten als misslungen anzusehenden Kindergeburtstagseinladung zu den Lushins engagiert war und nach dessen Vorführung der junge Lushin unbedingt einen Zauberkasten haben wollte und das Legen von Puzzles. Als drittes kam hinzu das seltsame Kästchen mit den Figuren, das der Vater von der Tante geschenkt bekam und das ihm zusammen mit dem gemusterten Brett als Schachspiel benannt wurde. Der junge Lushin versteckte es unter der Annahme, der Vater, ein eher mittelmäßiger, von der eigenen Bedeutung aber überzeugter Schriftsteller, würde es eh nicht vermissen. Die Tante wurde dann eines Tages auf Betreiben der Mutter des Hauses verwiesen, es scheint, als hätte der Vater eine besondere Variante des Endspiels, in dem er mit seinem Turm die Dame matt setzt, mit ihr praktiziert… Sei´s drum, der junge Lushin fing an, die Schule, die ihm sowieso von Grund auf verhasst war, zu schwänzen und mit dem Schachspiel heimlich zur verbannten Tante zu gehen. Diese, so zeigte sich bald, konnte gar nicht spielen, besorgte ihm aber einen älteren Herrn als Partner, der ihn in die Regeln und ersten Züge einwies. Fünfzehn Spiele läßt Nabokov seinen jungen Helden verlieren, dann hat die Klarheit, die geheime Melodie der Figuren ihn erreicht, den Nebel der Unwissenheit durchdrungen und er gewinnt gegen diesen älteren Mann, der durchaus kein schlechter Spieler war. In der Folge wurde das Talent des jungen Lushin bekannt, ein kleines Wunderkind war erschienen….

Es gibt einen Zeitsprung von vielen Jahren, über Russland war die Revolution hinweggerollt und Lushin lebt seit Jahren Ausland. Mittlerweile war er eine Koryphäe des Schachspiels, Meister, Großmeister gar, Spiele von ihm finden sich in Lehrbüchern wieder. Eine Zeitlang war er von einem etwas undurchsichtigen Mann namens Valentino gemanagt worden, wer dies im Moment macht, ob überhaupt jemand sich um ihn kümmert (dem Lushin, so wie wir ihn hier in diesem Kurort treffen, ist es eigentlich nicht zuzutrauen) bleibt unklar, jedenfalls bereitet sich unser Lushin auf ein Turnier vor und die Wahrscheinlichkeit, auf seinen schärfsten Konkurrenten Turatti zu treffen, ist groß….

Lushin hat sein Schachspiel im Lauf der Jahre entwickelt, perfektioniert. Was sich nicht entwickelt hat, ist der Mensch Lushin. Im Grunde steht er mit dem Leben auf Kriegsfuß, er ist kontaktscheu, plump, kurzatmig, nahe einer möglichen Verwahrlosung seines Äußeren und Inneren, uninteressiert an allen Dingen ausser Schach. Doch erregt er, so wie er ist, die Aufmerksamkeit einer jungen Dame, deren Herz sich – dies ihr hervorstechender Charakterzug – den Benachteiligten dieser Welt willigst in Mitleid und Zuneigung öffnet. Nabokov bemüht nicht umsonst das Bild des geknechteten Esels, der unter der Last jämmerlich zu schreien anfängt und ihr Herz rührt…. Sie ist es, die ihm das Schneuztuch – wiewohl schon reichlich benutzt – im Park nachträgt, als es ihm aus der Tasche fällt… und irgendwann durchdringt etwas den dichten Nebelschirm vor Lushins Geist und er merkt, daß dort ein Wesen zu ihm spricht…. und sehr schnell konzentriert sich alles in Lushin, was instinktiv nach Zuneigung, menschlicher Wärme und Nähe verlangt, auf die junge Dame, der er schon nach kurzer Zeit, linkisch und plump, wie er agiert, einen Antrag macht, ihn zu heiraten.

Es gibt Widerstände. Die Eltern der jungen Dame, der Braut des Lushin, die ihrerseits ihr untergegangenes Russland mit nach Berlin genommen haben, sind ganz und garnicht von Lushin begeistert, ganz im Gegenteil, so hatten sie sich den Mann ihrer Tochter, den Vater ihrer Enkel nicht vorgestellt. Apropos: vorgestellt: wie sollte man so einen Menschen im eigenen Verwandten- und Bekanntenkreis einführen? Undenkbar, ihn vorzustellen, den nicht Präsentablen.. und dann „Schachspieler“…

Der Schachspieler selbst spielt Schach. Er sitzt vor dem Brett, kalkuliert die Züge, erfindet Varianten, antizipiert mögliche Angriffe des Gegners, um sie gedanklich zu parieren und sich zu präparieren für den eigenen Vorstoß. Und sitzt er nicht am Brett, so spielt er das Spiel in Gedanken weiter, in Träumen weiter.. Tag und Nacht, die Welt verengt sich auf 64 Quadrate, die Welt wird zu einem Muster aus schwarz-weißen Quadraten, das sich wie ein Netz immer dichter und dichter und dichter über alles legt… ob Lushin aus dem Fenster schaut, durch die Tür geht, das Pflaster des Gehwegs sieht: Quadrate allerorten, die ihn verfolgen, begleiten bis in die Träume hinein…. kaum kann er schlafen, noch hat er Appetit, dunkle Ringe unter den Augen, eine schlafwandlerlische Apathie der Welt gegenüber, ein von Dämonen Gehetzter und Getriebener…

Es kommt nach einigen Partien zum erwarteten Endspiel des Turniers mit jenem Turatti, der die Art des Spiels, die Lushin entwarf, zu übertreffen sich angeschickt hatte. Man belauert sich, testet sich, versucht vorsichtig, Schwächen des Gegenüber zu finden, ohne sich selbst eine Blöße zu geben…. immer stärker wird Lushin in das Spiel hineingezogen, immer weniger nimmt er von der Welt war, hektischer und hektischer rotieren seine Gedanken und Überlegungen, die Erregung wächst und schließlich übernimmt der Wahn die Kontrolle: Lushin erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Er kommt in ein Sanatorium, der Arzt ist optimistisch, einzig muss alles, was mit Schach zu tun hat, vom Erkrankten fern gehalten werden. Eine Aufgabe, die die junge Frau mit ihrem Hand zum Mitleid auf sich nimmt. Irgendwann geben auch die Eltern ihren Widerstand auf und fügen sich ins Unvermeidliche, finanzieren eine Wohnung in Berlin und die Braut wird zu Lushina. Doch ist ihr der immer fülliger werdende Lushin kein Mann, noch in der Hochzeitsnacht fällt er halbentkleidet und quer übers Bett hingestreckt in schnarchenden Schlummer, bevor.. na ja…. eher ist er ein Pflegefall, ein fast autistischer Mensch ohne Benimm und Verstand für die Welt. Es geht ein paar Wochen gut, Lushina kann ihren Mann bei Laune halten, ihn ablenken, das Wort Schach fällt nicht zwischen ihnen, aber die Ruhe ist trügerisch. Hie und da gibt es Ereignisse, die Lushin überzeugen, daß ein Plan gesponnen wird gegen ihn, man ihn zurückholen will in die Welt des Schachs. Es kann kein Zufall sein, was ihm unterkommt, der alte Schulkamerad, den er „zufällig“ trifft zum Beispiel, auch er ein Rädchen in diesem Plan, dessen Existenz er ahnt, den er aber nicht durchblickt. Oh… wie eine Schachfigur fühlt er sich, hingeduckt auf dem Brett, umgeben von buckligen Gestalten, die ihn bedrängen. Aber wie sich verteidigen, wenn man den Plan nicht kennt, wenn der Gegner so verwirrend ist? Wie, wie nur?

Und dann holt der Gegner zum tödlichen Zug aus: Valentino! Valentino, sein ehemaliger Mentor meldet sich bei ihm, fadenscheiniges fabulierend von einem Film.. ha!… glasklar steht jetzt, nachdem er endlich den Plan erkannt hat, mit dem er zurückgeführt werden soll in die Schachwelt, des Lushins Verteidigung, mit der er dem Gegner ein Schnippchen schlägt, ihm zuvorkommt…

***********************

„Genie und Wahnsinn“ natürlich ist es diese Redewendung, die einem sofort einfällt, wenn man die Geschichte des Schachgroßmeisters Lushin liest. Der geniale Schachspieler, der im Grunde untauglich ist für ein normales Leben, für normale zwischenmenschliche Beziehungen und der wie ein kleines Kind an der Hand genommen werden muss, geführt werden muss. Seine geniale Begabung für das Schachspiel ist gleichzeitig sein Fluch, sein Denken wird so total vom Spiel usurpiert, daß es letztlich völlig zusammenbricht. Die verordnete Therapie, das Schachverbot dagegen, raubt dem Mann das Einzige, was er hat: seine Begabung und die Möglichkeit, sich dadurch eine Identität zu schaffen. Ohne Schach ist Lushin nichts außer einem betreuungsbedürftigem Riesenbaby…. Wahnbilder verfolgen ihn, treiben ihn, hinter der Welt, in der mal lebt, tut sich für Lushin eine weiter Ebene auf, die sich für ihn immer mehr in ein riesiges Schachspiel wandelt, in dem er eine Figur ist, die hin- und hergeschoben wird und sich letztlich nur wehren kann, in dem sie sich selbst aus dem Spiel nimmt.

Sicherlich ist auch die Beziehung zwischen Lushin und der jungen Frau, die ihn letztlich dann heiratet, interessant. Ist es Liebe, was die beiden verbindet? Ich denke, eher nicht, nicht ohne Hintersinn wird Nabokov auf das mitleidige und mildtätige Gemüt der Frau hingewiesen haben, für Liebe fehlt ausserdem die Gleichberechtigung der Partner. So ist es eher eine Mutter-Kind-Beziehung, die die beiden eingehen. Dafür spricht auch das Fehlen jeglicher sexuellen Komponente, ja, man darf bezweifeln, daß Lushin außer einer vllt vagen Ahnung davon überhaupt Kenntnis hat… Zudem mag die Hochzeit mit dem von den Eltern abgelehnten Lushin auch eine Machtprobe gewesen sein zwischen ihnen und der Tochter, von letzterer möglicherweise auch eine Auflehnung gegen die Konventionen der Gesellschaft.

**************************

Nabokov hat eine faszinierende Art des Schreibens. So wie sein Protagonist unwiderstehlich in die Welt des Schachs gezogen wird, so wurde ich beim Lesen in die Geschichte hineingezogen. Ich will ein Beispiel geben für eine Stelle, die ich faszinierend fand. Nabokov braucht wenig mehr als eine Oktavseite, um den realen Irrsinn der russischen Revolution zu beschreiben, ich will versuchen, die Kernsätze zu zitieren: „Das war im ersten Jahr der Sowjetherrschaft, von den vierzig Schülerinnen waren nur noch siebzehn übrig geblieben. Täglich wurde den Lehrern die Frage gestellt: „Haben wir heute Unterricht?“ und unweigerlich lautete die Antwort: „Wir haben noch keine endgültigen Instruktionen bekommen.“ Die Inspektorin hatte jegliches Lachen verboten, sollte jemand aus dem Kommissariat für Volksbildung kommen, was auch immer er sagen und wie auch immer er sich benehmen würde. …„. Genauso wunderbar sind die Passagen, in denen Nabokov uns in das Hirn, die Vorstellungswelt Lushins entführt, die Bilder, die auf ihn einströmen, sich in ihm breitmachen und festsetzen, das immer tiefere Hineinrutschen in die vermeintliche Verschwörung gegen ihn ….

Es ist eine tragische Gestalt, dieser Lushin. Krank, mit einer Inselbegabung, wird er von allen ausgenutzt. Valentino und andere nutzen sein Genie, Lushina befriedigt ihr Helfersyndrom an ihm, viel mehr Bekannte hat er nicht… Für ihn bleibt nichts übrig, er wird in seiner Wahrnehmung zum Gejagten, das Schachbrettmuster mutiert zum Netz, das ausgeworfen wurde, ihn zu fangen….

Habe ich es schon gesagt? Ein empfehlenswertes Buch, diese Verteidigung, elegant, mit Witz, unterhaltsam und tiefgründig, tragisch und berührend! Man merkt es schon, wenn ein Meister seines Faches ein Buch geschrieben hat!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Nabokov: http://de.wikipedia.org/wiki/Vladimir_Nabokov
Bild: created by Ygrek, licence: {{cc-by-sa-2.5}}
[2] Wiki-Artikel zum Roman: gibt es nicht!
[3] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Buchvorstellung hier im Blog
[4] Filmkritik: http://www.spiegel.de/kultur/kino/lushins-verteidigung-schwarz-weisse-leidenschaft-a-212653.html
[5] Buchvorstellungen und Rezensionen von
– a) Stefan Mesch: http://www.lit06.de/archiv_rat/head/thema/rez_zu0606/thema0606_03rez.html

Vladimir Nabokov
Lushins Verteidigung
Aus dem Russischen übertrage von Dietmar Schulte
Originalausgabe: 1930
diese Ausgabe: Bibliothek Suhrkamp Band 627, HC, ca. 280 S., 1979

6 Kommentare zu „Vladimir Nabokov: Lushins Verteidigung

    1. liebe petra, auch dir danke für dein lob! aber da sieht man wieder, welche verantwortung man auf sich lädt, wenn man bücher bespricht… ;-) ich hoffe sehr, daß dir der „Lushin“ diesmal besser gefällt, wenn du ihn nochmals liest!
      lg
      fs

      Gefällt mir

Datenschutzhinweise: Die Kommentarangaben werden an Auttomatic, USA (die Wordpress-Entwickler) zur Spamprüfung übermittelt und die E-Mailadresse an den Dienst Gravatar (Ebenfalls von Auttomatic), um zu prüfen, ob die Kommentatoren dort ein Profilbild hinterlegt haben. Zu Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung Ihrer Daten und Widerrufsmöglichkeiten, verweisen wir Sie auf unsere Datenschutzerklärung. Sie können gerne Pseudonyme und anonyme Angaben hinterlassen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.