Irina Ratuschinskaja: Die Frauen von Odessa

9. Februar 2014

 Irina Ratushinskaya, Bildquelle [1], Fotograph: Mikhail Evstafiev

Irina Ratushinskaya, Bildquelle [1], Fotograph: Mikhail Evstafiev

„Die Frauen von Odessa“ oder (im Original nur „Odessa“) umfasst die Geschichte dreier Familien über einen Zeitraum von ca. 35 Jahren hinweg. In den Schicksalen dieser Familien spiegelt sich die ganze tragische, brutale, menschenverachtende Geschichte Russlands und der Ukraine dieser Periode wieder.

Ratuschinskaja setzt mit ihrer Geschichte im Jahr 1905 ein, unter dem Zeitaspekt schließt sie nahtlos an den wunderbaren Odessa-Roman von Vladimir Jabotinsky: „Die Fünf“ an. Die Stadt steht unter dem Bann des Panzerkreuzers Potemkin, der vor dem Hafen ankert, von meuternden Matrosen in seine Gewalt gebracht. Die Hafenanlagen, die Molen sind voll von Schaulustigen, die das Spektakel mit südländischer Leichtigkeit betrachten. Zwei Granaten werden auf die Stadt abgefeuert und treffen sie, aber die Unruhen, die die Stadt kurzfristig aufrühren, sollen nur der schwache Beginn einer Epoche sein, in der kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird. 1905: auch das Jahr, in dem Russland den Krieg mit Japan verliert, die Flotte bei Tsushima vernichtend geschlagen wird. Das Regime des Zaren hat keine Kraft mehr

Die Petrows, adlig, Hauseigentümer, sind nicht mehr so reich wie sie mal waren, jedoch sie leben immer noch gut. Wir begegnen ihnen bei Maxims fünftem Geburtstag, der gebührend gefeiert wird mit den älteren Geschwistern Pawel, Sina und Marina. Man hat Bekannte, mit denen man die Ereignisse diskutiert, Sergei, der Onkel der Kinder, war auf einem der Schiffe vor Tsushima, aber er ist unversehrt wieder in die Heimat gekommen, unversehrt, aber mit großer Skepsis.

Wladek ist ein Schulkamerad Pawels, sie sind befreundet. Der ukrainische Vater ist Eisenbahningenieur, die Mutter eine katholische Polin. Daher können sie nie zusammen in die Kirche gehen. Sie sind einfachere Leute als die Petrows, gehen aber herzlicher und ungezwungener miteinander um. Wladeks Schwester ist Anna, und bei dieser Gelegenheit erst erfährt Pawel, daß Anna und Sina in eine Klasse gehen. Wie soll der Junge jetzt mit Anna reden, ohne sich dem Spott der Schwester auszusetzen? Wegen der Unruhe in der Stadt und der unsicheren Zeiten bekommen die beiden Jungen aber den Auftrag, auf ihre Schwestern aufzupassen, so daß sie den Schulweg daraufhin gemeinsam machen. Immerhin.

In die Klasse von Sina und Anna kommt eines Tages ein fremdes Mädchen, Rimma, die sich aber sofort Respekt verschaffen kann, sie ist nicht auf den Mund gefallen. Rimma ist Jüdin, mit ihrer Mutter und dem Bruder Jakow aus Nikolajew geflohen, nachdem dort bei Progromen jüdische Geschäfte geplündert worden waren und der Vater dem Wahn verfiel und starb. In Odessa würde so etwas nie vorkommen (dachte Rahel, die Mutter), so flohen sie in diese Stadt. Mit Not und Mühe konnte die Mutter ihre Kinder über Wasser halten, bis eines Tages ein reich aussehender Christ vor der Tür stand: der zum anderen Glauben übergetretene Bruder, verstoßen und für Tod erklärt von der Familie. Er kann helfen, besorgt den Geibers auch eine ordentliche Bleibe, im Haus der Petrows…

Das Schicksal dieser drei Familien verfolgt Ratuschinskaja über die nächsten Jahrzehnte. Die ersten Jahre nach 1905, diesem anfänglichen Beben, verlaufen noch relativ normal und ruhig. Die Kinder wachsen heran, machen ihre Ausbildung, ihre Schule fertig, gehen auf die Universität und haben Pläne für die Zukunft. Man verbringt der Lunge wegen einen Sommer auf Jalta, man besucht das Theater, hört Konzerte, amüsiert sich auf der Kirmes. Die Jungen planen, mit einem Boot nach Amerika zu rudern, die Mädchen schwärmen für Schauspieler und Sänger. Einen Sommer lang sind die Kinder zur Abhärtung bei Onkel Sergei auf dem Land, sie lernen reiten, sind an der Luft, eine schöne Zeit….

Das Riesenreich Russland ist unruhig, Stolypin, Ministerpräsident seit 1906, wird 1911 ermordet. Drei Jahre später bricht der Krieg aus, der dann der 1. Weltkrieg genannt werden wird. An dieser Stelle des Buches wurde mir deutlich, wie wenig ich über diesen Krieg im Osten weiß…. die jungen Menschen aus Odessa jedenfalls waren begeistert, sie wollten kämpfen, sie wollten in den Krieg ziehen, auch wenn sie keine Soldaten waren, sondern nur Studenten. So ging Wladek, der Medizinstudent als Sanitäter in den Krieg, Sina und Anna als Hilfskrankenschwestern, Pawel ging zur Artillerie.

Dieser zweite Teil des Romans ist geprägt von der Grausamkeit des Krieges, von Blut, von Tod und Krankheit, von Hunger und Elend, vom Abschlachten und Töten. Durch den Krieg auseinander gerissen begegnen sich die jungen Leute durch Zufall wieder. Wladik und Sina erkennen sich kaum noch, so haben sie sich verändert. Aber sie nutzen die Gunst der Stunde, sie heiraten, in Polen, der Heimat von Wladiks Mutter. Sina stirbt bald, der grassierende Typhus verschont sie nicht und Wladik bleibt in Polen, kehrt nicht nach Russland zurück…

In Odessa hat unterdessen Jakov angefangen, Kurierdienste für die im Untergrund agierenden Revolutionäre zu übernehmen, Anna ist bei den Kämpfen im Kaukasus, fast fällt sie Kurden in die Hände, die Rettung erfolgt in letzter Sekunde. Pawel dagegen ist durch Tapferkeit zum Offizier in der Armee des Zaren befördert worden. Rimma lebt in Moskau, sie ist Sängerin geworden. In Moskau treffen sich auch Anna und Rimma wieder, zwei Welten prallen aufeinander. Doch Rimma wird krank, verliert ihre Stimme und kehrt nach Odessa zurück, wo sie über Jakov ebenfalls Kontakt zum Untergrund bekommt.

Mittlerweile hat sich die Atmosphäre des Krieges geändert. Hat man in den ersten Monaten gegen gegnerischen Soldaten gekämpft, überwiegt jetzt immer mehr der Hass auf den Feind, die Stimmung wird dumpf und mörderisch.

Pawel trifft in Petrograd auf Anna, auch die beiden heiraten in einer Stadt, in der die revolutionäre Stimmung immer größer wird. Noch ist die Stimmung unter den verschiedenen Parteien brüderlich, doch das schlägt bald in offene Feinschaft um. Auch Anna mit ihrem Neugeborenen bekommt das zu spüren, die Bolschewiken durchsuchen die Wohnung in der sie eingemietet ist, rauben sie aus… nur mit großem Glück und viel Mut zum Risiko schafft sie es, aus Petrograd wegzukommen und sich mit der Bahn nach Odessa durchzuschlagen….

Die fruchtbare und kohlenreiche Ukraine war immer ein begehrte Beute für fremde Armeen, so auch im ersten Weltkrieg. Die Deutschen waren hier, auf dem Meer kreuzten Schiffe der Briten und Franzosen…. in den Städten wogte es hin und her, mal wurden die Bewohner durch die Bolschewiken terrorisiert, dann wieder durch die Weißen, die sich anfänglich Eroberungen der Roten zurückholen konnten. Für die einfachen Menschen war es im Grunde egal: es gab nichts mehr zu essen, zu heizen und ausgeraubt wurden sie sowieso….

Anna überlebt mir ihrem Sohn, Jakov wendet sich innerlich von der Revolution ab, wahrt aber nach aussen den Schein, während Rimma Karriere in der Partei macht. Die alten Petrows sterben eines natürlichen Todes, während die Teslenkos, die Eltern von Wladik und Anna, mit Steinen beschwert (um Munition zu sparen) ins Meer geworfen werden.

Pawel war im Exil, in Paris, kehrt aber zu seiner Frau zurück. Nicht lange, und er sitzt in einem Lager, dem Tod dort näher als je….

Der dritte Teil des Buches überspringt ein paar Jahre und setzt dann 1933 wieder ein. Pawel hat das Lager überlebt, die stalinschen Agrarreformen liefern Millionen Menschen dem Hungertod aus. Jakov ist mittlerweile verheiratet und Vater, er arbeitet an einer Schule als Lehrer, zerstreitet sich mit Rimma, aber beide werden denunziert und die ehemalige Parteisekretärein Rimma fällt als angebliche Trotzkistin der Säuberung zum Opfer: sie verreckt in Kolyma…

Mit dem Überfalls Hitlers auf Russland endet das Buch, in einer fast beschaulichen Szene, in der Anna und Musja am Übergang zwischen Nacht und Tag in der Wohnung sitzen und Tee trinken. Pawel wurde erneut in einem Lager interniert und Jakov, Musjas Mann, sitzt mit Schülern in Moskau fest…. „Herrgott, was wird aus uns allen werden? .. Aber lohnte es sich, die Antwort zu kennen?

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Irina Ratuschinskajas „Die Frauen von Odessa“ ist das Gemälde einer dunklen Zeit. Bis auf wenige Jahre relativer Normalität beschreibt sie Jahrzehnte, in denen die Repression, die nackte Gewalt, die Willkür, der Krieg jederzeit in jedes Leben eingreifen konnte, um es zu zerstören. Es gab keinen Plan dafür, die bloße Existenz genügte, um Opfer zu werden, und der Täter von jetzt konnte am nächsten Morgen schon selbst am Pranger stehen. Ratuschinskaja erzählt, sie klagt nicht an. Das, was sie erzählt, ist Anklage genug, vermittelt ein in trüben Farben gemaltes Bild. Sicherlich sind große Zeitsprünge in der Geschichte ihrer Familien, sie konzentriert sich auf die ganz großen Katastrophen, aber es darf davon ausgegangen werden, daß auch die Zeiten relativer Ruhe schwer waren und kaum belastbare Sicherheit für ein morgen boten. Ein falsches Wort, eine unbedachte Kritik konnte zu jeder Zeit das eigene Leben und das der Seinen zunichte richten.

Der Mittelteil des Romans rückt eine Region in den Focus, die (zumindest mir) nicht sonderlich präsent ist: der 1. Weltkrieg im Osten [3]. Er wird nicht an möglicherweise entscheidenden Schlachten festgemacht, sondern Ratuschinskaja konzentriert sich an dem alltäglichen Sterben, dem omnipräsenten Tod auf dem Schlachtfeld, beim Rückzug, in den Lazarettzügen… Dieses Jahr jährt sich der Kriegsbeginn zum 100. Mal… Das russische Zarenreich war an vielen Fronten gefordert, im äußeren Kampf gegen Deutsche, Briten, Franzosen und nach Innen in der Auseinandersetzung mit der sich abzeichnenden Revolution, die 1917 dann offen ausbrach und zur Machtergreifung der Bolschewiken führte.

Odessa war für die Figuren der Autorin immer ein Lichtblick. In Odessa war vielleicht aus alles schlecht, aber doch nicht so trüb und grau und feindselig wie in anderen Städten, wie in Kiew oder Moskau. Odessa, die Stadt am Meer, am Wasser, auch immer ein Fluchtpunkt und Anker, eine Heimat für die Menschen. Hier führt Ratuschinskaja ihre Personen auch wieder zusammen, läßt sie die Familien, die viele Tote zu beklagen haben, sich wieder treffen, auch sich wieder versöhnen.

Die Frauen von Odessa ist ein wunderbares Buch, ein Roman, wie ich sie zu Zeiten liebe: man kann sich hineinfallen lassen in den Erzählstrom und mit den Figuren leben, lieben und hier eben auch leiden… das Buch ist kein fröhliches, die schlimmen Seiten des Lebens (für die der Mensch selbst verantwortlich ist!) bestimmen den Inhalt. Humor kommt kurz, einzig die absurde Heimfahrt mit der Bahn, die Anna mit ihrem Säugling im Arm im Schosse er obskuren Schauspieltruppe unternimmt birgt einen Anflug äußerst makabrer Situationkomik, makaber, weil die Alternative zum „Lachen“ immer das „Sterben“ ist, das Erschossen werden, das Eingesperrt werden, das Hingerichtet werden. Wenige Glücksmomente nur vergönnt die Autorin ihren Protagonisten, fragil und kurz, ohnmächtig äußerer Willkür ausgeliefert erinnern sie an die Gestalten antiker Tragödien…

Die Region ist bis heute nicht wirklich zur Ruhe gekommen. Formal mittlerweile nach dem Zusammenbruch der UdSSR selbstständig ist die Ukraine aber immer noch durch die russischen Machthaber erpressbar, auch die Unterschiede und ideologischen Differenzen im Inneren machen es nicht einfacher für das Land. Aber das ist ein anderes Thema, jedoch gibt uns Ratuschinskajas Roman eine Ahnung davon, wo die aktuellen Probleme des Landes ihre Wurzeln haben….

Wer also Gelegenheit hat, sich dieses Buch zu besorgen, sollte sich ruhig die Zeit dazu nehmen. Er/Sie wird es nicht bereuen…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Irina Ratuschinskaya
[2] ZEIT-online: Sowjetische Intellektuelle in Haft: Kein Lichtblick; http://www.zeit.de/1986/09/kein-lichtblick
[3] Russland im 1. Weltkrieg: Armee der Bauernsöhne, Bildserie mit Erläuterungen auf Spiegel online: http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackgroundXXL/a29833/l0/l0/F.html

Irina Ratuschinskaja
Die Frauen von Odessa
Aus dem Russischen übersetzt von Bernd Rullkötter
Originalausgabe: ?, 1996
diese Ausgabe: editionLübbe, Gustav Lübbe Verlag, HC, ca. 507 S, 1999

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