Johann Georg Scheffner: Ernst und Minette

7. Februar 2014

Einer der "lüsternen Kupferstiche" der Erstausgabe (?) hier: eine Szene des ersten Kapitels Quelle: [2]

Einer der „lüsternen Kupferstiche“ der Erstausgabe (?)
hier: eine Szene des ersten Kapitels
Quelle: [2]

Nahet euch diesen Blättern nicht, finstere Censoren!

Scheffner, der (vermutete?) Autor dieses kleinen erotischen Romans, ist heute weitgehend unbekannt [1]. Er war u.a. Jurist, Schriftsteller, Übersetzer und einer der engsten Freunde Kants in Königsberg, er hatte eine umfangreiche Korrespondenz u.a. mit Lessing und Herder und  In älteren Kompendien zur erotischen Literatur (z.B. Paul Englisch: „Geschichte der erotischen Literatur“ oder Riess: „Erotica! Erotica!“) sucht man seinen Namen vergebens, Fuld erwähnt ihn immerhin an mehreren Stellen in seiner „.. Geschichte des sinnlichen Schreibens„, wenngleich auch nicht unbedingt lobend, da sein Hauptwerk, die „Gedichte im Geschmacke de Grécourt“ eine Nachdichtung älter französischer Verse sind, zu der er auch nach dem Ausscheiden aus dem Staatsdienst und obwohl sie nicht verfolgt werden, namentlich nicht steht [3]. In der Wiki [1] findet sich jedenfalls der schöne Satz: „Er gilt als Kantianer, der als einziger Deutscher eine den Franzosen ähnliche erotische Philosophie auszubilden versuchte.“Wohlan!

In Ernst und Minette widmet sich Scheffer einem jungen Paar in der Pubertät, wie man heute sagen würde. Ernst ist vierzehn Jahre alt, Minette ein Jahr älter. Beide wachsen in Elternhäusern auf, die ihre Kinder streng behüten, als jedoch Minette von einer schon etwas älteren Dame Französischunterricht erhält, darf Ernst zur Nachbarin, diesen Stunden beiwohnen. Froh darüber, ein Wesen des anderen Geschlechts neben sich sitzen zu haben, kommen sich die beiden jungen Leute schnell näher. Mit der passiven Unterstützung von Madame Remond, der Lehrerin, die diese Annäherung einfach nicht wahrnimmt, weil sie „auch wenn sie die Peitsche selbst nicht mehr schwingen kann, doch das Knallen gerne hört…“ werden sie schnell kühner,  die nebenstehende Abbildung gibt einen Eindruck davon….. Die beiden nutzen bald eine Möglichkeit zum gemeinsamen, wenngleich heimlichen Treffen, bei dem.. nun ja, näher geht kaum, ihre Herzen quellen vor Glück über und der Autor äußert absolutes Verständnis für die beiden, so wie der Hunger gestillt, der Durst gelöscht werden muss, muss auch dieses Bedürfnis eine Befriedigung erfahren, allein das Übermaß wäre schädlich und – auch das sei zu beachten – würde es Ernst, der für sein Alter schon voll ausgestattet und im Safte stehend sei, von der schädlichen Onanie abhalten…

So anschaulich-sinnlich, wie dieser Entwicklungsroman beginnt, geht er dann doch nicht weiter. Scheffer läßt Minette in Eifersucht erstarren, ihre Nachbarin macht Ernst schöne Augen, die dieser zwar nicht erwidert, aber was kümmt dies die Eifersucht? Durch eine Ungeschicklichkeit ihrerseits erfährt zu allem Überfluss auch noch Ernstens Vater vom Verhältnis der beiden und dieser expediert den Sohn eilends aufs´s Land zu einem grantigen Onkel. Dort gibt es noch einmal eine zarte Andeutung erotischer Momente mit dem Stubenmädchen, aber mehr auch nicht.

In den folgenden sechs Jahren geniesst Ernst die Erziehung eines menschenfreundlichen und philosophisch interessierten Nachbarn, der auch für die körperlichen Bedürfnisse der Menschen viel Verständnis aufbringt… Nach dieser Zeit schreibt Ernst seiner immer noch nicht vergessenen Minette und da der Vater mittlerweile davon überzeugt werden kann, daß sein Sohn in heiratsfähigem Alter ist und Minette den Antrag Ernstes annimmt – ihr Zorn und ihre Eifersucht ist verraucht – findet der Roman derart ein unspektakuläres Ende.

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Diesem Roman selbst folgen noch fünf Anhänge, in denen sich der Autor für Toleranz und gegenseite Duldung ausspricht (was zu seiner Zeit nicht gegeben ist): „… Scheiterhaufen, Schiffziehen, Kerker und Exil gehören nicht zu einer bündigen Kontroverse. Sie sind die Argumente der Tyrannen. ...“ Dazu gehört auch Toleranz dem sinnlichen Leben gegenüber: “ Mit der Religion hat sich die Theorie des Schicklichen und Wohlanständigen geändert. An Stelle des Jupiter, der .. doch mitunter galant war, und dessen Taten zu grotesken Vorstellungen Stoff gaben, ist der isolierte, der mürrische, der eifersüchtige Yao (.. der dem Moses zu viele kleine Verordnugnen diktiert hat) der Hebräer getreten. …„, eine Toleranz, die der Autor auch auf die griechische Liebe ausgedehnt sehen möchte, die er zwar nicht der Liebe zur Pariser Venus vorzieht, die er aber immerhin doch den Dilettanten gönnt: „… Es ist unmöglich, alle Menschen auf ein und dasselbe Gericht zu Gast zu bitten.“ Die Geschmäcker sind halt unterschiedlich… Diese Betrachtungen gipfeln dann in dem Vorschlag, die theologischen Beichtväter („die unnützesten Kreaturen auf Gottes Erdboden“) für medizinische Beichtväter zu tauschen, die die Bedürfnisse der Natur und die Gefahren des Mißbrauchs kennen….

Im fünften und letzten Anhang (vorher sind noch zwei Liebesgedichte von Ernst und Minette sowie ein Brief Minettens wieder gegeben) schließt sich der Kreis: Scheffner verrät uns noch das Geheimnis der Madame Remond, die so den beiden gegenüber so duldsam war, weil sie das alles an ihre eigene Jugend erinnert hat, in der nämlich ähnliches mir ihr geschah…

Ebenfalls interessant ist die bildliche Darstellung von Ernst und Minette, die ja „erst“ vierzehn bzw. fünfzehn Jahre alt sind. In unserer Zeit wären es noch Kinder, in der Wiedergabe auf den lüsternen Kupfertafeln [siehe oben und [2]] ist dies jedoch nicht zu erkennen. Die beiden sind gekleidet wie Erwachsene, ihre Frisuren entsprechen Erwachsenen, kindliches ist nicht zu finden. Das 18. Jhdt ist die Zeit, in der das Konzept der Kindheit, ausgehend von Frankreich (Rousseau: Émile), sich erst entwickelt, in der Ikonographie, und Preussen wird da Frankreich hinterher gehinkt haben, werden sie entsprechend noch als Erwachsene dargestellt.


Das mir vorliegend Büchlein aus dem Merlin-Verlag in Hamburg ist eine sehr schöne Edition im marmorierten Einband, die in einem Schuber geliefert wird. Beigefügt sind insgesamt 9 + 1 Farblithographie, in denen Szenen des Textes illustriert werden, sie „ersetzen“ sozusagen die Tafeln der Ersgtausgabe. Es sind „weichgezeichnete“ Illustrationen, die nett anzusehen sind. Mag „Ernst und Minette“ auch als erotischer Roman durch seine vielen Abschweifungen und auch die vielen eingestreuten Zitate und Verweise auf Autoren etwas aus dem Rahmen der üblichen galanten Literatur fallen, ist das Büchlein als Buch liebenswert und hat einen Platz im Regal ganz sicher verdient.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Scheffner
[2] „Ernst und Minette“ online: http://vd18.de/de-sub-vd18/content/structure/6594993, hier sind (z.B. über die Übersicht) auch die sieben „lüsternen Kupfertafeln“ einzusehen
[3] Werner Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens, Galiani, Berlin, 2014, hier: S. 254

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Johann Georg Scheffner
Ernst und Minette
Königsberg, 1791
diese Ausgabe: Merlin-Verlag, nummerierte Ausgabe im Schuber, HC, ca. 110 S., 1972,
9 Tafeln in Farblithographie von Lucia Maierthlaer als Beilagen

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