Valentina D’Urbano: Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung

28. Januar 2014

Ein Zufallsfund in meiner Buchhandlung, das Cover sah so schön melancholisch aus und – das kann ich jetzt schon verraten – es trog nicht… die Autorin, Valentina D’Urbano, hat mit diesem Roman, dessen Veröffentlichung in Italien der Preis eines Literaturwettbewerbs war, ein fulminantes Stück realitätsnaher Literatur vorgelegt. Von der Autorin [1] ist im Web wenig mehr zu erfahren, als daß sie 1985 in Rom geboren wurde und (etwas kryptisch) daß das im Buch so beherrschende Viertel „La Fortezza“ dem Stadtviertel, in dem sie selbst aufwuchs, sehr ähnlich ist.

Die knapp 280 Taschenbuchseiten, die der Roman dünn ist, sind aufgeteilt in 50 Abschnitte, die wie kleine Mosaiksteinchen ein Bild geben der Hoffnungslosigkeit, der Verlorenheit, des Gefühls des Ausgegrenztseins, des Andersseins. Wir werden von der Autorin in eine auf den Hügeln der Stadt gelegenes Viertel geworden, das „La Fortezza“, die Festung, genannt wird. Hierhin fährt kein Taxi, die Polizei kommt nicht ins Viertel, hier herrschen eigene Gesetze und die Menschen, die hier leben sind ausgeschlossen vom „normalen“ Leben. Sie leben in leerstehenden Wohnungen, die sie „besetzt“ haben, immer muss jemand dort sein, weil sonst die nächsten kommen, die wenigen Habseligkeiten aus dem Fenster schmeißen und die Wohnung für sich selbst nehmen…

Das Buch fängt mit der Beerdigung von Alfredo an, der, so steht zu vermuten, nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Es ist Beatrice, die Ich-Erzählerin, die seine Geschichte erzählt, die auch die ihre ist, denn sie beide wurden in La Fortezza nur „Die Zwillinge“ genannt. Schon auf den ersten Seiten wird klar, daß das Verhältnis der beiden jungen Menschen nicht einfach gewesen sein kann, ob sie durch Liebe oder durch Hass aneinander gebunden waren oder ob sie der Verhältnisse ihres Lebens wegen einfach sich gegenseitig Halt spendeten, es wird von allem etwas gewesen sein…

Nein, sie sind nicht ans Meer gefahren, obwohl der Vater das jeden Sommer versprach. Aber allein das Versprechen tat gut und war schön. Weniger schön waren die Schreie, die regelmäßig und häufig zu hören waren aus der Wohnung über der von Beatrice und ihrer Familie. Im Suff – soweit er nicht so besoffen war, daß er einfach umfiel – prügelte der Vater seine drei Söhne (und er war quasi immer besoffen) oft halbtot, ging mit dem Messer auf sie los, die Schreie der Jungen gellten durch das Haus und eines Tages lag der mittlere, Alfredo, voller Blut, mit verquollenem Gesicht, zugeschwollenen Augen im Treppenhaus und konnte sich nicht mehr rühren. Von diesem Tag an wurde er von Beas Familie aufgenommen und schlief oft im Bett zusammen mit den Geschwistern Bea und Francisco.

D`Urbano beschreibt die Lebensläufe ihrer Protagonisten chronologisch. Die „Bleiernen Jahre“ [3], in denen die Terroristenjagd bis in die Festung reichte, die 80er dann, in denen die Jugendlichen das Stigma der Herkunft spürten, in denen sie bei der Jobsuche als „Kriminelle angesehen wurden, von denen man sich fernhalten musste, nur weil sie am falschen Ort wohnten„. (dem Sinn nach zitiert). Solange sich die Autorin mit ihren Schilderungen ihrer sozialen Gruppe bewegt, fällt einem nicht allzuviel auf, wie die Verhältnisse im Vergleich sind zu „normalen“ (was immer das auch ist). Gut, Schule, Bildung, Ausbildung sind nicht die ganz großen Themen unter den Heranwachsenden, ja, es gibt auch ungewollte Schwangerschaften, die radikal beendet werden – aber das kommt ja in den besten Familien vor. Wie „anders“ das soziale Leben in La Fortezza war tatsächlich ist, wird deutlich, wenn es mit anderen sozialen Gruppen in Kontakt kommt.

Bea wird von der Mutter zusammen mit dem Bruder Francisco und mit Alfredo in die Gruppe der Kirchengemeinde geschickt, in der Weihnachtsschmuck hergestellt wird. Die beiden Jungs finden das ätzend, pöbeln herum und bleiben wieder weg. Auch für Bea ist das Bemalen von Weihnachtsbaumkugeln nicht sonderlich interessant, trotzdem findet sie es angenehm in der Gruppe, findet auch Kontakt zu einem der fremden Jungs von ausserhalb, der ihr in einem heimlichen Moment den ersten Kuss ihres Lebens gibt. Sie, die sonst nur mit Alfredo abhängt, merkt, daß es außerhalb ihres Viertels ein Leben gibt, das ihr gefallen könnte. Und dann…. fährt die Kirchengemeinde für eine Woche ans Meer und sie, Bea, kann einen Platz ergattern. Ans Meer, so wie es der Vater seit Jahren verkündet… Alfredo ist stinksauer, er brandmarkt sie beim Abschied wie ein Stück Vieh mit einem glühenden „A“ auf der Schulter.. aber all das kann ihre Freude über das Meer nicht trüben…

Dort lernt sie Marta kennen, ein Mädchen, das in die Uni will, das Bücher liest und das überhaupt niemanden kennt, der einmal im Knast gewesen ist – was Bea verrückt findet. (dem Sinne nach zitiert). Marta behandelt Bea ganz normal als Mensch, ihre Herkunft ist ihr egal.. für Bea ist dies, als ob ein Fenster in eine andere Welt geöffnet worden ist, in die sie hineinschnuppern darf und die sie reizt…

Es ist eine extrem komplizierte Liebesgeschichte zwischen Bea und Alfredo, eine Geschichte, die Besitzansprüche, Hassgefühle, Eifersucht und den Wunsch, zu beherrschen und zu verletzen zu einer explosiven Melange vermischt. Oft fließt Blut zwischen beiden, sie schlagen sich, trennen sich, Alfredo verliebt sich in ein anderes Mädchen und Bea legt es darauf an, ihre Unschuld zu verlieren… wie schwer fällt es beiden, ihre Gefühle zu erkennen und dazu zu stehen….

Das Leben unserer Helden kippt in einem Moment der Katastrophe. Polizei rast ins Viertel, Krankenwagen, das Haus von Bea und Alfredo wird abgesperrt.. sie mogeln sich durch, in die Wohnung von Alfredo. Blut, überall Blut, sie schwimmt im Blut und der älteste Bruder wird in Handschellen abgeführt. Er hat den Vater erstochen, -zig mal, der Brustkorb ist weg, das Gesicht nicht mehr zu erkennen…. Alfredo ist in einem Schock, aus dem er nicht mehr herauskommt, er lebt zwar bei Beas Familie, aber auch die kann nicht verhindern, daß er anfängt, zu fixen. So ist das letzte Drittel des Romans die Geschichte der aufopferungsvollen Pflege eines Junkies, vergeblicher Hoffnungen auf ein Ende der Sucht. Immer wieder wird Bea enttäuscht, Alfredo hält ein paar Wochen durch, aber nur, bis er die richtige Gelegenheit hat, wieder zu drücken und dann geht der Kreislauf von vorne los… bis zum Tod, bis Bea ihn dann eines Tages auf dem Klo findet, kalt, mit offenem Mund, ein wächsernes Gesicht, das früher mal Alfredo gehörte.

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Der Roman hat, wie aus der Beschreibung unschwer zu erkennen, zwei Handlungsstränge. Zum einen ist dies auf der Ebene der Personen das persönliche Schicksal von insbesondere Alfredo und Bea mit ihrer komplizierten Beziehungsgeschichte, die gleichzeitig auch eine Geschichte des Erwachsenwerdens (oder eben auch nicht….) und am Ende des Verlustes ist, der aber ebenso auch die Chance eines Neuanfangs beinhaltet. Auf einer anderen Ebene zeichnet D´Urbano ein schonungsloses, düsteres Bild einer Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln, die von aussen her gesehen Terra prohibita und von innen nach außen betrachtet ein riesiges Gefängnis ist, zwar ohne Stahlgitter, aber mit fast ebenso abschottenden sozialem Stigma. Es sind nur wenige, denen die Autorin in ihrem Roman erlaubt, diese Grenze zu überwinden und z.B. gute Arbeit zu finden und damit unabhängig zu werden. Die Sprache D`Urbanos ist klar und schnörkellos, verschwurbelte Gedankenkonstrukte sind ihre Sache nicht und würden auch nicht passen. Die kurzen Abschnitte gestalten die Geschichte sehr szenisch und das Buch gewinnt dadurch ein hohes Erzähltempo. Bea kann der Festung letztlich entkommen, nachdem mit Alfredo die Fessel, der sie dort gehalten hat, verloren gegangen ist. Andere bleiben, müssen bleiben. Über ihre Zukunft kann man spekulieren, welche Chancen sie haben, ist unklar. Es wäre ein gutes Thema für einen der nächsten Romane dieser jungen Autorin. Bei diesem jedenfalls habe ich erst einmal kräftig durchgeatmet, nachdem ich ihn zugeschlagen habe.

Links und Anmerkungen:

[1] facebook-Profil der Autorin: https://www.facebook.com/valentinadurbano.autrice
[2] Leseprobe bei google.books: „http://books.google.de/books?id=gtGgAgAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de
[3] Hans-Jürgen Schlamp: Geschichte des Terrors: „Bleierne Jahre“; http://www.spiegel.de/spiegelspecial/a-306874.html

Valentina D’Urbano
Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung
Übersetzt aus dem Italienischen von Constanze Neumann
Originalausgabe: Longanesi, 2012
diese Ausgabe: dtv, 280 S., 2014

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3 Responses to “Valentina D’Urbano: Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung”


  1. […] aus.gelesen erzählt auf seinem Blog von einem Zufallsfund, der vielversprechend klingt: “Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung” der jungen italienischen Autorin Valentina […]

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  2. Elli Says:

    Das Buch ist mir in meiner Buchhandlung auch aufgefallen, aber mir war das Cover (obwohl es echt gut gemacht ist) dann doch zu „düster“…

    Ich habe mich jetzt zusammengerissen, um nicht zu viel zu erfahren, aber es scheint ja doch mehr als lesenswert zu sein. Danke für die ausführliche Buchbesprechung :-)

    LG

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