Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer

16. Januar 2014

Nur einmal können die drei einander begegnet sein: im November 1924 am Hauptbahnhof Zürich.“

So steht es im Klappentext dieses Romans und daß er, der Autor, von drei Helden erzähle, deren „Wege … auf eigentümliche Weise miteinander verbunden..“ blieben. Und diese Beschreibung macht mich etwas ratlos, weil… aber komme ich erst einmal auf den Inhalt zu sprechen.

Bei den drei erwähnten „Helden“ handelt es sich um den Physiker Felix Bloch [1], die Sängerin Laura d’Oriano [2] und den archäologischen Zeichner Emile Gilliéron [3]. Die Lebenslinien dieser drei kreuzen sich an einem Tag im November 1924 und zwar in Zürich. Capus läßt den jungen Bloch am Bahnhof spazieren gehen und über seine Zukunft nachdenken. In dem Zug, der vorbeifährt (es ist der Orient-Express), sieht er ein junges Mädchen draußen auf der Plattform eines Wagons an der Treppe sitzen, sie winken sich zu, aber sie werden sich nie wieder sehen. Zur gleichen Zeit erreicht ein junger Mann die Stadt in der Schweiz, in der Tasche eine Zigarrenkiste mit Asche. Es ist die Asche seines Vater, Emile Gilliérons, der nach einem halben Jahrhundert Abwesenheit den letzten Wunsch hatte, in seiner alten Heimat seine letzte Ruhe zu finden.

Im folgenden erzählt uns der Autor ineinander verschachtelt die Lebensläufe seiner Protagonisten. Felix Bloch [1] zum Beispiel weiß nicht, was er jetzt nach der Matura, studieren soll. Nach dem Willen des Vater soll es Maschinenbau an der berühmten ETH in Zürich sein, doch sträubt sich der Sohn innerlich dagegen, da Maschinen seit Urgedenken zum Kriegführen missbraucht werden. Aber er fügt sich dem Willen des Vaters doch, bis ihn dann eine Art „Erweckungserlbnis“ zur Physik treibt, und zwar zu diesem neuen Gebiet der Physik, das gerade am Aufblühen ist, von Wahrscheinlichkeiten redet und Statistik, von Dualität und Unschärferelationen, ein Fach, das sicherlich ohne praktische Bedeutung ist: er wendet sich der Atomphysik und Quantenmechanik zu. Noch ist in diesem Physikzweig alles im Werden, die Professoren kaum älter als die Studenten, das Studium so frei, daß es an „Vernachlässigung der Studenten“ grenzt: ein begabter junger Mann kann sich schnell Meriten erwerben und dies gelingt Bloch nach kurzer Zeit. Die Gemeinde der Quantenphysiker ist noch klein, man kennt sich, besucht sich, diskutiert miteinander, bildet eine Kontinente übergreifende Gemeinschaft – bis dann Relativität und Quanten als jüdische Physik der arischen gegenübergestellt werden und deren Vertreter aus Deutschland herausgeschrieen werden – soweit ihnen nicht schlimmeres drohte und geschah. Bloch emigrierte in die USA, wo er letztlich nach Entdeckung der Uranspaltung durch Hahn, Strassmann und Meitner [4] von Oppermann („Entweder sie bauen sie oder wir„) in das Wissenschaftlerteam zur Entwicklung der Atombombe (Manhattan-Projekt [5]) gerufen wurde. So war Bloch letztlich genau dort angekommen, wo er nie hinwollte: Verantwortung für eine Kriegsmaschine zu haben.

Emile Gilliéron [3] stammte aus einer kleinen schweizerischen Gemeinde, Villeneuve, nicht all zu weit von Montreux, am Genfer See. Ohne daß er sich als Künstler fühlte, zeigte Emile schon als Kind eine aussergewöhnliche Begabung beim Zeichnen, als „Boheme“ eckte er dann in der konservativ gesinnten Gemeinde an, er studierte, war der faulste der Studenten, aber der erfolgreichste und beste… bis er dann von einem Professor an Heinrich Schliemann vermittelt wurde, der für seine Ausgrabungen in Kleinasien einen Künstler suchte, der Fundstellen und Funde zeichnete. Von der ersten Begegnung an zeigte sich Schliemann begeistert von seinem neuen Zeichner, er präsentierte ihm einige Artefakte und forderte ihn auf, zu sagen, was diese bedeuteten. Und Emile erriet sofort, was Schliemann wollte und ohne Zögern entwarf er eine meisterhafte Szenerie nach der anderen, in denen er diese Artefakte eingefügt hatte und die Geschichten erzählten – völlig unterschiedliche zwar mit denselben Ausgangsstücken –  wie sie Schliemann hören wollte. Schliemann wurde berühmt, Gilliéron auch…

….und noch berühmter wurde der Künstler, als er mit dem Engländer Evans auf Kreta die Kultur der Minoer ausgrub und visualisierte… Auch Evans, wie Schliemann, ein Autodidakt, mit mehr Begeisterung als Fachkenntnis gesegnet, ein Mann, der das „es könnte so gewesen sein“ ohne zu Zögern in ein „so war es und nicht anders“ wandelte… und Gilliéron war sein williger Helfer, sein Stichwortgeber, sein ausführendes Organ, das wusste (und ihm soufflierte), was sein Arbeitgeber wollte… und er selbst kam auch nicht zu kurz, fertigte von Fundstücken Repliken und Duplikate an, die er verkaufte an vermögende Privatleute, aber auch an viele Museen in aller Welt… Emile Gilliéron starb ohne je wieder in seine Heimat zurückgekehrt zu sein, aber er hatte sein Talent auf einen seiner Söhne vererbt, Emile Gilliéron jr, der auch seine Arbeiten in Knossos weiterführte und der die Asche des Vaters nach dessen klandestiner, weil verbotener Kremierung in die Schweiz brachte und dort an besagtem Novembertag 1924 im Hauptbahnhof Zürich war….

Laura d’Oriano [2] schließlich war eines mehrerer Kinder eines Künstlerehepaares aus der Levante, die dort von Stadt zu Stadt reisten, um Aufzutreten. Doch der 1. Weltkrieg hatte die Welt auch dort verändert, die Grenzen wurden dichter, ethnische Unterschiede spielten auf einmal eine Bedeutung, die Reisen zwischen Istanbul, Bagdad und Tripolis immer schwieriger. Dann zündeten die Griechen Smyrna an, die Stadt, in der sie sich niedergelassen hatten, um die Muslime zu vertreiben und dann brannten die Türken wiederum die griechischen Viertel nieder…. die Familie sah kein Auskommen mehr in der Region und packte die Koffer Richtung Frankreich.

Voller Freiheitsdrang hatte das Mädchen Laura das Ziel, Sängerin zu werden, und zwar eine, die kein Strumpfband bräuchte und kein Dekolletee wie ihre Mutter es bei ihren Auftritten einsetzte… und als sie endlich ihre Stimmausbildung erhielt, merkte sie, daß dieses Ziel für sie nicht erreichbar war und sie fuhr zurück zu ihren Eltern und richtete sich dort ihr Leben ein. In der Musikalienhandlung der Eltern, die sie bald führte, lernte sie einen jungen Schweizer kennen und dann lieben… sie wurde Mutter und Ehefrau. Aber das Leben verwirbelte im nächsten Weltkrieg und die Zuflucht in den Schweizer Bergen bei den Stiefeltern konnte ihr nicht wirklich eine Heimat bieten. So kehrte sie allem den Rücken und ging zurück nach Marseille. Zwar war sie hier als Schweizerin weitestgehend geschützt, aber es gab doch Schwachpunkte.. Und mit denen erpresste man sie, nichts Großartiges, ein paar Matrosen schöne Augen machen und hören, was sie in ihrem verdrehten Kopf erzählen und das melden…. Sie wird verraten, bei ihrem zweiten Auftrag in Italien gefangen genommen, verurteilt und hingerichtet.

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„Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ ist ein schönes Buch, eine (davon gehe ich aus, wenn ich mir die umfangreiche Quellenliste [6] des Autoren anschaue) sauber recherchierte Darstellung dreier Lebensläufe von Menschen, die einem nicht geläufig sind, deren Vitae nicht gewöhnlich war. Aber was ist es, was den Autoren bewogen hat, diese drei Menschen miteinander zu verknüpfen, was ist das Verbindende, das, was sie von anderen unterscheidet? Sicher, keiner seiner Protagonisten hat die Vorstellungen, mit denen er als junger Mensch ins Leben gegangen ist, umsetzen können: Felix Bloch arbeitete letztlich in der Waffenindustrie, Laura d’Oriano brauchte  doch Dekolleté und Strumpfband für ihre kleinen Erfolge als Sängerin, wurde im Krieg dann erpresst, missbraucht und verraten und Emile schließlich… vllt ist er noch derjenige, der sich seinen Träumen am nächsten gehalten hat, auch wenn er nie, so wie er es wollte, in seine Heimat zurückkehrte: er hat die Visionen seiner Auftraggeber umgesetzt, hat einer ganzen Kultur ein Gesicht gegeben, auch wenn dieses Gesicht dem Antlitz Pariser Frauen der 20er Jahre ähnelte….

Aber wem geht es nicht so, ging es nicht so? Wer kann oder konnte schon seine Jugendträume umsetzen? Fast immer modelliert die Realität den Wunsch um, zumal in den Zeiten des Krieges, in denen das Überleben wichtiger ist als das Träumen….

Und der Traum des Autoren mit seinem Roman? Wie ausgeführt: das Übergreifende, Verbindende, die Idee dahinter erkenne ich nicht, als Einzelbiografien sind die drei Lebensläufe zu grobmaschig, zu wenig ausführlich, können, allein schon des Umfangs wegen, nicht in die Tiefe gehen. Sie geben zwar einen Überblick über drei Leben und auch manch interessanten Gedanken, dem man nachhängen kann…. aber das Buch verharrt irgendwo dazwischen, zwischen drei parallel erzählten Einzelschicksalen (im Grunde sogar zwischen vieren, denn Emile Gilliéron wird ja sozusagen im Doppelpack geliefert) und einem Roman aus einem Guss… kann man sich damit abfinden, wird man jedoch mit einem schönen, interessanten Leseerlebnis belohnt (ganz abgesehen von diesem entzückenden nostalgischen Coverbild).

Links und Anmerkungen:

[1] zum akademischen Lebenslauf von Felix Bloch: http://www.uni-leipzig.de/~agintern/uni600/ug208d.pdf
[2] Material zu Laura d’Oriano ist nicht sehr verbreitet, hier ein Interview mit der Hauptdarstellerin in einem Dokumentarfilm über sie: http://agentinnen.over-blog.de/article-laura-d-oriano-geheimnisvolle-schweizer-spionin-doku-am-17-1-in-sf-2-64260124.html, ein ausführlicherer Lebenslauf Laura d’Orianos: http://www.levantineheritage.com/d’oriano.htm, der auch den Link zu einer kleinen Diashow enthält.
[3] Wiki-Artikel zu Emile_Gilliéron: http://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Gilliéron
einige Bilder zum Palast in Knossos sind z.B. hier zu finden: http://www.antikefan.de/staetten/griechenland/kreta/Knossos/knossos.html , aber die Wiki hat natürlich auch eine Bildersammlung: http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Knossos?uselang=de
[4] die beiden letzteren Wissenschaftler unterschlägt Capus (aber auch andere wie z.B. [5]) leider in seinem Roman an der entsprechenden Stelle, was schade ist, da insbesondere Lise Meitner nie die Anerkennung bekam, die sie verdiente.
[5] Technische Universität München, Fakultät für Informatik: Das Manhattan Project (Hauptseminar: Mathematiker in der NS-Zeit), http://www5.in.tum.de/lehre/seminare/math_nszeit/SS03/vortraege/atom/timeline.html
[6]  Quellenliste zu den historischen Persönlichkeiten/Titelfiguren des Buches: http://www.alexcapus.de/die-buecher/der-faelscher-die-spionin-und-der-bombenbauer/quellen-liste.html

Wer den Autoren selbst über sein Buch reden hören möchte, kann dies hier tun:
http://www.hanser-literaturverlage.de/extras/videos/alex-capus-spricht-ueber-der-faelscher-die-spionin-und-der-bombenbauer.html

Alex Capus
Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer
diese Ausgabe: Hanser Verlag, HC, 288 S., 2013

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5 Responses to “Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer”


  1. Lieber Flattersatz,

    um mit dem Ende anzufangen: genau dieses Titelbild hat mich vor kurzem noch davon abgehalten, mal ins Buch hinein zu lesen, wähnte ich dahinter doch allzu viel Kitsch und Klischees.

    Deine Besprechung lehrt mich jetzt eines Besseren, ich bekomme viele interessante Informationen über die Protagonisten und am Ende hält sie mich durch Deine Bedenken doch vom Kauf ab. Ehrlich gesagt, für solche kritischen Besprechungen bin ich sehr dankbar. Nun kann ich beim nächsten Besuch in der Buchhandlung meines Vertrauens viel beruhigter an diesem Titel vorbeilaufen und meine Leseliste schonen…

    Deinen Blog finde ich übrigens klasse, gibt noch viel zu stöbern für mich…

    Liebe Grüße, Kai

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    • flattersatz Says:

      lieber kai, es ist für mich immer eine etwas zwiespältige angelegenheit, wenn ich höre, daß ich jemanden zu einem kauf inspiriert habe oder eben – wie bei dir – davon abgehalten…;-) aber es gibt so viele bücher, daß man sich wirklich auf die konzentrieren sollte, die man mit freude lesen möchte und kann. das titelbild.. es ist nicht so, daß es mir wirklich ausnehmend gut gefällt, aber es rührt an irgendetwas in mir, wahrscheinlich erinnerungen aus früher kindheit, ich kann es nicht benennen… deswegen find ich es dann doch hübsch…

      es freut mich, daß du noch ein wenig auf meinem blog stöbern willst. die neueren sachen kann man übrigens auch hier auf tumblr etwas bunter sehen….

      herzliche grüße und wünsche für ein schönes wochenende
      fs

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  2. Kristin Says:

    Mit einer Buchvorstellung macht man auch immer etwas Werbung für das Buch. Gut finde ich deine ausführliche Linkliste.
    Gruß

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    • flattersatz Says:

      das mit der werbung läßt sich nun mal nicht vermeiden, das liegt in der natur der sache. aber wenn die buchvorstellung gut ist, geht daraus hervor, warum man das buch für gut hält – oder auch nicht. und jedem leser der buchvorstellung ist ja bewusst, daß hier subjektives steht…
      lg
      fs

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