Ulrich Tukur: Die Spieluhr

9. Januar 2014

Das Buch springt einen aus dem Regal förmlich an, im (fast) wahrsten Sinn des Wortes. Es fällt schon rein äußerlich völlig aus dem Gewohnten heraus, eine Leineneinband im Stil der Bücher von vor Hundert Jahren, auch dieses Moosgrün kenne ich von solch „alten“ Büchern gut, eine der Ausgaben des „Kamasutra“, die bei mir stehen, ist aus dieser Zeit mit solch gefärbtem Umschlag. Aber das nur so am Rande….

Ulrich Tukur ist mir – obwohl ich seit Jahren kein Fernsehen mehr geschaut habe – als Schauspieler bekannt, dieses Buch hat mich darauf gebracht, daß er auch Bücher schreibt. Entsprechend neugierig war ich, diese kleine bibliophile Kostbarkeit zu lesen….

Natürlich hat dieses Buch erst einmal seine eigene Geschichte. 2008 spielte Tukur in der vielfach ausgezeichneten französisch/belgischen Produktion „Séraphine“, die von der französische Malerin Séraphine Louis [2] handelt, auf die der deutschen Kunstkenner Wilhelm Uhde [3], der – mehr dem eigenen als dem weiblichen Geschlecht zugeneigt – sich um 1910 in liberaleren Frankreich angesiedelt hatte, aufmerksam geworden war. Auch wenn diese kurze Anmerkung jetzt wie eine Abschweifung klingt, so sind wir doch schon mitten im Buch, sozusagen auf der ersten Handlungsebene dieses vielfach ineinander verschachtelten Erzählkonstrukts, denn der Autor, den die verfilmte Geschichte wohl „gepackt“ hatte, erzählt von den Dreharbeiten, bei denen es zu gewissen Komplikationen kam.

Bouquet de fleurs (Séraphine Louis), Bildquelle [2]

Bouquet de fleurs (Séraphine Louis), Bildquelle [2]

Ich mach entgegen meiner sonstigen Angewohnheit erst garnicht den Versuch, den Inhalt dieses Buches zumindest in groben Zügen nachzuerzählen, er ist kompliziert aufgebaut – und es würde zuviel der Spannung wegnehmen. Jedenfalls war es eine der erwähnten Komplikationen, ein Zimmer zu finden, das dem der echten Seraphine ähnelte und zum Abdrehen der entsprechenden Szenen eingesetzt werden konnte. Eine weitere Komplikation war, daß auf einmal der Regieassistent Jean-Luc nicht mehr auftauchte, bzw. er, als er dann – verspätet – doch erschien, in völlig derangiertem Zustand sich befand und recht Unglaubwürdiges von sich gab. So behauptete er, ein Schloß gefunden zu haben bzw. auf ein solches gestoßen zu sein, in dem das ideale Zimmer wäre, das dazu noch umsonst zur Verfügung gestellt würde. Der Haken daran war, daß die Crew das Schloß, als sie dorthin fahren wollte, nicht finden konnte. Es war nicht da, dafür verschwand der Assistent wieder….

… und tauchte ein paar Tage später nachts an der Unterkunft des Erzählers wieder auf, noch abgerissener, verwirrter und seltsamer. Er erzählte Wilhelm (es war in der Crew üblich geworden, den Ich-Erzähler mit seinem Filmnamen zu bezeichnen) seine Geschichte, die von Absonderlichkeiten nur so strotzte, von Gemälden, deren Personen sich bewegten, die in mehreren Dimensionen gezeichnet schienen, von Spieluhren und Musik, von einer unbeschreiblich schönen Frau… und verschwand wiederum, als Wilhelm etwas zu trinken zu holen in sein Zimmer gegangen war.

Ein paar Monate später, der Film war längst abgedreht und es war tiefster Winter, telefonierten der Erzähler und der Filmregisseur miteinander und kamen auf den Assistenten zu sprechen. Dieser hatte, so der Regisseur, einen Brief an Wilhelm geschrieben und bei ihm hinterlegt. Der Brief enthielt nur ein leeres Blatt, machte den Erzähler dadurch aber so neugierig, daß dieser den Spuren Jean-Lucs folgen wollte. Also fuhr er mit einem Wagen die seinerzeit von Jean-Luc beschriebene Strecke, bog an der bezeichneten Stelle ab, überquerte eine Brücke und fuhr in brütender Hitze durch sommerreife Getreidefelder… von Schnee keine Spur mehr, dafür kamen zwei altmodische Wagen auf ihn zu und schnell versteckte er sich. Wehrmachtsoffiziere stiegen aus, flüsterten miteinander, einer ging dann in das Feld hinein, nahm seine Pistole und schoß sich in den Kopf….

Der im Feld kauernde Erzähler wurde natürlich von den zu dem Darniederliegenden Eilenden entdeckt, man erkannte ihn (er war, wie wir später erfahren werden, an der Verschwörung beteiligt) und man fuhr mit ihm auf das Schloss. Hier kam der Erzähler dann peu a peu hinter das Geheimnis all dieser äußerst verwirrenden Ereignisse… aber ein Geheimnis kennen heißt noch nicht unbedingt, ihm auch entkommen zu können…

****************************

Also fragte ich ihn … ob er glaube, daß es eine Welt hinter der Leinwand gäbe, die für uns nicht zugänglich, aber ebenso wirklich sein wie diese hier .. und mir kam der Gedanke, daß er [i.e. dieser Ort, an dem ich mich gerade befand] sich bereits hinter etwas anderem verbarg. Ich also schon in der zweiten oder dritten Schicht steckte. 

Zafón: das ist das Stichwort. Schon von der ersten Seite an hat mich diese als Novelle eingeordnete Geschichte an den Katalanen erinnert. Es ist eine ebenso phantastische Geschichte, in einem ähnlichen Schreibstil verfasst, wie sie Zafón schreibt, die die uns bekannten Gesetze von Raum und Zeit ignoriert, sie ausser Kraft setzt. Hier werden Figuren auf Gemälden lebendig und hypnotisieren ihre Betrachter, werden Menschen auf ewig als Figuren auf Spieluhren verbannt.. es gibt Orte, die Tore sind zu anderen Dimensionen, die ansonsten verschlossen sind. Es ist ein Spiel mit der Wahrnehmung, mit der ewigen Frage, was ist die Welt wirklich, wie sieht sie wirklich aus, und sieht ein anderer Mensch sie genau so wie ich? Platons Höhlengleichnis fällt einem unwillkürlich ein…. Sind wir alle nur Figuren eines Spiels, das ein anderer spielt, dessen Phantasie wir entsprungen sind? Leben wir in einer Matrix, die uns die Welt vorgaukelt und wollen wir überhaupt die rote Pille nehmen?

Wilhelm wird magisch angezogen, in das Spiel hinein…. Die anderen Welten, die hinter den Oberflächen liegen, sind nicht ungefährlich, sie sind schauerlich und gefährlich, schön und magisch an der Oberfläche, die jedoch denjenigen, der sie berührt, verbrennt… Es sind Bilder, wie sie vllt Séraphine gesehen hat, die ihre letzten Lebensjahre in einem „Irrenhaus“ verbrachte, dem Wahn verfallen. Es sind magische Bilder, auch und gerade diejenigen, die Tukur als Erzähler malt, sie ziehen den Leser genauso in ihren Bann wie es in der Novelle das besagte Gemälde mit der wunderschönen Cembalo-Spielerin macht…

Die Sprache Tukurs ist dem Sujet angemessen, sie entspricht jener Zeit, in der Uhde und Séraphine lebten, erinnert an Erzählungen der Romantik, ohne dabei antiquiert zu sein, sie schafft die Atmosphäre, mit der die Geschichte den Leser in ihren Bann zieht. Und das tut sie, man möchte sie nicht mehr beiseite legen – muss man auch nicht, bei dem Umfang ist sie schließlich in wenigen Stunden ausgelesen.

So kann ich nur festhalten, daß „Die Spieluhr“ ein bibliophiler Lesespaß ist, der sowohl durch Spannung in Bann schlägt als auch durch seine Doppel- und Dreifachbödigkeit viel Unterhaltsames bietet (außerdem lernt man mit Séraphine Louis eine Malerin mit tragischem Schicksal kennen, die wirklich phantastische Bilder geschaffen hat…) Ich denke, ich werde mir Ulrich Tukur als Autoren merken! Der Mann [4] kann offensichtlich nicht nur „Tatort“…. ;-)

Links und Anmerkungen:

[1] Trailer zum Film „Séraphine
[2] Wiki-Beitrag zu Séraphine Louis, auch dieser Clip ist sehenswert: http://www.youtube.com/watch?v=8wnTwBZ0e74#t=305
[3] Wiki-Beitrag zu Wilheml Uhde, der seinerzeit schon Bilder noch unbekannter Maler wie Picasso oder eben Louis´ sammelte
[4] Wiki-Beitrag zu Ulrich Tukur
[5] Wiki-Beitrag zum Höhlengleichnis

Ulrich Tukur
Die Spieluhr
diese Ausgabe: Ullstein Buchverlage, HC, 160 S., 2013

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7 Responses to “Ulrich Tukur: Die Spieluhr”

  1. dasgrauesofa Says:

    Also noch eine Besprechung der „Spieluhr“ innerhalb einer Woche! Wenn das hier mal mit rechten Dingen zugeht… :-).! Dein Bezug zum Höhlengleichnis gefällt mir gut. Ich habe mehr über konstruktivistische Aspekte nachgedacht: wie sieht ein Regieassisten die Welt, wie eine gläubige Malerin? Es bleibt also eine spannende Novelle mit vielen verschiedenen Deutungsansätzen.
    Viele Grüße, Claudia

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    • flattersatz Says:

      … mit welcher selbstverständlichkeit wir überhaupt voraussetzen, daß es eine welt gibt und nicht nur eine einbildung davon… schließlich erfahren wir „die welt“ immer über unsere sinnesorgane und die können uns täuschen. für jemanden, der stimmen hört, sind diese stimmen sehr real, aber eben für ihn… gibt es diese stimmen also oder gibt es sie nicht… man steckt den kopf in den kaninchenbau und schwupps— ist man woanders. :-)
      liebe grüße
      fs

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  2. Karin Says:

    Ich durfte ihn in einer Lesung im Frankfurter Literaturhaus erleben und er sprach diese Novelle fast auswendig…er…wie kann es auch anders sein..schauspielerte sie…Genuss pur…
    Seine Natürlichkeit auch später beim Signieren war faszinierend, er hat so gar keine Starallüren an sich.
    Das Büchlein ist ein Kleinod im Regal.
    Im gleichen Verlag in einer ebenso hübschen Aufmachung ist
    „Wehe, Wirre,Wunderliche Worte ….Deutsche Liebesgedichte „erschienen, die er mit Fotografien von tanzenden Paaren bebildert hat.
    Lesenswert sind auch seine Venezianischen Geschichten „Die Seerose im Speisesaal“, sie sind zuerst bei claassen erschienen, inzwischen auch als list-Taschenbuch erhältlich. Dort lebt er ja mit seiner Frau.

    Welt ist ungerecht: der Mann kann schauspielern, singen, Klavier-und Akkordeon spielen, schreiben, wer weiß, was er noch hervorzaubert -:)))

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  3. Karin Says:

    habe noch was vergessen: dieser Rückschluß auf Platons Höhlengleichnis hätte ihm sicher gefallen!

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  4. Hallo Flattersatz,
    eine schöne Besprechung, die dritte schon zu diesem Buch,und nun steht es auch bei mir am Bett und wartet darauf, dem Willi Merksatz zu folgen. in sehr gespannt. Danke für die Anregung.
    Liebe Grüße, Kai

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    • flattersatz Says:

      ja, das buch hat sich rasch verbreitet, es ist es aber auch wert. es ist so, wie literatur (auch) sein sollte: die grenzen sprengende, die eingefahrenen denk- und sehgewohnheiten ruhig mal ordentlich durcheinander schüttelnd – und das dann noch mit viel könnerschaft… ich bin gespannt, was du für einen eindruck von der „Spieluhr“ gewinnst!
      lg
      fs

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