Gian Domenico Borasio: Über das Sterben

19. Dezember 2013

„Über das Sterben“, dieses kleine, schmale Büchlein des schweizerischen Pallitativmediziners Borasio ist weniger ein Buch über die Art, die Kunst des Sterbens, die „Ars Moriendi“, als vielmehr eins über die möglichen und/oder beeinflussbaren Randbedingungen, unter denen „Sterben“ stattfinden kann. Es steht also nicht so sehr der Sterbende als Subjekt im Mittelpunkt des Buches, sondern es ist eher seine Umgebung, für die Borasio Fakten liefert, Hinweise, Erklärungen und auch Tipps. Damit sollen – und im Grunde spricht er einen weiten Leserkreis angefangen von Ärzten über Pflegepersonal bis hin zu Verwandten und Freunden an – diejenigen, die den Sterbenden pflegen, versorgen, begleiten, in die Lage versetzt werden, ein weitgehend friedlichen Sterben zu ermöglichen.

Grundvoraussetzung dafür ist das Akzeptieren des Todes als natürlichen Bestandteil des Lebens. Die Aufforderung, dies anzuerkennen und zu akzeptieren richtet Borasio auch an viele seiner Berufskollegen, bei denen das ärztliche Verständnis immer noch dahingehend ist, eine Lebensverlängerung auch von Schwerstkranken um jeden Preis zu erreichen. Wichtig ist das Wissen um die natürlichen physiologischen Vorgänge im Sterbeprozess. Nur wenn diese bekannt sind, kann eine adäquate ärztliche/pflegerische Behandlung erfolgen. Stichworte sind hier: Hunger- und Durstgefühl, Atemnot und natürlich Schmerzen, wobei Untersuchungen gezeigt haben, daß Atemnot zu den quälendsten Gefühlen gehört, oftmals noch vor Schmerzen. Hartnäckig halten sich, so Borasio, immer noch schon längst widerlegte „Fakten“ wie z.B. zur Morphinverabreichung bei Schmerzpatienten mit Atemnot, die oft wegen der (mittlerweile widerlegten) depressiven Wirkung auf das Atemzentrum nicht durchgeführt wird.

In ähnlicher Weise fällt es den Verantwortlichen oft schwer zu akzeptieren, daß bei Sterbenden Nahrungs- und Flüssigkeitaufnahme schon aufgrund der natürlichen physiologischen Vorgänge im Sterbeprozess kaum noch erfolgt. Im Gegenteil kann z.B. Flüssigkeitszufuhr über Infusionen zum Belastung des Körpers führen, der zur Verarbeitung der Flüssigkeit nicht mehr fähig ist, da die Nieren mit als erste Organe die Funktion einstellen. Wassereinlagerungen im Gewebe, in der Lunge können die Folge sein, ggf. zu Atemnot und damit unnötigen Qualen führen. Hier liegen große psychologische Schwierigkeiten in der Umgebung des Sterbenden, den man natürlich weder „verhungern“ noch „verdursten“ lassen will. Was das Verhungern angeht, weist der Autor daraufhin, daß die Nahrungsaufnahmeverweigerung als verdeckte Suizidmethode bei alten Menschen noch kaum systematisch untersucht ist, obwohl dies – soweit bekannt ist – kein seltenes Phänomen ist.

Ebenso führt der Autor die Situation an, in denen Patienten, die Unruhe zeigen, durch dämpfende Mittel „ruhig gestellt“ werden. Dies ist zwar für die Betreuungssituation deutlich einfacher, aber von der Sache her für den Patienten in dem einen oder anderen Fall nicht notwendig.

Borasio betont, daß die frühzeitige Einbindung palliativmedizinischer Kompetenz in die Betreuung von Schwerstkranken für alle Beteiligten von Vorteil ist. Eine palliativmedizinisch ausgerichtete Behandlung erweist sich unter Umständen sogar als „lebensverlängernd“ in dem Sinn, daß der Tod später eintritt als bei einer Behandlung ohne Beteiligung von Palliativmedizinern. Während die „konventionelle“ Medizin sich auf die Krankheit z.B. bei onkologischen Fällen konzentriert, betrachtet die Palliativmedizin den gesamten Menschen und versucht über einen übergreifenden interdisziplinären Ansatz (medizinisch, sozial, seelsorgerisch, psychologisch…) die Gesamtsituation so zu verbessern, daß die Lebensqualität der Betroffenen steigt und die Belastungen abnehmen. Dieser kranken- (im Gegensatz zu krankheits-) bezogene Ansatz ist leider noch nicht die Regel.

Das Büchlein ist in insgesamt 11 Abschnitte gegliedert. Angefangen von den einleitenden Kapiteln, die sich dem Phänomen „Sterben“ und „Tod“ widmen, geht Borasio u.a. auf folgende Aspekte ein:

  • Strukturen der Sterbebegleitung (Hospizwesen, versch. palliativ arbeitende Strukturen, Medizinerausbildung)
  • Was brauchen Menschen am Lebensende? (Kommunikation, Therapie, psychosoziale Betreuung, spirituelle Begleitung
  • Verhungern und Verdursten
  • Die häufigsten Probleme am Lebensende
  • Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung: kurz und bündig die wichtigsten Gesichtspunkte zu diesen beiden Dokumenten, die jeder haben sollte. Auch frei formulierte Texte zu den eigenen Werten und Wertvorstellungen sollten vorhanden sein, damit sich im Falle eines Falles die Verantwortlichen ein generelles und eindeutiges Bild von den Wünschen des Kranken machen können, wenn eine Konstellation eintritt, die z.B. durch die Patientenverfügung nicht eindeutig abgedeckt ist. Mit dem Patientenverfügungsgesetz, das seit 1. September 2009 in Kraft ist, sind hier eindeutige und verbindliche gesetzliche Grundlagen geschaffen worden.
  • Was bedeutet „Sterbehilfe“: die Begriffe aktive, passive und indirekte Sterbehilfe sowie assistierter Suizid werden erläutert und kritisiert.

In den einzelnen Abschnitten gibt der Autor auch dem medizinischen Laien wertvolle Hilfe, indem er ihm sagt, wie er dem behandelnden Arzt entgegentreten kann, wobei er nicht zögert, als ultima ratio zu raten, den Rechtsweg einzuschlagen und Rechte einzuklagen. Entgegentreten klingt vllt nach Konfrontation, bedeutet aber, daß man sich z.B. auf Arztgespräche vorbereiten sollte, in dem man sich Fragen überlegt, Zeit nimmt, dem Arzt gegenüber auch ehrlich ist, ihm die eigene Situation mit Problemen und sich daraus ergebenden Wünschen und Vorstellungen schildert.

Der Patient bzw. sein Betreuer oder Vertreter sind, daran kommt man in der Praxis nicht vorbei, immer darauf angewiesen, daß der Arzt ihn und seine Wünsche im Sinne von Selbstverantwortlichkeit respektiert, was auch beinhaltet, daß auch objektiv unrichtige oder sogar falsche Entscheidungen des Patienten zu befolgen sind. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß dies in der Praxis nicht immer so läuft. Recht haben, Recht bekommen und Recht durchsetzen sind halt dreierlei Dinge…. Ich persönlich habe einmal den Fall gehabt, daß ich der Meinung war, ein von mir im Pflegeheim Betreuter würde keine ausreichende Schmerzbehandlung bekommen. Der behandelnde Hausarzt hielt dagegen, der Mann säße, wenn er da sei (und das war praktisch jeden Tag, selbst in seinem Urlaub war der Doktor erreichbar), im Saal an seinem Platz und habe keine Schmerzäußerungen. Daß der Mann jedoch nur deswegen an seinem Platz saß, weil er beim Laufen/sich bewegen sehr starke Schmerzen hatte, darüber konnte ich mit dem Arzt mich nicht verständigen. Nur.. ein Arztwechsel in einem Pflegeheim auf dem Land (nicht in der Stadt)… das ist mehr wie schwierig…. was also tun?

„Über das Sterben“ ist ein kleiner, aber feiner Ratgeber voller Informationen. Er gibt dem Laien wertvolles Material in die Hand, so daß man, wenn der Fall der Fälle eintritt und man jemanden schwer Erkrankten betreuen muss, weiß, wo die Probleme liegen können und vor allem, daß es Hilfen gibt. An vielen Fallbeispielen verdeutlicht Borasio das Gesagte. Der Palliativ- und Hospizgedanke ist noch nicht überall implementiert, aber mittlerweile gehört die Palliativmedizin zum Ausbildungskanon der Mediziner, so daß sich im Lauf der nächsten Jahre die Situation in den Krankenhäusern und Arztpraxen (hoffentlich) bessern wird.

Wir können uns, auch dies eine wichtige Aussage, vorbereiten auf das Sterben, jetzt, jederzeit, solange wir noch gesund sind bzw. keine Diagnose haben. Das Wissen darum, die äußeren Angelegenheiten geregelt zu haben, ist eine der Voraussetzungen für einen guten und friedlichen Sterbeprozess. Borasios Buch ist ein guter, sehr guter Einstieg in dieses Thema.

Weitere Bücher zum Bereich Krankheit, Sterben, Trauer im Themenblog, empfehlenswert auch der Beitrag in der ZET vom 5. Dezember 2013, der über „Die schwerste Entscheidung“schreibt: http://www.zeit.de/2013/50/diagnose-krebs-umgang/komplettansicht

Gian Domenico Borasio
Über das Sterben
diese Ausgabe: dtv, 208 S., 2013

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