Pia Ziefle: Suna

15. Dezember 2013

Ziefles Debutroman „Suna“ ist ein Versuch über die Rastlosigkeit der menschlichen Seele, die keine Familie hat, in der sie wurzelt. Und – um es kurz zu machen – es ist ein sehr gelungener Versuch, immerhin hat mich der Roman so gefesselt, daß ich ihn an einem Abend durchgelesen habe.

„Eine ganz alte Seele haben wir da“, sagte er lächelnd…
„Sie kann keine Wurzeln schlagen, .. finden Sie Ihre!“

Diese „ganz alte Seele“ ist nicht wirklich alt, mit einem leicht esoterischen Einschlag meint der Hausarzt das schlaflose Kind der Ich-Erzählerin damit. Geboren wird es auf der schwäbischen Alb, hierhin ist die Erzählerin gezogen mit ihrem Mann Tom, hergekommen aus Berlin, weil sie das einfache Leben sucht, in einem einfachen Haus wohnen will mit einem überschaubaren Bekanntenkreis.

Es dauert lange, bis Ziefle uns den Namen ihrer Protagonistin nennt, es wird erst im Lauf der Geschichte geschehen, die sie ihrer schlaflosen Tochter in sieben Nächten erzählen wird. Es ist ihre eigene Geschichte, deren Anfang sie setzt mit zwei anatolischen Brüdern, die die Ziegen ihres Vaters hüten, der als Eselverkäufer übers Land zieht und nur im Winter zu Hause ist. Der Ältere träumt von einem anderen Land, von einem besseren Leben, von etwas anderem als anatolischen Steinen und der jüngere wird ihr begleiten, wohin er auch geht…

Weiter westlich im neuen Jugoslawien, das nach dem Krieg entstanden ist, in dem die Menschen aber trotzdem nicht vergessen haben, wer Serbe ist oder Kroate, leben Biljana  und Ilija und haben eine Tochter, die sie Julka nennen und die sie vom Misthaufen holen, auf den sie die Hebamme geworfen hat, in der Meinung, sie hätte die Geburt nicht überlebt. Es ist für Ilija ein Ritual, seiner Tochter diese, ihre Geschichte zu erzählen, immer wieder, an ihrem Geburtstag… bis sein Leben zerbricht, weil ein Unwetter, wie es noch nie war, ihm seine Frau raubt, vom Blitz erschlagen, von den Fluten ersäuft wird sie gefunden und beerdigt und Ilja beerdigt und ersäuft seinen Kummer und sein Leben fortan im Schnaps…. und als die Frage im Raum steht, was aus Julka werden soll, kommen die Gerüchte, daß man in diesem Deutschland Arbeiter braucht und Arbeiterinnen und was hat Julka schon zu verlieren. Zwei Jahre, was sind schon zwei Jahre?

Sie treffen sich im Zug, die beiden Männer aus Anatolien und die junge Frau aus Jugoslawien, im Zug, der ein Niemandsland ist für überkommene Traditionen, in dem vieles geschehen kann, was in der jeweiligen Heimat unmöglich wäre ….

Es ist ein hartes, entbehrungsreiches Leben voller Einschränkungen für Julka und erst, als sie eine Möglichkeit hat, in ihrem Beruf als Schuhmacherin zu arbeiten, wird es etwas besser für die aufgeweckte junge Frau, die für ihre Rechte zu kämpfen weiß. Und doch… sie bekommt eine Tochter mit Kamil, dem jungen Türken, den sie über alles liebt, Emine, der sie auch den deutschen Namen Tanja geben.. und Marina bringt sie auf die Welt, noch eine Tochter… Doch das Leben spielt ihr einen Streich, nimmt ihr den Mann und nimmt ihr die Kinder…..

Marina heißt jetzt Luisa, Luisa Wackermann, und ist die Adoptivtochter von Johannes und Magdalena, einem Paar, das selbst kinderlos geblieben ist und das die Traumata vergangener Kriege geerbt hat, überkorrekt und penibel, verklemmt und in die engen Grenzen verletzter Seelen eingesperrt. Sie sind beide Kinder der Kriegsgeneration, haben erlebt, wie die Väter zurückkamen aus dem Osten oder dem Westen, in Familien, die lange Jahre ohne sie ausgekommen sind und in die sie sich nicht mehr einfinden können. Mit roher Gewalt versuchen sie sich ihren Platz wieder zu erzwingen, aber sie spüren, daß sie verloren sind, daß man sie nicht mehr braucht… die Düsternis ihrer Seele geben sie weiter, sind gequält von den Erinnerungen an Erlebtes und Verbrochenes..

Als Kind dieser Eltern wird Luisa jetzt groß, sie ist kein einfaches Kind, als ob sie spürt, daß man sie hier nur hinverpflanzt hat. Sie erfährt, daß sie adoptiert wurde, und adoptiert klingt ein wenig wie amputiert und so fühlt sie sich auch: fremd, nicht dazu gehörig, entwurzelt, entheimatet und elternlos. Sie lernt, nach vorne zu schauen und nicht zurück, sich mit ihrer Frechheit und Intelligenz in den Mittelpunkt zu spielen, Rollen einzunehmen und sich selbst dabei zu verstecken. Sie läuft vor sich weg…. und auch als sie den Namen ihrer leiblichen Mutter erfährt, schaut sie sich nur kurz das Haus an, in dem diese wohnt und fährt dann wieder.

Irgendwann aber kann sie es nicht mehr zurückhalten. Immer noch vorsichtig und klandestin meldet sie sich bei ihrer Mutter, spiegelt vor, daß Luisa Wackermann eine Freundin von Marina sei… doch sie hat nicht mit ihrer lebenstüchtigen Schwester gerechnet, die sich über die Telefonauskunft die Nummer von Frau Wackermann holt. Von diesem Moment an hat Luisa/Marina keine Chance mehr.. von einer Sekunde auf die andere ist sie Tochter geworden und Schwester, Cousine und Enkelin, Nichte und was weiß Gott noch alles.. herrlich erfrischend wie sie von Julka erst einmal zusammengefaltet wird, warum sie sich so spät meldet, sie würde schon seit Jahren auf diesen Anruf warten, das ginge so nicht…..

Der Rest der Geschichte ist jetzt (und das ist das gute Recht der Autorin, es so zu gestalten) reines Happy-End, alles, was an Klippen noch auftritt, wird umschifft oder bezwungen und bald wird Luisa/Marina/Suna (nein, ich verrate nicht, wo dieser letzte Name herkommt) die ganze türkische Verwandtschaft, immerhin schlappe ca. 600 Menschen persönlich kennenlernen, mit ihrem Mann und den zwei Kindern…

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„Suna“ ist ein sehr schicksalvoller Roman, der sich im 20. Jahrhundert abspielt und die großen Tragödien dieser Jahre, die Kriege, die vielen Kriege herunterbricht auf die Menschen, denen sie auferlegt wurden von denen, die erst einmal nicht unter ihnen zu leiden hatten. Die Teilnehmer der Kriege sind zerbrochene Schicksale, sie kommen nach Hause zurück in eine Welt, die sie nicht mehr kennen, in der sie falsch sind und sie haben gelernt in den letzten Jahren, sich alles mit Gewalt zu nehmen. Aber damit werden sie hier Ausgestoßene, sie gehören nicht mehr dazu und die Menschen zuhause, die Frauen und Mütter und Kinder haben ihr eigenes Schicksal, zu dem sich jetzt noch das des (vielleicht gar nicht mal so willkommenen) Mannes gesellt. Die Kinder erben diese Traumata, sie erben die Verhaltensweisen, all das wird tradiert, Magdalena und Johannes sind Beispiele dafür, wie die Nachkriegsgeneration indirekt die Last des Krieges mittragen muss. Ist es verwunderlich, daß sie einem Kind wie Luisa kein wirkliches Zuhause, kein Heim geben können, trotz ihrer materiellen Möglichkeiten? Die Wärme fehlt diesem Haus, die Spontanität, das Lachen, das Öffnung hin zum Leben…

Es geht nach dem Krieg aufwärts in Deutschland, das Land braucht Hände die anpacken und solche Hände gibt es in den angrenzenden Ländern: Arbeiter/-innen werden ins Land geholt, sie sollen zwei Jahre bleiben und dann wieder nach Hause fahren. Doch es kamen Menschen, die sich verliebten, die das Geld brauchten, die mit der Fahrt nach Deutschland auch ihren Platz in der alten Heimat verloren. Es wurden Kinder geboren, Frauen nachgeholt und ganze Familien.. außerdem waren es die Betriebe bald leid, alle zwei Jahre die angelernten Arbeiter ziehen zu lassen und mit neuen wieder bei Null anzufangen…

So ist die Geschichte Ziefles auch ein Parforceritt durch bundesrepublikanische Geschichte, oft nur in wenigen Worten angedeutet, wie der Hinweis auf den Barbie-Prozess und den Schock der Erkenntnis, was Deutsche für Verbrechen begangen hatten im letzten Krieg. Vor allem aber ist der Roman ein Roman über Menschen und ihre Schicksale. Zumeist sind sie tragisch, die Menschen mehr Opfer als Gestalter, wenn man sich zum Beispiel Julka anschaut oder auch Kamil, ihren Geliebten. Wenn man an Ayse denkt oder Julkas Eltern. Selbst Magdalena und Johannes, materiell besser gestellt, sind im Erbe ihrer Herkunft gefangen….

Wo kann ich hin, wenn ich nicht weiß, wo ich herkomme?

Das Buch beginnt mit der Schilderung der neuen/alten Heimat Luisas, der schwäbischen Alb. Dort haben die kleine Familie ein altes Haus gekauft, die Ich-Erzählerin hatte Sehnsucht nach dem einfachen, klaren Leben dort. Manchmal erscheint ihr ein alter Mann im Traum, mit topfartiger Kopfbedeckung und besticktem Mantel. Sie hat ihn schon in Berliner Träumen gesehen, er ist ihr nicht sonderlich willkommen. An einer Stelle wird beschrieben, wie sie das Haus hergerichtet haben für sich, die Verkleidungen, Verschalungen heruntergeholt und das ursprüngliche, echte wieder zum Vorschein gebracht. Das Leben so wie das Haus: es ist ein schönes Bild für die Arbeit, mit der sie ihre nach Klarheit suchende Seele von allem Hinderlichen befreit… Am Ende schließt sich der Kreis, sie ist wieder dort angekommen, von wo aus ihr Leben einst gestartet ist. Ohne jedoch das Leben, das dazwischen lag, zu verdrängen, es hat sie geprägt und beeinflusst, aber weil sie jetzt ihre Wurzeln kennt kann sie auch diesen Teil ihres Lebens akzeptieren und integrieren.

Ziefle ist etwas schönes gelungen: ein ergreifender, nie kitschiger Roman, geschrieben in einer eindrucksvollen Sprache, in klaren Bildern und schönen Sätzen. Ziefle beschreibt unaufgeregt das, was sie uns sagen will und erzielt gerade dadurch ihre Wirkung. Sie zeigt uns durch Suna, daß man sich seiner Geschichte stellen muss, daß man Worte finden muss für sie, damit sie einen nicht wie Nebel umgibt und ohne Orientierung zurückläßt.

Hoffen wir für sie, daß sie, kizim, jetzt besser schläft….

Links und Anmerkungen:

[1] Website der Autorin: http://www.piaziefle.de
[2] den Stammbaum der Ich-Erzählerin hatte ich beim Lesen leider noch nicht. Meine Bemühungen, ihn während der Lektüre selbst zu erstellen, sind schmählich gescheitert. Aber hier ist er (und er ist eine große Hilfe!): http://www.piaziefle.de/pdf/2012-05-22-suna-stammbaum.pdf

Pia Ziefle
Suna
diese Ausgabe: Ullstein, HC, ca. 300 S., 2012

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3 Responses to “Pia Ziefle: Suna”

  1. Silvana Says:

    Eine sehr schöne Rezension, die mir wirklich Lust auf das Buch gemacht hat!

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  2. Mariki Says:

    Ich mochte dieses Buch auch sehr! Ich glaube es ist eins, das man nicht nicht mögen kann.

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