Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

Marcel Reich-Ranicki, geboren 2. Juni 1920 in dem kleinen polnischen Städtchen Włocławek [4] und am 18. September 2013 in Frankfurt am Main verstorben, ist wohl jedem, der sich nur ein wenig für Literatur deutscher Sprache interessiert, bekannt. Er wurde nicht unbedingt von jedem geliebt, er konnte bissig sein, scharf sein, verletzend auch in seinen Urteilen, bis hin zum „geifern“, wir es neulich eine Bekannte nannte, zum sich Echauffieren über Geschriebenes. Was man ihm nicht absprechen konnte, waren die Kenntnis der deutschen Literatur, seine Liebe zu ihr und die Fähigkeit, sich darüber auszulassen – positiv oder negativ – und zwar in einer Art und Weise, die weder trocken noch langweilend war, sondern im Gegensatz unterhaltend, oft polarisierend, immer mit der Fähigkeit auch zu einer zündenden Bemerkung: „Fabelhaft, aber falsch!“ [2]

 Marcel Reich-Ranicki bei der TV-Sendung Literatur im Foyer im Mainzer SWR-Funkhaus
Marcel Reich-Ranicki bei der TV-Sendung Literatur im Foyer im Mainzer SWR-Funkhaus. Bildquelle: [1]
Versuche ich erst einmal, einige Eckdaten zum Lebenslauf Reich-Ranickis zusammenzufassen (die natürlich auch in den entsprechenden biographischen Artikeln nachzulesen sind). Geboren in der polnischen Provinz besuchte er dort eine deutschsprachige Schule. Der Vater war Kaufmann, aber für dieses Geschäft völlig unbegabt, die Mutter, eine Deutsche, lebte mit der Sehnsucht nach ihrem Heimatland. Im Alter von neun Jahren wird der Junge zu Verwandten in das Land, in dem die Kultur blüht, geschickt. In Berlin besucht er das Gymnasium, ist immer ein wenig Aussenseiter, die Literatur begeistert ihn, ebenso – später dann – Theater, Oper und auch Kino. Nach 1933 nimmt der Druck auf die Juden in Deutschland zu, immer neue Schikanen werden ins Leben gerufen, zumeist Verbote, Einschränkungen, Aussperrungen. Trotzdem ist das Klima in der Schule immer noch relativ „günstig“, der junge Mann kann sogar 1938 noch sein Abitur machen, die Aufnahme an die Universität wird wegen seines Judentums abgelehnt. Im Herbst 1938 wird er in der „Polenaktion“ [5] nach Polen abgeschoben, dort findet er sich mit seiner Aktentasche, die einen Roman von Balzac und ein Reservetaschenbuch enthält, mit kümmerlichen Sprachkenntnissen in Warschau wieder. 1939 erfolgt dann der Einmarsch der Deutschen in Polen, ab Oktober 1940 wird für die Juden Warschaus ein gesonderter Wohnbezirk ausgewiesen, noch wird das Wort „Getto“ vermieden.

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Das Warschauer Getto… … diese „Stadt“ in der Stadt, wurde zum großen Sammelbecken für die Juden der polnischen Hauptstadt, aber auch für Juden, die aus dem Umland zusammengetrieben wurden oder Viehwaggons sogar aus anderen Städten kamen.  Bis zu einer halben Million Menschen waren eingepfercht in die engen Straßen, die klammen, muffigen, schimmeligen Wohnungen… Reich-Ranicki erlebt die Geschichte des Gettos von Anfang an mit, ist zwar durch seine Anstellung beim Ältestenrat der Juden etwas privilegiert (zumindest was die Informationen angeht), durchlebt aber ansonsten den erbärmlichen Hunger, das Eingesperrtsein, das Freiwildsein genauso mit wie jeder andere Gettobewohner. Die nachfolgenden Textauszüge sind aus dem Buch von Joe Julius Heydecker, Johannes Leeb: Der Nürnberger Prozess, Kiepenheuer & Witsch (hier Link zur Neuauflage). Sie beschreiben das Ende des Gettos, die Niederschlagung des Aufstands (nur Auszüge) mrr-430mrr-431mrr-432mrr-433mrr-434..mrr-435..mrr-446..mrr-447 Man kann sich wehren, man kann sich an Verhältnisse anpassen. Im Warschauer Getto hat die dort eingepferchte Bevölkerung gegen ihre Mörder Widerstand geleistet und gewehrt, der Ältestenrat im Getto Litzmanstadt (Łódź) hat den anderen Weg, den der Anpassung mit dem Ziel, sich als Reservoir für Arbeitskraft und Fertigungen unentbehrlich zu machen, eingeschlagen worden. Aber da der Tod, die Ausrottung das allem übergeordnete Ziel der Nazis war, waren beide Methoden von vornherein zum Scheitern verurteilt. In jedem Fall ist es empfehlenswert, das Buch von Steve Sem-Sandberg: „Die Elenden von Łódź„zu lesen, um einen Eindruck vom Leben und vor allem vom Sterben in einem Getto zu bekommen.

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Reich-Ranicki (eigentlich nur Reich, denn noch hat er seinen Doppelnamen nicht) arbeitet aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse für den „Judenrat“, genauer: den Ältestenrat der Juden, das Selbstverwaltungsorgan der Juden im Getto, das das Leben für Hunderttausende von Menschen organisieren musste, inclusive Ordnungs- sprich Polizeidienst. So geht praktisch der gesamte Schriftverkehr über seinen Schreibtisch und er sitzt direkt an der Quelle der Informationen. Als er derart auch von geplanten Deportationen erfährt, von denen aber Ehepaare zurückgestellt sind, heiratet er noch am selben Tag Teofila (Tosia) Langnas, die er durch den Suizid ihres Vaters kennengelernt hatte. Dies ist aber nur ein Aufschub, irgendwann stehen auch die beiden Eheleute in der Schlange zum Sammelplatz, aus der sie fliehen, denn mittlerweile ist bekannt, wohin die Transporte gehen: Treblinka. Bis zum Kriegsende werden die beiden in einem einsam gelegenen Haus von einem polnischen Ehepaar versteckt gehalten. Hier profitiert MRR von seinen umfangreichen Literaturkenntnissen: er erzählt allabendlich Stoffe aus der Weltliteratur.. Nach dem Kriegsende geht das Paar nach Warschau zurück, Reich-Ranicki meldet sich bei der Armee. Er wird bei der Zensurbehörde eingestellt, von dort wechselt er in den aufzustellenden Geheimdienst. In London arbeitet er auf dem Konsulat. Mitte der 90er Jahre gab es eine heftige Kontroverse über einen Vorwurd an ihn, er hätte Exilpolen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zurück nach Polen gelotst, wo sie dann z.T. sogar zum Tode verurteilt worden wären. Belegt wurde dieser Vorwurf nicht, Reich-Ranicki bestritt ihn stets vehement. Trotz der zunehmenden Gleichschaltung des Ostblocks kehrt die Familie 1949 aber nach Warschau zurück. In Polen jedoch bekam Reich-Ranicki politische Schwierigkeiten, saß im Gefängnis und wurde aus der Partei ausgeschlossen. 1958 bereitete Reich-Ranicki die Flucht in die BRD vor, seine Frau Tosia sollte mit Sohn via London ins westliche Ausland reisen, er beantragte ein Visum direkt für Westdeutschland. Hier machte er dann langsam, aber sicher Karriere als Literaturkritiker. Über lange Zeit war er mit der „Gruppe 47“ verbunden, obwohl er im Lauf der Zeit (wohl mit leichtem Bedauern) irgendwann feststellen musste, daß er nicht so richtig dazu gehört. Anfänglich als „freier“ Kritiker für z.B. die FAZ, die Welt und auch den Hörfunk schrieb er ab 1963 für die ZEIT schrieb er lange Jahre Kritiken ausserhalb der normalen Redaktionsarbeit, bis er diese Tatsache, daß man ihn im Redaktionsbereich nicht vermisste oder sehen wollte, auf sein Judesein zurückführte. Es zeigte sich jedoch später, daß man wohl eher die Auseinandersetzung mit seiner Streitlust und Rabulistik vermieden wollte…. Reich-Ranicki beendet 1973 die Zusammenarbeit mit der ZEIT und wechselte zusammen mit Joachim Fest zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo er die Literaturredaktion übernahm und diese bald zu einem der wichtigsten Foren deutschsprachiger Literatur ausbaute. Letzte Station seine Berufslebens in dieser 1999 endenden Autobiographie ist seine Sendung des „Literarischen Quartetts“, mit der er als Literaturpapst endgültig auch in der breiten Bevölkerung angekommen war. ******************************** Im folgenden möchte ich einzelne Punkte aufführen, die mir beim Lesen aufgefallen sind: Der Titel des BuchesMein Leben“ ruft bei mir sofort den anderen Titel „Mein…“ ins Gedächtnis. Bei einem so wortgewaltigen Menschen wie Reich-Ranicki kann das kein Zufall sein, -zig andere Titel hätten ihm zur Verfügung gestanden. Wie also ist der Rückgriff auf diesen suggestiven Titel zu deuten? Vielleicht ist dies eine Art später Triumpfschrei, du hast mein Leben nicht bekommen, es ist bei mir geblieben… Im Grunde ist der Titel des Buches „Mein Leben“ zudem noch irreführend. Wir erfahren nur wenig über „sein Leben“ (eine Ausnahme ist das zweite Kapitel über die Zeit in Polen bis zum Ende des Krieges), worüber wir viel erfahren, ist über ihn. Er, Reich-Ranicki, steht im Mittelpunkt, um ihn dreht sich alles. Ein Beispiel: Als er nach seiner Londoner Zeit wieder mit Tosia nach Warschau zurückkehrt, spricht er ohne weitere Angaben davon, daß sie jetzt zu dritt zurückkehren, weil sie einen Sohn haben. Beim nächsten Mal, daß der Sohn erwähnt wird, ist er neun Jahre alt, insgesamt findet der Sohn kaum mehr als fünf, sechs mal Erwähnung. Nimmt man den Buchtitel ernst, kann man eigentlich nur folgern, daß ihm sein Filius ziemlich unwichtig war, nicht zu seinem Leben gehörte. Auch von Tosia, seiner Frau erfährt man nicht allzuviel…. Zweites Beispiel: Später, nach seiner Flucht in die BRD, wird Reich-Ranicki ja Chef des Literaturteils der FAZ und hat entsprechend Mitarbeiter. Über die erfährt man kein einziges Wort, kein Wort über seine Arbeit, wie sie abläuft, wie er organisiert ist etc pp…. Die Lebensumstände, wohl werden sie hie und da geschildert, doch eher selten und am Rande…. Und so amüsiert es, wenn Reich-Ranicki an mehreren Stellen von Autoren erzählt, die nur ein Thema gehabt hätten: sich…. frei nach dem Motto „Aber jetzt habe ich die ganze Zeit von mir erzählt! Sagen Sie doch mal, wie Ihnen mein Buch gefallen hat!Das „portative Vaterland“ Die Juden – heißt es bei Heine – „wußten sehr gut, was sie taten, als sie bei dem Brande des zweiten Tempels die goldenen und silbernen Opfergeschirre, die Leuchter und Lampen“ im Stich ließen und nur die Bibel retteten und ins Exil mitnahmen. Die Schrift, die heilige, wurde ihr „portatives Vaterland“. Vielleicht hab ich erst damals endgültig begriffen, daß auch ich ein „portatives Vaterland“ habe: die Literatur, die deutsche Literatur. Für mich scheint dies fast der Schlüsselsatz der Autobiographie zu sein: Reich-Ranicki zieht hier den direkten Analogschluss: die (deutsche) Literatur ist seine Bibel, die er verehrt und durchaus – zumindest manchmal – voller Überschwang lobpreist. Alles andere ist nachgeordnet, kann zur Not zurückgelassen werden, das Buch, das geschriebene Wort, die Literatur ist sein Idol… lesen also als sakraler Akt der Verehrung…. Der Hang zur Selbstbescheidung… …war ihm wohl nicht gegeben. Schon der Gymnasiast rühmte er sich (mit einer nur geziert wirkenden Verwunderung), einen großen Teil der klassischen deutschen Literatur gelesen zu haben, ja, nicht nur gelesen, sondern auch verstanden, beurteilt und kritisiert. Über seinen eminenten Einfluss, den er als „Literaturpapst“ (diese Titulierung sah er nicht so gerne, sie schien im nicht nur positiv gemeint) innehatte, machte er sich vllt gar keine Vorstellung: sein Wort galt und wurde von ihm verkündet. Damit richtete er wohl so manchen Autoren… dabei war er sich der Subjektivität seiner Kritiken durchaus bewusst, aber schon im zweiten Teil des Satzes kehrt er die Subjektivität seiner Meinung in einen objektiven Tatbestand um: „Ich wollte … erklären, warum die Bücher, die ich für gut und schön halte, gut und schön sind und ich wollte sie [i,e, die Leser] dazu bringen, sie zu lesen.“ Was MRR für gut hielt, war gut. Vllt sollte ich den Rest dieses Absatzes auf S. 535 auch noch zitieren, er ist für das Selbstverständnis und das Sendungsbewusstsein von hoher Aussagekraft: „Meine Kritiken … hatten den erwünschten Einfluss auf das Publikum. Trotzdem schien mir dieser Einfluss nicht ausreichend, man sollte doch wohl mehr erreichen und sich nicht damit abfinden, daß manch ein wichtiges, wenn auch vielleicht schwieriges Buch nur von einer Minderheit zur Kenntnis genommen wird.“ Vielleicht passt dies auch ganz gut hierher: auf S. 302/3 der von mir gelesenen Ausgabe schildert MRR, wie lästig und unpassend er es empfand, in der Öffentlichkeit so häufig auf sein Judentum angesprochen zu werden („Kommen Sie aus Tel-Aviv?“ Taxifahrer am Flughafen oder „Kennen Sie Herrn Bubis?“). Gut 100 Seiten später merkt er an, daß Hans Werner Richter, Leiter der Gruppe 47, in einem vom ihm geschriebenen Buch keine einziges Mal erwähnt, „daß ich Jude bin.„… „Die Literatur ist mein Lebensgefühl.“ und liest man seine Autobiographie, so ist sie auch sein Leben (insofern ist der Titel dann vllt doch zutreffend….). Ich denke, er kannte praktisch jeden Literaten im Land, von vielen Begegnungen erzählt er hier. Treffen mit verschiedenen Mitgliedern der Familie Mann, mit Anna Seghers, mit Brecht, mit Canetti, Adorno oder auch Kästner, ebenso wie mit Wolfgang Koeppen, Max Frisch oder Ingeborg Bachmann, Böll und Grass …. um nur einige der bekannteren Autoren zu nennen. Eine Potenzierung seiner öffentlichen Wirkung und damit letztlich auch seines Einflusses auf Wohl und Wehe von Autoren bedeutete das „Literarische Quartett“, die Büchersendung, die Kultstatus erreicht hat und die er von Anfang bis Ende dominierte. Apropos Autoren: er kannte viele von ihnen, aber das persönliche Verhältnis war oft/meist nicht gut, oder es verschlechterte sich rapide, wenn eine seiner Kritiken den Autoren nicht behagte. Hat er Freunde gehabt, die nicht in einem literarischen Verhältnis zu ihm standen? Es bleibt im Dunkeln… auch über das Zusammenleben mit seiner Frau beläßt er es nur bei einer dunklen Andeutung, daß jeder von den beiden seine Abwechselung auch außerhalb der Ehe gefunden hätte, diese aber nie gefährdet gewesen sei. Und über die Intensität, mit der Reich-Ranicki über seinen Sohn berichtet, habe ich mich ja schon geäußert…. Insgesamt kann ich zu Reich-Ranickis Autobiographie zusammenfassen, daß sie gut lesbar geschrieben ist, viele Details enthält, die für einen Buchliebhaber sehr interessant sind. Sie gibt einen wichtigen Aspekt der Entwicklung nachkriegsdeutscher Literatur wieder. Dieser Punkt macht den Wert des Buches aus. Dagegen stößt die Tatsache, wie sehr sich – trotz der Gattung „Biographie“ – der Autor in den Mittelpunkt allen Erzählten stellt, bald übertrieben auf. Der Mensch Reich-Ranicki außerhalb der Buchwelt bleibt ein Unbekannter. Ob es ihn überhaupt gegeben hat? Links und Anmerkungen: [1] Wiki-Beitrag über Marcel Reich-Ranicki: http://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Reich-Ranicki das Internet-Portal: Marcel Reich-Ranicki: http://www.m-reich-ranicki.de zum Tod von Marcel Reich-Ranicki in Spon: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/marcel-reich-ranicki-ist-tot-a-923068.html, die Würdigung in der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/frankfurter-anthologie/zum-tod-von-marcel-reich-ranicki-der-einzigartige-12579791.html [2] … so der Titel einer Zusammenstellung von Anekdoten über M.R. von Franz Josef Görtz [3] Yad Vashem: Widerstand und Kampf – Der Aufstand im Warschauer Ghetto: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/07/warsaw_uprising.asp [4] im übrigen ist Włocławek auch die polnische Stadt, in der durch SA-Oberführer Hans Cramer (* 23.09.1904  – 1945 ?) zum ersten Mal die Kennzeichnung von Juden durch gelbe Stoffsteren angeordnet wurde: http://www.erinnern-fuer-die-zukunft.de/Mitteilungen/Titelseite_16/Inhalt16/GelberStern16/gelberstern16.html. Cramer ist „uns“ schon einmal (implizit) begegnet, als Gebietskommissar von Kaunas war er in der Zeit dort eingesetzt, in der Edwin Geist dort die Tage zählte.. : Edwin Geist: “Stündlich zähle ich die Tage…” https://radiergummi.wordpress.com/2013/04/12/edwin-geist-stundlich-zahle-ich-die-tage/ [5] Wiki–Artikel zur Polenaktion: http://de.wikipedia.org/wiki/Polenaktion Vielleicht menschelt es hier in diesem kleinen Aufsatz von Eva Demski schon ein wenig mehr…: Eva Demski: Weihnachten mit den Reich-Ranickis, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/heiligabend-weihnachten-mit-den-reich-ranickis-12722192.html Marcel Reich-Ranicki Mein Leben diese Ausgabe: DVA, HC, 568 S., 1999

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10 Kommentare zu „Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

  1. Ein ganz wunderbares Buch, ich habe es vor Jahren gelesen und ich bin noch immer sehr ergriffen von der Geschichte Reich-Ranickis. Seine Wortwahl und sein Schreibstil haben das Buch „leben“ lassen. Ich kann es nur empfehlen!

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    1. liebe antetanni, herzlichen dank auch dir für diesen kommentar. so spaltet der schriftsteller reich-ranicki ebenso wie der kritiker seine leser.. ;-) denn die übrigen kommentatorinnen teilen deine begeisterung für das buch nicht vorbehaltlos. aber es ist schön, daß es so ist, daß unterschiedliche meinungen herrschen, und du hast recht, das buch ist trotz der geäußerten kritik in vielerlei hinsicht lesenswert!

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      1. Vielen Dank für deinen Kommentar zu meinem Kommentar :-). Ich teile deine Antwort an „Xeniana“, es gibt sicherlich viele Gründe dafür, warum RR war, wie er war. Ich fand – da stimme ich Xeniana zu – die selbstbezogene Art beim Lesen auch sehr schwierig und teilweise „nervig“. Alles in allem aber haben mich das Leben und die Art und Weise, wie RR davon berichtet, bewegt. Ich finde, ein interessantes Leben und alles andere als einfach. Wie der Mensch RR womöglich eben auch. Ich „mag“ die vielleicht schwieriger anmutenden Charaktere meist mehr also die Schönredner. Dennoch ist es für jeden Leser immer seine eigene Art der Auffassung und des Empfindens und so kann der eine ein Buch ganz toll finden, ein anderer umso schrecklicher. So ist es auch, das Leben.

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  2. Eine sehr genaue Besprechung des Buches . Ich habe zunächst den Film eher zufällig gesehen und war dann so begeistert, dass ich mir das Buch aus der Bibliothek entliehen habe. Im Film wurde das Gewicht ja eher auf Kindheit und Jugend gelegt, diesen Zeitabschnitt fand ich auch im Buch sehr lesenswert und man wundert sich, dass wenn einer so eine Geschichte hat, der trotzdem so eine Liebe zur deutschen Literatur erhalten konnte.
    Das er sich die ganze Zeit um sich selbst dreht und in einer doch sehr selbstbezogenen Art berichtet und urteilt hat mich beim Lesen sehr gestört.Trotzdem ist es ein Buch, dass mich noch immer beschäftigt.
    Vielen Dank für diese Besprechung, die ich sicher noch einige Male lesen werde.

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    1. uiii… es freut mich sehr, daß die die besprechung gefallen hat. tja, die selbstbezogene art des reich-ranicki… abgesehen von einer disposition, die er sicherlich dafür gehabt hat, ließen sich bestimmt gute gründe dafür in seiner biografie finden: wenig freunde, immer etwas aussenseiter, nie in einer gruppe richtig integriert, natürlich auch die getto-erfahrungen, daß man nur sich selbst retten kann, die „zurückweisung“ durch die gruppe 47 und die enttäuschung, als er merkt, daß er nicht richtig dazu gehört, dann die prinzipielle solo-stellung eines kritikers… vllt erklärt das einiges…

      lg
      fs

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  3. RR war ein 100%iger Egomane und seine Art der Selbstdarstellung hat mich immer angewidert, egal ob im Literarischen Quartett oder woanders…ihn zu lesen in Rezensionen ging gerade noch, aber ihn zu erleben war für mich Qual.
    Seine Lyrikanthologie, die unter seiner Ägide herausgegeben wurde, ist fantastisch und er hat vielen Unbekannten dort auch Raum gegeben, aber auch sein Umgang mit Schriftstellern, die er nicht mochte, war abschreckend, seine Suche nach den erotischen Stellen in den rezensierten Büchern, schwer erträglich.
    Ich habe in dieses Buch kurz hineingelesen und es als für mich nicht lesenswert nicht gekauft.
    Er hat sein Judesein auch sehr gut vermarktet, auch das hat mich gestört.
    Also ich mag und mochte ihn nicht.
    Einzig die Entdeckung und Förderung der Ulla Hahn rechne ich ihm hoch an -:)))

    sehr subjektives, aber ehrliches Urteil….

    die Rezension ist sehr gut gelungen, aber wann eigentlich mal nicht, lieber Flattersatz?

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    1. ein klares wort, liebe karin und sicherlich stehst du damit nicht allein. aber fakt ist, daß er für die deutsche literatur wichtig war, sie (in maßen) gelenkt und beeinflusst hat durch seine art, seine kritiken und seine bekanntheit. mit anderen worten: er hatte macht und daher ist seine bedeutung für den literaturbetrieb immens gewesen. als privatperson konnte man ihn links liegen lassen, wenn ich ihnen was bekennen darf, ich selbst habe nicht ein einziges quartett gesehen, keine bewusst auch keine kritiken von ihm… er fiel sozusagen in meine bücherlose zeit, die es auch mal gab…. von daher war diese autobiographie schon interessant für mich.

      lg
      fs

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      1. er hatte Macht…das trifft den Nagel auf den Kopf… nicht umsonst hatte er den Spitznamen Literaturpapst.
        Wenn einer seiner Kritikerkollegen diese Biografie geschrieben hätte, er hätte sie zerrissen in jedem Punkt mit Ausnahme der Schilderungen aus dem Ghetto, denn vom Sprachstil, dem Aufbau läßt das Buch viel zu wünschen übrig, das kommt ja auch in der Renzension zum Ausdruck, nur wer hätte den gewagt, da seine ehrliche Meinung im Feuilleton zu äußern.
        Der Literaturbetrieb hat ihn gefürchtet.
        Alle Menschen mit zu viel Macht neigen auch zur Selbstüberschätzung.
        Das Literarische Quartett kann man sich auf YouTube immer noch zu Gemüte führen, hier mal ein Beispiel -:)))

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  4. Nun ist es schon einige Jahre her, dass ich das Buch gelesen habe, meine Leseerinnerung deckt sich interessanterweise nur bedingt mit deinem Eindruck. Ich fand gerade den ersten Teil über die Zeit im Ghetto sehr gelungen und auf einer Stufe stehend mit anderen literarischen Denkmälern aus dieser bzw. über diese Zeit. Den Teil über seine Kritikerkarriere habe ich als eher farblos im Gedächtnis behalten, da er als Person nicht greifbar und viel zu diskret war – jedenfalls für eine Autobiografie. Und du fragst, ob es da noch eine Person außerhalb des lit. Lebens gegeben hat, und gleichzeitig bemängelst du seine Ich-Bezogenheit. Mir war gerade zu wenig „ich“ im zweiten Teil, das doch nun mal der Ausgangspunkt für die meisten Autobiografien ist.
    Ob man ihn in seiner Art mochte oder nicht, steht ohnehin auf einem ganz anderen Blatt.
    Was aber sicherlich in Erinnerung bleiben wird, seine Begeisterung für Literatur als solche. Seine Leidenschaft.
    Danke, dass du das Buch mir wieder ins Gedächtnis gerufen hast. Ich müsste es mal wieder in die Hand nehmen… LG Anna

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    1. liebe anna, herzlichen dank für deinen ausführlichen kommentar. im grunde sind wir doch einer meinung, da, wo du einen widerspruch siehst, habe ich wahrscheinlich nicht klar genug formuliert. ich hatte den eindruck, daß das „Ich“ im sinne von „Ego“ zwar im mittelpunkt des buches steht, reich-ranicki hat sich immer als zentralen punkt seiner ausführungen gesehen, aber über die person des autobiographen, den privatmann reich-ranicki, seine ansichten (von mir aus) zur natur, zur politik, auch etwas aus dem täglichen (familien)leben, ist praktisch nichts zu erfahren. das war mit „gibt es eine person ausserhalb der literatur…“ gemeint. also auch bei mir „zuwenig „ich““….

      dir auch liebe grüße
      fs

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