Philip Hoare: LEVIATHAN oder Der Wal

7. Dezember 2013

„Und der Walfisch, der hat Zähne
und die trägt er im Gesicht…“ 

na ja, sind wir ehrlich, im Original redet Mackie vom Haifisch und außerdem ist der Wal sowieso kein Fisch und muss auch nicht unbedingt Zähne haben…. obwohl ich das alles jetzt weiß (und auch schon vorher wusste), ging mir beim Lesen des Buches zeitweise diese Melodie nicht aus dem Kopf…. seltsam, manchmal…

Nach diesem gelungenen Intro meinerseits aber jetzt hurtig zum Buch….

Der Leviathan (man kennt den Begriff vllt eher von Hobbs und seiner Schrift über das Staatswesen) ist ein mythologisches Meereswesen der christlich-jüdischen Tradition, in Psalm 104,26 heißt es in der deutschen Einheitsübersetzung: „Dort ziehen die Schiffe dahin, / auch der Leviítan, den du geformt hast, um mit ihm zu spielen.“. „Nach anderen Bibelübersetzungen spielt nicht Gott mit dem Leviathan, sondern dieser im Meer bzw. mit den Schiffen.“ so steht es in der Wiki [1] und passt eigentlich auch besser zum Buch und dessen Thema. Und zumindest erwähnen will ich Jona, der einige Tage im Wal verbrachte, was – den Schilderungen Hoares nach – nicht unbedingt ein Wellnesswochenende gewesen sein muss….

Ganz sicherlich gehört der Wal, insbesondere mit einem seiner größten Vertreter, dem Pottwal (engl. Sperm Whale) zu den aussichtsreichsten Tieren für die Rolle als Pate des Leviathan – neben dem Riesenkraken, dem wir in diesem Buch von Hoare aber auch begegnen werden, ist der doch ursächlich immer ein Thema, wenn es um Pottwale geht.

Eine Mutter Pottwal und ihr Kalb in der Nähe der Küste von Mauritius. Fotograf: Gabriel Barathieu, Bildquelle [3]

Eine Pottwalmutter und ihr Kalb in der Nähe der Küste von Mauritius.
Fotograf: Gabriel Barathieu, Bildquelle [3]

Wale, jenseits vllt von Flipper und seinen Kumpanen, sind unbekannte Tiere, vieles von dem, was man weiß (oder zu wissen meint) hat man von toten Tieren abgeleitet. Die Beobachtung freilebender Wale ist schwierig, obwohl sie als lungenatmende Säugetiere regelmäßig an die Wasseroberfläche kommen müssen: wie will man einen Pottwal, der in tausenden Metern Tiefe auf Nahrungssuche geht, dabei beobachten? Es gibt Walarten, die als fraglich oder ausgestorben gelten, bis durch Zufall unter Umständen tote Tiere angeschwemmt werden, wie in diesem Fall der Bahamonde-Schnabelwale [2]…. So sind und bleiben Wale geheimnisvolle Tiere, ins Meer zurückgekehrte Verwandte, die nur dort zu solcher Größer heranwachsen konnten, daß sie – so Hoare – sieht man sie im Wasser an der Oberfläche, eher wirken wie ein Teil der Land(See)schaft denn als Tiere…. An Land dagegen verlieren sie ihre Eleganz, zwar behalten sie ihre Größe, die hier erst in ihrer Totalität wahrgenommen werden kann, aber die Schwerkraft läßt sie zusammensinken, zusammenfallen, wie gestrandete Wesen aus einer anderen Welt wirken – was sie ja auch sind…

************************

Hoares Buch läßt sich nicht eine bestimmte Schublade stecken. Es ist ein Buch über Wale – natürlich, und hier insbesondere über Pottwale. Es ist – bis auf einen Aspekt [4] – umfassend, es gibt die wesentlichen biologischen Daten wieder, sehr ausführlich die ganz enorme, heute kaum noch nachzuvollziehende wirtschaftliche und in der Folge davon auch politische Bedeutung des Walfangs. Daneben und gleichberechtigt ist es aber auch ein kulturgeschichtlicher Ausflug, der uns Lesern die Beziehung Mensch – Wal deutlich macht, die sich in den letzten Jahren (leider nur fast) überall geändert hat: wurde der Wal früher darauf reduziert, etwas zu Jagendes, zu Erlegendes zu sein, Lieferant von Tran, Fett und anderen Produkten zu sein, erkennen wir heute in ihm ein Wesen, dem wir hochentwickelte Fähigkeiten zusprechen: Intelligenz, Sozialverhalten, ja, Hoare erwähnt sogar Spekulationen über Kultur und Religion (wobei mir letzteres dann doch etwas arg spekulativ ist).

Mensch und Wal sind Wesen anderer, unterschiedlicher Sphären. Hoare schildert am Ende seines Buches seine Begegnung mit einem Pottwal im Wasser. Es ist eine Beschreibung in der Tat wie die Begegnung mit einer anderen Lebensform: er erlebt, wie der Pottwal sich zu ihm umdreht und er spürt, wie er durchgescannt wird mit den seltsamen Klicklauten, die die Wale von sich geben. Es ist ein körperliches Gefühl in ihm und er ist sich bewusst, daß jetzt im Moment im schwersten Gehirn, das die Evolution hervorgebracht hat, ein Bild von ihm entsteht und – in welcher Weise auch immer – eine Einschätzung: ist er eine Gefahr, ist eine Nahrungsquelle oder ein harmloser, kleiner Besucher?

Notgedrungen beurteilen wir – und stufen ihn ein – den Wal nach menschlichen Kriterien, er jedoch lebt in einer anderen Welt mit anderen Sinnen. Er nimmt seine Welt ganz anders wahr, hat in ihr ganz andere, uns nicht nachvollziehbare Möglichkeiten. Über Tausende von Kilometern kann er sich mit Artgenossen verständigen, größere Gruppen, Clans, haben offensichtlich ihre eigenen Dialekte. Tötet er seine Nahrung, die Kalmare, in der Tiefe mit seinem Klicken, daß er so intensivieren kann, daß es wie eine „Schallkanone“ wirkt? Welche Sinne und Aufgaben verbergen sich noch oder überhaupt in seinem, des Pottwals, riesigem Kopf? Letztlich wissen wir es nur ansatzweise…

„Leviathan oder Der Wal“ kann auch als Kommentar, als Analyse und Deutung, als Begleittext gesehen werden zu einem Buch, einem Roman, der zur Weltliteratur gezählt wird: Herman Melvilles „Moby Dick“, diese Allegorie auf den weißen Mann, der unerbittlich den (die) Bewohner einer ihm fremden Welt verfolgt, ja, ihn erlegen will. Angefangen von der Geschichte des Autoren Melville, der selbst zur See auf Waljagd gefahren ist, über die Einflüsse auch anderer Art (z.B. der Metaphysik eines Nathaniel Hawthorne (und damit auch von Emerson und Thoreau), dem er das Buch geradezu emphatisch als Zeichen der „Bewunderung für seine Schöpfungskraft“ widmet). Es ist der mythische Wal, den Melville jagt, gekleidet in die Farbe der Farblosigkeit, denn „… was ist es anders als das glatte Schneeflockenweiß, das dieses Grausen verursacht, das es uns einflößt? Das gräßliche Weiß ist es, das ihrem stummen Glotzen diese abscheuliche und mehr widerwärtige als erschreckende Milde verleiht. ..“ läßt Melville seinen Ismael ausführen [5]

.. und nicht zuletzt erzählt das Buch auch einen Teil der persönliche Geschichte des Autoren, dem das Meer und insbesondere die Wale ans Herz gewachsen sind. Er nimmt uns mit auf seine Reise zu den Stationen der Walgeschichte, wir fahren mit ihm auf den Spuren Melvilles, besuchen die ehemaligen Walfangstationen wie zum Beispiel die Neuengland vorgelagerte Insel Nantucket [6], von der aus Ende des 17. Jhdts die ersten Walfangschiffe ausliefen… so führen uns der Autor und Ismael letztlich durch dieses Buch und erzählen die Geschichte der Wale. Unbestreitbarer Höhepunkt dieser Historie ist der letzte Abschnitt des Buches, der auf den Azoren, diesen Gipfeln einer riesigen unterozeanischen Gebirges, spielt: die Begegnung zwischen Mensch (dem Autoren nämlich) und Wal im Wasser…. (und ausgerechnet dieses Kapitel heißt „Die Jagd“).

******************************

Ich werde hier nur wenig auf den Inhalt des Buches eingehen, zu viele Informationen und Daten enthält es. Es ist die Geschichte einer blutigen Beziehung des Neuankömmlings Mensch zur alteingesessenen Spezies Wal, die schon so viel länger auf der Erde weilt als wir Zweibeiner. Aber so wie Ahab den weißen Wal unerbittlich verfolgte, so ging der Mensch, als er einmal den Ausnutzbarkeit des Wals für sich entdeckte und dann die technologischen Möglichkeiten entwickelt hatte, ohne Gnade gegen diese Wesen vor. Die Produkte, in denen „Wal“ verarbeitet wurde, waren praktisch ubiquitär für die moderne Gesellschaft… Kerzen, Margarine, Schmiermittel, Farben, Korsetts, Parfüme, Lacke, Tinte, Waschmittel, Leder, Arzneimittel, Bremsflüssigkeiten, Seifen, Dünger, Tierfutter, Fotogelatine, Lippenstifte, Schuhsohlen, Leim…

Konnte man den Walfängern der ersten großen Bejagung persönlichen Mut kaum absprechen (in einer kleinen Schaluppe mit der Harpune auf einen Wal zuzurudern und ihn zu bejagen, war sicherlich nicht ohne….) und hatte der Wal unter diesen Bedingungen noch eine Chance, auch zu entkommen, so pervertierte die Jagd spätestens mit der Erfindung der Sprengharpune und der Entwicklung der großen Fabrikschiffe zur Ernte. Die Flotten fuhren aus, orteten die Wale, jetzt auch auf der Südhalbkugel, schlachteten sie ab und ernteten. Die Ernte war so erfolgreich, daß sich die Walindustrie selbst den Ast absägte, auf dem sie saß…. die Bestände der großen Wale gingen implosionsartig zurück, man musste auf andere Walarten „ausweichen“, die die Bejagung genausowenig überlebten….

Es ist kaum zu fassen, was Hoare beschreibt. Ein Gemetzel, eine Abschlachterei ohne jegliche Hemmung. Aber was soll man von Wesen erwarten, die unter ihresgleichen ebensolche Blutbäder anrichten?  Nur ein einziges Zahlenbeispiel [S. 368]: 1910 wurden 1303 Finnwale und 43 Pottwale gefangen, 1958 dagegen 31.587 Finnwale und 21846 Pottwale, im 20. Jhdt starben 360.000 Blauwale (und das sind nur die offiziellen Zahlen, denke ich ….). In wirtschaftlicher Hinsicht galt der Blauwal damit ab den 60er Jahren als ausgestorben.

In dieser Zeit trat ein Umschwung ein. Gestrandete Wale erregten auf einmal Mitgefühl und Mitleid, die Öffentlichkeit engagierte sich für ihr Überleben. Solche Einzelereignisse führten zu einer generellen Umwertung, der Walfang, dann auch angegriffen und bekämpft durch Organisationen wie Greenpeace, wurde geächtet. Langsam und unter Schwierigkeiten wurden Schutzabkommen vereinbart, löchrig, mit Ausnahmen und nicht von allen Staaten überhaupt unterzeichnet….. vllt reicht es zum Überleben der Tiere, von denen wir so wenig wissen, vllt aber auch nicht….

Eine ganz kleine Winzigkeit habe ich, die mich irritiert(e): die Bezeichnung des Pottwals als „Raub“tier. Das sollte sich doch herumgesprochen haben, daß der Pottwal ebensowenig wie andere früher sogenannte „Raub“tiere nur ein Beutegreifer ist. Zum Raub gehört (zumindest im Deutschen) die Gewaltanwendung, das Brutale also. Der Mensch kann ein Räuber sein. Sonst niemand…. btw.: die Begriffe „Scheisse“ und „pissen“ passen (auch wenn sie nur sehr selten verwendet werden) auch nicht so ganz zum Stil des Buches…. Abgesehen von diesen klitzekleinen Schönheitsfehlern kann ich ohne rot zu werden zusammenfassen:

******************************

Mit „LEVIATHAN oder Der Wal“ ist ein wunderschönes Buch (auf die vielen Abbildungen bin ich gar nicht eingegangen, sie hätten es verdient!) entstanden, das zurecht auch ausgezeichnet ist. Steht nicht bald Weihnachten vor der Tür? Für jeden, der sich ein wenig für das Thema interessiert, ist Hoares Zusammenstellung ein absolut empfehlenswertes Geschenk! Und zur Not kann man es sich ja selbst schenken…..

Links und Anmerkungen:

[1] zum Wiki-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_(Mythologie) bzw. http://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_(Thomas_Hobbes)
auf was man alles so stößt, wenn man sich treiben läßt: Die Abenteuer des U-Boots „Leviathan“: http://www.hagalil.com/archiv/2000/11/marine.htm
[
2] http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/schnabelwale-im-pazifik-seltener-wal-in-neuseeland-erstmals-gesichtet-a-865309.html
[3] Der Wiki-Beitrag zum Pottwal: http://de.wikipedia.org/wiki/Pottwal. Die Bildersuche auf einer Suchmaschine der Wahl bringt eine große Vielzahl wunderschöner Bilder (nicht nur zum Pott- sondern natürlich auch zu anderen Walen)
[4] „Leviathan…“ handelt zwar in großer Breite das Abschlachten, den unnatürlichen Tod der Wal ab, aber seltsamerweise verliert der Autor keinen Ton zum natürlich Tod dieser Tiere, der wissenschaftlich gesehen ein für die Tiefsee ökologisch und evolutionär sehr wichtiges Ereignis ist….. Zum Ökosystem „Toter Wal auf dem Ozeangrund“ gibt dieser Bericht im Spiegel eine schöne Einführung:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42736575.html. Eine etwas exotischere Variante des Walendes sind dessen Explosionen… auch hier gibt die Wiki einen Überblick: http://de.wikipedia.org/wiki/Walexplosion, aber in seiner Ekligkeit wirklich beeindruckend ist dieses kleine Video: http://www.focus.de/wissen/ueberdruck-durch-faulgase-toter-pottwal-explodiert-am-strand_id_3436207.html
[
5] H. Melville, Moby Dick, Kapitel 42: Die Weisse des Wales (in der Übersetzung von Richard Mummendey)
[6] zur Wiki-Seite über Nantuckethttp://de.wikipedia.org/wiki/Nantucket, andere Berichte z.B. in der „Welt“: http://www.welt.de/reise/article4932456/Nantucket-ist-die-schoenste-Essenz-Neuenglands.html oder der NZZ: „Erinnerung an den Walfang im Zeitalter der Segelschiffe“: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/articleE89Y3-1.42304

Philip Hoare
Leviathan oder Der Wal
Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe
Übersetzt aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring
Originalausgabe: Fourth Estate, 2008
diese Ausgabe: mare, 528 S., mit zahlreichen Abbildungen, 2013

Advertisements

2 Responses to “Philip Hoare: LEVIATHAN oder Der Wal”

  1. Karin Says:

    Habe ich doch schon gemacht, lieber Flattersatz, nachdem ich es auf Ihrem anderen Blog noch als ungelesenes Exemplar entdeckt hatte -:)))
    mare hat ähnlich wie Matthes und Seitz wunderschöne Naturbücher im Gepäck und man kann eigentlich alles ungeprüft erstehen.
    Die Lektüre habe ich noch vor mir, freue mich aber doppelt darauf, nachdem ich Ihre Rezension gelesen habe.

    bei YouTube gibt es eine zauberhafte Fotoserie „Wale von Vancouver“

    mit nettem Abendgruß von mir an Sie
    Karin

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: