Martin Suter: Die Zeit, die Zeit

3. Dezember 2013

Der Begriff der „Zeit“ gehört ebenso wie der mit ihr so eng verbundene des „Raums“ zu den (wissenschafts)philosophisch und naturwissenschaftlich am schwersten fassbaren, allzu leicht versagt unsere Vorstellungskraft vor deren Komplexität. Typisch ist ein Blick in die Wiki: Dort wird aufgeführt, was der Begriff „Zeit“ beschreibt (nicht, was sie ist), zusammenfassend und simplifizierend eine Abfolge von Ereignissen. Hier knüpft Suter mit seinem Roman „Die Zeit, die Zeit“ an, nämlich an die Umkehrung dieses Gedanken: wenn keine Ereignisse stattfinden bzw. Änderungen eintreten, die auf Ereignisse zurückzuführen sind, so existiert die Zeit nicht, Zeit ist eine Illusion, hervorgerufen durch Veränderungen. Redewendlich ist dies wohl bekannt, man redet ja häufiger bei Szenerien, die alte Zustände darstellen: „.. als ob die Zeit stehen geblieben wäre.“ Zeit ist also hier nicht die Grundvoraussetzung dafür, daß überhaupt etwas geschehen kann.

Physikalisch hat sich mit Einstein die Vorstellung eines vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums durchgesetzt, in dem jedes Ereignis einen bestimmten Koordinatensatz hat. Stimmen für jetzt z.B. für zwei Menschen diese Koordinaten überein, kann man sich ziemlich sicher sein, daß sich beide an die Stirn greifen und Entschuldigungen murmeln, da sie ganz offensichtlich zusammen geprallt sind, es gibt ganze Versicherungszweige, die genau davon leben….

Grundprämisse des Suterschen Plots ist der konträre Gedankengang der (fiktiven) „Kerbelianer“, i.e. der Anhänger eines gewissen (und ebenso fiktiven Walter W. Kerbeler), die überzeugt davon sind, daß es keine Zeit gibt, sondern nur Veränderungen, die die Illusion von „Zeit“ hervorrufen. Ferner postulieren sie eine gewisse Art von Reversibilität, kann man nämlich die Veränderungen, die sich relativ zu einem bestimmten Zeitpunkt ergeben haben, rückgängig machen, so kann man auch dieses Ereignis rückgängig machen…

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Peter Taler, 42 Jahre alt, der Protagonist des Romans, ist nur mäßig erfolgreich in seinem Beruf in der Finanzabteilung eines größeren Bauunternehmens. Im Moment stockt es sowieso, da Taler sich noch in einer intensiven Trauersituation befindet, die ihn lähmt, ihn aus der Zeit geworfen hat. Jeden Abend versucht er, die Situation des letzten Abends vor einem Jahr, an dem Laura, seine Frau vor der Haustüre erschossen wurde, nachzustellen, er kocht das gleiche Essen, deckt den Tisch für zwei, läßt Zigaretten im Aschenbecher abbrennen. Und er schaut mit einem unbestimmten Gefühl auf die Straße, irgendetwas für ihn im Moment noch nicht greifbares hat sich verändert. Suspekt ist ihm vor allem der alte Nachbar von gegenüber, der seine Frau vor vielen Jahren ebenfalls verloren hat.

Um diese suspekten Veränderungen sicht- und greifbar zu machen, fängt Taler an, seine Umgebung zu fotografieren und die Fotos zu vergleichen, vor allem, was sich in Nachbars Garten abspielt.. ich will es kurz machen, irgendwann stellt sich heraus, daß er seinerzeit vom alten Nachbarn beobachtet wird.. So kommen die beiden Witwer letztlich ins Gespräch und der alte Knupp weiht Taler in den Kerbelianismus ein und erläutert seinen Plan: Er will alle Veränderungen der näheren Umgebung relativ zum Todestag seiner Frau von ca. zwanzig Jahren (wenige Tage nach dem Tod von Roy Black….) rückgängig machen in der Erwartung, daß dadurch die Illusion von Zeit ausgeschaltet wird und in gleicher Weise die Veränderung im Leben seiner Frau, nämlich der Tod, nicht stattgefunden hat. Aber um das durchzuführen, braucht der Knupp Hilfe und dazu will der den Taler ködern, mit Fotos nämlich, die er vor einem Jahr aufgenommen hat und mit deren Hilfe unter Umständen der nie gefasste Mörder von Laura dingfest zu machen ist….

Taler läßt sich auf den ihm obskur erscheinenden Deal (Hilfe gegen Fotos) ein, bleibt aber voller Zweifel – aber ebenso voller Hoffnung. Suter schildert nun in gewohnt routinierter und eloquenter Weise die nächsten Monate, in denen die beiden Männer alle Energie darauf verwenden, das sehr aufwändige Projekt der „Veränderungsrückgängigmachung“ zu realisieren: die Häuser in der Straße müssen wieder auf alt gemacht werden, die Pflanzen in den Gärten sind neu oder (wie die Bäume) in den letzten 20 Jahren gewachsen.. die alten Autos auf den Parkplätzen… wie gesagt, sehr aufwändig, das Ganze….

Der 11. Oktober ist das Datum des Show-Downs, der Zeitpunkt, auf den alles hinläuft, der auch den erzählerischen Spannungsbogen Suters fixiert. Werden die beiden ihr Projekt bis dahin realisiert haben und was wird an diesem Tag geschehen? Nun, der Schriftsteller hat die Definitionsgewalt, in seinem Roman ist er der König, nein, schon eher so etwas wie ein Gott: er kann schaffen und vernichten ohne Erläuterung und Begründung, aus eigener Macht heraus. So macht es Suter hier auch, der 11. Oktober kommt und… tja.

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Mit die „Die Zeit, die Zeit“ hat Suter im Prinzip eine Art Zeitreiseroman geschrieben, eine Reise zurück in der Zeit, indem man in gröbster Näherung die damaligen Zustände wieder herstellt. In gröbster Näherung bedeutet, an der Oberfläche, denn man kann natürlich versuchen, die alten Automodelle, die seinerzeit auf dem Parkplatz standen, zu besorgen und wieder dort abzustellen, nur: was ist mit dem Inneren, mit dem Handschuhfach, mit dem Radio, mit dem… es ist ein schwacher Plot, den Suter sich ausgedacht hat, voller Inkonsistenzen, voller Unlogik. Zumindest an einer Stelle fällt es Suter selbst auf: was das Wetter angeht, läßt er seine Protagonisten einfach hoffen….

Die Idee hätte dann tragen können, wenn sich Suter mehr auf die Personen konzentriert hätte, also die Idee der inexistenten Zeit als Produkt eines durch eine pathologischer Trauer verwirrten Hirns genommen hätte. Dazu bleiben aber die Figuren zu farblos, zu flach, vor allem Knupp ist eindimensional, als Figur ähnlich flach und geglättet wie seine botoxgespritzte Stirn.

Auch eine Diskussion des Begriffs „Zeit“, der gedanklichen Schwierigkeiten beim Fassen des Begriffes, die Begrenztheit unseres Vorstellungsvermögens, ist im Roman nicht zu finden. Dies hätte dem Buch eine vllt andere, philosophische Wendung gegeben, Suter hat darauf verzichtet.

So beobachten wir also in Suters Roman letztlich zwei Männer, die wie Kinder im Legoland Figuren hin- und herschieben und die glauben, damit den Gang der Welt verändern zu können. Können sie es? Wie schon beschrieben, in seinem Roman ist der Autor König….

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Da es mein Interessengebiet tangiert, habe ich den Roman aber ebenfalls unter einem weiteren Aspekt gelesen, auf den ich kurz eingehen möchte. Mit Taler und Knupp hat Suter zwei Witwer in den Mittelpunkt seiner Geschichte gestellt, zwei Männer, die vor vielen Jahren (Knupp), bzw vor einem Jahr (Taler) ihre Frau verloren haben. Beide geben sich eine deutliche (Mit)Schuld an deren Tod, da sie vorher gewisse weichenstellende Entscheidungen getroffen worden hatten. Trauer ist ein sehr individueller Prozess, jeder Mensch trauert anders und unterschiedlich lang. Die Grenze zu therapiebedürftigen Trauervorgängen oder gar zu krankhaften ist sehr schwierig zu ziehen. Aber mit Taler und Knupp beschreibt Suter zwei Charaktere, die diese Grenze deutlich (Knupp) überschritten haben bzw. sie merkbar berühren, wie Taler.

Treffend und einfühlsam schildert Suter die Einsamkeit der Männer, ihr Bemühen, die Zeit aufzuhalten (oder zu überlisten): man läßt die Zimmer der Frauen unverändert, behält Rituale bei, um so die verlorene Gegenwart der Geliebten ein wenig mit dem Gefühl aufzufüllen, sie würde gleich.. oder sie wäre… die glimmende Zigarette, das zweite Gedeck… Leben kommt in diese beiden Männer erst durch ihren aberwitzigen Plan bzw. durch die Arbeiten, ihn umzusetzen: Taler hat ein Ziel, kann Handlungskompetenz beweisen. Auch der Zusammenbruch des ikonenhaften Bildes von Laura, das er kultiviert hat, hilft ihm – auch wenn sich später dann alles als ganz anders herausstellt… der alte Knupp hingegen ist gefangen in einer Vorstellung, in einer Welt, die nicht mehr zu korrigieren geht, er fokussiert einzig und allein auf ein Heilsversprechen hin, dem er sich verschrieben hat – ohne wenn und aber scheut er vor keiner Konsequenz zurück. Es ist das einzige, was ihn noch am Leben hält….

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Was ich bisher geschrieben habe, klingt nicht sonderlich begeistert, ist es auch nicht. Was jedoch die Fähigkeit Suters ausmacht, ist die Tatsache, daß das Buch trotz dieses recht schwachen Plots spannend und unterhaltsam ist, man ist neugierig, wie es ausgeht, man geht auch als Leser falschen Fährten auf den Leim, die der Autor uns anbietet. So habe ich das Büchlein, obwohl ich es mir kurzfristig überlegte, dann doch nicht weggelegt, sondern zu Ende gelesen. Aber Begeisterung ist anders….

Nur eine Anmerkung:

Zu Beginn von Kapitel 19 wird die in den betrachteten 20 Jahren stark gewachsene Birke gestutzt und gefällt. Wenn das die Berufsgenossenschaft (oder die anloge Schweizerische Organisation) liest… Suter stellt seine Gärtner tatsächlich mit der Motorsäge auf die oberste Sprosse einer Leiter! WoW! Großes Kino… wenn das nicht mal schon fast suizidal ist…. ;-)

…. und dann noch eine:

ein Zitat von der hinteren Umschlagseite: „… verwischt souverän die Grenze zwischen Unterhaltung und Literatur …“ (Annemarie Stoltenberg, NDR). Da ist wieder diese unsägliche Einstellung, daß zwischen Literatur und Unterhaltung angeblich eine Grenze verläuft, d.h., Unterhaltendes a priori erst mal keine Literatur ist und Literatur nicht unterhaltsam ist.

Martin Suter
Die Zeit, die Zeit
diese Ausgabe: Diogenes, HC, 304 S., 2012

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4 Responses to “Martin Suter: Die Zeit, die Zeit”

  1. seestern12 Says:

    Ich werde mit Suters Büchern nicht warm. Gibt es ein gutes Buch, das sich als Einstieg eignet?

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  2. atalantes Says:

    Ich habe vor einigen Jahren „Der letzte Weynfeldt“ auf einer langen Autofahrt gehört. Dafür eignen sich Suters Romane gut, denn sie sind sehr beschreibend erzählt. Allerdings hat mir genau dies meine nachfolgenden Versuche auch verleidet. Zumal seine Figur Almen wie ein Klon Weynfeldts erscheint.

    Bei „Die Zeit, die Zeit“ empfand ich diese ausufernden Beschreibungen ermüdend. Außerdem bleiben, wie Du es bereits erwähnt hast, die Hauptfiguren zu glatt, sie zeigen keine Tiefe.

    Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Geschichte zu Ende hören möchte.

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    • flattersatz Says:

      die früheren roman suters haben mir eigentlich immer gut gefallen, neulich haben wir bei uns im lesekreis den „letzten weynfeldt“ gelesen, das war eine durchaus lohnende lektüre. auch die enge welt (small world) habe ich in guter erinnerung, an die anderen romane kann ich mich jetzt nicht mehr so gut erinnern. mit dem „koch“ hat das gefallen dann risse bekommen, den fand ich überfrachtet an themen, allmende habe ich mir aufgrund der kritiken daraufhin auch garnicht mehr angeschaut. diese „zeit…“ ist mir von einer bekannten gelobt worden, die war von dem roman angetan…. na ja, ich bin es jetzt nicht so, aber so ist das eben… ich denke, das war jetzt auch erst mal mein letzter versuch mit suter.
      lg
      fs

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