Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich

30. November 2013

Die Autorin dieses nachdenklich stimmenden Buches, Christiane zu Salm, ist eine bekannte Persönlichkeit im Bereich Medien [1]. Hier legt sie eine Sammlung von Texten mit und zu einem Thema vor, das man einer solchen Profession nicht erwartet. Warum eigentlich nicht? Nun, wahrscheinlich, weil man hier wieder mal einem schönen, eingefleischten Vorurteil aufsitzt: Medienleute sind oberflächlich und dem Schein ergeben, nicht dem Sein… Christiane zu Salm jedenfalls schildert einleitend zu ihrem Buch, wie sie im Rahmen ihrer Qualifikation zur Sterbebegleiterin die Aufgabe bekommen hatte, innerhalb einer Viertelstunde ihren eigenen Nachruf zu schreiben unter der Voraussetzung, sie würde in Kürze sterben. Eine derartig unverblümte Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod ist nicht einfach… Jedenfalls hat ihr diese Aufgabe die Idee gegeben, andere Menschen und zwar solche, die tatsächlich erwarten mussten, bald zu sterben, um das Schreiben eben solcher Nachrufe zu bitten. So ist daraus diese Sammlung von Selbstbeschreibungen meist sterbenskranker, aber manchmal auch „nur“ alter Menschen entstanden. Folgerichtig ist unter den meisten der Beiträge dieses Buches eine Notiz: „verstorben im Jahr 201*“ zu finden….

Deswegen jetzt die Flügel hängen lassen, das wäre nicht meine Art.

„Dieser Mensch war ich“ enthält ca. 80 selbstverfasste Rückblicke, die einen Umfang von jeweils zwischen 2 und knapp 3 Druckseiten haben, Frauen und Männer kommen alternierend zu Wort. Die Verfasser haben offensichtlich eine entsprechende Vorgabe über die Textlänge gehabt, was hier geschrieben steht, sollte also in der Rückschau gesehen tatsächlich die subjektiv jeweiligen Höhe- aber auch Tiefpunkte eines Leben umfassen, ohne allzusehr davon abzuschweifen. Um ihre „Nachrufe“ gebeten wurden ganz „normale“ Menschen, denen keine Prominenz zukommt, viele von ihnen leb(t)en in Hospizen. Erfährt man von der Freude, von einem 1-Sterne-Koch bekocht zu werden, weiß man sogar sofort, in welchem.. [2]

Es sind alltägliche Leben, die vor uns ausgebreitet werden: die Kindheit in einem mehr oder weniger behüteten Elternhaus, die Schule, die erste Liebe und dann vllt auch die große, die Kinder und der Beruf und dann der Schock der Krankheit. Erfüllte und unerfüllte Träume, Versäumnisse und Schuldgefühle, auch Beichten und Bekenntnisse, die zuvor nicht gewagt wurden… ein Resümee eines gelebten Lebens. Und dann? Jetzt, am Ende, das mehr oder weniger bald erreicht sein wird? Steht dort Angst vor dem Tod, die Ungewissheit über das „danach“?

Alltägliche, in diesem Sinne banale Lebensläufe, das heißt auch: wir als Leser finden uns darin wieder, ältere Leser vllt mehr als jüngere, weil sie einfach schon eine weitere Strecke durch das, durch ihr Leben gewandert sind. Es erschreckt manchmal, macht mehr wie nachdenklich. Nicht, weil man nicht um die eine oder andere Lebenslüge, die man aus Angst oder auch „nur“ Bequemlichkeit kultiviert, wissen würde, sondern weil in diesen kurzen Texten deutlich wird, welche Belastung sie für das Leben sein können und sie es am Ende des Weges dann auch sind.

So stehen jetzt, vor dem Tod, auch die Beichten. Dort hat einen Frau nachts als Prostituierte gearbeitet, um sich den den geringen Verdienst aus dem öden Job aufzubessern. Wie wird es die Tochter aufnehmen, wenn sie sich bzw. die Mutter wieder erkennen sollte und hier erfährt, daß sie von einem Freier stammt? Eine andere Frau arbeitete nachts noch nebenher in einer Spielbank, ein Mann hat aus einem Seitensprung ein verheimlichtes Kind, fand aber nie den Mut, dies zu beichten – bis jetzt…. Schuldgefühle, weil ein Sohn sich, so ungeliebt, wie er sich fühlte, suizidierte… Vorwürfe, jetzt noch, nach Jahrzehnten, an die eigenen Eltern, den eigenen Vater, der nie, nicht ein einziges Mal gesagt hat, daß er stolz auf seinen Sohn sei… man liebte die eigenen Kinder, aber man konnte sie nicht so sein lassen, wie sie waren, Zerwürfnisse waren die Folgen, die bereut werden…

Träume, Wünsche – erfüllt und unerfüllt… doch nicht mehr mit dem Mann einen Swinger-Club besucht, nur ein einziges Mal, aus Neugier… gut, daß ich meinen Traum erfüllt hatte und nach Amerika gereist war… den Mut hatte, alles zu kündigen und nach Thailand zu fahren, einfach dort am Strand zu sitzen… das eigene Restaurant eröffent (jetzt hat man eine Nische hinter der Garderobe abgeteilt, in die er auf seinem Bett geschoben werden kann, um die Gerüche der Küche zu riechen, die Unterhaltungen der Menschen im Lokal, die Atmosphäre zu geniessen, glücklich zu sein…. )

Welche Leben wurden geführt, das eigene oder auferlegte? So lange wurde die eigene Homosexualität verschwiegen, viel zu spät sich dazu bekannt. Die Eltern wünschten, daß die Kneipe vom Sohn übernommen wird.. jetzt, vor seinem eigenen Tod, verschenkt er sie an seine Kumpel, die sie verkaufen sollen, um nicht gefesselt zu sein von ihr… Rollenverständnisse, denen man sich fügte, die Frauen vor allem waren/sind es, die zurückgesteckt haben.. jemand anderes wiederum konnte keine Nähe zulassen, blieb ein ganzes Leben lang allein…

Wenn ich so überlege, ob ich mal jemanden hätte umbringen können,
fällt mir spontan mein Mann ein.“

So spiegeln die Rückblicke alle möglichen Gefühle wieder, Wut, Zorn, Fatalismus, Sarkasmus, Angst und Niedergeschlagenheit. Aber, und das gibt Mut, die meisten der Menschen sind in der Rückschau recht zufrieden mit ihrem Leben, in der Summe zumindest, haben es angenommen und akzeptiert. Sie haben es, so wie sie es angetroffen haben, als Herausforderung angenommen und akzeptiert, versucht, es aktiv zu leben, sich nicht vom Schicksal treiben zu lassen, sondern es selbst in die Hand zu nehmen. Die großen Lebenslügen und Versäumnisse, die Sachen, über die nie gesprochen wurde oder werden konnte, das sind die Belastungen, die die Seele niederdrücken. Wichtig sind die Familie, die Freunde, das nicht allein sein, sich aufgehoben fühlen…

Auf was ist man stolz in seinem Leben, was hat man geleistet, was war einem so wichtig, daß man ihm jetzt auf dem beschränkten Platz, den man hat, Raum einräumt…. der auf der Drehbank gedrehte Kerzenständer bei dem einen, die Gartenlaube bei dem anderen… viel ist es nicht, was man erwähnt findet…. das Leben gelebt zu haben, hat dies jemand als Leistung, seine Leistung, gewürdigt?

Kaum jemand hat Angst vor dem Tod, was nicht so sehr erstaunlich ist, da Menschen, die im Hospiz leben, wissen, wie es um sie steht und dies auch meist akzeptiert haben. Wie wird es einem selber gehen, wie wird man sich selbst fühlen? Kann man diesen letzten Ratschlag dann befolgen:

… Macht euch die letzten Tage schön! Pumpt euch zu mit Schmerzmitteln,
sodass ihr nichts spürt, und dann habt Spaß! Jeden Tag, bis zum letzten.

P.S.: Wie würde, dieser Frage sollte man nicht ausweichen, der eigene Rückblick aussehen? Natürlich überlegt man sich das beim Lesen dieses Buches (für das man sich Zeit nehmen sollte) auch des öfteren. Ein Blatt Papier, ein Bleistift und eine Viertelstunde Zeit der Nachwelt zu übermitteln, was das eigene Leben, das bald zu Ende sein wird, ausmachte. Das kann schwer sein… aber es gehört, wenn man den Kundigen glauben darf, zur „ars moriendi“, zur Kunst des Sterbens, die zu beherrschen eine Kunst des Lebens ist [3].

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Seite zu Christiane zu Salm: http://de.wikipedia.org/wiki/Christiane_Kofler
[2] Dörte Schipper: Den Tagen mehr Leben geben, https://radiergummi.wordpress.com/2010/06/30/dorte-schipper-den-tagen-mehr-leben-geben/
[3] Mehr Bücher zum Thema im Themenblog: Sterben, Tod und Trauer

Christiane zu Salm
Dieser Mensch war ich
Nachrufe auf das eigene Leben
diese Ausgabe: Goldmann, HC, ca. 265 S., 2013

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3 Responses to “Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich”

  1. Xeniana Says:

    Das kommt auf meine Liste! Danke.

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  2. […] “Dieser Mensch war ich” gefunden bei radiergummi […]

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