Otto Dov Kulka: Landschaften der Metropole des Todes

26. November 2013

Der israelische Historiker Otto Dov Kulka [1] hat mit „Landschaften der Metropole des Todes“ ein sehr persönliches Buch herausgebracht. Das Thema des Buches mit dem etwas sperrigen Titel wird im Untertitel deutlich: Auschwitz einerseits und andererseits die Möglichkeiten der persönlichen Auseinandersetzung und Bewältigung des dort Erlebten. Das Buch ist hochgelobt und ausgezeichnet [2].

Kulka wurde 1933 in der Tschechoslowakei geboren. Zusammen mit seiner Mutter wurde er in das Lager Theresienstadt deportiert [4], von dort aus kamen die beiden im September 1943 nach Auschwitz, wo sein Vater Erich schon seit 1942 Häftling war [6]. In Auschwitz widerfuhr ihnen ein „seltsames“ Schicksal, seltsam gemessen an der pervertierten Normalität des Lagers, denn der Transport aus Theresienstadt ging nicht über die Selektion, ihm wurden nicht die Haare abgeschnitten. Die 5000 Menschen kamen in ein separates „Lager BIIb“, das allgemein als „Familienlager“ bezeichnet wurde [3]. Dort hatten die Kinder einen eigenen Block und schliefen nachts bei den Müttern, die Insassen organisierten Bildungs- und Kulturveranstaltungen, denen auch SS-Angehörige beiwohnten. Der Sinn dieser Enklave, in der die Sterblichkeitsrate an „natürlichen“ Todesursachen aber der im übrigen Lager durchaus glich, war reine Propaganda: Delegationen wie vom Roten Kreuz sollte die gute Behandlung der Juden in den KL demonstriert werden können. Nach einem halbem Jahr wurden die Insassen des Familienlagers selektiert (aber nicht ohne daß sie vordatierte Postkarten an den Angehörigen schreiben mussten), die allermeisten kamen ins Gas und neue Häftlinge wurden ins Lager gebracht.

Gott möge das Blut der Unschuldigen rächen.

Der 10jährige Junge überlebt diese Selektionen durch Zufälle und Unergründliches: einemal liegt er mit Diphterie auf der Krankenstation, ein andermal akzepiert ein Wärter – ähnlich wie bei Krüger [4] – seine Behauptung, er sein schon älter als er aussieht. Schließlich werden Mutter und Sohn getrennt, ein Abschiedsbrief der Mutter kann gerettet werden. Die Mutter wird in das KL Stutthof [5] bei Danzig gebracht, bringt dort einen gesunden Bruder des Autoren zur Welt. Der Säugling wird ermordet, die Mutter kann fliehen, sich verstecken, wird krank und stirbt. Daß die Mutter sich beim Weggehen nicht mehr zu ihm umdrehte, kann der Junge nicht fassen, es ist ein ewig währender Schmerz in ihm.

Vater und Sohn Kulka kamen bei der Evakuierung von Auschwitz  im Januar 1945 in einen der berüchtigten Todesmärsche, auch sie konnten – wie die Mutter – entfliehen, im Gegensatz zu dieser überlebten sie aber.
Soweit der biographische Hintergrund des Buches…

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Kulka hat den Krieg, hat Auschwitz überlebt. Nach dem Krieg wurde er Historiker, hat in Jerusalem an der Universität gelehrt. Er hat sich auch als Historiker mit dem Thema der Judenvernichtung, des Holocaust, der Endlösung befasst [1b], er betont jedoch in seinem Buch mehrfach, daß er dies als Historiker streng wissenschaftlich getan hat, jeden persönlichen Bezug zu diesem Thema strikt vermieden hat. Kulka wich diesem Thema also nicht aus, er war auch z.B. als Zeuge im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts reiste Kulka mit seinem Vater auch noch einmal nach Auschwitz selbst, besuchte Birkenau, das Lager, sah die noch stehenden Reste der Zäune und Zaunpfähle, die gesprengten Krematorien.. sie reisten der Weichsel nach, der „Wisla zla“, der bösen Weichsel, wie sie genannt wurde wegen des Unheils, das sie bei Überschwemmungen anrichtet. „Die böse Weichsel“ – für Kukla bedeutet es noch etwas anderes, verbindet dieses Wasser, dieser Strom doch Auschwitz mit Stuffhof bei Danzig, dem Lager, in das seine Mutter zum Schluss gekommen war. Sie fanden das Lager, natürlich, diese riesige Fläche, den dunklen, morastigen Wald. Lederstücke lagen herum, Kulka nahm ein so wie er einen verkohlten Ziegelsplitter vom Krematorium genommen hatte. Später sollte er erfahren, daß nicht nur die Frauen aus Auschwitz nach Stutthof gebracht worden waren, sondern auch die den Vergasten abgenommenen Schuhe: zum Sortieren und Verwerten. Der Lederstreifen, den er aufgehoben hatte, stammt von so einem Schuh, überall waren sie zu finden. Die beiden Männer fanden auch die Grabstelle, an der 1945 eine Frau mit falschem deutschen Namen begraben worden war, hier konnte der Sohn endlich das Kaddisch für die verstorbene Mutter sprechen.

Kulkas Reflexionen erinnern „atmosphärische“ sehr stark an das bewegende Buch von David Grossman: „Aus der Zeit fallen“, das ich hier vor einigen Monaten schon vorgestellt habe [7]. So unterschiedlich beide Bücher auch sind, behandeln sie doch ein Thema, das in seiner Ungeheuerlichkeit kaum in Worte zu fassen ist. Beide Autoren sind aus der Zeit, aus dem Raum gefallen. Bei Kulka äußert sich das beispielsweise in der Tatsache, daß er Auschwitz wie eine aus dem normalen Leben ausgeschlossene Exklave beschreibt. Wer einmal unter Auschwitz bzw. das dort herrschende „Gesetz des Großen Todes“ gefallen ist, bleibt für immer in dessen Händen, Auschwitz läßt niemanden mehr los. Bildlich manifestierte sich dies z.B. bei seiner Mutter: die Weichsel verband das neue Lager wie eine Nabelschnur mit Auschwitz, aus Auschwitz reisten ihr sogar die Schuhe nach.. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, die der Große Tod offen ließ, Auschwitz zu verlassen: durch den Schornstein…. das war der Ausgang. Und sonst nirgends.

„Der Große Tod“, die „Gewissheit des Großen Todes“, das „unabänderliche Gesetz des Großen Todes“, die „Metropole des Todes“ oder auch „der tropfende Tod auf weißem Schnee“: wie fasst man solches Schicksal in Worte? Kulka ringt um Worte und  Formulierungen, er wählt Bilder, Metaphern um die inneren Landschaften, seine private Mythologie zu beschreiben, es ist der Große Tod, den er in Ausschwitz verortet, in der Metropole des Todes, dort herrscht sein unabänderliches Gesetz, dem beide unterworfen sind, Täter und Opfer. Es ist, um deutlich zu machen, was Kulka meint, eine makabre Szene, wenn er z.B. die Strafzeremonie, mit der Sträflinge mit Stöcken auf den Kopf verprügelt werden oder wenn wieder eingefangene Flüchtlinge gehängt werden (und den Tanz der Gehenkten aufführen) als eine Art Pantomime, in großer Stille aufgeführter Pantomime, schildert, ein Schauspiel, das fast ritualisiert abzulaufen scheint. Es ist nicht verwunderlich, wenn Kulka hier Parallelen zieht zu Kafka: „In der Strafkolonie“ : „Der Grundsatz, nach dem ich entscheide: Die Schuld ist immer zweifellos“ [8] und vollstreckt wird hie und da mit einer bis zur Perfektion hin durchkonstruierten Maschinierie (die dann aber letztlich versagt und ihren Meister selbst meuchelt)….

Kulka hat offensichtlich Jahrzehnte gebraucht, bis er innerlich in der Lage war, dieses Buch oder besser gesagt, ein Buch mit diesem Inhalt, in die Öffentlichkeit zu bringen. Es ist in den „Landschaften… “ das ausserwissenschaftliche formuliert, hervorgesucht aus den Erinnerungen, zurückgeführt auf das Empfinden des 10jährigen, der er damals war. Es ist das, was er Jahrzehnte lang  in seiner Arbeit vermieden hat, zu tun, ebensowenig, wie er sich anderer Überlebender Erinnerungsstücke angeschaut/-gehört/-gelesen hat [10]. Es ist entstanden aus Tonbandnotizen, aus Eintragungen in sein Tagebuch, es ist ein Ringen um Worte, um Deutungen, um Erinnerungen. Es sind verstörende Erinnerungen dabei, Erinnerungen, die es in die Titelzeilen der Besprechungen im Feuilleton gebracht haben… Schon Imre Kertész beschreibt in seinem „Roman eines Schicksallosen“ Glücksmomente im Lager: „… Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslage, müßte ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen. … “ [9]. So wie Kertész sich auf Glücksmomente besinnt, sind Kulkas Erinnerungen auch von der Schönheit des Lagers geprägt: das Leuchten der Lichterketten beim Eintreffen des Transportes in Auschwitz, vor allem aber das Blau des Himmels über Polen, über der Metropole des Todes: „Und auch das ist ein unabänderliches Gesetz, aus dem es kein Entrinnen gibt. Man entrinnt der Schönheit nicht, dem Gefühl der Schönheit, auf dem Höhepunkt und inmitten des Großen Todes, der alles beherrscht.„. Beides ist nicht zu trennen, die graue Farbe des Großen Todes und das wundervolle Blau, das sich 1944 über das Birkenau spannte…

So ist für Kulka eine innere Mythologie des Ortes, des Lages entstanden, eine Mythologie, die keinen Bezug hat zu anderen Mythologien und Bildern. Geradezu erstaunt und erschrocken fragt er sich, ob mit ihm selbst darob alles in Ordnung sei, denn er kann in anderer Betrachtungen zu Auschwitz „..nicht finden, was sie vermitteln wollen!“ und er deutet dies wieder mit einem Bild Kafkas, dem von dem Mann, der vor dem offenen Tor des Gesetzes steht, das hinter ihm dann geschlossen wird, denn es war nur für ihn bestimmt….

Der Tod war eine elementare Begebenheit, deren Herrschaft über jeden von uns nicht in Frage gestellt werden konnte.

„Die Unabänderlichkeit des Großen Todes“ und Auschwitz ist seine Metropole, hier stehen alle unter seinem Gesetz, das sie niemals wieder verlassen können. Auschwitz ist immer bei ihnen, den Überlebenden. Der Große Tod ist fast so etwas wie ein Todesgott, die Absolutheit, in der Kulka ihn empfindet, hat fast religiöse Intensität. Jedem in Auschwitz ist klar, daß er ihm und seiner Willkür unterworfen ist. Jeder Marschkolonne im Lager kann jederzeit der Befehl gegeben werden, in Richtung Gaskammer und Krematorium abzubiegen, wo sich das Gesetz erfüllen wird.

Kulka ist als 10jähriger in das Lager gekommen, in einer Phase, in der sich Weltbilder formen. So, wie für Kinder, die im Krieg aufwachsen, der Krieg der Normalzustand ist, konnte Kulka mit dem Lagerleben besser umgehen als viele Erwachsene, für die ein existierendes Weltbild, nämlich ihr persönliches, im Lager zerborst. Für Kinder waren die Gesetze des Lagers die erste Norm, der sie sich unterwerfen mussten. Das schließt die Angst nicht aus, die fürchterliche Angst angesichts des Todes, aber es ließ sich einfacher zurecht kommen mit den Verhältnissen.

Auschwitz, das Familienlager, hat den Autoren auch in anderer Weise geformt. Er erzählt, wie hier, im „Kulturzentrum“, wenige hundert Meter entfernt von den Schornsteinen, aus denen die Flammen schlugen, seine ethischen Grundlagen gelegt wurden, es war der Ort mit Konzerten und Theateraufführungen, hier wurde im Kinderchor Beethovens/Schillers „Ode an die Freude“ eingeübt und die „Stimmchen der Kinder begleiten die dunklen Kolonnen, die ganz langsam in den Krematorien verschwinden…„. Hier wurde von Älteren, quasi als Vermächtnis, Bildung weitergegeben, Kenntnis über Dichter und Denker, hier wurden auch Rachegedanken und Vergeltungsphantasien gesponnen: „Die Lösung der deutschen Frage„…

Die „Landschaften der Metropole des Todes“ sind kein Geschichtswerk und kein biographisches Werk im strengen Sinn. Zu unsystematisch, zu sprunghaft sind die Gedanken, die keiner strengen Chronologie folgen, sondern die in ihrer inneren Logik zuende gedacht werden. Es ist in der Tat eine Landschaft entstanden, eine Seelenlandschaft, eine individuelle Landkarte innerer Zustände, der Erkenntnis auch, daß der „Große Tod“ Auschwitz` immer noch Besitzansprüche anmeldet und für sich reklamiert. Es ist ein ungeschönter Blick, den Kulka uns Lesern erlaubt, ein Zugang zu sich, der nicht immer auf Anhieb verständlich ist, der uns aber, da er tief unter die Sicht auf die grausame Oberfläche reicht, so deutlich wie selten macht, mit welcher Absolutheit Auschwitz ein Reich des Todes war – überspannt von einem einzigartigen Himmelsblau, illuminiert von Lichterketten und erleuchtet von flackernden Flammenschwertern.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Dov_Kulka
[1b] vgl. z.B. hier: http://www.worldcat.org/identities/lccn-n87-933518
[2] hier ein Beitrag mit Interview anläßlich der Verleihung des Geschwister-Scholl Preises: Andreas Trojan: „Das Prisma des historischen Denkens„, in: http://www.boersenblatt.net/648464/
Martina Weibel: Otto Dov Kulka erhält den Geschwister-Scholl-Preis,  http://www.zeitgeschichte-online.de/geschichtskultur/otto-dov-kulka-erhaelt-den-geschwister-scholl-preis
[3] vgl. z.B.: http://de.wikipedia.org/wiki/Theresienstädter_Familienlager oder http://www.holocaust.cz/de/history/events/family_camp
[4] Ruth Klüger: weiter leben: https://radiergummi.wordpress.com/2012/11/10/ruth-kluger-weiter-leben/
[5] Wiki-Seite zum KL Stutthoff: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Stutthof
[6] Wiki-Seite zu Erich Kulka: http://en.wikipedia.org/wiki/Erich_Kulka
[7] David Grossman: Aus der Zeit fallen, https://radiergummi.wordpress.com/2013/02/19/david-grossman-aus-der-zeit-fallen/
[8] Franz Kafka: In der Strafkolonie, https://radiergummi.wordpress.com/2010/08/03/franz-kafka-in-der-strafkolonie/
[9] Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, https://radiergummi.wordpress.com/2010/01/04/imre-kertesz-roman-eines-schicksallosen/
[10] Susanne Urbar: Nichts ist dem Himmel über Auschwitz vergleichbarhttp://www.tribuene-verlag.de/UrbanKulka.pdf
Ergänzung: am 19. Dezember erschien auf Spiegel online dieses Interview mit Kulka: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/erinnerungen-an-den-auschwitzprozess-vor-50-jahren-in-frankfurt-a-939624.html

Otto Dov Kulka
Landschaften der Metropole des Todes
Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft
Übersetzt aus dem Hebräischen von Inka Arroyo Antezana, Anne Birkenhauer und Noa Mkayton
Originalausgabe: London, (Ursprungstext in hebräisch)
diese Ausgabe: Deutsche Verlagsanstalt DVA, HC, 192 S., 2013

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2 Responses to “Otto Dov Kulka: Landschaften der Metropole des Todes”


  1. Erinnerungen werden ja nicht, wie allgemein angenommen, schwächer mit der Zeit, nein, sie werden stärker, plastischer, drängen sich immer mehr in die Gegenwart, bis sie die Gegenwart schließlich einnehmen, ablösen, selbst Gegenwart werden.

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    • flattersatz Says:

      ich habe viel nachgedacht über deinen kommentar. ich stimme dir zu, solch traumatische erinnungen können einen menschen besetzen, sein ganzes leben bestimmen. sie ziehen ihn dann in die vergangenheit zurück, lassen ihn weder gegenwart, geschweige denn zukunft leben. man kann sie auch nicht verbannen oder auslöschen, man muss lernen, damit zu leben, sie so zu integrieren, daß der blick nach vorne wieder frei wird. leicht gesagt…

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