Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….

18. November 2013

„Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….“ ist ein kleiner, recht zügig zu lesender Roman des argentinischen Schriftstellers Edgardo Cozarinsky, der 1939 als Sohn russischer Emigranten in Buenos Aires geboren wurde. Seine Eltern stammen aus Odessa/Kiew [3], einer Region, die auch in diesem Roman eine Rolle spielt.

Die Handlung des Romans erzählt er uns in zwei Ebenen. Die Geschichte spielt in Argentinien. Als Rahmenhandlung beschreibt er einen jungen Mann, den Ich-Erzähler, Sohn einer jüdischen Mutter, der sich für eine Abschlussarbeit ein etwas abseitiges Thema aussucht, nämlich die Geschichte des jiddischen Theaters in Argentinien. Das Jiddische, in einer kurzen Blüte auf dem Weg von der Alltags- in eine Kultur- und Literatursprache [5], wurde kurze Zeit später von den braunen Horden durch das Morden der Sprecher in die Beutungslosigkeit hinein gemerzt, das Jiddische ist eine Sprache, der die sie Sprechenden abhanden gekommen sind, das jiddische Theater, so die Äußerung, die unser Erzähler immer wieder hört, ist tot.

In einem Altenheim trifft der Erzähler aber auf Samuel Warschauer, einen alten jüdischen Bandoneonspieler. Dieser stirbt jedoch noch bevor er aus seinen Erinnerungen erzählen kann. Allerdings hinterlässt er dem jungen Mann einen Schuhkarton, gefüllt mit Prospekten alter Theater und alter Aufführungen, die es nicht mehr gibt. Besonderes Interesse weckt das Libretto des jiddischen Theaterstücks „Der moldawische Zuhälter“.

Es erzählt, wie die jungen Mädchen in einer Schenke am Prut einem melancholischen Geigenspieler nachlaufen, ihm zurufen, sie mitzunehmen nach Amerika und wie ein Rattenfänger führt er sie auf ein Schiff. Angekommen im fremden Land werden sie Männern vorgestellt, sie werden begutachtet, das Gebiss wird geprüft, ihr Geschlecht kritisch beäugt [6]. „Taube“ heißt das Mädchen, in dem Theo Auer, der – wie der Erzähler eruiert – der Autor des Stückes ist, das Schicksal dieser jungen Frauen fokussiert, sie wird hier verhökert in eins der „unmoralischen Häuser“, gehört jetzt einer Zuhälterorganisation, der Zwi Migdal [1, 2]. Aber das Mädchen ist rebellisch, lehnt sich auf, versucht, eine der gemeinen Madames, die die Häuser leiten, zu töten. Jedoch nimmt der geläuterte Geigenspieler die Schuld auf sich und geht ins Gefängnis, wo er von den Mädchen besucht wird, die ihm Geschenke bringen…. ein durchaus fragwürdiges Libretto, eine krude Handlung, aber – wie wir erfahren – ein allerdings relativ erfolgreiches Theaterstück….

„… mit der ich anfing, aus Fragmenten der Wirklichkeit,
aus ein paar Namen und Daten,
das Leben von Figuren zu einem Roman zu gestalten
und ausgehend von
lediglich erahnten Umständen ihre
Geschichte zu erfinden….“

Mit diesem Geständnis verläßt der Autor seine Rahmenhandlung und schickt uns weit zurück, in die Zeit Ende der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Er stellt uns Zsuzsa vor, ein neunzehnjähriges Mädchen… in der alten Heimat, mit dreizehn, wurde sie von den Eltern mit einem Kuss auf die Stirn zum Vermieter geschickt, die aufgelaufene Mietschuld zu begleichen.. jetzt ist sie seit zwei Monaten hier in Argentinien in den Händen der Zwi Migdal, kann nicht lesen noch schreiben, ist durch verschiedene Häuser gereicht worden, bis sie jetzt hier bei Doña Carmen gelandet ist.

Hier hat sie neben all den Männern, die sich zu ihr legen, einen anderen kennen gelernt, einen jungen Mann, Samuel Warschauer, der sich Zeit nimmt für sie und Gefühle in ihr weckt, die sie noch nicht kennen gelernt hatte. Er entführt sie aus dem Haus, versteckt sich mit ihr, lebt mit ihr zusammen und verdient durch seine Musik ihrer beider Lebensunterhalt. Dabei lernt er Perl kennen, die tanzen kann und singen, Perl Ritz, ein Name, den unser Erzähler in den Unterlagen gefunden hatte…. Mit Perl zusammen geht er nach Buenos Aires, von einem Theatermann hingelockt… und so wie in der alten Heimat Zsuzsa die Miete zahlte, tut es hier Perl, über Jahrzehnte hinweg, die Geschichte wiederholt sich….

So erdichtet und erfindet der Ich-Erzähler schließlich die möglichen Lebensläufe dieser Menschen, von denen er wenig weiß, aber viel ahnt. Und in seinen Gedanken wiederholt sich die Geschichte, denn, so hatte ihm Samuel Warschauer vor seinem plötzlichem Tod gesagt, gute Geschichten machen sich selbstständig  und irgendwan ist es egal, ob sie wahr sind oder nicht… und doch, am Ende seiner Suche und seiner Rekonstruktion kommen ihm die Zweifel ob dem, was er macht….

***************************

In „Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….“ mischen sich Fiktion und Realität einer Geschichte, von Lebensläufen derart, daß sie praktisch ineinander laufen. Dabei, so eine Erkenntis des Erzählers, wird von der Fiktion eine Folgerichtigkeit erwartet, die die Realität, die Wirklichkeit, bei weitem nicht aufweist. Was bleibt, sind bedauernswerte Schicksale, arme Teufel, die sich abmühen, um ihr Leben zu gestalten.

Was ich nicht im Fokus hatte und was mir durch diesen Roman schmerzlich zu Bewusstsein gekommen ist, ich muss es zugeben, war die Existenz jüdischen Lebens in Südamerika vor der durch die Nazis ausgelösten Emigrationswelle, die ja auch dorthin schwappte. Das „schmerzlich“ bezieht sich auf diese Art und Weise, wie diese Mädchen aus bitterster Armut mit falschen Versprechungen und viel Hoffnungen in noch größeres Elend gelockt wurden. Dabei waren die Zuhälter der Zwi Migdal oft selbst Juden, legten die Gebetsriemen um und besuchten die Synagoge, in der sie unter anderem dann auch Mädchen (ver)heirateten, um sie an sich zu binden. Wie bekannt kommt einem das vor aus modernen Zeiten, auch heutzutage gibt es diese Frauen aus Osteuropa und Asien, nach Westen gelockt durch das Versprechen von Geld, Ruhm oder einfach nur Arbeit, den Pass abgenommen, landessprachunkundig und gefangen… die Geschichte wiederholt sich….

Edgardo Cozarinsky bricht dieses gesellschaftliche Phänomen herunter auf konkrete Personen und Lebensläufe, er macht das Ungeheure dadurch anschaulich und direkt. Entstanden ist ein atmosphärisch dichtes Buch voller Melancholie und Hoffnungslosigkeit, durchströmt immer wieder von den elegischen Melodien des Tangos und des Bandoneons…. Cozarinsky Roman ist, wie Danares es ausdrückt: „.. eine literarische Perle für jeden, der einige Stunden in die jüdische Kultur Lateinamerikas eintauchen möchte.“

Links und Anmerkungen:

[1a] http://einestages.spiegel.de/s/tb/28986/juedische-prostitution-in-suedamerika-leidensweg-der-weissen-sklavinnen.html
[1b] Gert Eisenbürger: Doppelt ausgegrenzt: Jüdische Prostituierte in Argentinien und Brasilien, in: http://www.ila-bonn.de/artikel/ila334/juedisches_prostituierte.htm
[2a] Wiki-Artikel zu Zwi_Migdal
[2b] The Awareness Center: Understanding the Zwi Migdal Society, in: http://theawarenesscenter.blogspot.de/2012/12/understanding-zwi-migdal-society.html
[2c] The Awareness Center: Case of The Zwi Migdal Society, in: http://theawarenesscenter.blogspot.de/2007/05/case-of-zwi-migdal-society.html
[3] Wiki-Artikel zum Autoren
[4] zur Lebenssituation der Juden im Raum Odessa zur vorletzten Jahrhundertwende habe ich vor einiger Zeit zwei Bücher vorgestellt, beide Bände sind in „Die Andere Bibliothek“ erscheinen: (i) Isaak Babel: Erste Hilfe und vor allem auch: Vladimir Jabotinsky: Die Fünf
[5] die Geschichte des Jiddischen als Literatursprache ist Thema dieses wunderschönen Buches, auch erschienen in „Die Andere Bibliothek“: Gilles RozierIm Palast der Erinnerung
[6] man kann es sich wohl so vorstellen, wie es Gerome hier in einem anderen Zusammenhang eingefangen hat: Der Sklavenmarkt

Edgardo Cozarinsky
Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich…
Übersetzt aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, TB, 144 S., 2010

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4 Responses to “Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….”

  1. danares Says:

    Freut mich sehr zu lesen, dass Dir dieser kurze aber gewichtige Roman ebenfalls gefallen hat. Ich halte Cozarinsky wirklich für einen großen Erzähler, der auch hierzulande ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verdient hätte…. Viele Grüße, Andrea

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    • flattersatz Says:

      liebe andrea, ich muss dir auf jeden fall für den hinweis auf das buch danken. vllt besorge ich mir noch einen titel von ihm, er hat soweit ich das jetzt aus dem kopf rekapitulieren kann, „frauen aus odessa“ oder so ähnlich geschrieben. seit ich die angeführten bücher aus der anderen bibliothek gelesen habe, ist das so ein wenig mein „interesse“. weißt du, was mir gerade aufgefallen ist? atmosphärisch erinnert mich dieses flatterhafte büchlein an zafon, das hineinfühlen in alte dokumente, welche schicksale verbergen sich hinter dürren worten und zeilen…

      dir auch liebe grüße
      fs

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  2. Xeniana Says:

    Macht neugierig!

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