Michel Bergmann: Die Teilacher

14. November 2013

Michel Bergmanns Roman „Die Teilacher“ führt uns in den matschigen Winter des Jahres 1972. Alfred Landau stapft zu leicht bekleidet durch das Wetter, um im Jüdischen Altenheim das Zimmer seines „Onkels“ David Bermanns auszuräumen. David Bermann, der Freund seiner Mutter, mit dem er Zeit seines Lebens ein gutes Verhältnis hatte, auch wenn der Kontakt in den letzten Jahren, seit er als unbedeutender Schauspieler in Italien lebt, verflachte, war Teilacher in Frankfurt am Main gewesen und nicht irgendeiner von ihnen, nein, er war der „Einstein unter den Teilachern“ und die Teilacher waren die jüdischen fahrenden Händler, die in der Nachkriegszeit übers Land (und durch die Städte) fuhren und die Leute keilten, sprich, ihnen mit viel Geschick und Chuzpe Waren verkauften.

Alfred räumt die Sachen seines Onkels zusammen, findet Bilder, Briefe, Erinnerungsstücke. Nach der Beerdigung, auf der er das Kaddisch spricht, sitzt er zusammen mit den anderen Teilachern, mit denen David zusammenarbeitete, mit Emil Verständig und Jossel Fajnbrot, die zu denen gehörten, die nach dem Krieg für Max Holzmann arbeiteten und viel Geld verdienen wollten, um dann wegzugehen…

.. wegzugehen.. nur wohin? Wer nahm nach dem Krieg die übrig gebliebenen Juden auf? Man hatte überlebt, in Nordafrika, versteckt in Belgien, weit weg in Shanghai…. Der Amerikaner wollte sie nicht wirklich, so wenig wie der Brite. Manche gingen nach Palästina und einige gingen zurück in das Land, in dem sie noch vor wenigen Monaten vergast wurden. Sie saßen auf gepackten Koffern, stets auf dem Sprung aber nie wirklich bereit zu gehen [6].. und so blieben sie hier und vermittelten auch der nachfolgenden Generation das Gefühl, nur „auf Zeit“ hier im Land zu sein… sie schauten den Deutschen ins Gesicht und fragten sich, was hast du gemacht, wo warst du in dieser Zeit.. sie lebten in einem abgeschlossenen Kosmos, was in Deutschland geschah, interessierte sie nur insoweit, als sie davon betroffen waren. Oder getroffen wurden, ins Herz nämlich, wenn sie auf einmal so einer blonden Schickse gegenüberstanden, die die Mauer um ihr Herz sang- und klanglos einriss und die selbst derart zur „Juddenutt“ wurde.

„… and it was no more heard of.“

Sie erzählen von früher, von der Zeit vor dem Krieg, von ihrem Leben, ihren Möglichkeiten, von ihrem Zögern angesichts der heraufziehenden Gefahr, die von allen unterschätzt wird… sie haben die Lager überlebt, haben ihre Leidensgenossen in Asche und Rauch aufgehen sehen, haben sie in die Öfen gesteckt und die Farbe Lila ruft noch nach Jahren Panik in ihnen hervor, denn es ist die Flammenfarbe brennender Menschen.. sie sind die einzigen ihrer Familien, die überlebt haben, und zwar nicht nur den Krieg, sondern auch die Zeit danach. Ihre Wohnungen waren bewohnt, als sie zurückkamen, die neuen Mieter aßen von ihrem Besteck, saßen auf ihren Stühlen und dachten garnicht daran, das wieder aufzugeben. Man war unwillkommen, das Überleben der KZs sozusagen ein ungeplanter Betriebsunfall, aber was nicht ist, kann ja noch werden… deswegen ging zum Beispiel Holzmann, nach dem Krieg im „heimatlichen“ Polen fast totgeschlagen, wieder nach Frankfurt, in die Steinwüste [4], wo kaum noch ein Stein auf dem andern stand, wo Gesetz und Ordnung oft nur auf dem Papier existierten, wo die Unterkünfte oftmals mehr Höhlen glichen als Wohnungen, wo überleben nur möglich war, wenn man sich behaupten konnte ….

Hier, in diesem Frankfurt, trafen sie aufeinander, der Berufsflaneur und begnadete Teilacher Bermann und der vom Leben und Überleben gezeichnete Holzmann, der keine Gefühle mehr zuließ. Bermann hatte den Krieg anfangs in Frankreich überlebt, was auch nicht einfach war, denn die Sympathie der Franzosen für Juden hielt sich in Grenzen, und für Bermann war die Grenze überschritten, nachdem man ihn ins Vélodrome d’Hiver gebracht hatte, zusammen mit Tausenden anderen [5]. Er floh und meldete sich in Nordafrika zur Fremdenlegion, die eine jüdische Brigade aufgestellt hatte. Nach dem Krieg ging er zurück nach Paris, doch in Paris fühlte er sich nicht mehr heimisch, er war allein und fremd geworden und so ging er zurück in seine Heimatstadt.

Die Schicksale auch der anderen waren unterschiedlich und doch so ähnlich. Entwurzelt, allein, desillusioniert, die Hoffnung auf eine Zukunft, die sie aber nicht benennen konnten. Geld verdienen, um weggehen zu können, aber wohin? Und mit wem? Man blieb unter sich, hier verstand man sich, hier fand man sein eigenes Schicksal wiedergespiegelt in den Erzählungen der anderen. Man blies keine Trübsal, nein, das nicht, man genoss das Leben durchaus mit den Möglichkeiten, die es (wieder) bot, aber man war nicht sesshaft, man fühlte sich auf der Durchreise. Und nicht jeder kam mit dem Schicksal klar, Treblinka forderte auch dann noch seine Opfer, als das Lager schon lange geschlossen war.

So ganz dunkel kann ich mich noch erinnern an solche fahrenden Händler aus meiner Kinderzeit. Ob es Teilacher waren oder andere Trödler, ich weiß es nicht mehr. Auch die heute Sinti und Roma – damals noch anders  – genannten, zogen durch die Siedlungen, ihnen voraus ging der Ruf, alles in Sicherheit bringen zu müssen… Bergmann erzählt einiges vom „Keilen“ der Kunden durch die Teilacher, eigentlich verkauften die nicht, sondern kassierten Lohn für eine reife Schauspielerleistung, das war sozusagen „Stand-up“-Theater vom Feinsten… manch einer der Käufer wird sich nach dem Kauf auch die Augen gerieben haben. Den Teilachern war es egal, sie waren nicht interessiert an den Deutschen und wenn die Bahnler abkassiert waren wusste man ja noch, wo die Postler wohnten…. Eine verschworene Clique, zusammengeschweißt durch ein Schicksal, ein eigener Kosmos, nur Frauen und wenige Männer von „aussen“, die Zutritt bekamen und aufgenommen wurden. Begabt und intelligent wie sie waren, über Jahrhunderte durch behördliche Auflagen reduziert auf wenige Tätigkeiten, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, waren sie geübt im Handeln und Verkaufen, sie verdienten gut, hatten Ideen, bauten Beziehungen auf, konnten investieren, diversifizieren.. Max Holzmann beispielsweise stieg zusätzlich noch ins Immobilengeschäft als Vermieter ein, es wurde ein Taxi-Geschäft aufgebaut, mit dem vorzugsweise Amis durch die Gegend geschaukelt wurden…

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Bergmann hat seine Geschichte der Teilacher um Max Holzmann mit viel Liebe geschrieben, die Dialoge und Gespräche, die er seinen Figuren in den Mund legt, sind zum Teil wie eine Lektion in angewandtem jüdischem Humor, es ist eine Mischung aus Schlagfertigkeit und Fatalismus, gemischt mit Doppeldeutigkeiten und Wortspielen, eine Melange, die zuweilen so makaber wirkt, daß das Lachen im Hals stecken bleibt („Da war ja im KZ mehr los!“ wenn es mal irgendwo etwas ruhiger war).  Aber wo, wenn nicht im Witz, kann man die Ungeheuerlichkeit eines solchen Schicksals in Worte fassen, ohne daß man daran zerbricht? Sie Überspielen ihre Einsamkeit, ihre Entwurzelung, richten ihre Hoffnung aus auf .. tja, was eigentlich?

Bergmanns Roman ist ein Rückblick auf eine chaotische und wilde, auch gesetzlose Zeit, die Nachkriegszeit in Frankfurt. Eine Zeit, in der überlebt werden musste, die dem, der zuzupacken verstand, Chancen bot – bei oft hohem Risiko. Es mutet absurd an, daß zu dieser Zeit Juden wieder nach Deutschland zurückkamen, der Antisemitismus war ja nun nicht verschwunden, er durfte nur nicht mehr ausgeübt werden, spürbar war er noch, die Ressentiments begegneten im Bus genauso wie an der Haustür…  Nur – jetzt konnte man sich wehren. Aber man kannte Deutschland, man sprach die Sprache und man hatte das Leben dort geliebt, so wie David Bermann und man hatte jetzt hier die Möglichkeit, sich was aufzubauen, in einem Land, das so zerstört war – auch moralisch – das es alle Möglichkeiten bot.

„Die Teilacher“ kommt ohne Wehleidigkeit aus und ohne Anklage, die Tatsachen, die Lebensläufe und Schicksale sprechen für sich, den moralischen Zeigefinger braucht es nicht extra. Dabei vermeidet bzw. tritt der Autor auch einer Stilisierung entgegen, wer Auschwitz überlebt hat, hat kein reinigendes Fegefeuer überlebt und ist jetzt noch lange kein Heiliger. Im Gegenteil, die Lager konnte überhaupt nur der überleben, der bereit war, andere zu opfern. Und auch das war eine allenfalls notwendige, keineswegs eine hinreichende Bedingung für das Überleben. Und so gelingt dem Roman das, was in Deutschland eher selten zu finden ist: die unterhaltsame, kurzweilige aber nie despektierliche Auseinandersetzung mit seiner braunen Vergangenheit, zumindest einem Aspekt davon.

Links und Anmerkungen:

[1] „Die Teilacher“ auf Michel Bergmanns Website: http://michel-bergmann.de/?page_id=5
[2] Was den von mir hier in der Buchvorstellung weniger referierten Vorkriegsteil angeht, ist das Buch von Roberta S. Kremer (Hrsg): Zerrissene Fäden, in dem die Entstehung und der Niedergang der jüdischen dominierten Textilwirtschaft und Warenhauskultur (Hertie (Hermann Tietz) und Wertheim als Beispiele) beschrieben wird, eine hilfreiche und interessante Ergänzung
[3] Was ist jüdischer Witz: http://www.jiddisch.org/witz/humor.htm. Wer Zugriff darauf hat, für den ist natürlich das Buch von … Landmann: Der jüdische Witz von großem Interesse, zumindest zum Durchblättern. Den ubiquitären Witz, den man leicht variiert überall erzählt findet (und der auch bei den Teilachern eingebaut ist), will ich hier auch nicht verschweigen: „Ein Ingenieur kommt in ein polnisches Städtchen, bestellt beim jüdischen Schneider dort eine Hose. Die Hose wird nicht rechtzeitig fertig und der Ingenieur fährt weg. Jahre später kommt er wieder hin – da bringt ihm der Schneider die Hose. Ingenieur: „Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen, und Sie brauchen sieben Jahre für eine Hose!“ Der Schneider streicht zärtlich über die Hose: „Ja. Aber schauen Sie sich an die Welt – und schauen Sie sich an diese Hose!„“
[4] mit der google-Bildersuche bekommt man einen Eindruck vom Zustand der Stadt Frankfurt nach dem Krieg
[5] vgl. den Roman „Sarahs Schlüssel“ von Tatiana de Rosnay. vgl auch den Wiki-Beitrag zum Velodrom d´Hiver
[6] eine Situation, die fatal an die der ersten „Gastarbeiter“generation erinnert, die ja auch nur für ein paar Jahre nach Deutschland gekommen sind, um dann mit dem verdienten Geld zurück zu gehen….

Michel Bergmann
Die Teilacher
diese Ausgabe: dtv, ca. 288 S., 2011

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2 Responses to “Michel Bergmann: Die Teilacher”

  1. Carolin Says:

    Danke für die ausführliche Rezension.
    Klingt echt sehr spannend.

    Ganz liebe Grüße!

    Gefällt mir


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