Jutta Person: Esel

Der Esel bedeutet immer auch sein Gegenteil.

Unsere alte Eselin Kea, sichelrich schon weit über 30 Jahre alt...
Unsere alte Eselin Kea, sicherlich schon weit über 30 Jahre alt…

Jutta Persons Büchlein (der Diminutiv ist angebracht, es ist in der Tat ein schmales Büchlein im Oktavformat) ist in der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“ des Berliner Verlags Matthes & Seitz erschienen.

„Esel“ ist in zwei Teile gegliedert, im ersten, ca. 120 S. starken Abschnitt reist Person mit dem Leser durch die Kulturgeschichte, um dem Esel in selbiger aufzustöbern, im zweiten Teil werden dann die verschiedenen Arten, Rassen und Hybriden der Esel portraitiert. Damit ähnelt das Buch in seinem Aufbau dem in der gleichen Reihe schon erschienen Portraits über die Krähen. Dies alles ist mit zum Teil wunderhüschen Abbildungen, sprich alten Stichen, Fotos, Gemäldern illustriert.

Der erste, kulturhistorische Teil des Buches widmet sich weniger dem Esel an sich, sondern eher der Sicht des Menschen auf den selbigen. Und diese Sicht, wen wundert es, hat sich im Lauf der Zeit geändert, so wie sich auch die Ansichten der Menschheit im allgemeinen gewandelt haben, sei es nun in kulturhistorischer, philosopher oder auch religiöser Hinsicht.

Die Silhouette eines Esels wird beherrscht von seinen großen, langen Ohren, die er ganz offensichtlich getrennt voneiander asynchron bewegen kann. Nicht von allen wird diese Langohrigkeit goutiert, Nietzsche zum Beispiel, der sich selbst sehr kleine Ohren attestiert und sich damit zum „Anti-Esel“ ausruft, legt dem Tier diese Besonderheit zum großen Nachteil aus. Mag man dem auch nicht so folgen, ob die Ohren nun wirklich ein „V-Zeichen“ bilden, wie andere sagen, sei dahingestellt… in täglichen Leben jedenfalls, so meine Erfahrung, sind die Ohren ein bevorzugtes Körperteil des Esels, das gekrault zu bekommen das Tier heiß und innig liebt. Auch weil sich im Inneren, das stark behaart ist, viele juckende und blutsaugende Insekten festsetzen…

Der Esel ist dumm, störrisch, häßlich und geil. So der vermenschlichende Blick des Menschen auf das Tier. Dabei ist er doch nur so, wie er ist, und befasst man sich mit ihm, ist vieles nachvollziehbar. Die Schönheit liegt eh im Auge des Betrachters und ist der Mode unterworfen, die sprichwörtliche Duldsamkeit des Grautiers ist nicht Dummheit, das vorgeblich Störrische ist Vorsicht und Klugheit: ein in Panik weglaufender Esel würde sich (in dem Landschaftstyp, aus der die Art stammt) im steinigen Geröll die Knochen brechen. Die Geilheit, nun ja, die Liebe der Esel verläuft heftiger und stürmischer als zum Beispiel die der Pferde, ein Grund mit dafür, daß Verpaarungen der beiden Gattungen nicht immer einfach sind. Andererseits – der Esel hat auch seine erotische Ausstrahlung auf manche Menschen, schon in den Lügengeschichten des Lukian: „Lucius und der magische Esel“ [2] wird recht eindeutig benannt, worauf es der Dame angekommen. Der in der Geschichte wieder in einen Menschen zurückverwandelte Esel wird, nachdem er der Dame, der er vorher in Eselsgestalt  beiwohnte, auch als Mensch offen und unbekleidet gegenüber tritt, beschieden, er solle sich abmachen, denn „.. nicht du, armseliges Ding, sondern der Esel war es, den ich liebte, (NSFW!) und da du zu mir kamst dachte ich nichts anderes als du werdest das verdienstlichste deiner vorigen Gestalt aufzuweisen haben: aber leider! sehe ich dich aus dem schönen und nützlichen Thiere, das du wars, in einen — Affen verwandelt.“ Ohne dieses Thema jetzt über Gebühr auszuschmücken sei nur der Gleichstellung von Mann und Frau wegen erwähnt, daß selbstverständlich auch die andere Kombination der Geschlechter vorkommt, wie diese persische Miniatur (NSFW!), die Midas Dekkers in seinem der Erscheinung der Zoophilie gewidmeten Buch: „Das geliebte Tier“ [3], zeigt (a.a.O. auch die Abbildung „den ich liebte„, die einen thematisch ähnlichenes Motiv aus einer späteren Epoche stammend wiedergibt).esel-03

Der Esel ist das sprichwörtliche Arbeitstier, das des öfteren unter seiner Last zusammenbricht, es sind grausame Bilder, die sich dem Herzen einprägen…. er ist genügsam und anspruchslos, läßt sich ohne Gegenwehr prügeln und schlagen. Person erwähnt eine Vielzahl von alterthümlichen Schriften über die Natur, in denen der Esel Erwähnung findet. Diese beiden Bildchen sind dem Thierleben nach Brehm entnommen [1], in dem der Verfasser auch eine sehr lebendige Beschreibung ägyptischer Verhälnisse gibt, denn  Kairo ist (nach Brehm) die hohe Schule für alle Esel: esel-04
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Die beiden Abbildungen der Esel zeigen den Gegensatz zwischen dem stolzen Wildesel, der aufgerichtet und beobachtend in der Landschaft steht, im Gegensatz dazu der gebückt dastehende Hausesel, nach hinten ausschlagend, die Ohren angelegt und im Ganzen einen heimtückischen Eindruck verbreitetend. Im Hintergrund die Mühle zeigt, das dieser gezähmte, domestizierte Esel angebunden ist an den Menschen….

So streifen wir mit Person durch die Geschichte, machen einen feuilletonistischen Abstecher zu einer Eselsherde auf der schwäbischen Alb, betrachten die Rolle des Grautiers in der christlichen Tradition. Schließlich ist Jesus demütig auf einem solchen Grautier in Jerusalem eingeritten (der gekreuzte Aalstrich auf dem Eselsrücken zeugt symbolisch noch heute davon) und nicht stolz und machtbewusst auf einem Ross; die weihnachtliche Krippe ist ohne Ochs und Esel nicht vorstellbar. Aber der Esel ist immer auch sein Gegenteil: in der christlichen Ikonographie steht er auch für den Teufel, der wie der Esel bei der Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr schreit, weil die Zahl der Gläubigen und die der Heiden gleich geworden ist und das Reich der Finsternis abnimmt [4]. Auch im alten Testament hat der Esel seine Auftritte, schließlich ist er eines der ältesten domestizierten Tiere überhaupt.

Der Esel (tot oder auch lebendig) als (Lieferant von) Arzneimittel, die sprichwörtliche Eselsmilch als Pflege- und Schönheitsmittel, das spätestens mit Elizabeth Taylor bekannt geworden ist. Ausführlich geht Person auf die Eselsgeschichte des Goethefreundes Johann Heinrich Wilhelm Tischbein ein, in der das verkannte Tier „zum Träger von Ideen, aus denen der Tischbein-Icherzähler einen Heilsplan zur Rettung der Menschheit und zur Veredelung seiner selbst zusammensetzt.“ wird.

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Ein gesondertes und ausführliches Kapitel widmet die Autorin der Physiognomik, die aus sich ähnelnden äußerlichen Merkmalen auf innere Eigenschaften zu schließen versucht. Obwohl mir beim Lesen nicht ganz klar geworden ist, wer Henne, wer Ei war… übertrug man nun die menschlichen Charaktereigenschaften auf den Esel/das Tier oder war es eher umgekehrt…. ? jedenfalls: Lavater ist hier ein Name, dessen Träger Bedeutung zukommt…

Natürlich spielt der Esel in der Literatur seine Rolle, die Eselsgeschichten Tischbeins wurden schon erwähnt, der treue Sancho Pansa ritt ihn und in Shakespeares Sommernachtstraum spielt er eine wichtige Rolle,  Robert Louis Stevenson beschriebe eine Reise mit einem Esel durch die Cevennen, während eher volkstümlich bei Karl May Sam Hawkins sein Maultier „Mary“ nannte…. seltsamerweise erwähnt Person die Rolle des Esel in Märchen und Fabel nur am Rande, den sprichwörtlich gewordenen Dukatenesel beispielsweise, der vorne und hinten die Goldstücke von sich gibt. Aber auch in der Fabel taucht der Esel auf, wenngleich seine Rolle hier selten rühmlich ist, steht er doch für faule und dumme Adlige [5].

Was dem Büchlein vielleicht auch noch zum Vorteil gereicht hätte, wäre ein kurzer Ausflug gewesen zur modernen Sicht auf den Esel. Nachdem er (in unseren Breiten) kein Nutztier mehr ist, dessen Arbeitskraft ausgenutzt wird, ist er mehr und mehr zum Spaßtier, zum Sympathieträger geworden, wie dieser Glasuntersetzer  aus Irland zeigt. Er ist ob seiner Geduld und Duldsamkeit ein Liebling der Kinder, die ihn ohne Ende streicheln können, er geniesst es, ohne daß die Gefahr besteht, daß er – wie seine „edleren“ Verwandten, die Pferde es vllt täten – auskeilt und -tritt. Er wird als Werbeträger eingesetzt und für die armen Exemplare der Gattung gibt es „Hospize“ [6], in denen sie ihren artgerechten Lebensabend verbringen können….

Trotzdem ist das Büchlein ein unterhaltsamer, lehrreicher Ausflug in eine Abteilung der Kulturgeschichte, die man ohne Anlass wahrscheinlich nicht häufig besucht. Da es weniger um den Esel geht als mehr um unsere Sicht auf ihn, schweift die Autorin manchmal, wenn sie sich auf Begrifflichkeiten konzentriert, etwas ab, um dann am Ende des Abschnitts festzustellen, daß dieser oder jener der erwähnten Autoritäten leider nichts über den Esel gesagt habe…. Es ist intelligent, witzig und kurzweilig geschrieben, in schöner Aufmachung veröffentlicht. Und für alle, die noch ein wenig mehr über Esel erfahren möchten (und nicht so sehr über das, was wir von ihnen halten oder in ihnen sehen) bietet der zweite Teil auch grundlegende Informationen über die einzelnen Rassen, die es weltweit gibt. Nichtsdestotrotz sollte man sich im Klaren darüber sein, daß das kleine Liebhaberbändchen kein Buch der Praxis ist, das Hilfen gibt zur Haltung des Grautiers. Seinen durchaus respektablen Preis ist es für Bücherfreunde in seiner Ausstattung  jedenfalls wert.

Links und Anmerkungen:

[1] Brehms Tierleben, Dritte, gänzlich neubearbeitetet Auflage von Pechuel-Lösche, Säugetiere – Dritter Band, Bibliographisches Institut, 1891
[2] zitiert nach: Lukian von Samosata, Lügengeschichten und Dialoge, in der Übersetzung von Christoph Martin Wieland 1788/89, neu herausgegeben in „Die Andere Bibliothek“, Bd. 1, S. 211
[3] Midas Dekker: Das geliebte Tier, dieses Ausgabe: rororo 1996
[4] Sachs, Badstübner, Neumann: Christliche Ikonographie in Stichworten, Koehler & Amelang, 1991
[5] Link gelöscht, funktioniert nicht mehr.
[6] z.B.: The Donkey Sanctuary von Elisabeth D. Svendsen in England mit Tausenden von Eseln

Hinweis: nicht alles, was ich geschrieben habe, wird man im Buch wiederfinden. Da der Esel mir nicht gänzlich unbekannt, habe ich mir erlaubt, ein paar eigene Gedanken in diesen Buchhinweis hineinzuschreiben…..

Bildquellen: Die Bilder im Beitrag sind nicht dem Buch entnommen. Bild 1 (Esel) und Clip: (c) flatter satz, übrige Bilder aus [1], das Physiognomiebild ohne Nachweis, ansonsten ist die Quelle im Text angegeben

Jutta Person
Esel
Ein Portrait
diese Ausgabe: Reihe Naturkunden No. 5, Hrsg. Judith Schalansky, Matthes & Seitz, Berlin, HC, ca.148 S.,

Als Zugabe… dies hier ist unsere Kea auf dem allabendlichen Weg in den Stall (youtube-clip. 19 sec. Länge), den sie selbstverständlich völlig selbstständig geht, ohne daß man sie treiben muss oder ihr gar den Weg zu zeigen hätte. Es ist einfach nur das Weidetor zu öffnen und brav trottet das Tier allabendlich in seinen Stall….

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6 Kommentare zu „Jutta Person: Esel

  1. Deine Vorstellung des Buches klingt ja sehr interessant – und es ist wohl auch wieder so schön gestaltet, wie es für diese Buchreihe üblich ist. Ich erinner mich noch gerne an meine letzte Begegnung mit Eseln auf einem Bauernhof mit gastronomischem Angebot, vielen Tischen draußen, Streichelzoo usw. Wir saßen auf einer Bank in einem überdachten Bereich und plötzlich kamen alle Esel an und stellten sich auch unter die Überdachung. Wir wunderten uns ein wenig, aber nach fünf Minuten war klar, warum sie dort standen: es zog ein Gewitter heran mit Sturmböen und Hagel – und wir saßen alle zusammen gemütlich unter dem Vordach und wurden nicht nass. Schlaue Esel, oder?
    Viele grüße, Claudia

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    1. ein schönes erlebnis, das du da hattest! ja, esel sind schlau und liebenswürdig, obwohl, speziell bei hengsten ist vorsicht schon angebracht, die können auch derbe sein! aber bei z.b. unserem eselchen brauche ich, wenn eine schar kinder auf den losstürmt, um ihn zu streicheln, keinerlei angst zu haben, daß ausgekeilt oder gebissen wird. sie bleibt mit hängender unterlippe (ach, was tut das gut!) stehen und geniesst die einheiten… :-)
      liebe grüße und danke für deinen besuch bei mir!
      fs

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  2. Lieber Flattersatz,
    das war eines der Lieblingsbücher vom Töchting vor 35 Jahren, das Buch gibt es noch heute
    http://www.fischerverlage.de/buch/mein_esel_benjamin/9783737364775
    ich warte auf den auf der Buchmesse bestellten Esel, der scheint störrisch und sich verlaufen zu haben, ich habe schon gemahnt beim Verlag.
    Freue mich doppelt nach dieser Besprechung auf das Bändchen.
    Lieber Gruß aus dem sonnigen November in Hanau
    Karin

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    1. ach du je, den benjamin.. das büchlein kenn ich nur vom titel her. klar, jetzt, wo sie es anführen, fällt es mir auch wieder ein…. ist er jetzt bei ihnen im bücherstall eingetroffen und hat sich heimisch gemacht?
      ist der november bei ihnen immer noch sonnig? hier ist er jetzt eher novembrig, sprich: nebelfeucht und diesig…
      trotzdem und gerade deswegen auch ihnen liebe grüße
      fs

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