Lizzy Doron: Das Schweigen der Mutter

6. November 2013

Spring.
Lauf.
Sing.

Das Buch, das getrost als autobiographisch genommen werden darf, enthält ein Bild, es ist ein Bild aus ihrem Familienalbum, sie, die Autorin hat es sicherlich oft gesehen. Das Bild zeigt sie selbst als kleines Mädchen, in einem Kostüm. Der Blick in die Kamera ist angestrengt, er verdrängt das Kindliche aus dem Gesicht. Wahrscheinlich musste das Mädchen gegen die Sonne schauen. So weit, so alltäglich…. Und doch enthält das Foto ein Geheimnis, auf das die Autorin erst nach Jahrzehnten von einer Freundin hingewiesen wird: die Antwort nämlich auf die große, beherrschende Frage ihrer Kindheit: die Frage nach dem Vater. Jetzt, da man es weiß, ist das Gesicht zu erahnen, die Augen, die Haartolle sind hinter dem Gebüsch zu sehen, der Vater hat sich versteckt, um unerkannt und unbemerkt seine Tochter zu beobachten. Dieser wird das jedoch erst fünfundvierzig Jahre später erzählt.

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Alisa wächst in einem Stadtviertel Tel Avivs bei ihrer Mutter auf. Es ist ein Viertel, in dem viele der Bewohner keine Verwandten mehr haben oder nur wenige, es ist ein Viertel, in dem die Bewohner der Ansicht sind, es gäbe, nein: es gibt schlimmeres als den Tod und wer lebt, hätte immerhin noch die Hoffnung auf den Tod. Es ist ein Stadtviertel, in dem Überlebende der Shoah leben und versuchen, mit dem Leben klarzukommen. Es ist ein Viertel mit Menschen, die einmal Hoffnungen hatten und Träume, die lebten und liebten, die weinten und lachten und vor denen sich dann sprichwörtlich das Tor zur Hölle öffnete. Es ist ein Viertel mit Menschen, die, sehen sie etwas unangenehmes oder schlimmes, sagen, es sei immer noch besser als in Theresienstadt, die verbrannte Kuchen Buchenwald-Gebäck nennen… ein sarkastischer, makabrer Humor ist ihnen eigen, der einem beim Lesen im Hals stecken bleibt. Es ist ein Viertel, in dem Menschen leben, die versuchen, mit ihrem geretteten Leben zurecht zu kommen.

Alisas beste Freundin ist Dorit, die Tochter von Nachbarn. Mit ihr hat sie auch nach Jahrzehnten noch losen Kontakt, ruft Dorit bei ihr an, weiß sie, daß wieder eine Beerdigung anliegt, denn auf Beerdigungen treffen sie sich, um nachher ins Kino zu gehen und Popcorn zu essen. So auch dieses Mal, Fejge, ihre alte Kindergärtnerin, Dorits Tante, ist gestorben.

Mit den Toten kommen die Erinnerungen und mit den Erinnerungen die Fragen… und immer wieder ist es DIE Frage ihrer Kindheit: Habe ich einen Vater, wo ist mein Vater?, die sie heimsucht. Sie weiß es nicht, immer noch nicht, hat die Frage verdrängt, die Leerstelle in ihrem Leben, den leeren Platz ihrer Biographie. Ist jetzt die Zeit reif, läßt es sich jetzt nicht mehr länger verdrängen? Die Mutter, die einst so konsequent schwieg, ist längst tot, immer mehr der damals Erwachsenen sterben oder sind gestorben, damit gehen immer mehr Menschen, die eine Antwort haben könnten, dahin….

Alisa ist hin- und hergerissen. Sie will die Antwort und hat Angst vor ihr. Damals hat sie die fehlende Vaterfigur mit ihrer Fantasie ausgeschmückt, ihn zum Helden gemacht, der als Partisan gekämpft hat, oder befürchtet, er sei ein Handlager der Deutschen gewesen an diesem Ort, den man Shoah nennt. Und heute?

Zusammen mit Dorit geht Alisa in ihr altes Viertel, daß sie jahrelang nicht mehr besucht hatte, schauen die alten Häuser an, in denen sie lebten, sehen die Kinder in ihren Gedanken wieder dort spielen, lauschen, sich streiten und versöhnen….

„Hast du wirklich nichts gewusst?“. Nein, sie hatte nichts gewusst. Wie oft hatte sie ihre Mutter gefragt und jedesmal hatte diese sich daraufhin schweigend, mit zusammen gekniffenen Lippen abgewendet, ist in die Küche gegangen und hat mit einem Messer auf das Gemüse eingehackt und eingehackt und eingehackt….

Der Spott in der Schule ist ihr sicher, sie hat keinen Vater, Chajale zum Beispiel dagegen hat zwei Väter (die zusammen mit ihr und ihrer einen Mutter wohnen…), Könnte sie doch wenigstens einen davon abbekommen! Langsam, sehr langsam erfährt sie das eine oder andere Detail, Bracha, eine weitere Kinderfreundin, die in einem Archiv arbeitet, gräbt vieles verwirrendes aus….

Im Lauf dieser Tage verdichtet sich, was seinerzeit geschehen ist – und was alle wussten, außer Alisa. Alisa sollte, musste, musste auf jeden Fall geschont werden, geschützt werden, behütet werden. Aber um welchen Preis?

Was habt ihr mir eigentlich ersparen wollen?
Warum habt ihr mir nichts gesagt?
Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er lebt?
Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass er gestorben ist?
Was war da?
Gab es vielleicht doch etwas anderes,
ein dunkles Geheimnis, irgendeinen Wahnsinn?

Aber es ist nicht nur Alisa, die ein Schicksal zu tragen hatte, auch ihre Freundinnen waren damit geschlagen, wie sich jetzt, da sie sich gegenseitig öffnen, zeigt. Die zwei Väter von Cajahle, der verwirrte Mann von Dorit (die Alisas Mutter in ihrer Schweigsamkeit manchmal ähnelt) – sie alle tragen ihr Päckchen mit sich.

Langsam hebt sich der undurchdringbare Vorhang des Geheimnisses für Alisa. Episoden der Kindheit, die für sich genommen rätselhaft oder ohne besondere Bedeutung waren, fügen sich nach und nach in ein Bild ein wie Puzzlesteine, die nur darauf gewartet haben, eingesetzt zu werden. Immer klarer wird, was damals passiert ist, immer mehr schnürt sich beim Lesen der Hals zu ob der Tragik, der ungeheuren Last, die besonders die Mutter und der Vater zu tragen hatten…. wie kann man das aushalten? Wie ertragen, ohne den Verstand zu verlieren?

Nur zu einem hatten die beiden keine Kraft: den gordischen Knoten des Geheimnisses, das sie aufgespannt hatten, zu zerschlagen: die Wahrheit zu sagen, zu bekennen und zuzugeben und die ungeheure Last (und auch die mit der Geheimhaltung verbundene nicht auszumalende Belastung für das gesamte Viertel)  von sich zu wälzen  – von sich und der Tochter.

So kann und muss dieser Roman Dorons als Appell auch verstanden werden zur Ehrlichkeit: es ist immer besser eine auch schlimme Wahrheit zu kennen als jahrelang, ein Leben lang mit einer Unwahrheit, vor allem einer Unwahrheit solch lebenszerstörenden Ausmaßes. Man kann lernen, mit einer Wahrheit zu leben, eine Wahrheit dagegen, die man sucht und die vor einem verheimlicht wird, quält ein Leben lang.

Die letzte Szene im Buch mochte ich mir nicht ausmalen, hier hatte ich den bei mir stetig im Kopf mitlaufenden Film, der das Gelesene visualisiert, abgeschaltet. Das stocksteifstarr gewordene Mädchen, das Laufen sollte, Singen und Springen, die verzweifelte Mutter, die es antrieb und der unsichtbare Beobachter im Hintergrund. Keine normale Familie.

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Lizzie Dorons Buch besticht durch seine Sprache, die behutsam ist und sensibel, die trotzdem klar und deutlich ist, ohne zu verletzen. Mit manchmal makabren Humor löst sie Spannungen in ihren Schilderungen auf. Die Menschen, um die es hier geht, haben ihre Verletzungen durch das Leben erlitten, Lizzie Doron erschließt uns ihr Figuren resp. Freundinnen voller Liebe und Zuneigung. Doron schreibt in dem Wissen, daß unser aller Leben nur ein Versuch ist, das bestmögliche daraus zu machen – und daß es menschlich ist, zu fehlen. Es ist auch ein Plädoyer dafür, Lasten zu teilen, um damit die eigene Seele zu entlasten – das Schweigen der Mutter war Bevormundung und Abwehr gleichzeitig, es war verzweifeltes Festhalten an einer Entscheidung, die das Leben – im wahrsten Sinn des Wortes: das Leben – ad absurdem geführt hatte. Gelitten haben alle darunter, ausnahmslos jeder war betroffen. Und so sei die Lehre, daß es langfristig immer besser ist, die Wahrheit zu kennen und zu tragen als sie suchen zu müssen oder sie mit aller Kraft zu verschweigen.

Für die Autorin ist die Suche jetzt vorbei, die große, beherrschende Kinderfrage nach dem Vater beantwortet. Sie hat ihren Frieden gefunden, die Last der ungeklärten Vergangenheit abgeworfen. Und sie kann ihren Frieden auch mit der Mutter machen, deren Verhalten sie bisher nicht verstehen konnte, weil ihr jetzt klar ist, was diese Frau zu tragen hatte. Interessant wäre jetzt natürlich die Frage, ob ein anderes Gefühl, nämlich ein Schuldgefühl eingetreten ist, denn was geschah, geschah in bester Absicht, um nämlich sie, das Mädchen Alisa, zu schützen…

Lizzy Doron
Das Schweigen der Mutter
Übersetzt aus dem Hebräischen von Miriam Pressler
Originalausgabe: Jerusalem, 2010
diese Ausgabe: dtv, ca. 213 S., 2013

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