Assaf Gavron: Auf fremdem Land

Der Klappentext und auch die kurze Inhaltsangabe des Romans auf der Verlagsseite [1] täuschen ein wenig, denn das Buch enthält deutlich mehr als dort angekündigt. Ist in diesen Kurztexten nur von dieser illegalen Siedlung im besetzten Westjordanland die Rede, so thematisiert der junge israelische Schriftsteller Assaf Gavron [2] in seinem recht voluminösen Buch anhand der Lebensgeschichte eines ungleichen Brüderpaares auch das zwischen Orthodoxie und Säkularität zerrissene Israel, eine Tendenz, die ganz real eine Gefahr für die Zukunft des Landes ist.

Wie alles angefangen hat…

Otniel Asis, Buchhalter, in Ma´aleh Chermesch wohnhaft, hält sich zum Vergnügen im Garten und zur Milchgewinnung eine Ziege, und für den frischen Salat seiner Frau zieht er Rucola und Cherrytomaten. Und er sah, daß es gut war. Allein, die Erweiterung der Aktivitäten stößt auf Schwierigkeiten, das Stückchen Land, auf das er seine Auge geworfen hat, beansprucht der Nachbar, ein Winzer, für seine neuen Weinstöcke. Doch (mittlerweile hatte Otniel seinen Brotberuf gekündigt, das Haar mittlerweile wallender und wallender, die Hosen latzig und eines Landarbeiters immer gemäßer) Otniel entdeckte auf seinen Streifzügen in der Umgebung ein Fleckchen Erde, das ihm richtig schien, nicht zu steinig, recht flach, nicht mit Olivenbäumen der Nachbarn bestanden… Einzig – die Pflanzen wuchsen dort nicht, vor Hitze, vor Trockenheit, vor Kälte. Ein Gewächshaus musste her und die Gemeinde erlaubte es, inclusive Container für die Verwaltungsarbeit, die in so einem, ja, doch: „landwirtschaftlichen Betrieb“ unvermeidlicherweise anfällt….

Wie es weiterging….

.. vom Nachbarort droht Gefahr für den sich entwickelnden Betrieb, die Araber des nahen Dorfes Charmisch stehlen die Früchte des Feldes – so sagte man (obwohl es nur einmal so geschah…). Eine Hütte für den Wächter musste also her…. Noch stand Otniel dem Gedanken an eine Siedlung dort oben nicht aufgeschlossen gegenüber, die fehlende Genehmigung, die fehlenden Mittel… aber einer seiner Freunde erzählte ihm von der Spende eines guten amerikanischen Juden, über die er verfügte, der Bau des von Otniel geplanten eigenen Hauses im Dorf verhedderte sich in der Bürokratie… „Zum Teufel mit allen.“ … dazu die Erinnerungen an frühere Zeiten, an die stürmischen Demonstrationen gegen Oslo, an die Intifada…“Zum Teufel mit allen.„…. bald standen sie da oben und mehrten sich, die Büro- und Wohncontainer, die Wohnwagen…

Natürlich, die Genehmigungen fehlten: zum einen die zum Errichten der Siedlung, zum anderen die zum Abriss…. und obwohl illegal und auf Boden errichtet, der zum Teil den Arabern aus Charmisch gehört, zum Teil aber auch zu einem Naturschutzgebiet, in dem Bauen prinzipiell verboten ist, es sind Juden in dieser Siedlung und die müssen geschützt werden. Also interveniert die Armee und stellt Soldaten zum Schutz ab, auch wird Wasser geliefert, ohne das es nicht ginge, Elektrizität wird noch von einem Generator erzeugt, aber man hofft auf eine Leitung, die beantragt ist….

Damit ist das Setting des Romans, denke ich, ganz gut beschrieben: eine von orthodoxen Siedlern gegründete Siedlung im besetzten Westjordanland, die sich im Dickicht der Entscheidungen mehr oder weniger zuständiger Institutionen (und es sind nicht wenige) ziemlich gut behauptet, denn die Siedler, bzw. Otniel, beherrschen die Kunst des Networking via Handy fast in Perfektion: zur Not hilft immer wieder ein Anruf bei jemandem, den man kennt und der sich drum kümmert. Und so übersteht die Wohnwagensiedlung Ma´aleh Chermesch 3 eine Abrissverfügung nach der anderen…..

Ein großer Teil des Buches spielt jetzt natürlich in dieser Siedlung. Viele der Szenen, die Gavron beschreibt, erinnern an die Satiren Kishons, so absurd und widersinnig sind die Aktionen, die der Autor in Szene setzt. Aber Gavron begnügt sich nicht damit, hier slapstickartig eine verschworene Gemeinschaft von Menschen (Ma´aleh Chermesch 3 gegen den Rest der Welt) in ihrem nach außen hin halsstarrig anmutenden Verhalten vorzuführen. Er geht vielmehr auf die Menschen in dieser Siedlung ein, beschreibt sie, charakterisiert sie und versucht, die Beweggründe ihres Handelns deutlich zu machen. Es ist viel Sympathie zu spüren, keine Verurteilung der Menschen und einige der Figuren wachsen einem beim Lesen richtig ans Herz.

Die Kupfers….

Jede der Figuren kommt zu ihrem Recht, aber im Mittelpunkt steht das ungleiche Brüderpaar Gabriel und Roni Kupfer. bzw. Gavriel Nechuschtan, wie sich der Neo-Orthodoxe jetzt nennt. Roni, der vier Jahre ältere kommt in der Eingangszene des Buches Hugo-Boss-gewandet per Anhalter in der Siedlung an und quartiert sich bei seinem Bruder ein. Es ist nicht ganz klar, was Roni gemacht hat, daß er derart unpassend in der judäischen Wüste (in der die Autos Aufkleber haben wie „Oslo-Verbrecher vor Gericht!“ oder „Hebron seit ewig und für immer„) auftaucht, Irgendwas mit Amerika, irgendwas muss dort grandios schief gelaufen sein, denn Roni ist finanziell am Ende, blank.

Sein Bruder – auch sein Schicksal blättert sich wie das Ronis im Lauf der Geschichte in vielen Rückblenden auf – dagegen hat sich bekehrt zum orthodoxen Judentum, das ihm jetzt Leitschnur seines Lebens ist, eines Lebens, das nie unter einem glücklichen Stern gestanden hat, angefangen von dem Moment, in dem die Granate auf den Golanhöhen zwar das Auto der Eltern mit den beiden Kindern nicht traf, statt dessen aber eine Kuh vom Knall wie paralysiert auf der Straße stehen geblieben war… die beiden Kinder wuchsen daher bei Adoptiveltern in einem Kibbuz auf. Während Roni im Großen und Ganzen seinen Weg ging bis hin zum Besitz mehrerer Bars in Tel Aviv, von wo aus er dann in die USA ging, um die Finanzwelt aufzumischen,.. während Roni sich also stetig entwickelte, war dies bei Gabi nicht der Fall. Ab und an trat eine latent innewohnende Aggressivität bei ihm zu Tage und auch die guten Phasen seines Lebens währten nicht lang und endgültig brach ihm das Herz, als Anna und Miki, sein kleiner Sohn, ihn verließen, woran er die Hauptschuld trägt..

Jetzt, nach Jahren, teilen sich die beiden also einen mickrigen Wohnwagen, dem es an praktisch allem, was das Leben einfacher und bequemer macht, fehlt, in einer Umgebung, die keineswegs komfortabler ausgestattet ist…. meist herrscht Schweigen zwischen den beiden, aber es gärt in beiden. Gabi fühlt sich gestört von seinem Bruder und dessen Unverständnis für seine neue Gläubigkeit, Roni dagegen kann diese tatsächlich nicht nachempfinden, außerdem macht ihm der berufliche Absturz ins Nichts schwer zu schaffen. Nur ab und an kommt es zu einem Streitgespräch zwischen den beiden Repräsentanten von Standpunkten, die unterschiedlicher kaum sein können.

Es gibt stärkere Befehle als das, von höherer Stelle.

„Wir haben diese Befehle nicht im Regen ausgehängt,
damit du nachher kommst und sie wieder runterreißt. ….
Das sind Befehle mit der Unterschrift des Staates Israel.“
„Genau“, lächelte Josh, „Bloß Befehle des Staates Israel.
Es gibt stärkere Befehle als das, von höherer Stelle.“

In diesem kurzen Wortgeplänkel steckt meiner Meinung nach fast schon die Quintessenz, um die sich bei diesen illegalen Siedlungen alles dreht: die Siedler glauben sich im Recht, weil sie das Gesetz, das Gebot Gottes umsetzen, das höher steht als die Gesetze eines irdischen Staates. Der Staat ist für sie nur insofern interessant, als daß er sie versorgt (Strom, Wasser, militärischer Schutz etc), ansonsten wollen sie von ihm nichts wissen. So fügt Gavron z.B. einige Episoden in sein Werk, die das alttestamentarische Rechtsempfinden der Siedler verdeutlichen: Auge um Auge, Zahn um Zahn (das ja für sich genommen schon ein Fortschritt war gegenüber maßloser Rache/Vergeltung): man wäscht seine schmutzige Wäsche nicht draußen sondern regelt Probleme intern, sprich über Selbstjustiz. Besonders Gavriel bekommt dies in einem Beispiel zu kosten, andererseits ist ja auch er im Austeilen nicht besonders zimperlich gewesen…

Die Nachbarschaft

Die Araber, die nahe gelegene arabische Nachbarschaft, spielt seltsamerweise kaum eine Rolle in der Geschichte, sie dient meist nur als Hintergrund. Die Siedler sind mit sich und ihrem Staat beschäftigt, fliegt mal ein Stein gegen eine Windschutzscheibe, werden des Nachts im Dorf der ungeliebten Nachbarn auch einige Scheiben zerdeppert. Einzig Roni versucht engere Beziehungen zu einem der arabischen Bauern zu knüpfen, er hat da so eine Geschäftsidee von wegen extra-extra-virgin Olivenöl. Aber diese Kontakte nach „drüben“ machen den Bruder Gabis nicht wirklich beliebter in der Siedlung, sie zerschlagen sich dann auch, weil für Mussa ein anderes Angebot interessanter ist.

Das heißt, so ganz stimmt es nicht, was ich geschrieben habe: Otniels Sohn verbündet sich mit einigen anderen und sie sprengen eine Moschee und sorgen damit für großen Unruhe, für großen Ärger. Es ist „nur“ eine Moschee, die es im „Second Life“ gab, wo sich der Junge mit einigen Gleichgesinnten herumgetrieben hat, bis zu diesem Terrorakt, der ihn zur Besinnung kommen ließ.

„Auf fremden Land“ ist ein Buch voll mit prallem Leben aus einer Weltregion, die seit Jahrtausenden immer wieder für Unruhe sorgt, da sie mit religiösen Heilsversprechungen von verschiedensten Seiten, i.e. Judentum, Islam und Christentum, belegt ist. Und da sich Glaube durch Argumente nur selten zügeln läßt, ist nicht zu erwarten, daß sich das so bald ändert….. Gavron gibt mit seinem Roman einen Einblick in die Mentalität der Siedler in Israel, die sich in besetztem Land festsetzen, da der Staat Israel – zu dem Schluss muss man nach Lektüre des Buches kommen – zu chaotisch ist, um sich, seine übergeordneten Interessen und seine Gesetze durchzusetzen.

Natürlich bietet Gavron uns Lesern in seinem Roman noch deutlich mehr als daß, was ich hier angedeutet habe, schließlich sorgt die kleine Siedlung sogar zu fast weltpolitischen Querelen, und alles nur, weil sich ein Reporter verlaufen hat. Japaner treten auf, aber nur kurz, ein paar Münzen spielen eine kleine Rolle und da auch die Siedler nur Menschen sind mit Gefühlen, begegnen wir auch diesen, mal zarter Natur, mal etwas drängender….

… und wie endet es?

.. na, das verrate ich nicht, nur soviel: es endet irgendwie… israelisch?

Zusammenfassend kann man jedenfalls sagen, daß „Auf fremden Land“ ein intelligenter Lesespaß ist, der seinen satirischen Finger in die Wunden der israelischen Gesellschaft legt, in der die Interessen- und Gemengelage der einzelnen Gruppierungen offenbar so unterschiedlich geartet sind, daß man nach der Lektüre von Gavrons Roman befürchten muss, daß Israel immer stärker auch auf große innere Konflikte zusteuert.

Assaf Gavron
Auf fremdem Land
Übersetzt aus dem Hebräischen von Barbara Linner
diese Ausgabe: Luchterhand Literaturverlag, HC, ca. 544 S., 2013

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