Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

21. Oktober 2013

… so eigenartig und fast romanhaft…“ [1]

„Die Erfindung des Lebens“ ist ein autobiographischer Roman des deutschen Schriftstellers Hanns-Josef Ortheil. Ich habe meiner Besprechung diesen kleinen Satz Ortheils, der oben zu lesen ist, vorausgestellt, denn wahrlich: eigenartig und bemerkenswert ist Ortheils Schicksal, es wäre sicherlich auch – wäre es nur erfunden – eine geeignete Geschichte für einen spannenden und interessanten Roman. So aber ist es die Rückschau auf den Abschnitt eines wirklichen Lebens, einer wirklichen Kindheit und Jugend.

I. Johannes Catt

Ortheil (der im Buch den Namen Catt für seine Familie verwendet) wurde 1951 in Köln geboren. Die Erinnerung (und damit das Buch) setzt so ungefähr in im alter von fünf Jahre ein, vllt auch etwas jünger, er sagt es nirgends. Aber es ist plausibel, da Kindheitserinnerungen nicht viel weiter zurückgehen als bis zu diesem Alter und der Junge noch nicht in die Schule geht.

Er lebt als Einzelkind zu Hause mit Mutter und Vater, dieser arbeitet als Geodät bei der Bahn und ist viel draußen. Der Junge erwartet ihn jeden Abend am Fenster sitzend, die Heimkehr des Vaters ist mit diversen Ritualen verbunden. Eins davon ist das Greifen nach den Zetteln, die die Mutter tagsüber geschrieben hat, die er in die Hosentasche steckt, um sie später zu lesen. Denn die Mutter spricht nicht, sie ist stumm. Es spricht auch nicht der Junge, auch er ist stumm [2], aber er spürt, daß es ein Geheimnis gibt, das über der Familie schwebt. Er bemerkt die Blicke, das Getuschel hinter dem Rücken der Mutter, wenn sie mal hinausgehen zum Einkaufen, obwohl ihr das ein Graus ist, schnell hetzt sie durch die Läden, nur daß sie wieder nach Hause kommt.

Der Junge, er heißt im Buch Johannes, weicht ihr nicht von der Seite. Er war, so erfahren wir im Lauf des Buches, bis zu einem Alter von drei Jahren ein ganz normales Kind. Dann, so wird ihm vom Onkel erzählt, ist er immer schweigsamer geworden, hat sich immer mehr an die Mutter angelehnt, ja, er schient sie beschützen zu wollen, als ahnte er, daß sie in Gefahr sei. Selbst wenn sie zur Toilette ging, begleitete er sie bis zur Tür und wartete, berührte man ihn in so einer Situation schrie er ohne Ende… Die beiden Menschen, die beiden jetzt stummen Menschen, gingen eine richtige Symbiose ein: sie konnten nicht mehr ohne einander, alle Sinne, alles war rein auf Gegenseitigkeit ausgelegt, andere Menschen, andere Kinder interessierten nicht.

Der Junge wurde nicht nur stumm, sondern glich in seinem Verhalten fast einem Autisten. Bewegungslos konnte er sitzen und beobachten, stundenlang an einem Fleck. Als Glotzer bezeichnet er sich selbst. Außerhalb der Wohnung gab es zwei Orte, in denen Johannes sich wohl fühlte: zum einen die kleine Nische mit dem Marienalter in der Kirche und dann die Kölschkneipe „Zum Kappes“. Die eine wegen der Stille und weil er dort allein war, den anderen Ort, weil er dort nicht auffiel, wenn er mit seinem Vater hin ging, keiner beachtete ihn, beobachtete ihn und tuschelte. Das Leben als permanente Bedrohung.

Eine Änderung erfährt das Leben der zwei, als vom in Essen lebenden Onkel ein Klavier ausgelagert und zu Catts in die Wohung gebracht wird. Katharina, so die Aussage des Onkels, sei eh die weitaus bessere Klavierspielerin, das Instrument also hier viel besser aufgehoben als bei ihm. Und tatsächlich: der Junge zeigt sich als interessiert und begabt, die Mutter unterweist ihn und schnell lernt er spielen, noch schneller wird das Klavier zum zweiten Zentrum seines Lebens. Was soll er mit anderen Kindern, was soll er auf dem verhassten Kinderspielplatz, was soll er überhaupt noch aus der Wohnung heraus? So segensreich das Klavier auch für den Knaben ist, so verhängnisvoll wirkt es sich also auf seine sowieso schon fehlentwickelte Psyche aus.

Kann man sich vorstellen, wie ein solches Kind in einer Volksschule „überleben“ kann? Es ging ein paar Wochen halbwegs gut, dann aber war Johannes, der Stumme endgültig der Dumme, das Opfer, der Gehänselte, Gestoßene, Geschlagene… auf die Sonderschule wollte man ihn schicken…. an dieser Stelle des Lebens zog der Vater dann die Reißleine: er nahm den Sohn von der Schule und trennte ihn – genauso wichtig – von der Mutter und ging mit ihm (er hatte sich selbst auch beruflich frei gemacht) auf  den elterlichen ländlichen Gasthof in den Westerwald.

Hier wurde Johannes normal behandelt wie alle anderen Familienmitglieder auch, mit seinem Klavierspiel während der Übungsstunden unterhielt er die Gäste und hatte so seine eigenen kleine Aufgabe in der Gemeinschaft. Lange Spaziergänge unternahmen Vater und Sohn, erkundeten die Gegend, die Berge, die Wälder, die Flüsse und Bäche.. Als der Vater ihn zum Zeichnen auffordert, kommentiert Johannes zur großen Überraschung des Vaters die Bilder mit Vier-Wort Sätzen…. Notizbücher führte Johannes, alles Gesehene malte er und schrieb die Namen daneben… immer besser wurde er darin, immer akribischer.

Ein Brief der Mutter kommt, in dem sie ihm manches erklärt, ihm sagt, daß sie Fehler gemacht habe, große Fehler und ihn, den geliebten Sohn, jetzt freigibt. Er soll sich nicht länger an sie, die Mutter binden, sondern ein gesunder, kräftiger Junge werden…. und dann, eines Abends, Johannes will noch kurz an den Weiher gehen um zu schwimmen, hört er, noch bevor er die Sängerin sieht, ein Summen, ein Singen in der Luft und dann erblickt er im See seine Mutter schwimmen, unbekleidet, losgelöst, ihr schwarzen langen Haare im Wasser treibend… und sie summt dieses Lied, das sich dem Jungen einbrennt ein Leben lang….

Es ist an diesem Tag daß Johannes – wieder zurück zu Hause – zwei Jungen mit dem Ball spielen sieht „Gebt mal her!“ ruft er ihnen zu, seine Sprechblockade durchbrechend…. ich will es etwas verkürzen, auch die Mutter gewinnt in diesen Tagen ihre Sprache wieder, als sie nämlich ihren Sohn auf der hohen Klippe am Fluss stehen sieht, offensichtlich will er hinunter springen und voller Panik schreit sie ihre Angst um das Kind hinaus….

Zurück in Köln geht der Junge ein musikalisch ausgerichteten Internat in einem Kloster, eine fast verhängnisvolle Entscheidung, denn Johannes verträgt die andauernde Nähe der anderen Schüler, der vielen Menschen nicht. Er vermisst die Stille, das Alleinsein, fängt wieder an, sich abzukapseln, er sehnt sich nach den Eltern und schließlich läuft er weg… auch jetzt reagiert der Vater sehr besonnen und nimmt seinen Sohn wieder mit nach Hause. Und hier hat das Intermezzo des Internats dann doch sein Gutes: auf der neuen Schule ist dies seine Vergangenheit, von seiner stummen Zeit weiß und erfährt niemand.

Der Besuch bei seinen Onkel, dem Pfarrer, der seinerzeit das Klavier in die Clatt´sche Wohnung brachte, klärt Johannes endlich über das totgeschwiegene Unglück der Familie auf – die kaum glaubliche Tatsache ist, daß  Johannes ist nicht das erste, sondern das fünfte Kind der Eltern ist, aber alle vier Brüder sind tot. Johannes reagiert darauf natürlich geschockt und mit großer Traurigkeit, aber: er fühlt sich auch nicht mehr allein, er hat vier Brüder, die jetzt im Himmel sind und auf ihn aufpassen!

Nach dem Abitur reist Johannes nach Rom, er will sich diese Stadt für ein paar Wochen anschauen. Doch kaum angekommen empfindet er Freiheit, eine Leichtigkeit des Lebens, Schmerzlosigkeit, alle fällt ab von ihm und er ist glücklich, einfach glücklich. Und Glück hat er: er findet ein schönes, billiges Zimmer, sogar eine kleine Arbeit: die Orgel spielt er zur Frühmesse in einer kleinen Kirche… Kaum angekommen steht sein Entschluss fest: er bleibt hier, hier will er seine Pianistenausbildung fortsetzen, hier in Rom, unter einem Himmel von römischem Blau… und er schafft es: er gewinnt Freunde, zum ersten Mal im Leben, er lernt die Sprache, wird am Konservatorium aufgenommen, die erste Liebe seines Lebens trifft ihn wie ein Blitz…. eine Karriere kündigt sich für den Meisterschüler an, doch dann ist da von einer Sekunde auf die andere dieser Schmerz im Handgelenk…. eine schwere Sehnenscheidenentzündung … er muss pausieren, alles bricht um ihn herum zusammen, letztlich können ihm die Ärzte keine Hoffnung mehr machen.

Er fährt zurück nach Hause, in den Westerwald zu den Eltern. Vergräbt sich dort wieder, will nie mehr weg…. Fornemann, sein alter Klavierlehrer nötigt ihn zu einem Treffen, sie streiten sich, sie versöhnen sich, wandern am Rhein entlang bis sie in die Gegend der Kindheit von Johannes kommen und dort in die Kneipe gehen: „Zum Kappes“. Hier erfährt Fornemann dann von den Notizbüchern Johannes´ und schlägt ihm vor, doch zu Schriftstellern, es einfach zu versuchen, es wäre doch praktisch schon alles vorhanden und ein guter Ersatz für das Klavierspielen…

II. Rom, nach der Jahrtausendwende

Das, was ich hier als grobe Inhaltsübersicht wiedergegeben habe, bettet Ortheil in eine Rahmenhandlung ein, die in – wie könnte es anders sein – Rom spielt, und zwar zu Anfang dieses Jahrtausends. Der mittlerweile gut fünfzigjährige, arrivierte Schriftsteller will einen schon lange gehegten Plan erfüllen, nämlich die Geschichte seiner Kindheit niederschreiben. Dieses Ansinnen ist verständlich, denn aus seiner persönlichen Geschichte, wie er sie schildert, ergibt sich, daß Schweigen, Verschweigen einer der wesentlichsten Mechanismen in der Familie Catt zur Traumabewältigung war, nicht nur, weil Mutter und Sohn lange Zeit verstummt waren, sondern weil ohne eine damals wohl kaum erhältliche therapeutische Begleitung den Betroffenen das Reden über das Unglück nicht möglich war. Also wurde es so weit wie möglich verdrängt, aber Verdrängen heißt natürlich nicht, verarbeiten in dem Sinne, daß man damit in seinem normalen Leben umzugehen versteht.

Der (verfremdete Autor) Ortheil (ich wechsele der Einfachheit halber zu seinem „richtigen“ Namen) kommt also nach Rom, mietet sich dort in eine kleine Wohnung ein, noch fern den Plätzen, an denen er damals, vor über dreißig Jahren lebte. Wieder genießt er die Atmosphäre der Stadt, aber er sondert sich ab. Während er das erste Kapitel seines Buches schreibt, setzt er auch wesentliche Aspekte seines beschriebenen Lebens als stummer Junge wieder um: er sucht keine Kontakte, keine Gespräche, kehrt allenfalls kurz in kleine Lokale ein, um schnell eine Kleinigkeit zu essen, zieht sich ganz in sich selbst zurück, in seine Erinnerung, die auch Selbstanalyse ist: was hat der stumme Junge damals empfunden, was hat er wahrgenommen, gefühlt, was hat ihn „glücklich“, was unglücklich gemacht?

Der Schreibende öffnet sich erst seiner Umgebung, als er mit dem ersten Kapitel seines Buches fertig ist. Auf das, was er vorher schon wahrgenommen hat, reagiert er jetzt. Es ist ein Roman, daher kann Ortheil seinem Alter Ego Protagonist jetzt die Gesellschaft anderen Menschen gönnen, z.B. übt die in der Nachbarwohnung das Klavierspiel übende Marietta einen unwiderstehlichen Sog auf ihn auf. So lernt er auch Antonia kennen, deren Mutter, die gerade in Trennung von ihrem Mann lebt… man ist sich sympathisch, man freundet sich an und Johannes unterrichtet das Mädchen eine Zeit lang…

Wie Ortheil es für seine Jugend nach der Rückkehr aus dem Musikinternat nach Köln beschrieben hat, nähert sich Ortheil auch in Rom den Stätten seiner Jugend nur langsam. Es braucht seine Zeit, bis er z.B. das Konservatorium, in dem er damals ausgebildet worden war, wieder besucht, bis er die Kraft hat, wieder sein damaliges Zimmer – zumindest das Haus, in dem es ist – wieder aufzusuchen. Er macht dies zusammen mit Antonia, ihr gegenüber wird er offener, kann er erzählen. Und parallel zu dieser Öffnung wird der Drang für ihn immer stärker, sich wieder ans Klavier zu setzen und zu üben, pardon: zu proben…

Die Geschichte endet mit einem Konzert, das Ortheil für seine Schülerin organisiert. Es ist eine wunderschöne Szene, die sämtliche Klischees von mediteraner Leichtigkeit aufbietet: er leiht einen Flügel, baut diesen auf dem Platz vor dem Wohnhaus auf, es werden Stühle gestellt für die Zuhörer und Tische für das bestellte Büfe.. und – natürlich – das Konzert gelingt, Marietta erhält viel Beifall – und holt ihn, ihren Lehrer auf die Bühne und sie kündigt an, daß jetzt dieser spielen wird… und er spielt, offensichtlich wie in Trance und man sagt ihm nach dem Konzert, daß er garnicht aufhören wollte mit seinem Spiel und er erhält Applaus ohne Ende….

III Das Buch

Ortheil ist ein erfahrener, routinierter Schriftsteller, der sein Handwerk versteht, „Die Erfindung des Lebens“ ist dementsprechend ein gut lesbarer, intelligenter Roman über ein bemerkenswertes Schicksal. Andererseits bedeutet es auch, daß keine sonderlichen Experimente von dem Werk zu erwarten sind; wie man es bei Ortheil [3] gewohnt ist, schreibt er einen etwas ausschweifenden, dem Detail Raum gebenden, nachdenklichen Stil. Spiegelt sich hier vllt etwas von seiner Mutter wieder, ihrer Art, Dialoge zu führen: „… sie brauchte vielmehr Zeit, viel Zeit, sie holte aus, erinnerte sich, machte Umwege, streute kleine Exkurse ein, und das alles in einer Sprache, die sich keiner knappen Wendungen, sondern abgerundeter Formulierenen bediente.“ [S. 328]… mit diesen Worten ist auch Ortheils Sprache gut getroffen…. Überhaupt sind – und das sind so interessante Stellen, daß man jedem, der einen Roman Ortheils lesen möchte, empfehlen wollte, erst diesen hier zu lesen – einige Passagen, in denen der Autor über sein eigenes Tun, über sein eigenes Schreiben reflektiert: „… All mein Schreiben,“ so führt er aus, „…. besteht letztlich nur darin, aus mir einen anderen Menschen zu machen, der ich in meiner Kindheit gewesen bin. Irgendwann soll nichts mehr an dieses Kind erinnern… bisher ist mir das selbst in mehreren Jahrzehnten nicht gelungen. …“ [S. 470] Erinnert dies nicht an den Schüler, der sich langsam, aber wie magisch angezogen, wieder in das Viertel seiner Kindheit traut, nur um erkannt zu werden und zu hören, wie sehr er sich doch verändert hat, ein anderer geworden ist…. Wie erwähnt, solch selbstreflektorischer Passagen finden sich einige im Roman, es würde den Umfang dieser Buchvorstellung jedoch sprengen, sie alle aufzuführen…

Das Schicksal, das die Familie Catt/Ortheil zu ertragen hatte, ist aussergewöhnlich tragisch. Ist schon der Verlust eines Kindes für Eltern oft existenziell, so ist der von vier Kindern kaum zu ertragen, zumal es damals therapeutische oder begleitende Massnahmen wie Trauerbegleitung u.ä. nicht gab. Man fragt sich, wie die Mutter ihr Schicksal überhaupt insoweit meistern konnte, als daß sie es überlebte. Mag sein, daß der Letztgeborene, den sie biologisch, aber nicht gefühlsmäßig in die Welt entlassen hat, ihr diesen Halt gegeben hat, einen Grund, zumindest zu leben. Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch der bisher von mir nur wenig erwähnte Vater, der seine Kraft aus einer tiefen, unerschütterlichen und lebensbejahenden Frömmigkeit schöpfte. Er hat an den entscheidenden Stellen die richtigen Entscheidungen über das Schicksal seines Sohnes (und damit der Familie) treffen können, er war der einzige, der die letzte Beerdigung, die des vierten Sohnes, mit dem Psalm vom guten Hirten zu Ende bringen konnte, alle anderen, incl. Pfarrer waren in Tränen aufgelöst ausserstande dazu.

Liest man (und wenn es nur quer ist) sich ein wenig über die frühkindliche Entwicklung des Gehirns [z.B. in 4]) durch, so ahnt man, wie auch in rein mechanisch/biologischer Hinsicht das Gehirn des kleinen Johannes durch das fehlende Sprechvermögen sich so ganz anders entwickelt haben muss wie bei anderen Kindern. So sind auch die Passagen im Buch sehr interessant, in denen Ortheil seine Art zu denken, seine Probleme, Sprache und Gegenstand zu verknüpfen und anderes als reine Fakten „Das ist eine Silberpappel„, nämlich z.B. Gefühle, zu formulieren, beschreibt. Hier mussten über viele Monate, ja Jahre, neue Verknüpfungen zwischen den Synapsen im Gehirn ausgebildet werden. Und immer diese Angst auch, die Sprache, die so mühsam erworbene Sprache wieder zu verlieren… und das unermüdliche Bemühen, alles in zum Schluß weit über tausend Notizbüchern festzuhalten samt Datum und Uhrzeit… ein fast perfektes Protokoll eines Lebens.

Das Buch ist auch eine Zeitreise zurück in das Deutschland der Nachkriegszeit. Der junge, stumme Knabe, der sich selbst als Glotzer bezeichnet, ist ein ausdauernder, intensiver Beobachter, der seine Umwelt detailgetreu registriert, während er von dieser in solchen Momenten umgekehrt als abwesend, seltsam, erstarrt wahrgenommen worden ist. Diese genaue Beobachtung spiegelt sich jetzt natürlich in einer genauen Beschreibung von Ereignissen, Sachverhalten oder Szenen wider. Nur ein Beispiel: Das Deutschland der 50er Jahre war ein stilles Land, öffnete man das Fenster gab es nur selten technische Geräusche zu hören. Autos waren noch nicht verbreitet, Fernsehen noch selten, Radios gab es. Eventuell fuhr in den Städten eine Straßenbahn, die man hörte. Anstonten Kinderlärm von der Straße oder dem Spielplatz, Vogelgezwitscher.. es war „kaum etwas anderes zu hören als die Stille selbst…. die sich wie eine überdimensionals Glocke über das gesamte Leben stülpte.“  Eine Feststellung, die ausdeutbar ist, eine Glocke kann gegen Einflüsse von aussen schützen, sie kann aber auch nach außen ab- und eingrenzen…

An einer Stelle musste ich schmunzeln, da mir unwillkürlich Franca einfiel [„Die große Liebe“, 3]: wie in diesem Roman hat Ortheil auch hier eine Szene eingebaut, in der die Frau, hier Antonia, im Lokal das Essen bestellt, incl. des Weines… letzteres hebt er beiden Romanen hervor. Die Frauennamen, die er verwendet (das ist jetzt eine spontane idee: immer (?)) mit zwei „a“s: Franca, Carla, Antonia.. auch Katharina, die Mutter, hat die vielen „a“s im Namen, aber wie gesagt, das müsste man einfach überprüfen…

IV ich und der autobiographische Roman

Ich habe – ich gebe es zu – mit dem Genre des autobiographischen Romans meine Probleme. Sie liegen darin begründet, daß ich nicht weiß, wo das Autobiographische aufhört/beginnt und wo die Fiktion, das Roman-ische einsetzt. Ein Beispiel: ich fand die Passage, in denen Ortheil beschreibt, wie er sich nach der Rückkehr aus dem Musikinternat und dem Besuch des musischen Gymnasiums in Köln, entwickelt, sehr beeindruckend. Dieses langsame Herantasten an die Stätten der stummen Kindheit, die Analyse, daß er dieses nur gemacht hatte, um erkannt und in seiner Verändung bestätigt zu werden – und dann lese ich in seiner Biographie, daß Ortheil in Mainz Abitur gemacht hat, was im Buch überhaupt nicht angedeutet wird. Wenn also der Ort nicht biographisch korrekt ist, was stimmt dann vom Rest? In Mainz können Stätten der Vergangenheit kaum besucht worden sein….

Ein weiteres Beispiel: die Familie hat im Westerwald (zumindest schreibt Ortheil das) mitten im Wald ein Haus gebaut und ist von Köln aus dorthin umgezogen [5]. Dort hat er nach dem Tod der Eltern ein kreisrundes Holzhaus gebaut, ein wunderbares Symbol für ihn und sein Leben selbst: das Haus ist ohne Fenster gebaut, so wie er als Kind in sich gekehrt war, ohne den Wunsch nach Aussenkontakten. Im Hausinneren befindet sich das Archiv, die gesammelten Notizbücher, die Zettel der Mutter  – so wie sich seinerzeit alles im Inneren des Jungen abspielte, alles verborgen war vor den Blicken von aussen.  Nur: gibt es dieses Haus und wenn, wo? Schließlich lebt Ortheil ja in Stuttgart und nicht im Westerwald…. aber das zu wissen wäre für mich schon wichtig, wegen des überaus starken Symbolcharakters, den dieses Gebäude hätte.

***************************

Schau ich mir meine Karteikarten zu diesem Buch an, so könnte ich noch einiges schreiben. Der gesamte Komplex „Verhältnis zur Kirche“, angefangen von den den Knaben so beeindruckenden frühen Besuchen im Kölner Dom über seine Fluchten in die Nische mit der Jungfrau Maria über das Klosterinternat bis hin zu seinem unbezähmbaren Drang zum Besuch jeglecher am Wege liegender Kirchen und dem Spielen der dortigen Orgel… Ebenso interessant wäre es, sich noch einmal intensiver mit der Art, wie der Junge Johannes gedacht hat, zu befassen, überhaupt hat mich die Frage, wie man eine Sprache verstehen lernt, wenn man sie nicht durch Sprechen einüben und verfeinern kann, ziemlich beschäftigt… der Vater ist in meiner Besprechung sicher zu kurz gekommen, aber das symbiotische, ja, krankhaft enge Verhältnis zur Mutter war einfach beherrschender….  und natürlich die Liebe des Autoren zu dem Land, in dem die Zitronen blühen… es weckt Sehnsucht im Leser, wenn er diese Passagen liest und dem dort zum Ausdruck kommenden Gefühl des Autoren nachspürt…

genug….

„Die Erfindung des Lebens“ ist eine intensive Rückschau und auch Selbstanalyse der Autoren, der auf ein bemerkenswert tragisch beginnendes Leben zurückschauen muss. Man merkt dem Buch an vielen Stellen, an denen Ortheil fast schon in emotionale Ausbrüche (gemessen an seinen sonst doch recht reservierten Stil) hineinkommt, die innere Beteiligung, das Aufgewühltsein, an. Und auch das immerwährende Bestreben, diese Zeit, diesen damaligen Johannes Catt hinter sich zu lassen (vllt ist dies auch der Grund dafür, daß Ortheil einen anderen Namen für seine Familie gewählt hat: um sich auch durch diese Äußerlich keit zu distanzieren) und dies bestätigt zu bekommen.

Mithin – ich habe es weiter oben schon gesagt – sind die autobiographischen Ausführungen für alle Ortheilliebhaber ein Muss, die bei der Ausdeutung seiner Werke sehr hilfreich sein können. Abgesehen von diesem mehr praktischen Aspekt ist das Büchlein natürlich als solches ein kleiner Schatz: die Schilderung eines aussergewöhnlichen Schicksals, das zu einem bemerkenswerten Leben führt, niedergeschriebein in einer ruhigen, den Umweg nicht scheuenden Sprache. Was mir fehlt an diesem Roman: natürlich hätte ich auch gerne noch erfahren, wie es der Mutter weiter ergangen ist in ihrem „neuen“ Leben….

Links und Anmerkungen:

[1] Ortheil in seinen Erläuterungen zum Buch, youtube-clip
[
2] Wiki-Artikel zum Thema Mutismus
[3] weitere Buchvorstellungen von Ortheil hier im Blog:

[4] Wissenschaftsmagazin der Max-Planck-Gesellschaft 3/2013, das mir in der Print-Ausgabe justament in der Zeit, in der ich Ortheil las, auf den Tisch flatterte….
[5] § 35 BauGB über privilegiertes Bauen im Aussenbereich scheint es damals in dieser Form noch nicht gegeben zu haben…
[6] kurzer Lebenslauf von Ortheil in der Literaturdatenbank NRW: http://www.nrw-literatur-im-netz.de/datenbank/autoren/435

lohnenswert auch dieser kleine Clip (youtube) über die Hörbuchaufnahmen zum Buch, mit alten Familienfotos

Hanns-Josef Ortheil
Die Erfindung des Lebens
dieses Ausgabe: btb, Taschenbuch-Sonderausgabe 2013, HC, ca. 695 S.

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11 Responses to “Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens”

  1. Xeniana Says:

    Spannend. Das Buch spricht mich auch einfach beruflich an (bin ja Heilpädagogin mit Zusatzqualifikation für Autismus). Klingt allerdings auch, als wenn es ein Buch ist , für das man Zeit braucht. Aber eines ist sicher ich werde auf jeden Fall reinschauen.

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    • flattersatz Says:

      ach, so viel zeit braucht man garnicht, ortheil kann schließlich gut und unterhaltsam schreiben … aber man kommt natürlich in´s nachdenken über das buch und die geschehnisse, die es beschreibt, das „kostet“ eigentlich die meiste zeit… deinen beruf zu erfahren ist schön. es ist bestimmt eine interessante tätigkeit, aber auch eine herausforderung, oder?
      lg
      fs

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  2. […] Buch heute/die Erfindung des Lebend/Rezension Radiergummi […]

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  3. buchpost Says:

    Wie schön, vor einigen Tagen habe ich das Buch meinem Bücherstapel hinzugefügt. Nach der Lektüre werde ich deine Besprechung noch einmal lesen, um unsere Eindrücke zu vergleichen :-) Anna

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  4. Fantastischer Roman. Vor einigen Jahren gelesen und er hat mich umgehauen :)

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  5. Karin Says:

    Lieber Flattersatz,
    Sie schreiben es selber: es ist seine Geschichte und es ist auch Fiktion…es ist keine reine Autobiographie…..sonst hätte es nicht den Untertitel Roman…
    Ich habe z.B. wie ein Schloßhund geheult bei der Schilderung der Szene der Sprachfindung in der Gesellschaft (S. 236) diese entsetzliche Einsamkeit dieses Jungen und diese wunderbare Fügung des Schicksals, dass er heute ein Mann des Wortes, der Wörter…ein Schriftsteller ist.
    Dem Buch sind nach wie vor viele Leser zu wünschen.
    Ich hatte Ihnen schon von seinem kleinen Büchlein „Lesehunger“ in der Sammlung Luchterhand geschrieben, in dem er ein Bücher-Menue in 12 Gängen anrichtet und seiner Besucherin an seiner Stutgarter Wirkungsstätte, es sind derer auf seinem Grundstück mehrere, die einzelnen Gänge Menues kredenzt.
    Der Titel ist genial, denn es weckt wirklich Lesehunger.

    mit herzlichen immer-:))) lesehungrigen Grüßen

    Karin

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    • flattersatz Says:

      liebe karin, mein lesehunger wird heute in meiner buchhandlung gestillt werden…. ich hoffe (und gehe davon aus), daß mir das menü mundet…

      fiktion vs. realität… ja, das ist ein problem für mich. hat die szene, die sie oben erwähnen, wirklich stattgefunden oder hat ortheil sie erfunden, in dieser form frei geschöpft? war alles vllt viel profaner, ein stein fiel ihm auf den fuss und er schreite einfach auf „verdammte ****, tut das weh!“? vom buch her kann man sich nicht sicher sein, man ist „gezwungen“, das was interessiert, durch andere quellen gegen zu checken, was natürlich nicht immer möglich ist.

      das mindert zwar nicht das lesevergnügen, aber eben doch… na ja….

      herzliche grüße und beste wünsche für das wochenende
      fs

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  6. Zur Frage, was ist Fiktion und was Autobiographie hat Jutta Reichelt einen empfehlenswerten Beitrag geschrieben, der mir viele Fragen beantwortet hat. Bei mir ist es umgekehrt, ich habe Schwierigkeiten mit Fiktion, bevorzuge das Autobiographische und verstehe die Notwendigkeit von Fiktion seit dem Lesen von Juttas Beitrag:

    https://juttareichelt.com/2016/10/24/ist-das-autobiographisch-ueber-eine-erstaunlich-schwer-zu-beantwortende-frage/

    Mein Kommentar dazu:

    „… dein inspirierender, kluger Text hat zweierlei in mir bewirkt. Zum einen das Vorhaben, Autobiographisches noch mehr fiktional zu verschlüsseln, damit es im Leser realer werden kann; zum anderen, fiktionale Texte autobiographischer zu sehen. … „

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