Gerd Ruge: Unterwegs

Gerd Ruge ist zumindest denjenigen, die noch wissen, daß es einmal Zeiten ohne Frühstücksfernsehen gab und abends nach 23 Uhr Testbilder gesendet wurden – von Privatfernsehen ganz zu schweigen – ein Begriff. Über viele Jahre hinweg gehörte zum Beispiel der von ihm moderierte Weltspiegel zum „Muss“, wollte man sich fundiert politisch kundig machen über das, was aus deutscher Sicht in der Welt wichtig war [2]. Der 1928 geborene Ruge [1] war Journalist und politischer Korrespondent der ersten Stunde, der angefangen mit der Währungsreform, dem Besuch Adenauers in der UdSSR, der Ermordung Kennedys, dem Vietnam-Krieg bis hin zur Perestoika wesentliche Ereignisse der Weltpolitik vor Ort begleitete. Auch daß Ruge bei der Gründung von Amnesty International beteiligt war, war mir zum Beispiel neu [3]. So wird das Lesen dieses Rückblicks zu einem gerafften Überblick über „die“ Weltpolitik eines halben Jahrhunderts nach dem Krieg.

ruge port

Ruge wurde 1928 in Hamburg geboren. Seine Eltern trennten sich ein paar Jahre nach seiner Geburt und um ins Internat zu kommen, musste der Junge in die HJ eintreten. Er selbst beschreibt diese Epoche so: „Es war eine Welt von Widersprüchen und ein Leben mit gemischten Gefühlen. Ich spielte gerne Jäger oder Scharfschütze…. ich hatte eine Meise getroffen, … , zuerst stolz darauf, mitten im Flug, und dann bestürzt über diesen Mord.“ Ruge hatte Glück, nicht alle Erzieher, die er hatte, waren stramm auf Parteilinie, so waren Gespräche des Jungen mit ihnen möglich, auch die Lektüre nicht mehr genehmer Dichter wir Rilke oder Hölderlin brachte ihn auf andere Gedankengänge… „Die Zeiten waren verwirrend.„. Gegen Ende des Krieges als Siebzehnjähriger noch eingezogen und nach Dänemark abkommandiert überstand er aber die letzten Kriegstage unverwundet, wenn auch erkrankt.

Nach dem Kriegsende hieß es, das Chaos organisieren, Schulbildung nachholen und überleben. Nach dem Wahn des Hitlerreichs waren linke Ideen attraktiv, die reale Umsetzung jedoch führte schnell zu Zweifeln. 1946 dann – wie so oft spielt der Zufall eine Rolle – lernte Ruge einen Rundfunkmann kennen, der für die neugegründete Rundfunkanstalt in der britischen Besatzungszone (NWDR, [4]) arbeitete und der ihn einlud, kleinere Reportagen zu schreiben. Kurz darauf, 1948 ging Ruge dann nach Köln, wo für das neu entstehende Nordrhein-Westfalen eine Sendeanstalt gegründet werden sollte. Damit war Ruge dann bei dem Sender angekommen, der für lange Jahre seine journalistische Heimat sein sollte.

Aufgrund seiner Russisch-Kenntnisse wird Ruge 1955 eingeladen, mit Adenauer in die UdSSR zu fahren. Es ist der erste Besuch eines deutschen Regierungschefs nach dem Krieg in Russland, von deutscher Seite aus ist besonders das Problem der letzten deutschen Kriegsgefangenen wichtig, die Russen waren bestrebt, „ihrer“ DDR politische Anerkennung zu verschaffen. Es müssen turbulente, emotionale Verhandlungen gewesen sei, bei denen die Journalisten vor der Tür hocken und auf Informationen warten. Aber selbst, wenn sie welche bekommen, es ist nicht einfach, die nach Deutschland zu übermitteln… Zensur, Überwachung und Kontrolle werden groß geschrieben. Aber Ruge knüpft viele Kontake zu Russen, die ihm im Verlauf seiner diversen Russlandaufenthalte der kommenden Jahre immer wieder Türe öffneten.

Schon 1956 geht Ruge als Korrespondent nach Moskau und kann die sich ändernde Atmosphäre im Land nach Stalins Tod beobachten. Noch immer weit, weit von Freizügigkeit entfernt verliert sich jedoch langsam die Angst, für jedes Wort, sei es „richtig“ oder „falsch“, eingekerkert zu werden. Aus dieser Zeit rührt auch die Bekanntschaft Ruges mit Pasternak.

Ist die Zensur in Russland staatlich und offiziell, erfährt Ruge sie auch in westlichen Ländern, subtiler und klandestiner, eher als Behinderung und Einschüchterung. So bei Reportagen über den Algerienkrieg durch die französische Regierung.

Anfang der 60er Jahre geht Ruge in die USA. Er erlebt die Präsidentschaft Kennedys, die Demonstrationen um Aufhebung der Rassendiskrimmierung, die Ermordung Kennedys, Martin Luther Kings (und später Robert Kennedys) und das Umschlagen der friedlichen Demonstrationen der benachteiligten Farbigen in gewaltbereite unter dem Stichwort „Black Power“. Nach dem Tod Kennedys weitet sich unter der Präsidentschaft Johnsons der Vietnamkrieg zu einem Desaster aus, das auch und gerade die amerikanische Jugend gegen die Regierung aufbringt.

Zu Zeiten der sozialliberalen Koalition (Brandt/Scheel) ist Ruge wieder in Bonn, dieser Kleinstadt am Rhein. Es sind Zeiten des Aufbruchs, Brandt mit seiner Ostpolitik öffnet ein Fenster nach Osten, nach Russland hin, später auch nach Polen. Heftig angegriffen, angefeindet werden diese politischen Wege, nur mit viel Mühe können die Verträge realisiert werden.

Ruge ist Journalist, das bürokratische Element, in dem er sich als Studioleiter hat auch bewegen müssen, ist seins nicht. So nimmt er nach drei Jahren die Möglichkeit war, für den Springer-Verlag (Die Welt) nach Peking zu gehen und zu berichten. Was Ruge über seine Arbeit in dieser Zeit berichtet, geht kaum über das gehobene Niveau einer Charakterisierung von Mensch und Land hinaus. War die Abschottung von Journalisten in der UdSSR schon durchgängig, wurde dies in Peking noch weitaus stringenter. Es gab kaum Kontakte zu politischen Personen, Gespräche brachten nur politisch vorgeformte Sprachhülsen. Einges konnte durch Beobachtungen auch des Alltagslebens erkundet werden, aber die Nuancen blieben verborgen. Dabei war die Zeit nicht ohne Ereignisse: Maos Tod, der Führungsstreit in der chinesischen KP (Stichwort „Viererbande“).. die politische Analyse der Ereignisse vor Ort, wie Ruge sie am Beispiel der Wandzeitungen schildert, erinnert stark an Kaffeesatzleserei….

Zwischen 1977-91 war Ruge dann wieder mehrmals in der UdSSR, die sich in ihrer relativen Ruhe und Trägheit eingerichtet hatte, spektakuläres war unter Breschnew nicht zu erwarten gewesen. Dann wurde es jedoch turbulent, 1982 starb Breschnew, auch die Nachfolger Andropow und Tschernenko verblichen bald nachdem sie ins Amt gekommen waren. Schließlich wählte das Zentralkommitee den jüngsten in ihrer Runde, Michail Gorbatschow, 1985 zum Generalsekretär. Jetzt wurden die Zeiten turbulent, Glasnost und Perestroika waren die Schlagworte des gesellschaftlichen Umbaus, den Gorbatschow anstrebte, für uns Deutsche war sicher die Wiedervereinigung das Ereignis dieser Jahre. Gorbatschow selbst sollte 1990 durch die KPdSU aus dem Amt geputscht werden, Boris Jelzin verhinderte dies, löste aber die Partei auf und war der mächtige Mann geworden, Präsident von Russland. Die UdSSR hatte sich aufgelöst….

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Gerd Ruge ist erfahrener Journalist und Buchautor, er erfüllt er die Erwartungen auf ein gut lesbares, interessantes und manch Hintergrundwissen verbreitenden Lebensrückblick vollauf. Naturgemäß fehlt durch den Ansatz des vollständigen Überblicks bei den einzelnen Abschnitten oft die Tiefe, die gründliche Analyse, die man zum besseren Verständnis vllt doch bräuchte… aber andererseits.. während die Bedingungen, unter denen journalistische Arbeit stattfinden muss, uns, den Zuschauern, Lesern, Zuhörern meist unbekannt sind, legt Ruges Rückblick eben genau darauf seinen Finger. Und man erkennt auch, wie sich diese Bedingungen geändert haben. Ruge erzählt z.B. wie hochrangige Delegationsmitglieder bei Adenauers Moskaubesuch zornesrot aus dem Saal stürmen: „Wir fahren nach Hause, das geht so nicht….“. Heute ginge das per internet in Sekundenschnelle um die Welt und wäre eine vllt folgenschwere Falschmeldung gewesen…. damals.. dauerte es Stunden bis Tage, bis überhaupt Informationen, Berichte aus Russland heraus in die Redaktionen geschickt werden konnten….

Vieles ließ sich nur durch persönliche Kontakte ermöglichen, eine gewissen Kaltschnäuzigkeit und Chuzpe war sicherlich auch hilfreich. Aber während in Russland wenigsten die non- und die metaverbale Kommunikation miteinander möglich war, versagte auch diese in China und bot keine Möglichkeit eines anderen Zugangs zu Informationen. Entsprechend mager waren die Berichte in politischer Hinsicht …

So frischt Ruges „Unterwegs“ für die Älteren unter uns die Erinnerungen an Scheitelpunkte des politischen Lebens nach dem 2. WK auf und beleuchtet sie unter einem ganz anderen Gesichtswinkel. Für die Jüngeren dagegen kann das Buch ein gelungener, weil spannender, unterhaltsamer und fundierter Einstieg in die jüngere Geschichte Deutschlands (und einiger seiner politischen Partner und Freunde) sein. Für beide Gruppen also ein Gewinn.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über Gerd Ruge
[2]die Premierensendung des „Weltspiegels“, von der Ruge natürlich auch im Buch berichtet, ist auf youtube zu sehen, mit alten Bekannten wie z.B. Klaus Bölling. Die Sendung startet gleich mit einer technischen „Sensation“: dem ersten Interview via Satellit in die USA: http://www.youtube.com/watch?v=kU_CtGnKnDQ
[3] Jens Mühling und Esther Kogelboom: „Das Amnesty-Konzept war sehr überzeugend“, DIE ZEIT, 27. Mai 2011
[4] Wiki-Beitrag zum NWDR

Bildquelle: Wikipedia, Urheber: Schlaier, 2008

Gerd Ruge
Unterwegs
Politische Erinnerungen
diese Ausgabe: Hanser, Berlin, HC, ca. 320 S., 2013

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4 Kommentare zu „Gerd Ruge: Unterwegs

    1. ja, dem kann ich auch nur zustimmen, sowohl, was du über Ruge schreibst als auch des „lesenswerte“. Solche Reporter und Journalisten sind selten geworden, aber die Zeiten haben sich ja auch geändert, heute zählt die Schnelligkeit der Meldung….

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