Manu Keirse: Die andere Seite der Liebe

13. Oktober 2013

Der Patmos-Verlag legt mit „Die andere Seite der Liebe“ ein kleines Büchlein des niederländischen Psychologen und Mediziners Manu Keirse vor, das sich mit der Trauer, dem Trauerprozess befasst, der/dem nach dem Tod eines geliebten Menschen die Hinterbliebenen ausgesetzt sind. Es ist ein schmales Büchlein, gegliedert in sieben größere Kapitel, die ihrerseits wieder in kleinere Abschnitte unterteilt sind, so daß das Buch übersichtlich ist und unter diesem Aspekt gut gelesen werden kann. Inhaltlich legt Keirse den Schwerpunkt auf die „praktischen“ Aspekte des Trauerprozesses, auf eine Darstellung mehr „theoretischer“ Gesichtspunkte wie z.B. modellhafte Vorstellungen über den Ablauf von Trauerprozessen, hat der Autor verzichtet.

Ob dies als positiv oder negativ empfunden wird, muss jeder Leser für sich entscheiden. Mit seinem Verzicht auf solch einen allgemeinen Teil hat sich der Autor meiner Meinung nach jedoch der Möglichkeit beraubt, begriffliche Klarheiten zu schaffen. Und somit wäre ich bei den Punkten, die mir bei diesem Buch nicht gefallen haben…

Keirse verwendet in seinem Text Termini wie: Trauerarbeit, Trauerphase, Trauerverarbeitung, Trauerprozess, ohne deutlich zu machen, was diese Begriffe im Einzelnen bedeuten, inwieweit sie sich unterscheiden, in welchem Sinn er sie überhaupt verwendet. Abgesehen davon halte ich einen Begriff wie „Trauerverarbeitung“ per se für problematisch, denn zu was ist Trauer geworden, wenn ich sie verarbeitet habe? Und verspürt man dann keine Trauer mehr, weil diese ja – zu was auch immer – verarbeitet worden ist? Den Begriff „Trauerphase“ andererseits verwendet Keirse offensichtlich in unterschiedlichen Bedeutungen, einmal eher als Synonym für „Trauerprozess“, ein anderes Mal eher im Sinne von „Phasen“ wie sie bei den bekannten (wenngleich empirisch kaum nachweisbaren) „Phasenmodelle“ innerhalb eines Trauerprozesses postuliert werden.

An verschiedenen Stellen gebraucht der Autor Begriffe wie „Heilungsprozess“ [S. 29], „Gesundungsprozess“ [S. 91] bzw. „Gesundung“ [S. 92]. Aber „Trauer“ ist keine Krankheit, der Trauernde ist nicht krank, von Gesundung oder Heilung zu reden, daher deplatziert. Jede Verlusterfahrung führt prinzipiell zu mehr oder weniger ausgeprägten Trauerprozessen, von denen der nach einem Todesfall für die nahestehenden Angehörigen wohl der schwerste ist. Das ist aber eine Lebenserfahrung, für deren Bewältigung jeder Mensch Mechanismen hat, genauso wie der Mensch auch mit anderen emotionalen Ausnahmezuständen fertig wird, ohne daß man davon reden kann, er sei krank und müsse gesund werden.

Keirse, so hatte ich zum Teil das Gefühl, liebt das Martialische, das Absolute. Schon der Text auf der hinteren Einbandseite macht stutzen: „Das ist kein Buch über den Tod. Das ist ein Buch über das Leben – über das Leben von all jenen, die den Verlust eines geliebten Menschen überlebt haben.„. Trauer kann, ja, natürlich: sehr weh tun, sehr schwer sein, aber man stirbt nicht dran. Deswegen ist es etwas sehr pathetisch, vom Überleben zu reden…. Apropos: der Autor scheint das Wort „Verlust“ zu lieben, allein auf den ersten beiden Seiten kommt es gutes Dutzend mal vor, das Wort Tod (der jeweils gemeint war), dagegen nur zweimal… als hätte er scheu, diesen doch eigentlich gemeinten Tatbestand zu benennen.

Die akute Trauerphase dauert nach Keirse 15 Monate [S. 12 bzw. 19], diese Zahl, die er nennt, beißt sich im Gedächtnis fest, aber es natürlich so nicht, daß jemand, bei dem diese Phase (die Keirse, wie erwähnt, nicht definiert) kürzer oder länger dauert, etwas „falsch“ macht…. zweites Beispiel: im Zusammenhang mit den Problemen, die im sexuellen Zusammenleben von Eltern nach dem Tod eines Kindes auftreten können, findet sich der Satz: „Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass die sexuelle Beziehung eines Paares durch den Tod eins Kindes über einen Zeitraum von zwei Jahren beeinträchtigt wird.“ Wieso genau zwei Jahre? Wieso überhaupt eine konkrete Zahl und wenn, dann wäre doch ein „bis zu… und unter Umständen noch länger“ viel besser, weil es Eindruck vermeidet, es würde etwas falsch laufen, wenn Mann/Frau auch nach zwei Jahren noch nicht bereit ist. Überhaupt wären hin und wieder relativierende Begrifff wie „bis zu“, „meistens“ oder „(sehr) viele“ hilfreich….

Es gibt seltsame Sätze in dem Buch: „Zunächst [i.e. nach dem Tod des geliebten Menschen] muss man sich entscheiden, ob man dem Wunsch nachgibt, dem Verstorbenen in den Tod zu folgen, oder ob es etwas gibt, was einen an das Leben bindet.“ [S. 12/13], die ohne weitere Erläuterung, was gemeint ist, stehen bleiben. Natürlich kann es bei Hinterbliebenen zu spontan geäußerten oder auftauchenden Gedanken in die Richtung „Suizid“ kommen, aber was Keirse in seinem Satz sagt, halte ich für aus der Luft gegriffen, es deckt sich jedenfalls nicht mit meinen Erfahrungen als Sterbebegleiter.

Als letzten Kritikpunkt möchte ich erwähnen, daß der Autor praktisch leider überhaupt nicht auf die helfende Kraft von Ritualen eingeht. Zwar kann man einiges, was er beschreibt, unter diesem Aspekt fassen, aber dass ein Ritual bei vielen Gelegenheiten, angefangen von der Bestattung bis über den gesamten Trauerprozess hinweg Stütze und Hilfe für den Trauernden sein kann, das wird nicht klar.

Es ist viel Negatives, was mir aufgefallen ist, aber natürlich findet sich auch Positives in dem Büchlein. Allein, daß es da ist, ist positiv, denn – dies beschreibt Keirse auch selbst – der Trauernde braucht zumeist Hilfe und Unterstützung, er ist unsicher, sein Lebenshalt ist verloren gegangen, manchmal sein Lebenssinn, oft, vllt sogar meist, reagiert seine Umwelt „falsch“, so daß er sich mit seiner Trauer allein und unter Umständen sogar isoliert fühlt. Liest man das Büchlein, weiß man als Betroffener, d.h. auch als eventueller Begleiter, wie sich Trauer äußern kann, man bekommt Hinweise, wie man auch in ungewohnten Situationen damit umgehen kann, daß zuhören wichtiger ist als z.B. Fragen nach dem „Warum?“ oder die „…. hätte ich doch nur, es ist alles meine Schuld“ mit inhaltsleeren, manchmal sogar verletzenden Phrasen zu beantworten.

Trotzdem komme ich zusammenfassend zu dem Schluss, daß es angesichts der vielen Buchtitel, die zum Thema „Trauern“ auf dem Markt sind [die Suche bei einem großen online-Händler bringt immerhin 4.400 Treffer] sicherlich geeignetere Ratgeber und Helfer zu finden sind als dieses Buch über „Die andere Seite der Liebe“.

btw: was ich mich beim Lesen häufiger gefragt habe (ich habe ja die teilweise etwas seltsamen Sätze erwähnt) ist, inwieweit dies auf den Autor bzw. die Übersetzung zurückzuführen ist. Denn es kann natürlich auch sein, daß durch die Übertragung ins Deutsche einige meiner Anmerkungen zum Begrifflichen und Stilistischen ihren Grund haben….

Manu Keirse
Die andere Seite der Liebe
Was in der Trauer guttut
Übersetzt aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke
Originalausgabe: ?, 2008
dieses Ausgabe: Patmos-Verlag, HC, 92 S., 2013

Ich danke dem Patmos-Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

Weitere Buchvorstellung zum Thema Trauer im ThemenblogSterben, Tod und Trauer

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