Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus

9. Oktober 2013

„… geht es mir weniger darum, mich zu erinnern, als herauszufinden,
ob ich danach anfangen kann zu vergessen.“

Laura Alcobas „Das Kaninchenhaus“ ist ein schmales Bändchen, ein Buch, das in wenigen Stunden gelesen ist. Der Inhalt, die Geschichte des Buches dagegen läßt einen viel länger nicht los… Die Autorin lebt heute in Paris, nach Frankreich ist sie im Alter von zehn Jahren gekommen und damit folgte sie ihrer Mutter, die schon früher aus ihrer Heimtat, Argentinien, geflohen war. Über Jahrzehnte lag die Erinnerung bei Alcoba verdrängt in einer versteckten Ecke der Seele, bis sie es dann eines Tages nicht länger aushielt und das Erinnern zuließ.

Alcoba führt uns als Leser und sich selbst zurück in das Argentinien der frühen siebziger Jahre  [1]. Lauras Eltern gehören den „Montoneros“ [2] an, einer Widerstands-/Guerillaorganisation, die um 1970 in Argentinien entstand und das herrschende Regime bekämpfte. Das Buch setzt nach kurzer Einleitung in dem Moment an, in dem die Familie aus dem Haus in der Stadt, nahe dem der Großeltern, umzieht in ein Haus am Stadtrand, im Übergangsgebiet zur Pampa schon fast. Sie leben jetzt im Untergrund und Laura, die siebenjährige weiß, was das heißt. Sollten Polizisten sie fragen wird sie nichts sagen, auch wenn man sie mit dem Bügeleisen quält oder ihr kleine Nägen ins Knie schlägt. Sie wird schweigen. Sie weiß, daß es gefährlich ist, ein falsches Wort zu sagen genauso wie sie sich fraglos unter der Decke im Auto versteckt, wenn sie zur Großmutter fahren, sie weiß, daß niemand die Bücher, Flugblätter und Zeitungen, die im Haus versteckt sind, finden darf.

Der Vater wird verhaftet, Mutter und Kind ziehen nochmals um zu einem weiteren Pärchen, Daniel und Diana, die ein neues Leben unter dem Herzen trägt. In diesem Haus richtet die Organisation eine geheime Druckerei ein, aufwändig wird ein geheimer Raum für die Druckmaschine gebaut, als Tarnung dient die Zucht der Kaninchen, die Ställe sind vor der Mauer zu der Druckerei aufgebaut.

Das Leben des Mädchens ist geprägt von der Angst der Entdeckung, von der Notwenigkeit des Klandestinen, ja Arkanen, von großer Ernsthaftigkeit. Spielgefährten hat sie keine, trifft sie trotzdem mal auf andere Kinder sind es meist welche, die in einer ähnlichen Situation leben, die Spiele der Kinder sind seltsam still und fast autistisch, weit entfernt von ausgelassen und lustig. Laura geht eine Zeitlang zur Schule, der Tarnung wegen. Aber auch hier ist sie Aussenseiterin, kann mit ihrem transusigen Mitschülerinnen nichts anfangen. Der Schulbesuch wird abgebrochen, als einer der Chefs ein Etikett in ihrer Jacke entdeckt, auf dem ein Klarname steht, denn selbstverständlich hat auch Laura falsche Papiere.

Die Verhältnisse in Argentinien werden für die Untergrundkämpfer immer gefährlicher, oft hört man Schüsse, es werden Razzien durchgeführt, bei denen ganze Stadtteile abgeriegelt und durchkämmt werden. Große Autos ohne Nummernschilder sind besonders gefährlich, manchmal wird das Kind zum Bäcker geschickt, um dabei zu schauen, wie die Lage ist…. schließlich will Lauras Mutter weg, über ihren Vater, einen Rechtsanwalt der kleinen Ganoven, kann sie ihre Flucht organisieren.

Nach vielen Jahren kehrt Alcoba zu diesem Haus, dem Kaninchenhaus, zurück. Es ist eine Ruine, soll Gedenkstätte werden für ein Massaker, das dort stattgefunden hat. Ein großes Aufgebot an Militär und Polizei hat nach einem Verrat seinerzeit das Haus förmlich durchsiebt mit Kugeln, alle – und es waren viele – die sich im Haus aufgehalten hatten, starben. Einzig die Leiche von  Dianas Baby wurde nicht gefunden, aller Wahrscheinlichkeit nach hat dieses Kind, das  Clara Anahí hieß, überlebt und wurde zu einem der verschwundenen Kinder, die von einer regierungstreuen Familie gegeben wurden….

***********************

Lauras erste Lebensjahre können nicht wirklich Kindheit genannt werden. Anstatt spielerisch und fröhlich in ihr Leben hineinzuwachsen, muss sie von Anfang an Geheimnisse hüten, darf kein Vertrauen verschenken, hat sich das geheime Leben der Eltern wie eine erstickende Decke über sie gelegt. Das Kind akzeptiert und verinnerlicht diese Verhaltensweisen, die wenigen Male, in denen sie sie offensichtlich bricht, weil sie halt doch ein Kind ist, neugierig und offen für die Welt (und für Zuneigung wie bei der Nachbarin), macht sie sich heftige Selbstvorwürfe… Trost und Halt findet Laura – zeitweise zumindest – in dem Gedanken, daß Gott sie behütet und helfen wird, in einer anrührenden Szene schildert die Autorin die klandestine „Not“taufe durch ihre Mutter und Diana…

Natürlich kann ein Kind mit sieben Jahren so eine Verantwortung auf Leben und Tod nicht auf sich nehmen, ohne seelische Wunden davon zu tragen. Die eingangs geschilderten Gedanken der Autorin zeigen dies. die lange Zeit, die es brauchte, bis sich der (dann aber eruptiv auftretende) Drang nach der Erinnerung Bahn brach….

Interessant ist der Vergleich des Buches mit dem von Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band. Beide schildern Mädchenschicksale (auch wenn Alma etwas älter ist), beide Bücher sind Erinnerungen erwachsener Frauen an ihre Kindheit im Argentinien der frühen 70er Jahre. Aber während Alma in einer behüteten Mittelklassefamilie aufwächst, die sich möglichst aus allem politischen heraus hält, die anfänglich das Militär sogar befürwortet, weil es auf den ersten Blick das politische Chaos bereinigt ist Laura, so jung sie auch ist, selbst schon de facto im Untergrund des bewaffneten Widerstandes tätig. So sind beide Mädchen völlig unterschiedlich sozialisiert, mit völlig verschiedenen Verhaltensweisen und Prioritäten. Eine Grenze zwischen zwei Gesellschaftsschichten, die kaum zu überwinden ist, eine Andeutung dieser Undurchlässigkeit wird von Garland ja beschrieben.

**********************

Die Erinnerungen Alcobas sind episodenhaft, kleine Puzzlestücke eines Lebens unter Lebensgefahr. Die Autorin schlüpft  in ihrem Roman noch einmal in die Rolle des Mädchens, das sie damals war und erzählt aus dessen Blickwinkel, an einigem Stellen sind erläuternde Passagen eingefügt.

Wie so häufig in solchen Erinnerungen an die Zeit der Militärdiktaturen in Südamerika spielt, auch wenn es nur in ein oder zwei Absätzen erwähnt wird, das Phänomen der „Verschwundenen“ eine Rolle, Verschwundene, Gefangene, die nie mehr auftauchen, Kinder, die ihren Eltern weggenommen wurden und anderen, regimetreuen Paaren gegeben wurden…

Das Kaninchenhaus ist ein bedrückenes Zeugnis aus einer dunklen Zeit und es zeigt sehr deutlich, daß auch und gerade die Kinder in solchen Epochen leiden und traumatisiert werden. Man vergisst sie leicht, die Kinder, da sie politisch oder im Kampf kaum eine Rolle spielen und die Berichte darüber sie nicht erwähnen. Aber es gibt sie, und der Verlust ihrer Kindheit ist unwiderruflich. Alcoba schildert es uns.

Links und Anmerkungen:

[1] in diesem beiden Links sind ein paar Informationen über diese Zeit gegeben, die für das Verständnis der Hintergründe des Buches sinnvoll sind: (i) http://www.wikiweise.de/wiki/Perón,%20Isabel==0== und (ii) http://www.tagblatt.ch/altdaten/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/ausland/tb-au/art709,43550
[2] Wiki-Artikel zu den „Montoneros
[3] Weitere Buchvorstellungen mit ähnlichen Thema hier im Blog:
– Elsa Osorio: Mein Name ist Luz
– Gustavo Germano und andere: Verschwunden
– Inés Garland: Wie ein unsichtbares Band

Laura Alcoba
Das Kaninchenhaus
Übersetzt aus dem Frantösischen von Angelica Ammar
Originalausgabe: Paris, 2007
diese Ausgabe
: Insel-Verlag, HC, ca 118 S., 2010

Advertisements

3 Responses to “Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus”

  1. Xeniana Says:

    Eine tolle Rezension. ich habe das Buch auch gelesen und war beeindruckt was in diesem schmalen Büchlein alles drinsteckte.

    Gefällt 1 Person


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: