Alexander Weißberg-Cybulski: Hexensabbat

1. Oktober 2013

Da fällt einem beim Umsortieren und Bereinigen der Regale ein Buch in die Hand, das sicherlich schon Jahrzehnte unbehelligt dort wohnt, man schlägt es auf und ehe man sich´s versieht, sind die ersten -zig Seiten gelesen – man hatte es nicht vor. So ist es mir mit diesem Bericht gegangen, der in die Sowjetunion kurz vor dem 2. Weltkrieg zurückführt und der den stalintistischen Terror dieser Zeit an einem Einzelbeispiel schildert.

Die Rahmenbedingungen… es ist vllt ganz sinnvoll, diese noch einmal kurz aufzuführen.

Die „Große Säuberung“ 1936-1938 mit ihren rund zehn Millionen Opfern war mehr als nur eine Episode in einem diktatorischen Regime. Sie war eien Katstrophe vom Ausmaß der schwarzen Pest, ein Hexensabbat der menschlichen Vernunft, das erste vollentwickelte Beispiel für die bislang unvorstellbaren Verwüstungen, mit denen ein moderner Despotismus die Leiber und die Seelen seiner Untertanen zu schlagen vermag. [aus dem Vorwort von A. Koestler]

Die Oktoberrevolution war 1917, also Ende der Dreißiger Jahre, von denen im Buch die Rede ist, noch garnicht so lange her. Lenin, der Revolutionsführer starb 1924. Zwei Jahre zuvor war Stalin Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) geworden, mit dieser Funktion gewann er großen Einfluss und große Macht, die er nach dem Tod nutzte, Konkurrenten wie Trotzki auszuschalten und deren Anhänger zu verfolgen und zu unterdrücken. Die Zwangskollektivierung, die Stalin ab 1928 in der Landwirtschaft durchsetzen wollte, führte zu deren fast völligen Zusammenbruch, in der resultierenden Hungersnot starben Millionen Menschen. 1934 dann begannen die Säuberungen („Tschistki“), nachdem ein innerparteilicher, möglicher Gegenspieler Stalins, der beliebte Parteichef von Leningrad, Kirow, ermordert worden war. Die Revolution in Russland, das Hinwegfegen der alten aristokratischen Ordnung, übte eine große Faszination auf viele europäische Intellektuelle aus, die kommunistische Idee gewann viele Anhänger. Von diesen wiederum gingen einige in die Sowjetunion, um dort aktiv bei Aufbau zu helfen, der Umwandlung eines weitgehend rückständigen Agrarstaates in einen modernen Industriestaat. Einer von diesen Helfern war der Autor des vorliegenden Buches, Alexander Weißberg-Cybulski.

Weißberg [1] war ein jüdischer Physiker, geboren in Krakau, das 1901 zu Österreich-Ungarn gehörte. Nach seinem Studium und kurzen Aufenthalten in Argentinien und Berlin ging er 1933 an das U.F.T.I. (ukrainische physikalisch-technische Institut) in Charkow. Im Frühjahr 1936 wurde Weißberg verhaftet und geriet in die Mühle des Geheimdienstes GPU. Es folgten jahrelange Gefängnisaufenthalte, bis er, der jüdische Physiker mit österreichischer bzw. nach dem „Anschluss“ deutscher Nationalität, aufgrund des Deutsch-Sowjetischen Beistandspaktes 1940 an die Gestapo ausgeliefert wurde. Diese Jahre zwischen Verhaftung und Auslieferung beschreibt Weißberg in seinem Buch.

Stalin soll einmal, so wie kolportiert, gefragt worden sein, ob es ihm lieber sei, daß die Leute ihm aus Überzeugung oder aus Furcht folgen. Er antwortete, aus Furcht, denn – so seine Begründung – Überzeugungen könne man wechseln, die Furcht bliebe… auch wenn diese Szene erfunden sein sollte, ist sie gut erfunden: sie trifft die damalige Realität, in der eine allgemeine Atmosphäre der Angst, der Furcht, des Misstrauens herrschte, die das gesamte Leben lähmte:

Solange Stalin lebte, hat er in ständiger Furcht und Angst gelebt. Er [i.e. die Person, über die die ZEIT schreibt] wußte nicht nur, daß er fast automatisch verhaftet würde, wenn ihm einmal ein Fehler in seiner Arbeit oder ein falscher Zungenschlag unterlaufen sollte. Noch schlimmer: Er wußte, daß er auch dann verhaftet werden konnte, wenn er bloß treu und brav wiederholte, was in der Prawda stand, und wenn er in seiner Arbeit pflichtbewußt alles tat, was man von ihm verlangte. Selbst wenn er in Wort und Tat als mustergültiger Sowjetbürger auftrat (ja sogar dann, wenn er es wirklich war!), hatte er nicht die geringste Gewähr dafür, daß er nicht eines Morgens verhaftet und ohne Federlesens zu zehn, fünfzehn, zwanzig, ja zu fünfundzwanzig Jahren verurteilt würde.“ So beschreibt DIE ZEIT den stalinistischen Terrors in ihrem Beitrag zum 10. Jahrestag des Todes von Stalin [3].

In dieser allgemeinen Angst hörte man hier und da, jemand sei vorgeladen oder verhaftet worden, tauche nicht mehr auf, man überprüfte sich selbst und seine Aussagen, wann man vllt was zu wem gesagt haben mag. Kannte man diesen Mann, war er ein Arbeitskollege, zu dem man vllt mal etwas offener war oder auch nur missverständlich? Wie naiv! Noch war das Prinzip nicht erkannt, es ging nicht darum, Schuld zu haben, sondern Schuld zuzugeben, es war keine „Frage von Schuld oder Unschuld, es ist eine Frage der physischen Konstitution„…. Man, so schildert Weissberg-Cybulski, wurde vorgeladen, mit absurden Anschuldigungen wieder nach Hause geschickt („Sie sind in unser Land gekommen im Auftrag einer fremden Macht. Sie haben hier gegen die Regierung konspiriert und ein Netz feindlicher Agenten geschaffen. … Schreiben Sie ihr Geständnis. Es ist Zeit, daß Sie Vernunft annehmen.„) Noch wird gesiezt, noch sind es keine Massenverhaftungen..

Im Gegensatz zu den allermeisten Verhafteten gestand Weissberg-Cybulski nicht, auch nachdem er verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt worden war. Er wurde in Einzelhaft gehalten, monatelang, mit erfundenen Geständnissen von Arbeitskollegen und anderen konfrontiert, unter starken psychischen Druck gesetzt. Zu physischer Gewalt, Schlägen, wurden erst später gegriffen, das Mittel der Wahl für verstockte Gefangene wie Weissberg-Cybulski war der „Conveyer“, so wurde die Prozedur der tagelangen („24/7“ in moderner Nomenklatur) Dauerverhöre mit Schlafentzung genannt, in denen der Verhörte auf einem Holzstuhl saß, von dem er nicht aufstehen durfte. Hier gestand dann auch der Autor alles, was man von ihm hören wollte, die Qual des Schlafentzugs zusammen mit den nicht erträglichen Schmerzen wegen Muskelverkrampfungen durch die nie wechselnde Körperhaltung war nicht mehr auszuhalten. Am nächsten Tag, etwas erholt, widerrief er…. und es fing wieder von vorne an…

Nach Monaten der Einzelhaft kam Weissberg in Massenzellen, mit Hunderten von Gefangenen. Weitere Verhöre, manchmal auch Monate lang keine… die Geständigen wurden irgendwann abtransportiert, in die Lager irgendwo im Riesenreich der Russen, der Autor blieb im Gefängnis. Es gab so etwas wie Freundschaften zwischen einzelnen Inhaftierten, es gab auch Spitzel. Das eine schloss das andere nicht aus… Was geschah draußen, außerhalb der Gefängnisse? Spärlich kamen mit neuen Gefangenen Informationen in die Zellen, die Spekulationen blühten….

Die Verhältnisse in den Gefängnissen wurden um so schlechter, je absurder das Verhaftungsregime funktionierte und damit die Massenverhaftungen begannen. Dörferweise wurden die Bauern eingeliefert, die Arbeiter von Betrieben, die Angehörigen von Minderheiten… Die verhafteten Betriebsleiter zum Beispiel nannten in ihren Geständnissen die Abteilungsleiter als ihre Agenten, diese dann wiederum ihre untergebenen Kader und von diesen wurden die einzelnen Arbeiter angegeben. Und schon war der ganze Betrieb hinter Gittern… in den völlig überbelegten Zellen, in denen die Menschen nur noch dicht aneinander gepresst stehen konnten, stand der Schweiß der Männer zum Schluss zentimeterdick auf dem Boden… die Menschen, die sich abends zu Hause ins Bett legten, hatten immer einen Koffer und einen Sack mit Zwieback greifbar, für den Fall, daß sie abgeholt würden. Irgendwann fing das System dann an, sich selbst aufzufressen: die Untersuchungsrichter wanderten selbst in die Zellen, neue kamen… es gab nicht mehr genug Generäle, um die Truppenteile zu führen, dann keine Obersten mehr, keine Majore, keine Hauptmänner….

Die große Fragee waren (und sind?): (i) warum? Wo lag der Sinn (wenn man dieses Wort dafür missbrauchen will) für diese Terrorwelle Stalins? bzw. (ii) wieso haben all diese Millionen Menschen diese erfundenen Geständnisse gemacht und das grausame Spiel mitgespielt?

Über das „Wieso“ kann Weissberg aus seinen eigenen Erfahrungen heraus, die er in den Gesprächen mit den Schicksalsgenossen hatte, einigermaßen Auskunft geben. Unter Stalin war der Kommunismus zu einer Art sakrosanten Glaubenssystem geworden, auch wenn der einfache Genosse den Weg nicht mehr sah, vertraute er darauf, daß der „Weise der Weisen….“ [4] dies tat und so war es für ihn einfache Pflicht, das zu tun, was die Partei verlangte. Und nun verlangte sie eben Geständnisse. Also gestand man und ging ins Lager…. Niemand glaubte diese Geständnisse, weder die Inhaftierten noch die Untersuchungsrichter. Aber während dies für die Gefangenen klar war, hielten die Kerkermeister auch unter sich den Schein aufrecht. In einer „schönen“ Episode schildert der Autor, die Probleme eines Richters, der aus einem Inhaftierten das erfundene Geständnis über Waffenlieferungen herausholte. Waffen waren konkret, die konnte, die musste man finden…. ein Problem, das erst dadurch gelöst werden konnte, daß als letzter Empfänger der Waffen ein schon Verstorbener angegeben wurde…. Eine zweite Antwort auf das „Wieso“ ist die Tatsache, daß insbesondere die einfachen Menschen noch sehr in der hierarchischen Struktur der untergegangenen Zeit dachten. Und nun saßen die Herren, denen man zu gehorchen hatte, eben auf der anderen Seite des Tisches und wollten hören, daß man dies und jenes gesagt und gemacht habe…..

Das „Warum“, das Motiv Stalins, zu ergründen, ist schon schwieriger… Nach einer umfangreichen Betrachtung kommt Weissberg zu dem Ergebnis, daß Stalin in seiner Diktatur zum einen viele ursprünglichen Ideen der Revolution über Bord geworfen hat und er zum anderen auch große Fehlentscheidungen getroffen hat wie z.B die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft mit ihren Millionen Opfern. Und so ungeheuerlich es klingt, nach Weissberg sieht es so aus, als hätte Stalin letztlich alle beseitigen wollen, die sich an diese Vergangenheit erinnern konnten. So sollte die Vergangenheit „ausgelöscht“ werden, das Abweichen von den revolutionären Zielen der Anfangszeit, die Fehlentscheidungen der letzten Jahre, um derart unbelastet unbefleckt durch dunkle Stellen aus der Vergangenheit als strahlender Held zu erscheinen….

Den Kriegsanfang 1939 erlebt Weissberg im Gefängnis, gerüchteweise erfährt man davon. Dann wird er eines Tages abtransportiert, kommt nach Moskau, in das Zentralgefängnis. Hier gibt es zwar eine strenge Hausordnung, aber auch Essen, Waschmöglichkeiten und Bücher! Die Gerüchte verdichten sich, sie bewahrheiten sich: er wird als Deutscher nach Deutschland abgeschoben, daß er dabei als Jude bei der Gestapo keine Zukunft hat, ist den Russen egal. Daß Weissberg auch das überlebt hat, zeigt dieses Buch, wie, ist jedoch nicht sein Thema…

********************

Weissberg-Cybulski war überzeugter Kommunist, aber als Westeuropäer aus einer anderen Sozialisation heraus. Das Demütige, sich Unterwerfende der Russen war ihm fremd, der Einstellung: „Die Partei hat immer Recht!“ auch. Um so mehr ist seine Standhaftigkeit bewundernswert, denn in den Jahren des Gefängnisses fehlte ihm diese kraftgebende Grundüberzeugung und der daraus resultierende Widerstand brachte ihm noch mehr Qual und ließ seine Zukunft noch unsicherer werden. Daß er letztlich aus dem russischen Kerker herauskam, war ein schierer Zufall, den er dann offensichtlich ausnutzen konnte, um das deutsche Konzentrationslager zu umgehen.

Die Gefängnisjahre schildert der Autor nüchtern in einer Art Bericht, sie werden ohne große Emotionen wiedergegeben. Er weiß zu differenzieren, von kleinen menschliche Gesten von Wärtern und auch Verhörern zu berichten. Vielleicht ist der innere Abstand sogar eine Gemeinsamkeit solcher Erfahrungsberichte, eine Notwendigkeit für die Betroffenen, die zum eigenen Schutz eine dicke innerliche Mauer vor diese Ereignisse gebaut haben und sie sich quasi in einer Art „dritten Person“ sehen und beschreiben. Mit dem Buch begleiten wir den Autoren durch diese Jahre, die Anfangszeit wird ausführlicher dargestellt, dies ist zwangsläufig so, da Weissberg im späteren Verlauf der Inhaftierung ja als bekannte Renitenter monatelang nicht mehr verhört wurde, es war von ihm nichts zu erwarten. Für die ihm zugedachte Rolle als ausländischer Zeuge bei einem der großen politischen Schauprozesse war er schlicht und einfach zu unzuverlässig.  Inwieweit die Fürsprachen ausländischer Prominenter (u.a. Einstein) ihm geholfen haben, ist nicht erkennbar.

„Hexensabbat“ ist ein intelligenter, anschaulicher Bericht über die Abartigkeit eines Terrorregimes. Staatsführung, Politik wurde durch ein Angstregime ersetzt, das ohne Rücksicht auch auf eigene Verluste, in einer Art positiver Rückkopplung seine Menschen verschlang. Ein Schneeballsystem der besonderen Art, jeder Inhaftierte, zu einem Geständnis Gepresste führte zu x weiteren, verschlang schließlich die Erpresser selbst in seinem unmäßigen Furor…

Das Besondere in diesem stalinschem Terror war die Art und Weise, wie in dieser Säuberungsaktion eine Gegenwelt geschaffen wurde, die auf Realitäten überhaupt keine Rücksicht mehr nahm. Unzählige und aberwitzige Attentatsvorbereitungen auf Stalin wurden gestanden, die Gestapo hat ihre Agenten schon angeworben, bevor sie überhaupt gegründet worden ist, alles wurde an allen Ecken und Enden sabortiert und Feindagenten in Hundertschaften angeworben – Feinheiten wie Plausibilitäten oder Wahrscheinlichkeit eines Fakts waren egal, Hauptsache, es wurde gestanden und das System wurde mit neuen Namen gefüttert….

„Hexensabbat“ zu lesen ist sicherlich kein „Muss“, für denjenigen, der aber Gelegenheit dazu hat und diese ergreift, wird es ein Gewinn sein, zumal sich das Buch sich trotz seines Umfangs und seines Inhalts gut und schnell lesen läßt. Parallel zu diesem Bericht des stalinistischen Terrors habe ich Solschenizyns „Krebsstation“ gelesen, deren Handlung ja zwei Jahre nach Stalins Tod angesiedelt ist. Hier gibt es einige Stellen, in denen Solchenizyn seine Figuren über ihre Handlungsweise in dieser Säuberungsaktion reflektieren läßt, eine bittere Rückschau auf das eigene Verhalten…. jedenfalls ist der Vergleich dieser Passagen mit dem Weissberg-Cybulskischen Buch interessant….

Links und Anmerkungen:

[1] Biographische Angaben zu Weißberg-Cybulski aus der Wiki [x] http://einestages.spiegel.de/s/tb/28625/
[2] kannibaleninsel-von-nasino.html Der Bericht „Hexensabbat“ wurde 1993 unter dem Titel „Im Verhör“ vom Europaverlag, Wien, neu herausgegeben.
[3] Rußland – zehn Jahre nach Stalins Tod,  DIE ZEIT, 1.3.1963 Nr. 09
[4] so (u.a.) Solschenyzin  in seinem Roman „Krebsstation“

Weitere Erfahrungsberichte aus Diktaturen hier im Blog:

Griechenland unter den Militärs: Periklis Korovessis: Die Menschenwärter
China (aktuelle): Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder
Ungarn vor 1953: Béla Szász: Freiwillige an den Galgen

Alexander Weißberg-Cybulsk
Hexensabbat
diese Ausgabe: suhrkamp taschenbuch 369, ca. 385 S., 1977
mit einem Vorwort von Arthur Koestler

Advertisements

One Response to “Alexander Weißberg-Cybulski: Hexensabbat”


  1. […] zu Weihnachten in London lernte ich ihren Studienkameraden Alex Weissberg kennen (sein Buch: Hexensabbat, Stalin-Russland, er im Gefaengnis) – er hatte den neuen Chevrolet – hatte durch seinen […]

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: