Leon de Winter: Ein gutes Herz

Leon de Winter ist ein Geschichtenerzähler, ein Polemiker, ein linker Hund, er ist feige, aber er wird scheißfreundlich, wenn er entdeckt, daß seine Opfer auch Menschen sind, ein dicker, aufgedunsener, schnarchender Kerl, der sich zu wenig bewegt und dessen Haare (außer in den Ohren) sich zu lichten beginnen, ein scheinheiliger Pseudo-Intellektueller, der zu allem eine Meinung hat und zu viel redet… was hier recht uncharmant klingt, hat der Autor seinen Personen, die in diesem leicht irrwitzigen Buch auftauchen, selbst so in den Mund gelegt als Aussagen über ihn, ihm – dem Autoren – läßt sich also eine gewisse Selbstironie nicht absprechen (wenn jedoch seine Frau Jessica Durlacher recht hat (und es klingt so schlau, daß ich glaube, sie hat recht) ist es weniger Selbstironie ist denn: „.. die höchste Form des Narzissmus, sich so negativ darzustellen.“ [3] Frau Durlacher (die ihren Mann übrigens im Roman übrigens verlassen hat und auf eigenen Wunsch die freudebringenden Seiten des Lebens und der Nächte mit einem Architekten in Kalifornien verbringen wollte) ist eine kluge Frau.), ein solcher Mensch ist nicht unbedingt der strahlende Held eines Romans, zu alltäglich sind seine Macken dafür…

Es ist ein Roman von Sauli, die zu Pauli werden (oder müsste es heißen: von Saulussen zu Paulussen oder gar von Sauleen zu Pauleen?), ein Roman, der gnadenlos reale Persönlichkeiten, lebend oder tot mit fiktiven zusammenbringt, der auf der Erde und der dem Himmel vorgeschalteten Aufnahme („Fegefeuer?) spielt und der sich nicht scheut, stellenweise gnadenlosen Kitsch zu verbreiten – und das alles irrsinnig spannend, ich glaube, auf englischen nennt man das einen „pageturner“.

Worum also geht es in „Ein gutes Herz“?

Vor knapp 10 Jahren, 2004, wurde in Holland auf offener Straße Theo van Gogh von einem islamistischen Fundamentalisten ermordet [1]. Im Roman, der mit diesem Mord beginnt und ihn aus der fiktiven Sicht des Opfers beschreibt, bedeutet dies nicht, daß auch dessen Existenz vernichtet wurde, nein, de Winter (der reale Autor) läßt den Kopf von Goghs (er wird bei dem Mord decapitiert) als wie immer auch geartetes immaterielles Gebilde in den Vorraum zum Himmel, wo all die Seelen der Verstorbenen kaserniert auf ihre weiteres Schicksal warten. Dort sitzt Theo nun, säuft und raucht wie ein Hurenbock, flucht und ist unzufrieden, harrt der Dinge, die jetzt kommen werden…. lassen wir ihn und die anderen Seelen dieser Welt eine Weile dort schmoren und wenden wir uns wieder der Erde zu…

… dorten nämlich spielt Max Kohn eine Rolle, ein Ex-Drogenhändler und Krimineller der intelligenten Sorte, der nach gewissen Schwierigkeiten in den Niederlanden in die USA ging und sich dort dem Sex-Business widmete. Aus gesundheitlichen Gründen gab er auch dieses Geschäft auf, er brauchte ein neues Herz und bekam es. An dieser Stelle sollte ich auch Sonja in die Geschichte des Romans einführen, Sonja, das verbindende Glied (welch ein Paradoxon!) zwischen dreien der Hauptfiguren: mit Max und Jimmy war sie und mit Leon ist sie liiert, momentan jedenfalls läuft sie vor Max davon, Jimmy hat sie verloren und mit Leon tröstet sie sich…

…  Jimmy… Jimmy, hirntumorig, ist der Herzspender (oder müsste es heißen: war?), ein Franziskaner mit ausgesprochener, nicht zu beherrschender Affinität zu Frauen, besonders eben Sonja… ohne Herz jedoch ist Jimmy tot, natürlich, aber er hat eine Aufgabe, dort oben, bei den Seelen wird er zu einer Art „Bewährungshelfer“ und zwar für Theo, der seine Körper wieder“haben“ will, der vollständig sein möchte und sich dies verdienen muss…. um seine Chance zu bekommen, macht Theo schließlich die Ausbildung zum Schutzengel mit…. ich sagte ja schon, leicht irrwitzig, die Geschichte….

Ein zweiter Handlungsstrang spielt in Amsterdam. Hier plant eine Gruppe junger Marokkaner Terroranschläge, die gut durchdacht und durchgeführt, Stadt und Staat in eine Krise führen. de Winter beschreibt seine Terroristen aber nicht als gewissenlose Tötungsmaschinen, dies sind sie nicht, im Gegenteil, es sind Verblendete, irrgeleitete Jugendliche, die später im Adrenalinrausch typisch jungmännliche Unsinnsvorstellungen umsetzen wollen… denn sie wissen nicht, was sie tun, würde auf sie passen….

Amsterdam. Hier führt der Autor seine Personen und die Handlungsstränge schließlich zusammen. Es würde zu weit führen und auch den Spaß am Buch nehmen, hier dessen Inhalt wieder zu geben. Nur noch soviel, daß – wie der Titel schon andeutet – Max jetzt mit dem Herzen des Priesters in der Brust ein anderer Mensch wird, was nicht heißt, daß er nicht noch die Regeln und Methoden seines früheren Gewerbes kennen würde… Auch der Schutzengel Theo entwickelt sich, auf der Erde ein provozierender, aggressiver und destruktiver Stinkstiefel, lernt er im Himmel die Macht der Liebe kennen, das Mitleid, das Mitgefühl…. Zum Schluss der Geschichte sind nicht alle glücklich, nein, das geht nicht… lieben zwei Männer eine Frau, muss einer unglücklich bleiben… „Sie hasst ihn. Also liebt sie ihn„, er wusste es schon lange…

Was de Winter in seinem Roman auch sehr deutlich zeigt, ist die Verwundbarkeit einer freien Gesellschaft, deren Freiheit soweit geht, dem „Fremden“ seine Fremdheit zu lassen. Das liberale Amsterdam, dieser fast schon Sehnsuchtsort ist eine passendes Bühne für solche ein Szenario. Auch hier „benutzt“ de Winter reale Persönlichkeiten in seiner Geschichte, um die in der Story enthaltenen Seitenhiebe auf die niederländische Gesellschaft zu erkennen, müsste man jedoch mehr von deren Geschichte kennen… Im Zuge der momentanen NSA-Aufdeckungen über das allgegenwärtige Abhören und Abgreifen von Informationen auf den diversen Kommunikationskanälen mutet es jedenfalls seltsam an, zu lesen, wie dies im von de Winter entwickelten Szenario zu den Selbstverständlichkeiten gehört, die der Krisenstab vornimmt…

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Das Buch ist verwirrend, da es Realität und Fiktion kaum unterscheidbar mischt. Natürlich – die Handlungselemente, die Terrorakte, die Schilderung des Himmels und seiner Bewohner, das ist Fiktion, aber die Figur des Autoren selbst, der eine tragende (und leicht tragische) Rolle im Roman spielt, der im Roman schildert, was ihn bewegt, diesen Roman zu schreiben – wo fängt da die Realität an, wo hört das Erfundene auf? Richtig ist, daß de Winter und van Gogh verfeindet waren und diese Feindschaft darf ruhig auf van Gogh als Verursacher zurückgeführt werden. Liest man das Interview, daß de Winter dem Spiegel gegeben hat [3], kommt man nicht umhin, zum einen diese persönliche Feindschaft prinzipiell und zum anderen die Kenntnisnahme der Existenz des Videoclips bei youtube [2] als Motiv zu erkennen [2, 3], aus dem dieses Buch in dieser Art geschrieben wurde.

Man kann also auch davon ausgehen, daß „Ein gutes Herz“ ein Verarbeitungsroman ist, in dem de Winter die Kränkungen und Beleidigungen van Goghs, nachdem sie zehn Jahre lang in irgendeiner versteckten Ecke seiner Seele überdauert haben, bereinigt hat. Mit dem Tod des Provokateurs war zwar das Holzbein aus dem Leben de Winters verschwunden, aber noch nicht die Erinnerung daran…. was diese Aufarbeitung und damit den Autoren ehrt, ist die Tatsache, daß de Winter seinen Kontrahenten nicht einfach schlecht macht, ihn als bösen Menschen darstellt, sondern er ihm eine Entwicklung gönnt, an deren Ende die Aufnahme van Goghs in die seligen Gefilde des Himmels steht. Andererseits: vielleicht würde van Gogh auch schäumen vor Wut oder Empörung, könnte er dieses noch lesen…. Auch anerkennt de Winter das Talent des anderen als Interviewer, Kommentator u.a.m. durchaus, nur ist es seiner Meinung (und dem Anschein nach) eben destruktiv umgesetzt gewesen, nicht konstruktiv…. genug davon, aber dieses Verhältnis der beiden Männer ist wichtig, um die Entstehungsgeschichte des Romans zu verstehen.

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Ich habe es schon geschrieben, „Ein gutes Herz“ ist ein pageturner, den man nicht aus der Hand legen will. de Winter ist in der Tat (und sein Übergewicht spielt da überhaupt keine Rolle ;-) ) ein aussergewöhnlich guter Autor. Sicher: es gibt keine stilistischen Experimente, es ist in diesem Sinn ein konventioneller Roman, aber exzellent erzählt, spannend, unterhaltsam, mit vielen Überraschungen, da man sich natürlich häufig fragt, wie er dies und jenes erklärt. Aber er hat ja den Himmel geschaffen… und wie heißt es so schön, der Mensch denkt und Gott lenkt. Dabei scheut er sich nicht, gnadenlos auch am Kitsch zu schrammen, die Verleihung der Flügel an den Engel van Gogh, der fortan im Meer der Liebe zu den Geschöpfen Zeit und Raum durchdringt, ist in dieser Hinsicht schon grenzwertig, entbehrt aber angesichts der realen Art des Verblichenen einer gewissen Ironie nicht. Daß er die Erläuterung des Wesens eines Engels dann ausgerechnet auch noch einem verbohrten Islamisten in den Mund legt – ein netter Einfall, van Gogh hätte seine Freude dran…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Theo van Gogh
[2] Nachruf de Winters auf Theo van Gogh in der Welt: Ein Glas Wein auf Theo van Gogh, Die Welt, 27.11.2004 In aktuellen Kommentaren und Besprechungen zum Buch ist z.B. wie hier bei 3sat zu lesen: „Leon de Winter hatte damals nichts von der Talkshow mitbekommen, weil er in Los Angeles lebte. Erst 2011 entdeckte er den Ausschnitt auf Youtube. „Nach seinem Tod konfrontierte er mich mit der vielleicht schlimmsten Beleidigung“, so De Winter.“  Auch im Buch wird die Geschichte erzählt: „Wie wär´s heute Abend mit Treblinka, Schätzchen. Worauf die Geliebte zu einem Stück Stacheldraht greift, das sie Leon um den Schwanz windet.“ [S. 146]. Wer des Niederländischen mächtig ist… http://www.youtube.com/watch?v=ZXqyYcJfWj8 Die Lüge van Goghs kann 2011 also nicht ganz so überraschend gewesen sein, die Existenz des Videos schon. Wieso aber jetzt aus dem „Auschwitz“ des Nachrufs (der sich ja immerhin auf eine schriftliche Quelle bezieht) ein „Treblinka“ im Buch und im Interview [3] wurde, ist mir nicht verständlich. Ein Detail, natürlich, aber eins, das mich stört, weil es einfach nicht nachzuvollziehen ist….
[3] Volker Hage, Martin Doerry: Sex mit Stacheldraht, Spiegel-Gespräch, Der SPIEGEL 35/2013, S. 108 (war zum Zeitpunkt der Buchbesprechung noch nicht online verfügbar). Allein der Titel des Interviews (Sex sells natürlich immer noch, gerade im Printbereich, wo die Umsätze fallen.. und Sex, der alle Tabus bricht, erst recht) reicht, um diese abartige Behauptung des als extremem Provokateurs bekannten van Goghs [4] als verkaufsfördernden Aufhänger zu identifizieren.
[4] zu diesem Thema sind natürlich viele Quellen googelbar, hier führ ich nur eine davon an: http://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/politik/personen/gogh.html

Mehr von de Winter bei aus.gelesen:

Leo Kaplan
Hoffmans Hunger
Recht auf Rückkehr
– Sokolows Universum

Leon de Winter
Ein gutes Herz
Aus dem Niederländischen übersetzt von
diese Ausgabe: Diogenes, 512 S., 2013

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13 Kommentare zu „Leon de Winter: Ein gutes Herz

  1. Ja, Leon de Winter ist ein sehr guter Autor, darin stimme ich überein. Aber – ich habe soeben noch die Besprechung „Recht auf Rückkehr gelesen, mit dem ich nicht warm wurde. Ich muss es wohl nochmals zur Hand nehmen. Jedenfalls: Diese Rezension hat mich nun doch auf das gute Herz neugierig gemacht, dass ich zunächst eigentlich nicht lesen wollte.

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    1. manchmal passt es, manchmal passt es nicht. dieses „recht auf rückkehr“ habe ich – soweit ich mich erinnere – nach dem anlesen auch erst einmal wieder weggelegt. bis ich mir dann beim zweiten versuch sagte, halt einfach etwas länger durch, de winter hat dir doch immer gefallen… und siehe da, irgendwann hat mich die geschichte dann eingeladen und mitgenommen. bei sokolow erging es mir übrigens ähnlich…

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  2. DeWinter ist ein großartiger Autor, da stimme ich dir zu. Lange habe ich von ihm nichts gelesen, da mir seine Themen irgendwann zu wenig Neues boten. Aber nach dem Lesen deiner Rezension bekomme ich doch wieder Lust auf mehr. Ist auch schon eine Weile her, dass ich was von ihm gelesen habe.

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    1. … dann wäre es vllt einen versuch wert! ich habe es gerade bei mara schon geschrieben, er erzählt einfach gut und spannend und nimmt einem dabei mit. ich greife immer zu seinen büchern, wenn ich gut und intelligent unterhalten werden will, ohne mich dabei zu verbrauchen, botschaften zu entschlüsseln… ;-)

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  3. Lieber Flatter Satz,

    ich habe das Buch hier bereits stehen und es ist das erste Buch, das ich von diesem Autor lesen werde – ich bin schon sehr gespannt darauf, wie mir die Lektüre gefallen wird, deine Besprechung hat mich auf jeden Fall bereits neugierig darauf gemacht.

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. uiii.. du hast noch nichts von de winter gelesen? dann wird es aber zeit! ich bin sehr gespannt, ob dir das buch gefällt… ich mag seine schreibe, sie vermag es, einen beim lesen einzufangen und mitzunehmen. auch, weil er nicht bemüht ist, botschaften zu vermitteln, sondern einfach nur gute geschichten zu erzählen. ein „geschichtenerzähler“ eben…. (davon haben die niederländer ja noch mehrere…)

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  4. Diese Frau Durlacher gefällt mir ;-)

    Die Buchbesprechung auch!
    Irgendwie musste ich dabei an „Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch denken, ein Buch, das ich vor einigen Jahren gelesen habe und dessen Bilder immer noch in meinem Kopf wohnen.

    LG Sonja

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    1. ob du es glaubst oder nicht, ich habe jetzt erst durch diesen roman mitbekommen, daß durlacher und de winter ein paar sind… im übrigen habe ich viel zu lange kein buch von durlacher mehr gelesen… das muss sich ändern… ;-)

      von mulisch kenn ich gar kein buch, auch ein fehler, ich weiß, ich weiß…

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  5. bitte unbedingt Die Entdeckung des Himmels lesen, ist inzwischen schon 20 Jahre alt, kam 1993 heraus…wie die Zeit vergeht…… und ein dicker Wälzer, aber er wird Sie begeistern….
    im nächsten Leben komm ich als Lesehydra auf die Welt, um all das lesen zu können, was interessant ist und in ein Menschenleben gar nicht hinein passt -:)))

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    1. lesehydra.. ein guter gedanke! ich stell mir nur vor, wenn man dann im alter sechs, sieben oder acht verschiedene lesebrillen braucht, mein gott, was ein durcheinander!
      so. die entdeckung des himmels. schaumermal. immerhin habe ich den sub die letzten tage bereinigt, einiges in die vor-sub-hölle, den wartesaal, verbannt….

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  6. Das stimmt, an „Die Entdeckung des Himmels“ musste ich auch gleich denken, obwohl ich das Buch vor 15 Jahren gelesen habe. Von Leon de Winter hatte ich seit „Der Himmel von Hollywood“ kein Buch mehr in der Hand – das wird sich nach dieser großartigen Besprechung aber jetzt ganz schnell ändern. Vielen Dank dafür.

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    1. aha… auch die entdeckung des himmels. auf euch ist es zurückzuführen, wenn das für den buchhandel eine gute woche wird… ;-) von dem guten herzen wirst du sicher nicht enttäuscht werden.

      danke für deinen besuch bei mir!
      fs

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  7. Verehrter flattersatz,

    Leon de Winter ist schon ein toller Autor. Ich schätze ihn sehr und hatte mit diesem Roman spannungsreiche Lesestunden. Es ist wie du schreibst, ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Besonders gefiel mir das Spiel mit der eingebauten Parallelwelt. Dennoch – unterm Strich – muss ich gestehen, dass Leo Kaplan immer noch mein liebstes Buch von ihm ist.

    Es grüßt dich herzlich,

    Klappentexterin

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